Dicte fuhr, als wäre der Teufel hinter ihr her. Der bewaffnete Mann war ihr bis zu ihrem Wagen gefolgt, den Finger am Abzug. Panisch hatte sie die Tür aufgerissen, den Motor gestartet und war davongerast, am ganzen Körper zitternd. Mehrmals war sie in ihrer Aufregung sekundenlang gefährlich nahe an die Kante der Steilküste geraten. Hektisch hatte sie immer wieder im Rückspiegel überprüft, ob er sie verfolgte. Sie spürte noch den Abdruck der Gewehrmündung auf ihrem Rücken.
Der Wagen protestierte gegen die unfreundliche Behandlung und scherte immer wieder aus. Verzweifelt hielt sie nach einem Haus Ausschau, nach einem Zeichen von Zivilisation, aber sie musste eine ganze Strecke Richtung Stadt fahren und die Küste hinter sich lassen, bevor sie den ersten Hof erblickte. Vielleicht drückte sie aus lauter Erleichterung aufs Gaspedal, aber das hätte sie nicht tun sollen: Schmutz auf der Fahrbahn brachte den Fiat ins Schlingern, und ehe sie es sich versah, saß der Wagen in einer tiefen Schlammlache. Die Reifen drehten durch, ohne festen Boden zu gewinnen.
»Jetzt komm schon, verdammt.«
Sie betätigte das Gaspedal, so, wie sie es gelernt hatte, und kontrollierte mit einem Blick in den Rückspiegel die Straße hinter sich. Zum Glück aber sah sie nur den verschmutzten Weg, der sich durch die Landschaft schlängelte. Keine Spur von einem Mann mit Gewehr.
Schließlich gab sie auf und schaltete den Motor aus, eine unheimliche Stille umgab sie. Von der Straße führte in ein paar Metern Entfernung ein kleiner Weg auf den Hof. Konnte sie das riskieren? Was, wenn niemand zu Hause war? Natürlich konnte sie jederzeit die Polizei rufen, aber wie sollte sie denen erklären, dass sie einfach so in ein Haus eingedrungen war? Das war alles nicht so einfach.
Ein letztes Mal überprüfte sie, dass ihr auch niemand gefolgt war. Dann öffnete sie vorsichtig die Fahrertür und stieg aus. Ihre Beine knickten unter ihr weg, und sie musste sich am Autodach festhalten. Dann erst nahm sie ihre Tasche und machte sich auf den Weg, zuerst ging sie, dann lief sie, so schnell sie konnte.
Die Auffahrt war gigantisch und verlassen, bis auf die obligatorische Katze, die auf einer Mauer saß und sich putzte. Es war ein sehr moderner Hof. Die Scheune sah nagelneu aus und das große, glänzende Getreidesilo auch. Das Wohngebäude war ein modernes Einfamilienhaus und hätte genauso gut auf einem großzügigen Grundstück in Risskov stehen können. Allerdings hätte es dann wahrscheinlich auch das Doppelte gekostet.
Sie drückte die Klingel und zuckte zusammen.
»Bitte seid zu Hause«, flüsterte sie. »Lasst mich rein!«
Es dauerte eine Ewigkeit. Dann endlich hörte sie Schritte, und ein Mann in ihrem Alter öffnete die Tür. Er trug ein langärmeliges weißes Unterhemd, das er in seine Arbeitshose gesteckt hatte, die wiederum von roten Hosenträgern gehalten wurden. In einer Hand hielt er ein Käsebrot, auf dem letzten Bissen kaute er noch herum.
»Sind Sie von der Getreide- und Futterzentrale?«
Diese Frage verschlug ihr für einen Augenblick den Atem, sie musste nach Luft schnappen.
»Ich wollte nur … Ich bin draußen im Schlamm steckengeblieben … Ich war an der Klippe beim Fischerhäuschen … Das mit der grauen Dachgaube.«
Der Mann legte die freie Hand gegen den Türrahmen und lehnte sich dagegen.
»Ich warte nämlich auf die Futterzentrale und habe mir so lange einen Happen zu essen gemacht.«
Er wedelte mit dem Käsebrot in der Luft. »Sie sehen, ehrlich gesagt, aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen. Geht es Ihnen gut?«
Dicte bekam keine Gelegenheit, zu antworten, denn der Mann ließ den Türrahmen los, trat einen Schritt zur Seite und machte eine einladende Geste. »Kommen Sie doch erst mal rein. Und dann müssen wir Sie aus dem Schlamm da rausholen.«
Sie folgte ihm, zog die Tür hinter sich zu und unterdrückte das starke Bedürfnis, die Kette vorzuhängen. Sie war hier in Sicherheit. Kein Grund zur Panik. Er führte sie in eine geräumige Küche mit schweren Eichenmöbeln.
»Wollen Sie einen Kaffee?«
Er wartete die Antwort nicht ab, sondern griff nach der Thermoskanne, füllte einen Becher voll und stellte ihn mit einem Teelöffel auf den Küchentisch. Sie setzte sich dazu. Vor ihr standen Milch und Zucker.
»Meine Frau ist gerade in London«, erzählte er unaufgefordert, als würde er sie als Gesprächspartner vermissen und darum den erstbesten Ersatz dankend annehmen. »Sie ist mit unserer Tochter heute Morgen losgeflogen, von Tirstrup. Mit Ryanair. Das ist, ehrlich gesagt, billiger als ein Wochenende in Kopenhagen, hat sie gesagt.«
Jedes »ehrlich gesagt« wurde von einem Kopfschütteln begleitet. Sie nahm einen Schluck Kaffee, der eine angenehme Wärme im Körper verbreitete und ihre Angst dämpfte.
Sie holte das Foto von Peter Boutrup aus der Tasche und schob es ihm über den Tisch zu.
»Ich bin auf der Suche nach ihm hier. Er hat mal in dem Fischerhäuschen gewohnt.«
Der Mann betrachtete das Foto und nickte.
»Peter. Aber das ist schon ein paar Jahre her. Wir hatten gerade angefangen zu bauen, und er hat uns immer wieder bei Kleinigkeiten geholfen. Das war ehrlich gesagt eine schlimme Geschichte.«
»Was ist denn passiert?«
Der Mann sah aus dem Küchenfenster auf die leere Auffahrt.
»Keiner weiß genau, was wirklich passiert ist. Wir haben nicht so viel mitbekommen, aber es gab ja einen Toten. Der wurde erschossen, und Peter kam ins Gefängnis. Also so …«
»Und was ist aus dem Haus geworden?«
»Ich glaube, er hat es vermietet. Vielleicht hat er mittlerweile auch verkauft.«
Der Mann nahm einen großen Schluck. Sie konnte in seinen Augen sehen, dass in ihm Vorbehalt und Erzählfreude gegeneinander kämpften.
»Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er wieder hier zurückkommen wird. Die Erinnerungen, Sie wissen schon …«
»Ich war vorhin im Haus und wurde von einem Mann mit dem Gewehr bedroht.«
Das klang so dämlich, und sie begriff nicht, warum sie ihm das erzählte. Wozu sollte das gut sein? Und trotzdem hatte sie nach wenigen Minuten fast die ganze Geschichte ausgebreitet. Von ihrer Suche in den Baumärkten der Umgebung, der Begegnung mit Martin und seiner Frau und von den Ereignissen im Fischerhaus.
»Er ist mein Sohn. Aber ich kenne ihn nicht.«
Der Mann nickte, und es sah aus, als würde er es verstehen.
»Ich konnte ihn immer gut leiden«, sagte er. »Er war, ehrlich gesagt, ziemlich gewissenhaft. Uns hat er nie etwas getan, war immer freundlich und so. Darum war das ja so ein Schock.«
Sie schwieg. Plötzlich wusste sie, dass sie zuhören musste. »Meine Tochter. Sie war damals zehn Jahre alt.«
Er senkte den Kopf. »Sie hat eine Behinderung, Mongolismus.«
Er stand auf und holte aus dem Wohnzimmer ein gerahmtes Foto. Vater, Mutter und Kind vor dem nagelneuen Haus in der Sonne. Das Mädchen strahlte übers ganze Gesicht, das die charakteristische Flächigkeit und die schräg gestellten Augen hatte. Ihre Haare waren zu Zöpfen geflochten, in denen weiße Schleifen saßen.
»Sie heißt Andrea.«
»Sie sieht süß aus.«
Sie sah, wie er schluckte.
»Sie ist unser einziges Kind. Peter war wirklich nett zu ihr, sein Hund war immer mit dabei, ein Schäferhund, und dann haben sie zu dritt gespielt. Sie haben Ball gespielt oder Stöcke geworfen oder so was, es war immer, als ob …«
Er blinzelte und schüttelte wieder den Kopf.
»Es war, ehrlich gesagt, so, als ob Peter, aber auch der Hund einen ganz besonderen Zugang zu Andrea hatten, sie strahlte immer so. Ich weiß gar nicht, wen sie mehr liebte, Peter oder Thor.«
Er hatte also einen Hund gehabt, der Thor hieß.
»Das war ein toller Hund. Folgte ihm auf den Fuß, gehorsam wie nur irgendwas. Grenzenlose Liebe.«
Er stellte den Bilderrahmen auf den Küchentisch und betrachtete das Foto eine Weile gedankenversunken. Seine Frau war drall, hatte Lachgrübchen und dunkles, kurzgeschnittenes Haar. Die Tochter hatte ihre Augenfarbe: Dunkelblau.
»Was ist mit dem Hund passiert?«
Er riss sich vom Foto los.
»Der ist doch erschossen worden. Was ich gehört habe, ist, dass es irgendwie zu einer Auseinandersetzung kam, und jemand hat den Hund erschossen, und den hat Peter dann wohl umgebracht. Obwohl keiner wirklich weiß, was da abgelaufen ist. Soweit ich weiß, hatte er gestanden, und das war es dann.«
Wieder musste er schlucken.
»Das klingt vielleicht total verrückt, aber dieser Hund bedeutete ihm wirklich sehr viel. Vielleicht war ihm einfach alles andere egal, als er getötet wurde.«
Dicte schloss die Augen. Sie hatte diese Geschichte schon einmal gehört, aber noch nicht so, voller Emotionen. Der Mann leerte seinen Becher und sah auf die Uhr.
»Na, dann wollen wir mal zusehen, dass wir Sie da aus dem Matschloch holen. Zum Glück haben wir ja einen Traktor.«
Sie verließen das Haus. Es war nicht mehr so diesig wie zuvor, so, als hätte sich der Nebel über der Küste gelichtet, damit das Licht an Kraft gewinnen konnte. Der Traktor machte seine Sache gut, und Dictes Fiat war innerhalb von Sekunden befreit.
»Sie haben vorhin gesagt, dass es zu einer Auseinandersetzung gekommen war. Wissen Sie, was er für Freunde hatte?«
Der Mann lächelte.
»Na, eher so von der Schattenseite der Gesellschaft, würde ich sagen. So von allem etwas. Einmal sind wir ihm begegnet, da hatte er zwei … sagen wir leichtlebige Damen an seiner Seite. Die waren aus Århus zu Besuch gekommen, wo sie ein Bordell betreiben. Aber das wirkte nicht so, als wäre das ein Geheimnis …«
»Eine letzte Frage noch.«
Sie hatte die Fahrertür geöffnet, bereit, sich zu verabschieden.
»Als ich in dem Haus von Peter war, habe ich Bilder an den Wänden gesehen. Die waren alle mit PEB signiert.«
Er nickte.
»Das kann schon hinkommen. Er hat mir erzählt, dass er das Licht hier draußen so gerne mochte.«
»Viele von den Arbeiten haben einen brennenden Baum als Motiv. Sie wissen nicht zufällig, warum?«
Er schüttelte den Kopf.
»Wissen Sie, ob er religiös war?«
Er schien angestrengt in seiner Erinnerung zu graben.
»So gut kannten wir ihn auch nicht. Aber einmal hat er gesagt, dass er sich gut vorstellen könnte, dass es eine Hölle gibt. Denn er hätte sie mit eigenen Augen gesehen.«