KAPITEL 27

Wagner hatte das Gefühl, dass ihn die Augen auf der Leinwand verfolgten, als er nach der Pressekonferenz die Unterlagen einsammelte. Dieser intensive Blick kam ihm so bekannt vor, aber obwohl er seine Erinnerung durchforstet hatte und alte Fälle durchgegangen war, die relevant sein könnten, war das Ergebnis gleich null. Er hatte noch nie zuvor mit dem gesuchten Peter Boutrup zu tun gehabt, weder beruflich noch privat.

Natürlich hatten sie die ganz große Maschinerie in Gang gesetzt. Der Mann musste so schnell wie möglich gefunden werden, alle verfügbaren Informationen über ihn mussten untersucht werden. Sein Team hatte bereits begonnen, alles zu überprüfen: seine Familienverhältnisse und seine letzte bekannte Adresse, seinen ehemaligen Arbeitsplatz und alle Details, die von Bedeutung sein könnten. Und ab heute mit Unterstützung der Presse.

Er betrachtete das Foto von Boutrup, das die Medien ab jetzt von der Website der Polizei herunterladen konnten. Blondes, wuscheliges Haar, blaugrüne Augen, hohe Wangenknochen. Aber er sah auch die Persönlichkeit, die sich hinter dieser formellen, frontalen Archivaufnahme verbarg. Man sah die Andeutung eines ironischen, distanzierten Lächelns, das dem Fotografen galt oder auch dem Rest der Welt. Aber da war noch was anderes. Das war ein Mann mit Geheimnissen, dachte Wagner, während er den Computer herunterfuhr. Irgendwie fühlte er eine gewisse Geistesverwandtschaft. Dieser Mann strahlte etwas aus, was so selten geworden war in diesen Das-Innerenach-außen-stülpen-Zeiten: Er kämpfte mit einem persönlichen Konflikt, ein Kampf, den er austragen musste. Und das hatte sich in seinem Gesichtsausdruck niedergeschlagen.

Als das Foto von der Leinwand verschwand, war auch das Rätsel verpufft, und Wagner schüttelte den Kopf über sich selbst. Peter Andreas Boutrup wurde der Vergewaltigung und des Mordes bezichtigt, und er hatte bereits einen Menschen auf dem Gewissen. Es war dumm und äußerst unprofessionell, ihm andere Eigenschaften anzudichten als die Bereitschaft, Menschen zu töten.

Im Vertrauen darauf, dass seine Kollegen weiter an dem Fall Boutrup arbeiteten, folgte er der Aufforderung des Leiters der Kriminaltechnischen Abteilung und nahm den Aufzug in den vierten Stock des Gebäudes. Auf dem Weg überlegte er kurz, ob er Lena Lund hätte mitnehmen sollen. Er hatte sie dort bisher noch nicht vorgestellt. Warum hatte er sie nicht gebeten, ihn zu begleiten?

Eine mögliche Antwort schaffte nicht den Weg bis in sein Bewusstsein, bevor er den Finger auf die Klingel neben der immer verschlossenen Tür der Kriminaltechnischen Abteilung setzte. Dahinter befanden sich diverse Beweismittel und Archive gesammelter Spuren, die im besten Fall eine ganze Reihe von Verbrechern zur Strecke bringen und sie für Jahre hinter Gitter schicken konnten.

Erlaubt war es, sich über die Namen der Beschäftigten so seine Gedanken zu machen. Zum Beispiel war es berechtigt, sich zu fragen, ob Per Bang aufgrund seines Namens zum Bombenexperten geworden war.

Dieser Gedanke löste zum Glück die fruchtlosen Spekulationen über Peter Boutrup und auch Lena Lund ab, als Wagner das Büro betrat, das Per Bang mit seinem Kollegen, dem Brandexperten John Henriksen teilte. Sie hatten ihn offensichtlich schon erwartet.

»Ich habe Haunstrups Anruf bei mir so verstanden, dass ihr was für uns habt?«

Er hatte zwar keinen Druck ausgeübt, aber die Frustration darüber, dass sie in Bezug auf die technischen Details bei der Bombenexplosion nach wie vor im Dunkeln tappten, hatte sich nicht gerade förderlich auf die Ermittlungen ausgewirkt. Es hatte sich angefühlt, als müsste man eine Gleichung mit mehreren Unbekannten lösen.

»Ja, verzeih, dass es so lange gedauert hat«, sagte Henriksen, als hätte er Wagners Gedanken gelesen. »Wir haben so schnell wie möglich gearbeitet, waren aber gezwungen, mehrere Instanzen einzuschalten. Diese Sache ist größer als sonst.«

Wagner murmelte halbherzig etwas von Verständnis. Jedes noch so kleine Detail hatte klassifiziert, rubriziert und identifiziert werden müssen. Die Kriminaltechniker traf keine Schuld, trotzdem war der Zeitverlust mehr als ärgerlich.

Per Bang übernahm das Wort mit einem Vortrag, der an Militärsprache erinnerte:

»Okay, in aller Kürze: Beide Bomben, in der Østergade und die im Parkhaus, waren Gasbomben; die Gasflaschen wurden zur Explosion gebracht, der zusätzlich Benzin zugeführt wurde, um gleichzeitig einen Brand zu erzeugen.«

»Gas?«, fragte Wagner nach. »So wie in London? Diese Bomben, die dann doch nicht explodiert sind?«

Bang nickte.

»Korrekt. Exakt so wie in London. Und auch an anderen Orten. Es ist eine sehr einfache Methode, eine Bombe herzustellen. Vorausgesetzt natürlich, der Scheiß funktioniert.«

Bang war ein muskulöser Typ, Mitte dreißig, bekannt für seine Direktheit, die ans Unverschämte, und für eine Gewissenhaftigkeit, die ans krankhaft Pedantische grenzte. Letzteres schlug sich in seinem Äußeren nieder, wo kein Haar an der falschen Stelle saß und der Anzug wie angenäht wirkte. Aber vor allem wirkte es sich auf seine Arbeit aus, und dort war es eine willkommene Eigenschaft, wenn es sich um so etwas Sensibles wie die Ursachen und den Verlauf einer Explosion handelte.

Der Brandexperte Henriksen war zumindest äußerlich das genaue Gegenteil. Er war schlank, allerdings ganz offensichtlich kein Sportler, und machte sich nicht besonders viel aus seiner Garderobe. Seiner Ansicht nach taten es auch ein paar Hosen vom Discounter und ein passendes Hemd. Aber das Pedantische und das Interesse am Detail teilten sie ebenso wie das Büro.

»Besonders in einer Hinsicht ein sehr außergewöhnlicher Fall, weil zwei Druckgasflaschen aus unterschiedlichen Ursachen explodiert sind«, bemerkte Henriksen und spielte auf die Sauerstoffflasche an.

Wagner nickte, während sich Bang mit präzisen Bewegungen einen Laptop auf den Schoß zog.

»Ich habe hier etwas, was du dir ansehen solltest. Setz dich!«

Wagner erwartete als Nächstes die Anweisung »Präsentier das Gewehr!«. Gehorsam ließ er sich auf den Stuhl neben Bang nieder und bekam einen Film vorgespielt.

»Das ist von einer arabischen Homepage«, erklärte ihm Per Bang. Auf dem Bildschirm erschien ein Soldat, der aussah wie ein al-Qaida-Krieger. »Die sehen verdammt noch mal alle aus wie die Jungs von der Band Bagdad Dagblad, aber da gewöhnt man sich dran.«

Die Bildqualität war nur mäßig, man konnte jedoch ohne Schwierigkeiten sehen, was der Mann vorhatte. Er benutzte Wachs, Kabel und ein Handy. Die Kamera zoomte näher heran, als der Mann eine Handvoll Streichhölzer nahm und den Schwefel der Zündköpfe pulverisierte. Das Ganze wurde dann auf eine sehr clevere Art und Weise zusammengebaut, die Wagner nicht ganz begriff. Am Ende des Films wurde eine Gasflasche auf einem Acker neben einem Auto zur Explosion gebracht. Hinterher schwenkte die Kamera auf das Auto beziehungsweise auf das, was davon übriggeblieben war: die Karosserie. Damit endete der Film.

Wagner saß einen Augenblick reglos auf dem Stuhl und versuchte, das Gesehene zu verdauen. Per Bang hob mit gewohnter Akkuratesse an, seinem Kollegen zu erklären, wie sie erst nach Räumung der Ruine und Untersuchung der Leichenfundstelle vorgegangen waren, um den Herd der Explosion zu ermitteln.

»Wir haben drei verschiedene Proben genommen. Zuerst mit einem trockenen Baumwollhandschuh, dann mit einem feuchten Baumwollhandschuh und schließlich mit einem Baumwollhandschuh, der mit Aceton getränkt war. Wir hatten keine großen Hoffnungen, eine Spur zu finden.«

Wagner nickte. Er wusste, wie flüchtig Sprengstoffe sein konnten. Innerhalb kürzester Zeit konnten Spuren verlorengehen, ganz einfach weil sie sich auflösten.

»Wir haben diese Handschuhe ins chemische Labor des Katastrophenschutzes geschickt. Dort haben sie Spuren von Kaliumchlorat von den Streichhölzern gefunden. Sie stammten vom Stutzen der Gasflasche. Wir haben vorhin den Bericht erhalten.«

»Wie schon erwähnt, war ein Benzinkanister an die Gasflasche montiert worden«, warf John Henriksen ein. »Man wollte einen maximalen Effekt erzielen, Explosion und Brandentwicklung.«

Wagner war sich noch nicht ganz sicher, ob er wirklich die Vorgehensweise mit der Gasflasche begriffen hatte, wie sie ihm im Film gezeigt worden war.

»Gasbomben. Könnte ich das bitte noch einmal erklärt bekommen? So Schritt für Schritt?«

Per Bang hätte eine Auszeichnung in Pädagogik verdient. Oder eben für seine Beschreibung von Bombenbauplänen, dachte Wagner, als ihm alles mit einer Geduld erklärt wurde, die umgekehrt proportional zur Erschütterungsempfindlichkeit von Nitroglyzerin war.

»John und die anderen haben bei der Untersuchung Reste einer Gasflasche gefunden. Sie hat 12 Liter gefasst. Schwer. Aber sie kann ohne weiteres in einem Rucksack transportiert werden, und du kannst sie einfach so im Bauhaus kaufen.«

In Wirklichkeit klang das alles wie eine Einkaufsliste für einen neuen Film über die Olsenbande. Per Bang beschrieb, wie einfach es für jeden sei, sich eine kleine Glühbirne, den Schwefel von Streichhölzern, Wachs, Kabel und ein Handy zu besorgen. Die Vorgehensweise bestand darin, den Schwefel mit Wachs zu versiegeln, in einem Behälter an der Gasflasche zu befestigen und ihn mithilfe eines Handys zu entzünden.

»Zwei Kabel werden im Handy angebracht, dann stellt man es auf Vibrationsfunktion«, sagte Bang. »Wenn du das Handy von einem anderen Telefon aus anrufst, aktivierst du den Mechanismus, der das Vibrieren auslöst. Das wiederum liefert der Glühbirne Strom, die ihrerseits den Schwefel entzündet, das Stearin fängt Feuer, und das gelangt dann in das flüssige Gas.«

»Und bang«, murmelte Wagner.

»Bang«, sagte Bang. »Du hast es ja eben im Film gesehen. Da steckt Wumms dahinter.«

»Genug, um bis ins nächste Stockwerk zu schießen?«

Sie hatten das Problem schon in der SOKO diskutiert. Washätte genug Druck entwickeln können, um bis in Adda Boels Wohnung zu rasen und sie fast bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen?

»Ausreichend. Wenn man eine Gasbombe baut, ersetzt man am besten einen Teil des Gases mit Sauerstoff. Dadurch kommt es zu einer Detonation und nicht nur zu einer Verbrennung. Und der Effekt kann noch zusätzlich durch die Zugabe von Acetylen verstärkt werden.«

»Acetylen?«, fragte Wagner.

»Das ist ein Schweißgas.«

»Habt ihr davon auch Spuren gefunden?«

Bang schüttelte den Kopf.

»Acetylen lässt sich nach einer Sprengung nicht mehr nachweisen. Aber in Anbetracht der Sprengkraft würde ich sagen, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Acetylen mit im Spiel war.«

Per Bang stand auf und holte mehrere Plastiktüten mit Gegenständen aus einem Schrank, die er auf seinen Schreibtisch legte.

»Hier. Das hier ist ein Schaltkreislauf eines Handys, den wir ganz in der Nähe der Gasflasche gefunden haben.«

Er hielt eine der Tüten Wagner hin, der sich den Inhalt genau ansah.

»Das ist ein Prepaid-Handy«, erklärte ihm Henriksen. »Es ist praktisch unmöglich, die zurückzuverfolgen.«

»Und das hier«, Bang zeigte ihm eine andere Tüte, »das ist der Verschluss einer Gasflasche. Der wurde mit einem unglaublichen Druck bis ins erste Stockwerk geschossen und hat vermutlich – nun bin ich kein Rechtsmediziner, aber ich würde vorschlagen, unser Herr Gormsen sollte da mal einen Blick drauf werfen – dem Opfer die Halsverletzungen zugefügt, die im Obduktionsbericht beschrieben wurden.«

Henriksen spielte seine technische Trumpfkarte aus:

»Das Feuer infolge der Explosion hat sich sehr schnell in den ersten Stock ausgebreitet und die Sauerstoffflasche des Opfers erhitzt, die kurz darauf ebenfalls explodiert ist. Vielleicht wurde dieser Vorgang noch beschleunigt durch das Austreten von Sauerstoff aus einem defekten Schlauch.«

Der Brandexperte schob die Plastiktüten beiseite und verteilte einen Stapel Fotos auf der Tischplatte. Die Bilder der Zerstörung in der Østergade starrten Wagner an.

»Wie schon gesagt, haben wir Spuren von Benzin gefunden. Wir haben Brandproben gesichert und die zum Technischen Institut geschickt, die unsere Annahme bestätigt haben.«

Mit der Spitze seines Kugelschreibers zeigte er auf eine Stelle bei einer der Aufnahmen.

»Hier haben wir das Benzin gefunden.«

Bang zeigte auf einen Punkt in unmittelbarer Nähe.

»Und hier hat die Detonation stattgefunden. Der Benzinkanister stand also direkt neben der Gasflasche.«

Wagner lehnte sich zurück und versuchte, das alles mit größerer Distanz zu betrachten.

»Und wer hat das eurer Meinung nach getan? War das Ziel, jemanden zu töten? Oder alternativ: War das Ziel, einen begangenen Mord zu vertuschen, der mit bloßen Händen verübt wurde?«

Die beiden Technikexperten saßen einen Augenblick schweigend da. Das war nicht ihr Terrain, das wusste Wagner nur zu gut. Sie konnten einfach eine Antwort verweigern und würden trotzdem ihre unangefochtenen Positionen als Experten behalten. Es konnte ihnen sogar vollkommen gleichgültig sein, aber das war es ihnen eben nicht.

»Jeder kann an die Dinge kommen, die man dazu benötigt«, brach Bang das Schweigen. »Natürlich ist es naheliegend, an arabische Immigranten zu denken, aber diese Homepages kann jeder einsehen.«

Henriksen sammelte seine Fotos wieder ein und steckte sie zurück in die Klarsichthülle.

»Das wäre ein ganz schönes Wagnis, zu glauben, dass man so einen Mord vertuschen könnte. So präzise kann dieser Verschluss nicht treffen, unter keinen Umständen. Aber eines ist klar, die Explosion hat zuerst die Aufmerksamkeit von dem Mord genommen und ganz eindeutig einen Großteil der Spuren vernichtet … Wer weiß?«

Wagner stand auf. »Auf jeden Fall muss es dem Mörder sehr entgegenkommen, dass der Tatort dermaßen verwüstet und die Spurensicherung dadurch ungleich schwieriger wurde.«

»Ich habe gehört, es gibt Aufnahmen von einer Überwachungskamera?«, fragte Bang. »Ein Mann mit einem Rucksack ist darauf zu sehen?«

Wagner nickte.

»Ja, wir suchen noch nach ihm. Eine Theorie geht davon aus, dass ihm bei der Flucht ins Ausland geholfen wurde, darum müssen wir uns wohl an Interpol wenden.«

»Nichts für ungut«, warf Bang ein. »Aber die Bombenleger in London hatten auch ihre Gasflaschen in Rucksäcken transportiert.«

Wagner wandte sich zum Gehen. Er musste an den Mann mit dem Rucksack denken, und gleichzeitig tauchten die Bilder von Alexander auf, von einem Kaufhausdetektiv auf frischer Tat ertappt. Wie kurz war der Weg von der einen falschen Handlung zur nächsten? Was für einen Impuls hatte einen jungen Mann dazu bewegt, sich mit Sprengstoff und einem Handy ausrüsten zu lassen? Alexander hatte ihm ins Gesicht geschrien, dass er Bock gehabt hatte, zu stehlen. Würde er auch eines Tages einfach Bock haben, eine Bombe zu zünden? Aber warum? Weil er sich der Macht gegenüber ohnmächtig fühlte? Weil ihn sein eigener Vater verhörte und verdächtigte? Machte gerade diese Machtausübung es den jungen Menschen so schwer, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden?

Der unerträgliche Gedanke meldete sich, dass er eines Tages gezwungen sein könnte, seinen eigenen Sohn festzunehmen. Er hoffte inständig, dass er dann selbst in der Lage sein würde, zu wissen, was richtig und was falsch war.

Er zog die Tür hinter sich zu und kehrte in sein Büro zurück.