KAPITEL 53

Dicte schnürte den Rucksack zu und betrachtete zufrieden ihr Werk. Dann zog sie sich einen alten Pullover an, darüber die wasserdichte Jacke, nahm das Paar Gummistiefel, das sie in der hintersten Ecke des Schrankes in der Garage fand, wo sie sich im Laufe der Zeit eine feine Schicht aus grünem Schimmel zugelegt hatten. Die Morgensonne fing gerade an, den Himmel mit Farbe zu versehen und ihr Licht über die Felder zu werfen, als Dicte den Wagen rückwärts aus dem Carport fuhr. Sie hatte gewendet und war im Begriff loszufahren, als ein zweiter Wagen mit so hoher Geschwindigkeit in die Kiesauffahrt schoss, dass die Steine in alle Himmelsrichtungen stoben.

Bo machte eine Vollbremsung und stieg aus. Sie machte keinerlei Anstalten, es ihm gleich zu tun, sondern kurbelte lediglich das Fenster herunter.

»Willst du mir aus dem Weg gehen?«

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht beugte er sich ins Fahrerfenster und gab ihr einen Wiedersehenskuss, der allerdings auf ihrer Wange landete, weil sie den Kopf abwendete.

»Willkommen zu Hause, Bo«, sagte er, als sie stumm blieb. »Hattest du eine gute Zeit?«

»Hattest du eine gute Zeit?«

Aus ihrem Mund klang die Frage wie ein einziger Vorwurf, deshalb befand sie, dass sie auch gleich noch einen hinterherschieben konnte: »… mit Rotkäppchen?«

Er sah sie demonstrativ verwirrt und fragend an.

»Rotkäppchen? … Ach so, die?«

Unschuld und Schalk kämpften in seinem Blick um die Vorherrschaft. »Die hatte ich ganz vergessen. Und ich bin ihr auch nicht so oft über den Weg gelaufen.«

»Eine ganze Woche in London, in einem Hotel und auf der gleichen Schulbank, und du willst ihr nicht so oft über den Weg gelaufen sein?«

Sie wollte sich aufhalten, die Worte zurück in den Mund stopfen, aber es war bereits zu spät.

»Okay, ich hätte dir erzählen sollen, dass sie mitfährt, aber du hattest genug, worüber du dir Gedanken gemacht hast. Außerdem habe ich doch keinen Einfluss darauf, wer sich zu so einem Kurs anmeldet.«

Er richtete sich auf und trat mit der Stiefelspitze in den Kies. Sie gab es auf, ihre Wut zu unterdrücken.

»Stimmt, es ist auch wesentlich einfacher, es eine Cecilie in der Redaktionskonferenz erzählen zu lassen.«

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Dicte gab ihm keine Gelegenheit dazu. Sie musste schnell weg, bevor es noch schlimmer wurde.

»Ich hab es eilig, ich muss jetzt los. Wir sehen uns. Ich weiß noch nicht, wann ich zurückkomme.«

Er warf einen Blick auf den Rücksitz, wo ihr Rucksack lag. »Gehst du campen?«

»So was in der Art. Bis dann.«

Kaum hatte sie ihn mit durchdrehenden Reifen in der Einfahrt stehenlassen und war auf der Landstraße abgebogen, wunderte sie sich über ihre Reaktion. Es war dumm, ihm nicht zu sagen, was sie vorhatte. Es war auch dumm, wie eine beleidigte Sechzehnjährige zu reagieren. Sie müsste es besser wissen. Und sie wusste es auch, theoretisch. Aber manchmal gelang es ihr eben nicht, ihre Mitte zu finden. Natürlich hatte sie gewusst, dass er an diesem Tag zurückkommen würde, aber hatte mit Absicht nicht nachgesehen, wann. Wenigstens würde Svendsen ein bisschen Gesellschaft bekommen.

Sie nahm die Autobahn Richtung Silkeborg und fuhr in Ry ab. Sie kannte den Weg. Ihre amateurhafte Facebook-Recherche zu Roses Ausflug nach Ry hatte sie an den richtigen Ort geführt. Sie war die ganze Zeit so nah dran an Peter B. gewesen, ohne es zu wissen.

Am Internat bog sie ab und parkte. Sie holte den Rucksack vom Rücksitz und überprüfte ein letztes Mal, ob sie alles dabeihatte: Zelt, Schlafsack, Isomatte, Wechselwäsche, Jogginganzug, ein paar Dosen und Kartoffelbrei aus der Tüte, Suppentüten, Schokoladenriegel, einen Kanister mit Trinkwasser und löslichen Kaffee. Sie war nie ein Outdoorfreak gewesen, aber ein paar Grundsätze hatte sie auf den diversen Trips während ihrer Ehe mit Torben dann doch gelernt. Und auch mit Bo und seinen Kindern hatte sie zwei Natururlaube absolviert: eine Woche im Kanu den Gudenå hinunter und eine Woche Zelten an einem schwedischen See. Das musste genügen für dieses Unternehmen, das unter Umständen zur Tauglichkeitsprüfung ihres Lebens werden könnte.

Sie sah den Wald, der sich schier unendlich vor ihr erhob. Der Herbst war da, und die Kälte drang schon bald durch ihre Jacke. Die Sonne hatte sich gerade über den Horizont geschoben, als schon die ersten Wolken auftauchten. Jetzt drängelten sie sich am Himmel und vertrieben das Licht. Die feuchte Luft verhieß Regen. Dicte hoffte, dass sich dieses Versprechen nicht einlösen würde.

Miriam hatte ihr eine sehr gute Beschreibung gegeben, und als sie nach etwa einer Dreiviertelstunde an dem Grillplatz vorbeikam, wo die Naturfreunde in einer Hütte übernachten konnten, war sie sich ganz sicher, richtig zu sein. Eine halbe Stunde lief sie den Berg hinauf, an der Grenze zwischen Nadel- und Laubwald. Der Aufstieg war hart, es brannte in ihren Oberschenkeln, und der Rucksack fühlte sich an, als hätte jemand Steine hineingelegt. Dann erreichte sie eine Anhöhe und hörte das Plätschern des Baches unter sich. Da entdeckte sie sein Versteck. Das Zelt unter den Bäumen war grün und braun und verschmolz mit den Farben des Mooses und des Waldbodens. Die Feuerstelle befand sich kaum sichtbar in einer Mulde. Man musste wissen, wonach man auf der Suche war, um die Stelle zu finden. Ein Ahnungsloser würde direkt am Versteck vorbeilaufen können, ohne zu bemerken, dass es ein Unterschlupf war.

Er saß auf einem Stein beim Feuer und hatte ihr den Rücken zugewandt. Er trug eine enganliegende bunte Strickmütze und eine blaue Nylonjacke und war damit beschäftigt, etwas in einem Topf zu kochen, der an einem Metallstativ über dem Feuer hing. Sie begann die Anhöhe hinabzusteigen und war nur wenige Meter von ihm entfernt, als ein Ast unter ihren Füßen knackte und er sich umdrehte. Sie registrierte, dass er einen kurzgeschnittenen Vollbart trug. Sie registrierte auch, dass er kein bisschen überrascht wirkte. Irritiert, aber nicht überrascht.

»Was willst du hier?«

Das war ihr Sohn, den sie ein Jahr lang nicht mehr gesehen hatte. Und die Begegnungen davor waren auch nur sehr kurz und oberflächlich gewesen. Davor hatte sie die Geburt erlebt, dazwischen hatte es keinen Kontakt gegeben. Sie nickte zum Topf.

»Ich dachte, du würdest mich vielleicht auf eine Tasse Suppe einladen.«

Vielleicht war das zu forsch gewesen. Seine Verachtung sprang auf die Dampfwolke aus dem Topf und wehte ihr direkt ins Gesicht.

»Hier ist Selbstbedienung. Bring deinen eigenen Becher mit, dann können wir darüber sprechen.«

Sie streifte den Rucksack ab und stellte ihn auf die andere Seite der Feuerstelle. Schweigend wühlte sie darin, bis sie ihren alten Emaille-Becher gefunden hatte. Sie tauchte ihn in die blubbernde Suppe und unterdrückte einen Fluch, als sie sich dabei verbrannte.

»Na dann, zum Wohl.«

Sie legte den Rucksack auf die Seite und setzte sich darauf. »Gemütlich hast du es hier.«

»Spar dir deine Floskeln, okay? Trink die Suppe und dann geh wieder nach Hause. Du hast hier nichts zu suchen.«

Sie hatte zwar keinen warmherzigen Empfang erwartet, aber seine Worte taten trotzdem weh und zeigten nur wieder, wie ausweglos die Situation war. Sie betrachtete ihn. Unter seiner Mütze schaute kein einziges Haar hervor, sie vermutete, dass er sich den Schädel kahlgeschoren hatte, um den Fahndungsfotos so wenig wie möglich zu ähneln. Sie erinnerte sich daran, wann sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus, flankiert von zwei Gefängniswärtern. Sie erinnerte sich auch, dass er kein einziges freundliches Wort an sie gerichtet hatte. Ein Gespräch mit ihm war wie ein Griff ins Gefrierfach.

»Du schaffst das hier nicht allein. Die werden dich bald finden, und dann stehst du da wie ein sehr schuldiger Verdächtiger.«

»Ja, und?«

»Die haben deine DNA in Adda Boels Leiche gefunden. Sie haben Zeugen, die gesehen haben, wie du das Haus verlassen hast« – sie unterließ allerdings hinzuzufügen, dass sie wahrscheinlich bisher die Einzige gewesen war, die sich mit den Bauarbeitern unterhalten hatte – »und sie wissen, dass du schon einmal getötet hast und die Möglichkeit bestand, dass du zum Tatzeitpunkt physisch am Tatort gewesen bist.«

»Weil ich nicht hinter Gittern saß. Sag es ruhig, wie es ist.«

Sie nickte.

»Du hast zum fraglichen Zeitpunkt nicht im Gefängnis gesessen, weil du entlassen bist. Weißt du, wie viele Verbrecher entlassen werden und sofort eine neue Straftat begehen?«

»Und was für ein Motiv sollte ich gehabt haben?«

»Sex. Ein sehr überzeugendes Motiv in Anbetracht der Tatsache, dass du vier Jahre gesessen hast.«

Sein Lächeln kam so unerwartet, wie die Wolken verschwunden waren und der Sonne den Weg geebnet hatten. Sie sah sich selbst in diesem Lächeln.

»Glaubst du etwa, man hat im Knast keinen Sex?«

Sie war auf sein Ablenkungsmanöver vorbereitet.

»Erzähl mir, was passiert ist.«

»Einen Teufel werde ich tun.«

»Aber du kannst nicht hier bleiben. Du kannst deine Spuren nicht verwischen. Du musst doch leben, benötigst Vorräte, und außerdem wird es jeden Tag kälter.«

Sie nahm einen Schluck von der Suppe. »Ich kann dir helfen. Ich habe Kontakte zur Polizei. Aber zuerst müssen wir darüber sprechen, was wirklich passiert ist.«

Noch im Moment, als sie »wir« gesagt hatte, wusste sie, dass es ein Fehler war. Aber es hatte sich an ihre Zungenspitze gedrängelt und war einfach über die Kante gefallen.

Er nahm sich einen Becher Suppe. Er war ihr Sohn, und sie sah es an seinen Bewegungen. Diese effektive, etwas ungeduldige Art, in eine Sache einzutauchen.

Er führte den Becher zum Mund, und auch diese Bewegung war ihr vertraut. Von Rose. Vorsichtig, aber trotzdem mit einem Anflug von Ungeduld und dem unvermeidlichen Resultat, dass er sich die Zunge verbrannte und die Hand mit dem Becher wegzuckte.

»Pfui!«

Er spuckte die Suppe aus.

»›Wir‹ machen überhaupt gar nichts, hörst du? Du bist kein Teil von einem ›wir‹. Das bist du nie gewesen. Dafür hast du dich entschieden, und dann kannst du nicht einfach kommen und die Spielregeln ändern.«

Der Inhalt seines Bechers hatte sich offensichtlich dank seiner vielen Worte abkühlen können, denn er nahm erneut einen Schluck und behielt ihn dieses Mal im Mund.

Er hatte sich verändert, dachte sie plötzlich. Er war nicht mehr so wie bei ihrer ersten Begegnung. Sie hätte nicht sagen können, was es war, aber etwas hatte sich verändert.

»Hat Miriam geredet?«, fragte er, weniger aufgebracht.

Sie nickte.

»Sie macht sich große Sorgen um dich.«

»Miriam, die glückliche Hure. Ich habe sie vor langer Zeit mal mit hierhergenommen und wirklich gedacht, ich könnte sie bekehren.« Seine Stimme triefte vor Sarkasmus: »Romantisches Wochenende zu zweit.«

Dicte versuchte, sich das vorzustellen, aber sie sah nur Miriam mit ihrer verschmierten Mascara vor sich.

»Ich konnte gestern Abend nicht so viel Glücklichsein an ihr entdecken. Genau genommen wirkte sie sehr unglücklich.«

Vielleicht hatte nicht er sich in Wirklichkeit verändert, dachte sie. Vielleicht bestand die Veränderung nur darin, dass sie seine unterschiedlichen Facetten kennengelernt hatte. Aus der Sicht der Zeugen: des Bauern aus Gjerrild, dessen Tochter Peter und seinen Hund Thor geliebt hatte. Des Zimmermeisters, der lobend über Peters Arbeitskraft geredet hatte. Miriams, die den Mann beweint hatte, der sich nicht helfen lassen wollte, aber sich auch nicht selbst helfen konnte.

»Sie mag dich sehr.«

»Was weißt du denn schon davon?«

»Sie hat geweint.«

»Miriam weint, wenn jemand eine Fliege tötet.«

»Erzähl mir von My.«

Er machte sofort zu. Sein Tonfall und sein Gesichtszug wurden hart und verschlossen. Wenn zuvor ein Hauch von Nachgiebigkeit in seinen Augen geflackert hatte, war die mit einer Bewegung davongefegt worden.

»Das geht dich überhaupt nichts an.«

»Miriam sagt, sie sei wie eine Schwester für dich.«

Er starrte sie an, ohne ein Wort zu sagen.

»Sie hat mir auch erzählt, dass sie abgehauen, verschwunden ist.«

»Das ist ja eine unerschöpfliche Informationsquelle, diese Miriam«, erwiderte er.

»Ist Cato auch verschwunden?«

»Hat Miriam das gesagt?«

Seine Stimme zitterte, seine Augen waren dunkel wie zwei Gewehrmündungen, die auf sie gerichtet waren.

»Nein, das habe ich mir erschlossen. Ich glaube nämlich, dass ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, ihm zu begegnen.«

Schweigend trank er von seiner Suppe.

»Wo?«, fragte er schließlich.

Zum ersten Mal gab es etwas, was er von ihr wissen wollte. Er klang auch viel ruhiger. Dicte sah ihn plötzlich auf einem Stein an der Klippe sitzen, mit Blick über die Küste bei Gjerrild, den Hund an seiner Seite. Ein friedvolles Bild. Vielleicht folgten beide einem Vogelschwarm mit den Augen oder einem Schiff auf den Wellen. Um sie herum gab es unendlich Platz: hoher Himmel, weites Meer. Die Botschaft dieses Anblicks war: Das war ihr Platz, dort gehörten sie hin.

»In deinem Haus. Ich habe dort nach dir gesucht. Aber er war vor mir da. Mit einem Jagdgewehr. Ich gehe davon aus, dass es geladen war.«

»Du bist ja viel rumgekommen.«

Der Sarkasmus war zurück. Aber er war ihr lieber als seine Wut. Sie erzählte ihm von ihrer Flucht, ihrer Begegnung mit dem Bauern und von dem Foto von sich, seiner Frau und der Tochter, das er ihr gezeigt hatte.

»Andrea.«

Er sagte es ins Feuer gewandt, das nur noch aus Glut bestand. Vielleicht ließ sie seine Stimme so warm klingen. »London. Sie wird es bestimmt super finden, oben in den Doppeldeckerbussen zu sitzen und alles sehen zu können.«

»Er hat mir erzählt, dass sie Thor so geliebt hat.«

»Sie waren die besten Freunde.«

Er klang fast träumerisch, doch dann riss er sich zusammen. Sein Kopf schnellte herum.

»So, und jetzt musst du gehen und mich in Frieden lassen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ohne dich gehe ich nirgendwohin.«

»Du mischst dich einfach so in mein Leben. Was gibt dir das Recht dazu? Warum interessiert dich das auf einmal?«

Die Frage war mehr als berechtigt. Sie führte sich wie ein Sheriff auf, der die Grenze zum Nachbarstaat überquert hatte. Sie hatte keine Gerichtsbarkeit, nur das Recht, das sie sich herausnahm.

»Sankt Dicte, oder was? Willst du deinen Heiligenschein zum Glänzen bringen? Willst du dich sonnen in der Bewunderung der Leute für diese mutige Journalistin?«

Er zwinkerte ihr zu. »Oder ist es, weil du mich so unbeschreiblich liebst?«

Die letzten Worte gewannen die Meisterschaft in Hohn. Zum ersten Mal spürte sie Wut in sich aufsteigen.

»Jemand hat mir eine E-Mail geschickt, in der steht, dass es schade sei, dass ich nicht mit dem Solarium in die Luft geflogen bin. Auf diese Weise bin ich in diesen Fall involviert. Und das bist du auch, obwohl ich mir wünschte, es wäre anders. Das Schicksal hat dafür gesorgt, dass sich unsere Wege erneut kreuzen.«

Sie starrten einander an.

»Ich habe am Anfang gedacht, dass du diese Mail geschrieben hast. Ich habe auf Facebook gesehen, dass du mit Rose Kontakt hattest.«

Er schenkte ihr ein Lächeln, und es war ihr unmöglich, es als freundlich oder gehässig zu lesen. Es war wie sein ganzes Wesen, schwer zu greifen.

»Wer sagt denn, dass ich es nicht getan habe?«