Wagner hatte noch nie ein sterbendes Kind gesehen.
Das Zimmer hatte nur ein kleines Fenster, das offen stand. Trotzdem schien die Luft still zu stehen. Der Raum war nicht mehr als acht Quadratmeter groß, stand aber ziemlich voll. An der einen Längsseite war ein Krankenhausbett, daneben ein Rollstuhl und ein Toilettenstuhl. Auf einem Beistelltisch lagen diverse Pflegeutensilien: eine Tablettenbox, eingeteilt nach Wochentagen, Windeln, Einmalwaschlappen, ein Stapel Handtücher und eine kleine Schüssel. In dem Bett lag ein sechsjähriger Junge und schlief. Er verschwand quasi unter der Decke, die mit Disneyfiguren bedruckt war: Donald Duck, Daisy und die Kinder, Gustav Gans, Daniel Düsentrieb und Dagobert Duck mit Stock und Gamaschen.
Das Leben des Jungen hatte nichts Disneyhaftes an sich. Das hier war kein Dornröschen, das schlief und auf seinen Prinzen oder in diesem Fall auf seine Prinzessin wartete. Nicht die gute Fee war mit Geschenken vorbeigekommen, die böse Fee hatte ihm ganz offensichtlich einen Besuch abgestattet. Sie hatte ihn erblinden lassen und dafür gesorgt, dass sein Nervensystem gelähmt war, so dass er keine Kontrolle über seine Bewegungen hatte.
Kasper war erst sechs und hatte jetzt schon keine Zukunft mehr.
Wenn man es nicht besser wüsste, hätte man dasselbe über seine Mutter sagen können, die Wagner noch nie zuvor gesehen hatte, die ihm aber irgendwie bekannt vorkam.
Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der so fragil, fast gläsern wirkte und trotzdem in der Lage war, auf zwei Beinen zu stehen. Es sah aus, als hätte jemand die Haut von Sally Marianne Andersen Schicht für Schicht abgezogen, bis nur noch eine hauchdünne Membran übriggeblieben war, die Muskeln, Sehnen und Knochen bedeckte und von der Luft trennte, die in der Wohnung so stickig wie in einem Vernehmungsraum war. Die Haut um ihre Augen war besonders dünn geworden. Als hätte der Körper alles Blut dort gesammelt, war sie blau und schwarz. Ihr blondes Haar war strähnig und sah ungepflegt aus, obwohl es frisch gewaschen war. Ihre Augen sahen ihn zwar an, aber Wagner war davon überzeugt, dass sie sich nach dem Gespräch an nichts erinnern würde. Diese Augen hatten schon alles gesehen und wünschten sich nur einen Augenblick Ruhe, um das System herunterfahren zu können.
Sie strich dem Jungen mit der Hand über die Wange.
»Na, mein kleiner Freund. Geht es dir gut?«
Aber sie bekam keine Antwort auf ihr leises Flüstern. Sie sah Wagner an und nickte ihm zu. Ihre Stimme klang sehr dünn und zerbrechlich.
»Heute hat er glücklicherweise einen guten Tag. Um zwölf kommen die vom Pflegedienst und kümmern sich um ihn. Und meine Freundin kommt später, damit ich ein paar Stunden arbeiten gehen kann. … Das heißt … zumindest war das der Plan heute Morgen, aber jetzt …«
Sally Andersens Stimme verlor alle Kraft. Ihr Gesicht erstarrte.
»Polizei, sagen Sie?«
Sie sah von Wagner zu Jan Hansen, einerseits konzentriert, aber auch nervös.
»Was wollen Sie eigentlich hier?«
Jan Hansen räusperte sich.
»Können wir uns kurz hinsetzen und uns unterhalten?«
»Unterhalten?«
Sie sah sich im Raum um, als würde sie nicht wissen, wo sie sich befand. Im Profil sah Wagner ihren schmalen Hals und die hohen Wangenknochen, scharf wie Tischkanten. Unter ihrer etwas verwahrlosten Oberfläche war sie eine schöne Frau. Aber ihr hartes Leben hatte sie dieser Hülle beraubt. Sie war die Mutter eines kranken, pflegebedürftigen Kindes. Die Gewissheit, dass die Krankheit nicht aufzuhalten war und dass es keine Hoffnung auf Heilung gab, musste unerträglich sein. Ein hartes Schicksal auch für den stärksten Menschen, und Sally Andersen wirkte alles andere als stark.
»Hier vielleicht«, murmelte sie und führte sie wie eine Schlafwandlerin in eine winzige Küche. Sie setzten sich an einen Klapptisch mit karierter Decke, die voller Krümel und Fettflecken war. Der Abwasch stapelte sich in der Spüle und auf der Ablage. Auf dem Tisch stand ein voller Aschenbecher, daneben lag eine Packung Zigaretten, Camel.
»Wollen Sie?«
Sally Andersen hielt ihnen die Packung hin. Sie lehnten dankend ab, während sie sich eine Zigarette aus der Schachtel klopfte und sie mit einem Feuerzeug, auf der eine nackte Frau prangte, anzündete.
»Wir wollten Sie in erster Linie fragen, ob sie ein Paar Schuhe der Marke Adidas Superstar G2 besitzen, die so aussehen.«
Jan Hansen holte ein Foto aus seinem Klarsichthefter, den er zusammengerollt in seiner Hand gehalten hatte. Sally Andersen lehnte sich vor und betrachtete die Aufnahme.
»Warum?«
»Wenn Sie bitte nur die Frage beantworten würden«, sagte Wagner freundlich. »Das würde es uns etwas leichter machen.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das glaube ich nicht.«
»Glauben Sie nicht?«
Erneutes Kopfschütteln.
»Nein, solche Schuhe habe ich nicht.«
»Haben Sie Ihre EC-Karte in letzter Zeit ausgeliehen oder sie verloren?«, fragte Wagner.
»Nein.«
Hansen steckte seine Hand ein zweites Mal in eine der Klarsichthüllen und holte ein Blatt Papier heraus.
»Das hier ist eine Quittung vom 4. Mai dieses Jahres. Sie belegt, dass Sie an diesem Tag mit Ihrer Karte ein Paar Schuhe der Marke Adidas Superstar G2 im Kvickly in Åbyhøj gekauft haben.«
Er machte eine Pause, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihnen entgegenzukommen. Hansen war ein gutherziger Mensch, der selbst vier Kinder hatte. Wagner wusste, dass ihn diese Situation tief berührte.
»Okay, meinetwegen. Dann habe ich eben diese Schuhe gekauft, na und?«
Ihre Augen sahen sich suchend um, als würden sie nach einem Versteck Ausschau halten. »Ich habe zu tun, ich habe ein krankes Kind …«
»Könnten Sie uns die Schuhe bitte zeigen?«
Sally Andersen saß wie versteinert vor ihnen, und Wagner dachte zuerst, dass sie Hansens Frage vielleicht nicht gehört oder einfach dichtgemacht hatte. Aber dann stand sie plötzlich auf, verschwand im Flur und kam Sekunden später mit den Schuhen in der Hand zurück. Hansen nahm sie entgegen und steckte sie in eine Plastiktüte.
»Was zum Teufel tun Sie da, Mann?«
»Kennen Sie einen Mann namens Cato Nielsen?«
Sie schwieg. Wagner sah, wie es in ihr arbeitete. Ihre Lippen bewegten sich lautlos.
»Das ist mein Freund. Aber er ist nicht hier. Ich habe ihn schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen.«
»Woher kennen Sie ihn?«
Sie seufzte. Es war ein langer Seufzer. Dann klopfte sie ihre Asche ab.
»Von der Arbeit.«
»Im Skråen in Odder?«
Sie nickte.
»Ja, vom Skråen. Ich arbeite da fünfzehn Stunden die Woche, in der Küche.«
Sie lächelte, aber ihre Augen nicht. »Das wissen Sie doch schon alles. Und bestimmt auch, dass ich früher in der Klinik untergebracht war. Aber jetzt bin ich clean.«
Das Wort »untergebracht« sagte sie mit einem Ton voll beißender Ironie. Jan Hansen nickte ihr freundlich zu.
»Sie haben also einen Entzug dort gemacht. Wann war das?«
»1999.«
Sie sah hoch zu ihnen, als würde sie weitere Fragen erwarten, als diese aber nicht kamen, entschied sie sich dafür, weiterzuerzählen.
»Ich habe William … also Villy, meinen Exmann, während meines Aufenthaltes kennengelernt. Er arbeitete vor allem mit den ganz jungen Drogenabhängigen. Ich kannte ihn schon von früher …«
»Und dann haben sie geheiratet und Kasper bekommen?«, fragte Wagner.
Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.
»Dann bekamen wir Kasper. Mit drei Jahren wurde er krank. Unsere Ehe hat nicht gehalten. Das hätte sie allerdings auch sonst nicht.«
Sie nahm einen weiteren Zug und fügte hinzu: »Mir steht vom Amt Hilfe für Kasper über einen Pflegedienst zu, und ich habe zum Glück eine Schwester, die sich sehr um ihn kümmert. Sonst würde ich hier nie rauskommen oder zur Arbeit gehen können.«
»Und wie steht es um Ihre Finanzen?«, fragte Hansen, der Fürsorgliche.
»Die stinken«, räumte Sally Andersen ein.
Sie weiß genau, dass sie verdächtigt wird, dachte Wagner. Sie weiß es, aber ihr scheint es fast egal zu sein.
»Können Sie uns bitte sagen, was Sie in den Tagen vor dem 11. September dieses Jahr getan haben?«
Ein fragender Blick. Wagner fuhr fort: »Wir untersuchen den Mord an Adda Boel, die vermutlich am 10. September in ihrer Wohnung in der Østergade in Århus erwürgt wurde. Kannten Sie diese Frau?«
Sally Andersens Gesichtszüge waren härter geworden. Mit unverhohlenem Hass in den Augen sah sie die beiden Polizisten an.
»Natürlich kannte ich sie.«
»Haben Sie Adda Boel ermordet?«
Wagner hatte diese Frage gestellt und überlegte zu spät, ob der Zeitpunkt richtig gewählt war. Es war alles immer eine Frage des Timings. Eine Frage der Psychologie. Er hoffte, dass sich alles fügte, damit sie diese unselige Geschichte endlich abschließen konnten.
»Ja«, antwortete sie und pustete ihnen den Rauch ihrer Zigarette direkt ins Gesicht. »Ja, ich war das. Ich hatte einen guten Grund dafür, und ich bekomme mildernde Umstände.«
Sie sah sie voller Überzeugung an.
»Ich bekomme Strafrabatt. Mein Sohn liegt im Sterben, und mein Therapeut sagt, dass ich unter einem Posttraumatischen Stresssyndrom leide, weil ich schon so lange mit Kaspers Todesurteil lebe.«
Sie wiederholte: »Ich war das. Und ich habe es allein getan.« Jan Hansen nutzte die Gelegenheit: »Können Sie uns bitte erzählen, was passiert ist?«
Sie schnipste die Asche ab, ihr Handgelenk war so dünn, dass man es ohne Schwierigkeiten mit Daumen und Zeigefinger umfassen konnte.
»Ich erinnere mich nicht mehr so genau, muss ich gestehen, aber ich weiß, dass ich wahnsinnig wütend war.«
»Wegen der Spendengelder?«
»Ach so, das wissen Sie auch schon. Ja. Vier Millionen! Warum durften wir nicht davon profitieren? Mein Sohn zum Beispiel? Ein kleiner Urlaub in der Sonne mit Pfleger und Krankenschwester? Hätte er das nicht verdient?«
Ihre Stimme, die zuvor so dünn und zerbrechlich gewesen war, nahm an Kraft zu, je größer ihre Empörung wurde. »Oder eine andere Wohnung, mit Fenstern, damit er rausgucken und etwas Schönes sehen kann? Statt dieser ewigen Gänge zum Amt, wo man jedes Mal wieder erklären muss, an was er erkrankt ist und wie lange er noch zu leben hat.«
Sie schüttelte fassungslos den Kopf.
»Aber nein, mein lieber Freund, das Geld sollte investiert werden, nicht wahr? Verdammt, hörte sich diese Adda Boel überzeugend an. Die haben ihr alle aus der Hand gefressen. Das Ziel war, die Pharmaindustrie davon zu überzeugen, neue Forschungen zu betreiben. Als würden die sich auch nur für eine Sekunde für diese Krankheit oder eine der anderen interessieren.«
Sie drückte die Zigarette aus und nahm sich eine neue aus der Packung.
»Aber diese Adda hatte ja auch keine Kinder. Sie musste nicht ihrem eigenen Kind dabei zusehen, wie es jeden Tag mehr zu leiden hatte und Schritt für Schritt seine Bewegungsfreiheit verliert. Erst die Sehkraft. Dann diese Anfälle. Und am Ende … in der Terminalphase, wie sie es nennen …«
Sie hielt Wagner und Hansen mit ihrem Blick fest. Die Verwandlung von zerbrechlich in unerbittlich war beeindruckend.
»Also ja, ich gestehe. Ich habe es getan. Und was haben Sie jetzt vor? Wollen Sie mich in den Knast stecken? Wer passt dann auf Kasper auf? Wollen Sie ein todkrankes Kind von seiner Mutter trennen? … Ich wette, die Presse würde diese Story lieben.«
»Wir glauben nicht, dass Sie die Tat allein begangen haben«, sagte Wagner. »Wir glauben, dass Sie das zusammen mit Cato Nielsen getan haben.
»Cato hatte ein starkes Motiv, seine Informationen an die Mitglieder der Einwandererbande zu verkaufen, um sicherzugehen, dass sie das Solarium und den Wagen von Francesca Olsen mit Bomben in die Luft sprengen. Dieser Plan sollte Ihnen genügend Zeit verschaffen, vor der Detonation in aller Ruhe den Mord an Adda Boel begehen zu können.«
Auf diesen Vorwurf reagierte sie mit Kopfschütteln. Jan Hansen übernahm die Befragung.
»Sie konnten davon ausgehen, dass das Gebäude bereits in Schutt und Asche liegen würde, bevor die Leiche gefunden werden würde.«
»Nein.«
Ihr Blick begann zu flackern. Wagner und Hansen warfen sich einen schnellen Blick zu, bevor Hansen weitermachte.
»Sie wussten, dass man zuerst vermuten würde, dass sie bei der Explosion ums Leben kam, und hofften, dass alle Spuren zerstört sein würden. So war das geplant, habe ich recht? Auf diese Weise gingen die Wünsche von Ihnen beiden in Erfüllung.«
Lange starrte sie durch sie hindurch, dann schließlich zuckte sie mit den Schultern und nickte.
»Darum waren Sie auch unvorsichtig und haben eben diesen Sohlenabdruck hinterlassen, ein Glas angefasst und daran Ihre DNA hinterlassen«, sagte Wagner. »Weil Sie damit gerechnet hatten, dass alles in Stücke gerissen werden würde.«
»Vielleicht, ja«, erwiderte sie gleichgültig.
Ihre Augen inmitten der dünnen, blutunterlaufenen Haut sahen tot aus. Schweigend saß sie da. Aber dann war plötzlich ein Flackern in ihrem Blick zu sehen. Sie schüttelte den Kopf, so dass ihre Haare von einer Seite zur anderen flogen.
»Ihr Bullen. Immer den falschen Fokus. Habt ihr immer noch nicht begriffen, wo das eigentliche Verbrechen stattfindet? Wo die wirklich Schuldigen wohnen? Es hat ausreichend Informationen darüber gegeben, sogar in der Presse …«
Sie sprang auf und trat an eine Schublade. Als sie sich umdrehte, hielt sie einen Zeitungsausschnitt in der Hand, den sie Wagner reichte.
»Bitte sehr und dazu ein kleines Rätsel: Wo ist die Verbindung? Mehr sage ich nicht, und Sie haben das auch nicht von mir, denn ich kenne jemanden, der dann durchdrehen würde und mich an der Wand zerquetscht wie eine Fliege.«
Wagner begann zu lesen. Sally Marianne Andersen streckte Jan Hansen ihre Arme entgegen und sagte mit zuckersüßer Stimme: »Wollen Sie mir nicht die Handschellen anlegen, mein Freund?«