KAPITEL 63

Dicte stopfte die blutverschmierte Kleidung in die Waschmaschine und drückte den Startknopf, bevor ihr Gehirn sie warnen konnte, dass sie dabei war, Beweismaterial zu vernichten. So würde es zumindest die Polizei sehen. Aber was bedeutete schon »schuldig« oder »unschuldig«? Es gab Fakten und es gab Mutmaßungen, und es war notwendig, die beiden auseinanderzuhalten. Was war in Ry vorgefallen? Tatsache war, dass sie im Zelt geschlafen hatte. Sie glaubte es zwar nicht, aber theoretisch hätte Peter B – wie sie ihn heimlich nannte – My im Morgengrauen im Baum aufhängen, den Hund an ihrer Nachtstätte anbinden und dann zum See gehen und vorgeben können, dass er von ihr die Nase voll hatte und in der Nacht umgezogen war. Theoretisch gesehen hätte ihr Sohn My umbringen können. Und da stand sie nun, möglicherweise sehr naiv und von ihm manipuliert, damit sie an seine Unschuld glaubte, ohne dass er ein Wort dazu gesagt hätte. Nicht einmal der Versuch einer Erklärung.

Sie wartete, bis die Trommel sich drehte, und fragte sich, ob das Blutband ihre Instinkte außer Kraft setzte. Die Gewissheit seiner Unschuld war stark. Aber woher kam diese Überzeugung? Hatte sie das geringste Fundament angesichts der Vermutungen, was wahrscheinlich passiert war? Oder glaubte sie einfach das, was sie glauben wollte? Wie eine Mutter ihren Sohn sehen wollte?

Sie verließ das Waschhaus und kehrte zurück ins Haupthaus mit einem Korb frischer Wäsche unter dem Arm, die sie aus dem Trockner geholt hatte. Sie hatte in der Redaktion angerufen und gesagt, in den nächsten Tagen von zu Hause aus arbeiten zu wollen. Sie hatte genug Material, um Artikel zu schreiben. Aber wie immer war es verlockender, sich zuerst der einfachen Aufgaben anzunehmen. Wäsche zusammenlegen war nicht besonders glamourös. Aber es war durchaus geeignet, um die Gedanken zu sortieren, vor allem in Anbetracht dieses Chaos mit einem mundfaulen Flüchtigen im Haus war es wunderbar, seine Hände benutzen zu können.

Er hatte zwei Stunden geschlafen. Jetzt hörte sie das Plätschern der Dusche, und wenn sie sich nicht irrte, auch einige Strophen eines undefinierbaren Liedes, die durch das Prasseln hindurchdrangen. Sie musste kleinmütig zugeben, dass der Mann genauso unmusikalisch war wie seine Mutter. Bo war in die Redaktion gefahren, wofür sie sehr dankbar war. Zwei Hähne im Haus zur selben Zeit war nicht gerade die Grundvoraussetzung für Gemütlichkeit.

Sie ließ den Plastikkorb mit den Handtüchern und Geschirrtüchern auf den Boden plumpsen und begann die Wäsche zusammenzulegen. Wenige Minuten später hörte sie, wie der Schlüssel in der Badezimmertür umgedreht wurde. Und da stand er plötzlich vor ihr, glattrasiert und in sauberen Sachen. Er sah anders aus und wirkte auch verändert.

»Die kommen, das weißt du, oder?« Er klang fast ausgelassen.

»Wer?«

»Die Polizei, natürlich. Was wirst du tun, wenn sie plötzlich vor der Tür stehen?«

»Ihnen die Wahrheit erzählen, hoffe ich. Ich hoffe, du hast sie mir erzählt, bevor sie auftauchen.«

Sie legte das zusammengefaltete Geschirrtuch auf den Couchtisch, nahm ein neues aus dem Korb und reichte es ihm.

»Du kannst auch ein bisschen arbeiten für die kostenlose Verpflegung.«

Er betrachtete das Tuch in seiner Hand, als würde er nicht wissen, was es ist. Dann legte er es sehr gehorsam zusammen und gab sich besonders viel Mühe, alle Seiten glattzustreichen, legte es auf das andere und nahm sich ein neues aus dem Korb.

»Okay«, sagte sie und griff nach einem Handtuch. »Zeit für den Austausch von Gefälligkeiten. Du hast Essen, eine Dusche und eine Unterkunft bekommen. Jetzt bist du dran. Erzähl zumindest, was dieser Baum für dich bedeutet?«

Sie wusste genau, dass er sie nach wie vor überprüfte und sich bei weitem noch nicht dafür entschieden hatte, ihr zu vertrauen. Mys Hund kam zu ihm und schnüffelte an seinem Bein, er streichelte ihm über den Kopf, bevor er sich ein neues Handtuch nahm und auch das beinahe übertrieben sorgfältig zusammenlegte.

»Früher haben die Bauern eine freistehende Esche im Garten ihres Hofes gepflanzt. Der Aberglaube nämlich sagte, dass der Baum bei Gewitter – und die konnten in den Zeiten reetgedeckter Häuser gefährlich sein – den Blitz anziehen würde und so den Hof vor dem Untergang bewahren könnte. Das nannte man einen Brandbaum.«

Kaj hatte sich auf Svendsens Schlafkissen breitgemacht, Svendsen selbst hatte sich in den Hundekorb im Hausflur zurückgezogen. Offenbar nahmen auch die Hunde teil an dem niemals endenden Kampf um Dominanz.

»Wenn du das erzählst, klingt das so positiv. Ich dachte, du hasst den Baum.«

»Der Aberglaube sagte auch, dass der Hof abbrennt, wenn man den Baum fällt.«

»Damit ich das richtig verstehe. Du hasst diesen Baum und hast dir immer gewünscht, er würde in Flammen aufgehen?«

Sie nahm das letzte Handtuch aus dem Korb. Er schüttelte den Kopf.

»Der Baum, das bin ich. Das waren wir. Er war das, was geschehen ist.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe.«

»Wir sind verbrannt. Um den Hof zu retten, wurden wir quasi lebendig verbrannt.«

»Und der Hof ist der Ort, wo du aufgewachsen bist? Der rote Hof in der Nähe der Esche, an der My hing?«

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Müde sah er aus, obwohl er geschlafen hatte. Er sah zehn Jahre älter aus als seine einunddreißig.

»Im Kinderheim ›Titan‹. So hieß das damals. Aber es ist schon seit langem geschlossen. Die Gebäude gehören jetzt zu dem Internat, und die verwenden es für ihre Pferde.«

Es wurde still im Wohnzimmer. Nur Kajs schwere Atemzüge waren zu hören. Dann klingelte das Telefon, und Dicte ging in den Flur, um den Anruf entgegenzunehmen. Es war Davidsen. Sie hatte vergessen zurückzurufen.

»Lena Lund. Willst du die Story haben oder nicht?«

Seine Stimme klang mürrisch, aber so war es manchmal bei ihm.

»Verzeih mir. Die Zeit ist mir davongelaufen. Die Antwort lautet Ja.«

Immerhin hätte sie das alles in Gang gesetzt, schien sein Schweigen zu sagen. Sie hätte wenigstens zurückrufen können.

»Das ist eine fürchterliche Geschichte«, sagte er schließlich. »Grausame Geschichten erschaffen fürchterliche Menschen.«

Manchmal sprach Davidsen wie ein besonders anschaulich geschriebener Artikel, und dieser wäre äußerst geeignet, um die Aufmerksamkeit der Leser zu fesseln. Ihr Interesse an Lena Lund wuchs.

»Schieß los!«

»Okay. Mein Kontakt hatte leider keine Informationen aus erster Hand, darum musste er ein bisschen tiefer graben.«

Davidsen warf ihr noch einen Happen hin. »Die Geschichte hat tatsächlich in keiner Zeitung gestanden. Da wurde von unterschiedlicher Seite so viel Druck ausgeübt – Lunds Vater, ein gewisser Henry A. Lund, war Besitzer des ersten Kinos von Ålborg sowie mehrerer Eigentumshäuser –, dass der damalige Chefredakteur von der Ålborg Stiftstidende sich gegen eine Veröffentlichung entschieden hatte.«

»Und die Story ist?«

Sie hörte, wie Davidsen von einem Apfel abbiss und gewissenhaft kaute.

»Wir müssen siebzehn Jahre zurückgehen. Lenas Freundin Marie wird Opfer einer schweren Vergewaltigung. Sie wird eines Abends auf der Toilette einer Bar in der Jomfru Ane Gade in einer schrecklichen Verfassung aufgefunden. Der Täter ist der ehemalige Freund von Lena, ein Mike Vindelev-Holst. Die Freundin erinnerte sich nicht mehr an Details, aber ist sich sicher, dass er es war. Lena deckte Mike und behauptete, sie sei mit ihm zusammen gewesen. Sie konnte offenbar nicht fassen, dass er so etwas getan haben sollte, außerdem scheint es so, als sei sie noch immer in ihn verliebt gewesen. Einen Monat später aber vergewaltigt er Lenas Schwester und wird dann endlich angezeigt, verhaftet und verurteilt.

»Wie alt sind sie gewesen?«

»Lena war achtzehn, Sally sechzehn. Sie hat die Vergewaltigung nie überwunden, wurde drogenabhängig und psychisch instabil. Die Eltern haben Lena nie verziehen. Sie verleugnen sie nach wie vor.«

»Und deswegen wurde aus Lena Lund eine ehrgeizige Ermittlerin? Um die Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen?«

Davidsen räusperte sich.

»Das kann natürlich auch eine Überinterpretation sein. Aber naheliegend ist es schon, ja.«

Sie legten auf. Dicte blieb einen Augenblick stehen und betrachtete Peter B durch den Türspalt, wie er im Wohnzimmer saß, eine Hand auf Kajs Kopf und mit einem traurigen Blick in den Augen. War das ein Vergewaltiger und Mörder, den sie da sah? War sie auch, wie Lena Lund, beherrscht von einem Gefühl, das sie blind machte und entfernt an Liebe erinnerte?