Es war eine kleine Expedition, mit My und Kaj im Schlepptau nach Ry zu kommen, aber er konnte sie unmöglich im Wald zurücklassen. Er trug jetzt die Verantwortung für die beiden, das hatte er in den letzten Tagen eingesehen.
Deshalb hatte er konsequent ihr Lager aufgelöst und den Boden mit Zweigen gefegt, damit sie nicht die kleinste Fußspur oder ein einziges Stück Schokoladenpapier hinterließen. Das wenige, was sie besaßen, hatte er in seinem Rucksack verstaut oder daran festgebunden. Zelt, Kochgeschirr und Isomatte. Wie an dem Tag, an dem er dort angekommen war und geglaubt hatte, er hätte endlich einen Ort der Freiheit gefunden.
Der Waldboden war weich und feucht und immer wieder von Baumwurzeln durchzogen, die hervorragende Stolperfallen waren. Die Farbe Grün war nach wie vor dominierend, aber die ersten Blätter waren bereits gefallen und sahen aus wie riesige Fünfzig-Øre-Münzen, wenn sie zu Boden segelten und sich auf den Waldweg legten. Es roch nach regennasser Erde, und man hörte das Rascheln der Singvögel in den Bäumen. Er spürte förmlich, wie sich die Mauern von Horsens langsam zurückzogen, wie der Gestank von Urin und Kot sich verflüchtigte und das klickende Geräusch des Zellenschlosses erstarb.
Da hörte er einen dumpfen Aufprall hinter sich, gefolgt von Mys Stimme.
»Fallen.«
Das war das dritte Mal. Er ging zu ihr und half ihr auf.
»Gefallen«, korrigierte er sie. »Das heißt, ich bin gefallen.«
»Ja«, sagte sie mit nasaler Stimme. »Nja.« So wie sie immer klang, wenn sie ärgerlich war. »Fallen. Wohin jetzt? Nicht zum Aushalten mit dem Umziehen immer. Verdammt auch. Verdammte Kackpisse. Packkisse. Mache nichts anderes als umziehen. Das ganze Leben. Die ganze Zeit immer.«
Sie stand vor ihm in ihrem riesigen, schmutzigen Anorak und zeigte in alle Himmelsrichtungen. Kajs Kopf drehte sich wild im Kreis, als er versuchte, ihrem Finger zu folgen, wie er immer allen ihren Bewegungen folgte.
»Wir müssen nur kurz nach Ry. In die Stadt. Wir haben dort eine Verabredung, das habe ich dir doch schon erzählt.«
Er klopfte ihr gegen die Stirn, so dass sie kichern musste, und in diesem Moment, wie ein Gruß aus einer längst vergangenen Zeit, sah er sie, wie sie früher einmal gewesen war.
»Du kannst dich ja an nichts von zwölf bis Mittag erinnern.«
»Kann gut Cato erinnern. Finde Cato!«
Sie zupfte besorgt eine Haarsträhne unter ihrer Strickmütze hervor, während ihre Beine einen sinnlosen Tanz aufführten. Es war selten, dass er ihr direkt in die Augen sah. Dort standen immer nur neue Fragen: vom Sinn des Lebens über die Frage, ob er dem Hund etwas zu essen geben oder ihr beim Suchen ihrer Schuhe helfen konnte. Viel zu viele Fragen, und er hatte nur auf wenige eine Antwort. Die schwerste war ihr ewiges »Warum?«, zwar unausgesprochen, jedoch immer auf eine unschuldige, aber insistierende Weise präsent.
»Finde Cato«, wiederholte sie und bohrte ihren Blick in ihn, so dass er sich davon losreißen musste.
»Wir werden ihn schon noch finden. Aber heute habe ich eine Verabredung. Jetzt komm schon, My. Ein Stück noch. Nur noch einen Kilometer, dann sind wir bei der Bushaltestelle. Das schaffst du.«
»Bekommen wir dann Pizza? Auch Kaj?«
Sie sah listig aus, und der Hund ergänzte das Bild perfekt. Zwei Augenpaare starrten ihn hungrig an.
»Ja, ja, das verspreche ich. Wir gehen alle eine Pizza essen.«
Zufrieden wickelte sie den Anorak enger um sich, nahm die Hundeleine und ließ sich das letzte Stück durch den Wald ziehen.
Am Bahnhof stiegen sie aus dem Bus aus. Schon jetzt, nach nur wenigen Tagen, fühlte es sich merkwürdig an, anderen Menschen so nah zu sein. Als würde er einen Film über Wesen sehen, die nichts mit ihm zu tun hatten. Aliens von einem anderen Stern, die wie Automaten durch die Gegend liefen und Dinge taten, die vollkommen sinnlos wirkten. Sie fuhren mit dem Fahrrad oder dem Auto oder gingen zu Fuß. Einige joggten, mit Sportsachen nach den neuesten Vorschriften bekleidet. Sie kauften ein, trugen Taschen und Tüten. Sie wichen den Wasserpfützen aus und sahen sich um, bevor sie die Straße überquerten. Sie benahmen sich auf eine Art und Weise normal, die für ihn unendlich weit weg war. Normal. Er schluckte das Wort zusammen mit ein bisschen Speichel hinunter. Das war kein Wort für ihn.
Er wusste nicht genau, warum er das hier tat, aber nun hatte er die Verabredung getroffen und würde sehen, was sie mit sich brachte. Eine Schwester. Was sollte er mit einer Schwester? Als ob er nicht schon genug Schwestern hatte, genau genommen hatte er gar nichts anderes. Er rechnete nicht damit, das Gefühl von Blutsverwandtschaft zu spüren. Und trotzdem. Da war ein gewisses Maß an Neugierde, das sich mit dem geheimen Wunsch mischte, ihre gemeinsame Mutter zu ärgern, das konnte er nicht leugnen. Ein bisschen am Stuhlbein wackeln. Die Hunde loszulassen. Oder irgendetwas los- und freizulassen, vielleicht sich selbst. Denn er war nicht dumm und wusste genau, dass er noch in einem Gefängnis eingesperrt war.
Während sie so die Straße entlangliefen und bestimmt einen seltsamen Eindruck machten, fragte er sich, wie Rose wohl in Wirklichkeit aussah. Das Foto ihres Facebook-Profils war hübsch, aber auch unpersönlich. Außerdem konnten Fotos lügen, er musste an sein eigenes im Strafregister denken.
Ein Bus hielt an der Haltestelle vor ihnen. Fünf Menschen stiegen aus, dann fiel sein Blick auf sie, und die Welt schien zusammen mit ihm die Luft anzuhalten. Sie sah die beiden nicht, sie sah nicht einmal in ihre Richtung, sondern ging in die andere. So hatte er die Gelegenheit, stehen zu bleiben und ihr hinterherzusehen. Er war nie gut gewesen, Dinge in Worte zu fassen, und suchte hilflos nach den richtigen, um Rose zu beschreiben. Aber keins der Worte, die er in den vergangenen vier Jahren in Horsens zu hören bekommen hatte, konnte ihm jetzt dabei helfen. Vielleicht gab es die gar nicht, die Worte, um diese Schwester zu beschreiben. Die waren noch nicht erfunden, sondern warteten irgendwo auf so ein Wesen mit dieser Mischung aus Anmut und Selbstsicherheit, das darum bat, sie zugeteilt zu bekommen.
My stieß ihren Ellenbogen in seine Seite, und erst da ließ er die Luft entweichen, die er die ganze Zeit angehalten hatte.
»Warte mal eben.«
»Pizza«, sagte sie und zeigte auf ein italienisches Restaurant. »Jetzt?«
Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, sie in der Pizzeria zu parken, während er Rose in dem vereinbarten Café traf. Aber da war ja Kaj. My würde niemals akzeptieren, dass ihr Hund draußen angebunden sein musste, während sie drinnen saß und eine Pizza aß. Und er bezweifelte stark, dass die ansonsten sehr freundlichen Italiener einen sabbernden Schäferhund im Restaurant zulassen würden.
»Später«, antwortete er und lief los. »Wir gehen zuerst ins Café.«
»Essen«, sagte sie. »Mund läuft.«
»Allerdings.«
»Voll Wasser.«
»Ich bin kein Millionär. Wenn du auch etwas im Café essen willst, dann bekommst du keine Pizza.«
Sie trat ihm gegen das Schienenbein. Er schluckte den Schmerz hinunter, weil er wusste, dass es ein Liebesbeweis war. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie ihm einen Kuss gegeben. Aber in Mys Welt existierten nur Filmküsse, wo sich die Münder mit mechanischer Präzision trafen. Sie konnte gut imitieren, aber ihre Gefühle waren ganz woanders. Die kreisten zum Beispiel ums Essen. Sie hätte niemals verstanden, wie es ihm gerade ging. Er wusste es ja selbst kaum.
Sie hatten das Café erreicht, und er sah Rose am Bartresen stehen. Sie hatte ihre Jacke ausgezogen. Schlank war sie und schön, zwei Worte, die er gerade so hervorkramen konnte.
»Petter«, sagte My plötzlich, und ihre Stimme alarmierte ihn. Sie klang nach Katastrophe, gemischt mit Angst. »Adda.«
»Was ist mit Adda?«
Sie streckte den Arm aus, er folgte ihrer Bewegung. Neben dem Café befand sich ein Kiosk. Von dem Aufsteller lächelte ihm Adda entgegen, und er hätte das Lächeln sofort erwidert, wenn die Überschrift ihm nicht ihre fürchterliche Nachricht ins Gesicht gebrüllt hätte: »Frührentnerin stirbt bei Explosion in einem Solarium.«
»Tot?«, fragte My und sah ihn an mit mehr Fragen in den Augen, als je zuvor.