KAPITEL 35

Das Café war keiner dieser Szenetreffs, in denen man hübsche Frauen in Markenklamotten und Geschäftsmänner antraf, die laut am Handy über ihren letzten Coup sprachen. Ein Blick auf das Publikum verriet sofort, dass dies das Café der Unterprivilegierten war, ein soziales Projekt der Gemeinde mit dem Ansatz, psychisch Kranke zu resozialisieren. Hier bedienten Menschen, die in dem nicht immer so feinmaschigen Netz der Sozialbehörde hängengeblieben waren, ihre Leidensgenossen, die Kumpel aus der Nachbarschaft, des Treppenaufgangs, der Umgebung. Die an den Rand Geschobenen bedienten die Ausgestoßenen. Vielleicht fühlte er sich deshalb so wohl dort.

»Kaffee«, bettelte My, die Kaj in der Wohnung in der Anholtsgade mit einer Portion Hundefutter zurückgelassen hatte. »Und Sandwich.«

Peter B bestellte bei Sofie, die manisch depressiv war und bis über beide Ohren mit Tabletten vollgepumpt. Die Frau mit der Kurzhaarfrisur war dreiundfünfzig und hatte ein Leben lang in einem inneren Konflikt mit sich gestanden, bis endlich die Diagnose Schizophrenie gestellt wurde. Da war sie vierzig. Diese Geschichte hatte sie ihm einmal vorgetragen, als er vor langer Zeit mit Cato im Café gesessen und ein Bier getrunken hatte. Drei Selbstmordversuche hatte sie hinter sich, mittlerweile nahm sie regelmäßig ihre Medikamente, die ihr Gesicht in eine starre Maske verwandelten. Sie sah aus wie jemand, der in einer Wirklichkeit lebte, die von den meisten als die einzig richtige angesehen wurde.

»Und?«, fragte Sofie. »Wo habt ihr ihn gelassen?«

Er bezahlte und beobachtete sie, wie sie die Becher mit Kaffee füllte. Hier gab es keine Espressomaschine. Man bekam einen Filterkaffee und ein Sandwich aus Toastbrot mit je einer Scheibe Gummikäse und Formschinken. Aber das Lokal war ordentlich und sauber, und in der Regel benahmen sich die Gäste auch anständig.

»Das wollte ich dich gerade fragen.«

Er sah sich im Café um, in dem vier Menschen mittleren Alters, zwei Männer und zwei Frauen, an einem Tisch am Fenster saßen und Karten spielten. Die anderen Gäste saßen paarweise an Tischen und tranken Kaffee oder helles Bier. Zwei saßen allein. Der eine Gast war eine Frau in einer grauen Jacke, den Wollschal um den Hals gewickelt. Ihr Blick schweifte in die Ferne, mit den Händen hielt sie einen Becher Tee umklammert. Der andere einsame Gast, ein junger Mann mit dicken Brillengläsern und Dreitagebart, saß konzentriert über einen Skizzenblock gebeugt und zeichnete und machte sich Notizen.

Sofie schob die Zuckerdose über den Tresen.

»Ich hab ihn schon seit Tagen nicht mehr gesehen.«

»War Lulu nicht bei dir und hat nach ihm gefragt?«

»Dooch, aber das ist auch schon eine Woche her. Sie rechnet wohl auch damit, dass er einfach wieder auftaucht.«

Sie griff nach einem Glas, füllte es mit Wasser und trank es leer. »Das tut er in der Regel ja auch.«

»Wo kann er denn sonst noch sein? Wen kennt er noch?«

Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, der einem Innenarchitekten Magenkrämpfe verursacht hätte. Kommunales Design war noch das Netteste, was man darüber sagen konnte. Und braun. Braune Gardinen, hellbraune, laminierte Tische, beigefarbene Wände und braune Lampen, die über jedem der acht Tische hingen.

»Die da drüben«, sagte sie und zeigte zu den Kartenspielern. »Er hat ab und zu bei denen mitgemacht, wenn ihnen der vierte Spieler für Whist fehlte.«

Sie lehnte sich über den Tresen.

»Hey, Kleeblatt. Hat einer von euch den Langen gesehen, ihr wisst, der, der ab und zu bei euch mitspielt?«

»Cato?«

Eine sehr dicke Frau machte einen Stich, nahm die Karten an sich und riss sich vom Spiel los. »Meinst du den Cato?«

»Cato, ja, genau der«, sagte My mit überdeutlicher Betonung, aber vollem Mund.

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Ich dachte, der ist auf Entzug.«

»Er ist verschwunden«, erläuterte Sofie. »Ihn hat schon seit Wochen keiner mehr gesehen.«

»Vielleicht ist er vor die Hunde gegangen«, sagte einer der Kartenspieler und fuhr fort: »Pass.«

»Wo geht man hin, wenn man vor die Hunde geht?«

Diese Frage müsste er sich eigentlich auch selbst beantworten können, dachte Peter Boutrup. Allerdings hatte er diesen Schritt nie gemacht, über den Abgrund hinaus. Warum, wusste er auch nicht, denn Inspiration dafür hatte er ausreichend in seinem Umfeld gehabt.

»Probiert es mal im Obdachlosenasyl am Ende der Jægergårdsgade.«

Der Mann mit dem Skizzenblock hatte sich zu Wort gemeldet. Er betrachtete Peter durch die dicken Brillengläser. »Zumindest sind dort viele, die vor die Hunde gegangen sind.«

Dort hatte er Cato nur ein einziges Mal abgeholt, als dieser einen Megarausch in Kombination mit Methadon gehabt hatte, das er damals regelmäßig von der Apotheke am Store Torv bezog. Es war zwar eine schlechte Idee, My mitzunehmen, aber sie konnte man nicht einfach irgendwo parken, stattdessen gingen sie nach Hause, um vorher Kaj zu holen.

»Ein Hund, um damit vor die Hunde zu gehen«, sagte My belustigt und befestigte die Leine an Kajs Halsband.

Voller Fürsorge untersuchte sie den Hund, wie eine Mutter, die zu lange von ihrem Kind getrennt war.

»Kaputt, tststs.«

Sie nahm den kleinen Metallstern vom Halsband, auf dem der Name des Hundes und eine Telefonnummer standen. Und richtig! Der kleine Stahldraht, der den Stern befestigte, war aufgebogen und kurz davor, abzufallen. Mit einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn ließ My den Stern in ihrer Jackentasche verschwinden.

»Das kriegen wir wieder in Ordnung«, versprach er, wie er ihr immer versprochen hatte, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Aber würde es ihm auch bei dieser Sache gelingen? Da war er sich nicht so sicher.

Sie liefen die ganze Strecke zu Fuß. My hüpfte neben ihm auf und ab, Kaj tänzelte mit federndem Gang vor ihnen her, die Nase dicht über dem Bürgersteig und darauf bedacht, keinen Laternenpfahl auszulassen. Er selbst, der Dritte in diesem sonderbaren Bund, trug jetzt eine Glatze und einen Bart, der mithilfe von Miriams Haarfärbemittel tiefschwarz war. Er war der Ansicht, dass dieses Trio die beste Tarnung war, die er sich wünschen konnte.

Das Obdachlosenasyl lag am Hafen, hier durften die Besucher ihre mitgebrachten Getränke verzehren, was sowohl für die Angestellten als auch die anderen Gäste oft eine Herausforderung bedeutete. Die Besucher waren Frühpensionierte und andere, die hier ihre Karrieren als staatlich anerkannte Pflegekinder begonnen hatten. Ins Asyl führten mehr Stufen hinunter als in das Café, von dem sie kamen. Und dort sah man jene Menschen, aus Fleisch und Blut, die gemeint waren, wenn die Zeitungen vom »Bodensatz der Gesellschaft« und von den »sozialen Außenseitern« sprach. Es waren die selten Interviewten. Die Heimatlosen. Die Vogelfreien. Die Mittellosen. Im Asyl gab es keine Körpervisite oder Registrierung. Man konnte einfach kommen, ohne dass jemand Fragen stellte. Sofern geöffnet war.

An diesem Tag saßen sie draußen.

»Die haben geschlossen. Die haben alles gekürzt!«, sagte ein sehr bärtiger Mann, der mit seinen Kumpeln auf der Bank saß, ein Bier in der Hand, einen schwarzen Hund zu seinen Füßen. Kaj beschnupperte freundlich den Artgenossen, der zur Begrüßung mit dem Schwanz wedelte.

»Pass bloß auf, sie ist läufig, das liederliche Biest«, sagte ein Zweiter auf der Bank und lachte so laut auf, dass es in seiner Brust rasselte. »Wenn euer Polizeihund sie besteigt, verlangen wir Alimente, da kannste einen drauf lassen!«

»Dermaßen!«, fügte eine dritte Stimme hinzu. Sie gehörte einer Frau, die mehrere Schichten Kleidung trug und sie aus roten Augen ansah. Sie hustete und nieste.

»Verdammte Erkältung.«

»Du hast bestimmt ’ne Lungenentzündung«, sagte der Mann mit dem langen Bart. »Weil die alles kürzen. Jetzt müssen wir hier draußen in der Kälte hocken.«

»Kennt ihr einen Typen, der Cato heißt?«

Den kannten sie. Das war ein Netter. Der gab immer was von seinem Biervorrat ab. Super Typ. Aber sie hatten ihn in letzter Zeit nicht mehr gesehen.

Und selbst wenn sie ihn gesehen hätten, wäre wahrscheinlich jede Erinnerung von ihren alkoholvernebelten Gehirnen gelöscht worden, dachte er. My brachte es auf den Punkt: »Die haben Löcher im Kopf, da, wo der Erinnerer sitzt.«

Sie trotteten wieder nach Hause, wenn man ein Minibordell als ein Zuhause bezeichnen konnte. Kaj wirkte aufgeputscht nach seiner Begegnung mit der Hündin und schnupperte an allem und jedem. My sah nachdenklich aus.

»Vielleicht hat er es verkauft!«, sagte sie schließlich.

»Was verkauft? Und wer?«

»Cato. Er hat gesagt, er hat was, für das er Geld bekommen kann.«

Er blieb mitten auf der Nørregade stehen.

»Wovon redest du da? Was sollte er denn bitte verkaufen können? Er besitzt doch nichts, hat noch nicht einmal genug, um sich ein Busticket zu kaufen?«

My hatte einen geheimnisvollen Blick aufgesetzt. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie spitzte die Lippen.

»Er hat gesagt, dass es viel Geld wert ist.«