KAPITEL 76

Wagner und Hansen versammelten die Abteilung im Konferenzraum. Lena Lund war krankgeschrieben, sonst waren alle mit von der Partie. Der Artikel war kopiert worden und wurde ausgeteilt.

»Okay. Wir haben es bald geschafft«, sagte Wagner. »Wir wissen, wer die Täter sind. Wir wissen, wie die Tat geplant wurde und wer die Bomben hergestellt hat. Wir wissen, wo die eine Täterin sich aufhält – mit einem todkranken Kind wird sie nicht abhauen. Uns fehlt noch Cato Nielsen. Und …«

Er sah seine Kollegen der Reihe nach an. Ivar K kaute sein Nikotinkaugummi und wippte auf dem Stuhl; Jan Hansen goss sich in aller Ruhe einen Kaffee ein, Eriksen kritzelte sich Notizen auf den Block, wahrscheinlich wieder für ein Gedicht anlässlich einer der unzähligen Feiern in seiner großen Familie; Christian Hvidt trank Wasser aus einem Glas, was seinen Kehlkopf hüpfen ließ, und vergrub dann seine große Nase in dem Artikel.

»… uns fehlt ein Zusammenhang zwischen unserem Fall in der Østergade und dieser Sache hier. Lest es durch, dann sprechen wir weiter.«

Er wedelte mit dem Artikel, den er mit wachsendem Grauen durchgelesen hatte. Jetzt saß er still daneben und sah den anderen beim Lesen zu.

»Zum Teufel!«, stieß Ivar K aus.

»Da sagst du was«, pflichtete Hansen ihm in seltener Übereinstimmung bei.

Es ging um eine Geschichte, die seit einiger Zeit in den Medien Wellen geschlagen hatte. Wagner erinnerte sich, dass er damals gedacht hatte, worauf die da im Ausland so alles kommen, als er eines Abends einen Beitrag in den Nachrichten gesehen hatte. Die Headline lautete: »Das Horrorkinderheim auf Jersey«. Es war die Geschichte des Kinderheims Haut de la Garenne auf der britischen Kanalinsel Jersey, in dessen Keller man bei Grabungen die Knochenreste von mindestens zwei Kinderleichen entdeckt hatte. Die Polizei hatte eine gründliche Untersuchung des Heims angekündigt, nachdem Verlautbarungen über einen systematischen Kindesmissbrauch bekannt wurden, der sich über Jahrzehnte hingezogen haben soll, bis das Heim im Jahr 1986 geschlossen worden war. Im Laufe der Ermittlungen hatten die Kriminaltechniker ein Netzwerk aus vier unterirdischen Geheimkammern ausgegraben. Sie hatten dort Fesseln und eine niedrige Wanne mit Spuren von Blut gefunden, und die Untersuchungen waren noch lange nicht abgeschlossen. Die gruseligen Funde deckten sich mit Berichten ehemaliger Bewohner des Heims, die von Strafkammern im Keller von Haut de la Garenne berichteten. Es wurde von einer Kultur aus Folter und Gewalt gesprochen, in erster Linie zwischen Lehrern und ihren Schülern, allerdings auch unter den Schülern. Ein elfjähriger Junge hatte sich erhängt. Andere Kinder waren einfach spurlos verschwunden. Die ganzen Details wurden unter den Teppich gekehrt, damit das feine Image der Insel als Steuerparadies nicht leiden musste. Keine Behörde und weder die Polizei noch die Politiker hatten in den darauffolgenden Jahren Interesse daran gezeigt, den Gerüchten auf den Grund zu gehen. Erst als ein lokaler Politiker im Jahr 2000 einen Bericht über Kindesmissbrauch lancierte, tauchten nach und nach Enthüllungen und Zeugenaussagen auf.

Minuten verstrichen, bis alle den Artikel gelesen hatten und sich aufsetzten. Wagner konnte nichts anderes in ihren Gesichtern lesen als Abscheu.

»Vorschläge?«

Er sah sich in der Runde um. Ivar K brachte den ersten Wortbeitrag:

»Cato Nielsen ist in Heimen aufgewachsen. Adda Boel ist auch im Kinderheim gewesen. Aber in welchem? Hat das eventuell mit Jersey zu tun?«

»Das können wir herausbekommen. Der Nächste bitte?«

»Peter Boutrup? Was wissen wir über seine Vergangenheit?«, fragte Christian Hvidt. »Wir wissen, dass er Zimmerer ist und auf Djursland gelebt hat. Aber was hat er davor gemacht? Wo kommt er her?«

Wagner nickte.

»Untersuch das. Bestimmt kann die Straffälligen- und Bewährungshilfe uns da Informationen liefern. Und das Sozialamt.«

Ivar K klebte sein Kaugummi an den Becherrand.

»Vielleicht sollten wir auch mal bei der Polizei von Südostjütland anrufen und uns nach dem erhängten Mädchen erkundigen. Diese My Johannesen? Dieser Hund war doch ihre Verbindung zu Boutrup.«

Wagner nickte.

»Tu das, Ivar. Und Hansen …«

Jan Hansen richtete sich auf, seine breiten Schultern sahen noch breiter aus als sonst.

»Wie ist dein Englisch?«

»Quite good, Sir!«

»Versuch mal, die Kollegen in Jersey zu kontaktieren.«

Er wedelte mit dem Artikel. »Versuch, an Namenslisten der Lehrer und Schüler zu kommen, so vollständig und lange zurückreichend wie möglich. Das müsste doch schnell gehen via E-Mail. Noch was?«

»Wir suchen also einen Namen, der an beiden Orten auftaucht? Auf Jersey und in diesem dänischen Kinderheim?«

Die Frage kam von Eriksen. Er hatte schon vor langem aufgehört, an seinem Gedicht zu feilen.

Wagner nickte.

»In erster Linie suchen wir diesen Cato Nielsen. Aber wir suchen auch eine noch unbekannte Person, die möglicherweise an beiden Orten auftaucht.«

Er sah auf die Uhr. Plötzlich hatte er das ungute Gefühl, dass ihnen die Zeit davonlief. Als würden die einzelnen Schichten des Falls in sich zusammenstürzen, und darunter würde sich etwas ganz anderes offenbaren, als er erwartet hatte. War er blind gewesen? War er so mit der Verfolgung von Peter Boutrup beschäftigt gewesen, dass er das Offensichtliche vor seiner Nase nicht gesehen hatte?

Er stand auf.

»Wir haben wenig Zeit. Es muss schnell gehen. Wir treffen uns in einer halben Stunde hier und sehen, wie weit wir gekommen sind.«

 

Er hätte um ein Haar den Anruf seines Kollegen Meinert aus Ålborg ignoriert, entschied sich aber in letzter Sekunde anders und nahm den Hörer ab.

Meinert fasste sich glücklicherweise preisverdächtig kurz, dafür war die Überraschung, die er bereithielt, umso größer.

»Ich weiß nicht, ob dir bekannt ist, dass Lena Lund und Francesca Olsen miteinander verwandt sind.«

»Inwiefern?«

»Ihre Mütter sind entweder Cousinen oder Großcousinen, das habe ich nicht so richtig herausbekommen.«

»Und woher weißt du das?«

»Eine Freundin meiner Tochter … Eine verlässliche Quelle, soweit ich das beurteilen kann.«

Wagner dankte ihm für die Information und beendete das Telefonat. Wenn er Zeit gehabt hätte, wäre er zu Hartvigsen hochgegangen, um ihn zu fragen, ob er von diesen Familienverhältnissen die ganze Zeit gewusst hatte. Aber die Zeit war knapp, und vor die Frage gestellt, ob es ihm darum ging, Leben zu retten oder sich Gerechtigkeit zu verschaffen, entschied er sich fürs Erstere.