»Ich werde meine Kandidatur zurückziehen. Ich wurde Opfer einer Hetzkampagne, und es hat keinen Sinn, dagegen anzukämpfen.«
Dicte saß Francesca Olsen in deren Wohnzimmer gegenüber, umgeben von klassischen Möbeln und mediterraner Kunst an den Wänden. Die Madonnenfigur auf dem Fenstersims lächelte friedvoll und war somit ein geeigneter Kontrast zu Olsens Gesichtsausdruck. Verschwunden war das offene, auf einer leeren Seite aufgeschlagene Buch, dem sie bei ihrer ersten Begegnung gegenübergesessen hatte. In ihrem Gesicht war Wut zu sehen, vielleicht war das sogar Hass, aber es strahlte auch Lebendigkeit aus, ihre ganze Körpersprache tat das, wie sie da in Jeans und einem kreischend gelben T-Shirt auf dem Sofa saß, offene wellige Haare, den einen Fuß aufgestellt, das Knie unterm Kinn. Eine rastlose, unbezwingbare Lebendigkeit, eine federnde, brodelnde, tanzende Lebendigkeit. Francesca Olsen hatte sich vielleicht geschlagen geben müssen, aber sie ertrug ihre Niederlage mit Stil und einer Überlegenheit, wie es nur wenigen Menschen gelingen würde.
»Ich habe meine Koffer gepackt und werde nachher noch aufbrechen und in mein Haus nach Italien fahren. Am Sonntag wird in der Zeitung stehen, dass ich meinen Sohn getötet habe.«
»Haben Sie das denn getan?«
Das Aufnahmegerät leuchtete rot auf, wenn jemand sprach.
»Ja.«
Die Bestätigung kam ohne Zögern. »Und ich würde es auch heute wieder tun.«
Wie ein Echo hallte das Geständnis durch den Raum. Dicte schielte zur Madonnenfigur, um zu sehen, ob sie eine Reaktion zeigte. Ob sie ihr Gesicht hob und Francesca einen vergebenden oder einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.
Francesca berührte intuitiv das kleine Kreuz um ihren Hals. Es sah aus wie ein Erbstück: filigraner Silberschmuck mit Steinen, eventuell Rubine.
»Ich möchte meine eigene Geschichte erzählen, so, wie ich sie sehe. Mir war es wichtig, dass Sie es sind, weil ich Ihnen vertraue.«
Dicte wusste nicht richtig, wie sie darauf reagieren sollte. Einerseits war sie geschmeichelt, andererseits war klar, dass ihre Interviewpartnerin Bedingungen stellte und sie damit zu beeinflussen versuchte.
»Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es in diesem Interview um die Gründe, warum Sie getan haben, was Sie getan haben? Stimmt das?«
Francesca Olsen sah sie lange an, es kam Dicte wie Minuten vor, bis sie endlich nickte.
»Genauso ist es. Eines möchte ich noch hinzufügen: Sie schreiben die Geschichte. Nicht ich. Ich lese den Text gerne auf inhaltliche Fehler durch und möchte auch am liebsten korrekt zitiert werden, aber die Formulierungen sind die Ihrigen und der Tonfall auch.«
Ihre Hände ließen das Kreuz los und wurden auf den Tisch gelegt, eine offene Geste.
»Ich bin diejenige, die hier ein großes Risiko eingeht. Aber da Sie das letzte Mal einen sehr klaren und sachlichen Artikel geschrieben habe, glaube ich, dass Ihnen das erneut gelingen wird.«
Wieder fehlten Dicte die Worte. Sie fand Francesca weder besonders sympathisch noch das Gegenteil davon, aber die in Kürze ehemalige Bürgermeisterkandidatin erweckte ihre Neugier, wie es bisher nur wenigen gelungen war. Vielleicht war das eine geeignete Grundlage.
»Aber Sie sind sich dessen bewusst, dass das ein juristisches Nachspiel haben wird?«
Sie nickte.
»Natürlich wird es zu einem Gerichtsverfahren kommen, und ich werde wegen Mordes angeklagt. Mir ist bewusst, dass ich mit einer Strafe zu rechnen habe, aber ich hoffe, die Richter werden in der Urteilsfindung meine damalige Situation und die meines Kindes mit in Betracht ziehen.«
»Wann und wo fand das alles statt?«
»Vor fünfzehn Jahren, im September 1993. Wir wohnten damals in Ry.«
Dicte hielt die Luft an. Ihr innerer Alarm hatte sich eingeschaltet.
»Wo in Ry?«
»Mein Mann, William, war zehn Jahre lang der Direktor des Kinderheims ›Titan‹ in Ry. Dort war eine Dienstwohnung angeschlossen …«
Francesca unterbrach sich selbst. »Sie sind ja ganz blass. Stimmt etwas nicht?«
Dicte fühlte sich wie ein Computer, der eine Warnung vor dem bevorstehenden Systemzusammenbruch meldete. Peter B, My, Cato. Die Bomben. Der Mord. Die Informationen drehten sich in immer schnelleren Kreisen. Es drohte ein Stromausfall.
»Darf ich ganz kurz auf die Toilette?«
Sie wurde in ein weiß gekacheltes Badezimmer geführt, am oberen Fliesenrand verlief ein blaues Blumendekor. Alles war so sauber. Sie ließ sich ein bisschen Wasser über die Handgelenke laufen. Die Kühle der Fliesen umschloss sie und linderte ihr Fiebergefühl. Sie hätte es ahnen können. Das hatte alles miteinander zu tun, von Anfang an. Der Einbruch in Olsens Haus. Die Autobombe und der Anschlag aufs Solarium. Auch der Mord an Adda Boel? Bei Letzterem war sie sich nicht sicher, aber bei allem anderen ja. Alle Geschichten hatten miteinander zu tun, so wie auch jeder Mensch mit jedem anderen in einer Verbindung stand. Alle waren gefangen in den Netzen aus Vergangenheit, Lügen und Schweigen.
Sie sah in den Spiegel und las in ihrem Blick den Fluchtimpuls. Aber jetzt war sie ein Teil des Ganzen geworden. Sie hatte alles aufs Spiel gesetzt und musste diese Reise zu Ende bringen, die sie schon so weit gebracht hatte. Sie trocknete sich die Hände ab und kehrte zurück zu Francesca Olsen und ihrer Geschichte.
»Vielleicht könnten Sie mir ein bisschen über Ihren Sohn erzählen? Wie alt war er, als Sie … als er starb?«
»Er war fünf. Er hieß Jonas. Er war sehr schwer krank und wäre bald gestorben, er hatte noch wenige Wochen zu leben oder ein bisschen länger.«
Francesca lehnte sich im Sofa zurück. Sie wirkte frei, fand Dicte. Eine Seite von ihr, die ihr vorher nicht aufgefallen war.
»William hatte zwei Schwestern gehabt, die gestorben sind, als sie noch klein waren. Ich wusste damals nichts davon, aber seine dritte Schwester hat es mir später erzählt – genau genommen, als ich mit Jonas schwanger war –, dass nämlich ihre Eltern Träger eines Gendefekts waren, der eine Krankheit hervorruft, die mit dem Spielmeyer-Vogt-Syndrom verwandt ist. Sie heißt CLN2, die klassische Spätinfantile NCL. Beide Schwestern waren daran erkrankt und gestorben, die eine im Alter von fünf, die andere mit zehn Jahren. William und seine dritte Schwester waren unvermeidlich Träger des Gens, bei ihnen brach aber die Krankheit nicht aus.«
»Hatte Ihr Mann Ihnen nichts von dem Risiko erzählt?«
Francesca schüttelte den Kopf.
»Er hatte das nicht als Krankheit akzeptiert. Für ihn war das eine Schwäche des Geistes, die sich im Körper manifestierte. Sich einzugestehen, dass es eine Krankheit war, wäre gleichbedeutend gewesen mit dem Eingeständnis, dass mit ihm etwas nicht stimmte.«
Sie sah Dicte an. »Und mit William stimmte immer alles. Aber nicht nur das. Er konnte auch nichts falsch machen.«
»Und dann kam Jonas?«
Francesca hatte wieder das Kreuz zwischen den Fingern. Die Rubine glitzerten in dem einen Sonnenstrahl, der seinen Weg ins Wohnzimmer gefunden hatte und die Staubpartikel zum Tanzen brachte. Ihre Stimme klang auf einmal ganz mild.
»Ja, und dann kam Jonas. Er wurde krank, als er zwei Jahre alt war.«
»Und wie zeigte sich die Krankheit?«
»Es fing mit epileptischen Anfällen an, aber schon mit drei Jahren war er vollkommen erblindet, geistig behindert und hatte akute motorische und sprachliche Probleme. Die Krankheit verursacht einen schnellen und grauenvollen Verlust an Nervenzellen. Das erwartete Lebensalter liegt zwischen zehn und fünfzehn Jahren.«
Francesca richtete ihren Blick auf Dicte, eindringlich und wissend, dass sich niemand wirklich in ihre Lage versetzen konnte.
»Sie wissen, dass Ihr Kind sterben wird. Es ist ein sehr schmerzvoller Tod. Jeder Tag bringt größere Schmerzen, größeres Leid für den Menschen, den man über alles liebt. Man kann nichts machen, es gibt keine Behandlung, keine Hoffnung. Versuchen Sie, sich das vorzustellen.«
Es war, als würde sich das rote Licht des Aufnahmegerätes in ihren Augen spiegeln, wenn sie sprach. Als würde sich dahinter noch ein anderes Leben verbergen.
»Der Tag, an dem das alles geschah, war der schlimmste gewesen. Er hatte viel mehr Anfälle gehabt als je zuvor. Das Ganze spitzte sich zu. Ich war vollkommen erschöpft, hatte seit Wochen Tag und Nacht an Jonas’ Bett gewacht. Ich befand mich in einem Zustand, der nichts mit dem Leben anderer zu tun hatte.«
Wieder griff sie nach dem Kreuz um ihren Hals, rieb es, ließ es wieder los, rieb es erneut, ließ es wieder los.
»Es war einfach und schmerzfrei. Er schlief. Ich nahm ein Kissen, und er hörte einfach auf zu atmen.«
Schweigen breitete sich aus, als wäre die Tat in diesem Raum geschehen. Die rote Lampe erlosch, als hätte sie jemand mit seinem letzten Atemzug ausgepustet. Dicte versuchte, sich in die Situation hineinzuversetzen. Die Entscheidung, die man treffen musste. Die Alternative. Die Tat. Und hinterher?
»Wie lebt man mit so etwas weiter?«
Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht.
»Man sagt sich, dass es gar keine andere Wahl gab. Und man entscheidet sich dafür, für andere Kinder zu kämpfen, für ein besseres Leben, um jenen eine Alternative zu bieten, die bei ihrer Geburt in der falschen Schublade gelandet sind. Unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Krankheit handelt, den sozialen Status oder etwas anderes.«
»Das heißt, es gibt eine direkte Verbindung von ihrem kranken Kind zu der Position, an der Sie heute stehen?«
»Na ja. Vielleicht keine direkte Verbindung, aber eine Verbindung gibt es da schon, ja. Ich will dafür kämpfen, dass Kinder und Jugendliche in einem gesünderen Umfeld aufwachsen. Sie sollen nicht verwöhnt, vollgestopft und in Watte gepackt werden, aber die Möglichkeit bekommen, ihre Fähigkeiten zu nutzen, zu zeigen, dass sie jemand sind und etwas können.«
»Und die Kinder vom Kinderheim? Die Titan-Kinder? Was ist mit denen? Wie gehören die in das Bild?«
Es kribbelte am ganzen Körper. Welchen Platz hatten Peter B und My in dieser Geschichte? Wo war deren Ende, deren Happy End mit Haus in Italien?
»Mit den Kindern hatte ich nicht viel zu tun. Das war Williams Aufgabe. Als Jonas auf die Welt kam, habe ich die meiste Zeit ohnehin mit ihm verbracht. Aber es gab einen. Ein Kind. Einen Jungen.«
»Ja?«
»Er kam als Sechsjähriger zu uns. Ich hatte schon so lange gekämpft, um endlich schwanger zu werden, und er kam zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben. Seiner habe ich mich angenommen, und er folgte mir überallhin wie ein kleiner Hund. Aber als ich Jonas bekam, habe ich ihn immer weniger an mich rangelassen, ihn verstoßen. Am Ende hatte ich einfach keine Kraft mehr für ihn übrig. Er war älter geworden und nicht mehr so niedlich wie früher …«
Sie sah auf.
»Das ist mein größtes Verbrechen. Nicht das mit Jonas. Er durfte seinen Frieden finden. Aber das andere. Er war vor kurzem bei mir …«
Cato, dachte Dicte. Der kleine, magere Junge mit den langen Armen.
»Ja?«
»Ich hatte ihn all die Jahre nicht gesehen. Nicht seit diesem Tag.«
»Und der Einbruch, die Bomben?«, fragte Dicte. »Die Geschichten über Sie in der Zeitung? War das alles er? War er damals Zeuge, als sie Jonas getötet haben?«
Francesca bestätigte alle Fragen mit einem Kopfnicken. Dicte beugte sich vor.
»Auf einem Rachefeldzug.«
»Und wo genau? Für was will er sich rächen? An wem will er sich rächen?«
»An William, glaube ich. Zuerst an mir. Dann an ihm. Ihm gilt die Rache noch viel mehr als mir. Vielleicht sind auch noch andere dran. Es gab einen Arzt, der ins Titan kam und beteiligt war. Und einen Mitarbeiter, der Williams verlängerter Arm war.«
»Können Sie mir etwas über William erzählen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das muss er selbst tun, wenn er es noch kann. Aber ich kann Ihnen sagen, wo er wohnt. Und wenn Sie ihn vor Cato finden, dann kann ich Ihnen eine Sache versprechen: Sie werden eine Geschichte zu hören bekommen, die Sie so noch nie gehört haben.«