KAPITEL 60

Die Trillerpfeife ertönte und hallte durch den Raum, der Trainerassistent machte das Zeichen für ein Time-out. Die kleinen Spieler versammelten sich um ihren Trainer und steckten die Köpfe zusammen, bekamen eine scharfe Ansage vom Trainer, begleitet von einigen aufmunternden Worten. Dann nahmen sie sich alle an den Händen und sagten im Chor ihren Schlachtruf auf, die letzten Worte wurden in die Luft geschrien. Danach strömten die Handballspieler wieder zurück aufs Spielfeld, strotzend vor Selbstbewusstsein.

Francesca hatte sich in eine der hinteren Reihen gesetzt. Sie war quasi allein, die Halle war so gut wie menschenleer, abgesehen von den Eltern der Spieler und einigen wenigen Fans. Schließlich spielten hier eben keine Profispieler, sondern Kinder aus Lystrup in einem Freundschaftsspiel gegen Lisbjerg.

Die wenigen, die sie erkannten – und sie war nicht so naiv, zu glauben, dass sie sich inkognito in der Stadt bewegen konnte –, würden hoffentlich annehmen, dass sie das öffentliche Angebot für Kinder und Jugendliche in Augenschein nahm. Aber nicht die Spieler beobachtete sie, sondern den Trainerassistenten, denjenigen, der das Time-out eingefordert hatte. Villy Andersen nannte er sich jetzt.

Er war achtundfünfzig Jahre alt, wohnte in einer Zweizimmerwohnung in Lystrup, arbeitete in der Kirche der Kommune als Gemeindehelfer und bekleidete das Amt des Trainerassistenten bei den Jugendteams.

Sie holte ihre Brille aus der Tasche – die sonst nur selten zum Einsatz kam – und konnte ihn sich genauer ansehen. Er hatte sich nicht viel verändert. Man konnte jeden beliebigen Teil seines Körpers wählen und würde diesen als gewöhnlich beschreiben. Gewöhnlicher Körperbau, ein bisschen gedrungen. Gewöhnliche Körpergröße – der Pass sprach von einem Meter achtundsiebzig, aber unter Umständen war er mit zunehmendem Alter ein bisschen geschrumpft. Gewöhnliches Gesicht, das zum Rest des Körpers passte. Ultrakurzes Haar wie ein Soldat. Ein Stiernacken mit ausgeprägten Halsadern. Gerade Nase, eng anliegende Ohren, engstehende Augen. Schöner Mund. Freundlich. Unauffällig. Wenn man nur die Einzelteile betrachtete.

In der Halbzeit nahm er ein paar der Spieler beiseite und legte seinen Arm um ihre Schultern. Er beugte sich dicht zu ihnen hinunter, schüttelte sie hin und her, spielerisch, wuschelte in ihrem Haar und lächelte, fast liebevoll.

Die Eltern der Kinder saßen im Zuschauerraum. Sie sahen in ihm vielleicht auch nur eine Ansammlung von Einzelteilen. Francesca knautschte die Handtasche auf ihrem Schoß und dachte an den Punchingball und an die Stunden, die sie damit verbracht hatte. Nur ein einziges Ziel hatte sie immer gehabt: alles aus ihm herauszuprügeln. Auf ihm so brutal und unerbittlich herumzutrampeln, bis ihre Wunden und ihr Hass sich in Tod verwandeln würden.

Kaum hatte die Trillerpfeife das Ende des Spiels verkündet, strömten die Kinder in alle Richtungen. Der Sieg war an die Gastgeber gegangen. Die Lystrup-Liliputaner waren den anderen haushoch überlegen gewesen.

Sie stand auf und ging die Treppe zum Spielfeld hinunter. Sie musste sich dazu zwingen, war aber gleichzeitig dankbar, ihm an einem öffentlichen Ort zu begegnen.

»Villy.«

Sie benutzte seinen neuen Namen. Er wirbelte herum, sie konnte an seinen Bewegungen sehen, dass er ihre Stimme erkannt hatte.

»Fran!«

Er kam auf sie zu. Sie hatte sich oft vorgestellt, wie wohl eine Begegnung mit ihm sein würde. Sie hatte gehofft, sie wäre stark genug und könnte ihm entgegentreten. Aber er war ihr nach wie vor überlegen, das spürte sie. Sein Blick wich keine Sekunde von ihr, mit unglaublicher Sogkraft, ließ ihren freien Willen schwanken. In Gedanken hielt sie ein Kreuz in die Luft, um ihn abzuwehren.

»Ich höre und lese so viel über dich. Wie geht es dir?«

Er griff ihre Hände, und sie begrüßten sich mit einem Kuss auf die Wange. Seine Lippen waren kühl.

»Danke. Gut.«

Mehr bekam sie einfach nicht heraus.

»Dich drehen sie ja im Moment ganz schön durch die Medienmangel, was? Das muss weh tun.«

Weh tun, dachte sie. Du hast keine Ahnung davon, was Schmerz ist.

»Das geht schon«, stieß sie hervor. »Ich überlebe das.«

Als er die Hand hob, dachte sie, er wolle sie ohrfeigen. Instinktiv wich sie aus, wie ein scheuer Hund. Sie sah Genugtuung in seinen Augen aufblitzen, als er dann die Hand zum Kopf hob, um sich über die Stoppeln zu streichen.

»Wie hast du mich gefunden? Über Shirley?«

Natürlich hatte Shirley ihn angerufen. Natürlich war er auf ihren Besuch vorbereitet gewesen. Wie dumm sie war. Sie nickte.

»Es war unmöglich, dich über die offiziellen dänischen Kanäle ausfindig zu machen, sogar für jemanden wie mich.«

»Gut. So war es ja auch gedacht.«

In der Halle herrschte Aufbruchsstimmung. Die Spieler verschwanden in den Umkleidekabinen zum Duschen mit Taschen und Handtüchern. Der Trainer und ein paar Freiwillige begannen aufzuräumen. William sah auf die Uhr. Dann senkte er die Stimme.

»Du, wir können jetzt hier nicht ewig herumstehen. Aber ich wohne ganz in der Nähe. Wir könnten uns bei mir treffen, sagen wir in einer Stunde?«

Sie hatte keine Lust, aber hatte sie eine Wahl? Er gab ihr die Adresse, und sie gab vor, die Zeit ohne Probleme für Einkäufe nutzen zu können. Dann setzte sie sich ins Auto und fuhr zu Netto und zum Metzger, während sie krampfhaft versuchte, die Angst unter Verschluss zu halten, und sich einredete, dass er keine Bedeutung mehr für ihr Leben hatte. Aber in ihr war das Bild eines zerfetzten Punchingballs.

 

Eine Stunde später stand sie vor seinem Wohnhaus aus gelbem Backstein, älteren Datums und ganz in der Nähe des Bahnhofs. Ganz schön tief gesunken, dachte sie, wenn man es mit den Jahren in England und ihrer gemeinsamen Zeit in Dänemark verglich.

Sie sah auf die Uhr. Sie war fünf Minuten zu früh, weshalb sie noch ein Stück durch die Siedlung lief und erfolglos versuchte, die Erinnerungen auf Abstand zu halten. Aber sie waren stärker: ihre erste Begegnung, als sie nach dem Abitur als Aupair nach Sussex in die Familie der Sinclairs gekommen war. Sie hatte ihn schon an ihrem ersten Tag dort getroffen. William stammte aus gutem Hause, wohnte in einer kleinen Wohnung im Nachbarhaus, hatte gerade seine Ausbildung beendet und große Pläne für die Zukunft. Er ging bei den Sinclairs ein und aus wie ein Sohn des Hauses – erst viel später erfuhr sie, dass er mit Frau Sinclair ein Verhältnis gehabt hatte.

Francesca betrachtete die Steinplatten unter ihren Füßen, achtete sorgsam darauf, nicht auf die Fugen zu treten. Sie erinnerte sich an die Verliebtheit zwischen ihnen als eine schnelle, heftige und sehr heimliche Angelegenheit. Er war zwölf Jahre älter als sie, kannte die Welt und hatte die Fähigkeit, seine Worte so zu wählen, dass ihm alle alles glaubten. Sie hatte ihn vorbehaltlos bewundert. Vielleicht hatte sie deshalb nie gewagt, ihm Fragen zu stellen oder in seiner Vergangenheit zu bohren, in der es Ungereimtheiten gab, die er ihr aber nie näher erklärte. Dazu gehörte zum Beispiel der Tod zweier seiner drei Schwestern, die an einer mysteriösen Krankheit gestorben waren.

»Fran?«

Sie sah ihn die Straße heraufkommen, die Sporttasche über die Schulter geworfen. Er trug jetzt Jeans, Sweatshirt und Lederjacke. Seine soliden schwarzen Stiefel vermittelten den Eindruck, einen Mann vor sich zu haben, der sein Leben im Griff hatte. Er lächelte sie an und holte einen Schlüssel aus der Jackentasche.

»Lass uns hochgehen und einen Kaffee trinken. In meinem bescheidenen Heim.«

Dann fügte er fröhlich hinzu. »Ich verreise nur noch mit leichtem Gepäck. Eins, zwei und drei, und ich kann aufbrechen mit allem, was ich brauche. Das ist mir sehr wichtig.«

»Das kann ich gut verstehen.«

Die Wohnung verursachte ihr Übelkeit. Sie erkannte Gegenstände wieder, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Familienerbstücke von ihm: eine Kommode; die Degas-Kopie einer Balletttänzerin aus Bronze; das Gemälde einer Treibjagd mit Hunden über der Kommode. Sie erinnerte sich daran, wie oft der Anblick sie mit Grauen erfüllt hatte: der panische, chancenlose Fuchs; die Hunde im Blutrausch; die Jäger auf ihren Pferden mit steifen Blicken. Das unsichtbare Netz, das sich langsam immer enger um die Beute zog.

Aber er hatte sich neue Möbel gekauft. Sie waren leichter und heller. Und an der Wand hing ein Flachbildschirm. Ein gelber Kanarienvogel saß in seinem Käfig und sah einsam statt fröhlich aus.

»Ich konnte die alten Möbel nicht behalten. Allein der Sessel hätte den ganzen Platz im Wohnzimmer eingenommen«, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Die hier sind gut, billig und bedeutungslos. Ikea ist genau richtig. Setz dich doch.«

Sie gehorchte und ließ sich auf einen freischwingenden Sessel sinken. Er machte Kaffee in der kleinen Küche, was sie entspannte, weil er beschäftigt war und sich nicht darauf konzentrieren konnte, Böses zu tun. Währenddessen versuchte sie, ihre Strategie auszufeilen, aber die löste sich in nichts auf, als er mit einem Tablett in den Händen ins Wohnzimmer kam und Kaffee eingoss.

»Du bist ja eine richtig große Nummer in der Stadt geworden, muss man schon sagen. Stadträtin, jetzt Bürgermeisterkandidatin. Und zu guter Letzt auch noch der rettende Engel, habe ich gelesen. Glückwunsch.«

»Und du? Neuer Name, neuer Job?«

Er nickte.

»Jeder kann jederzeit ein neues Leben anfangen, sage ich immer. Meins ist bescheiden. Ich arbeite als Gemeindehelfer in der Kirche.«

Sie sah es vor sich. Die Finger immer in der Nähe vom Rohmaterial: den Kindern. Immer Kinder. Aber sie war nicht mehr Teil dieses Spiels, was sie irgendwie erleichterte. Sie vermied auch, ihn weiter zu der Namensänderung zu befragen, aber wahrscheinlich hatte er Drohungen erhalten und sich schließlich für den einfachsten Weg entschieden.

»Ich habe E-Mails geschickt bekommen«, sagte sie und setzte die Kaffeetasse ab. »Morddrohungen.«

Er lachte auf. Er konnte auf die verschiedenste Art und Weise lachen, dieses Lachen gehörte nicht zu der schlimmsten.

»Was erwartest du denn? Du steckst deine Nase überall rein, Fran.«

»Aber alle Details, die in den Medien breitgetreten wurden … Da gibt es jemanden, der die Presse mit diesen Informationen versorgt.«

Ihr gefiel die Rolle der Bemitleidenswerten nicht, es erinnerte sie zu sehr an die Rolle eines Opfers. Ein weiteres Lächeln, auch dieses noch im Bereich des Ungefährlichen.

»Diese Geschichten kann man doch alle herausbekommen, wenn man will. Auf jeden Fall stammen sie nicht von mir, das weißt du aber, oder?«

Sie beeilte sich zu nicken.

»Nein, das habe ich auch nie geglaubt. Ich wollte von dir nur hören … wie du es damals erlebt hast. Du weißt schon, der Tag mit Jonas. Vor fünfzehn Jahren.«

Seine Hand schoss nach vorne und griff die Kaffeekanne. Sie fuhr zusammen und hoffte inständig, dass er es nicht bemerkt hatte.

»Wie ich diesen Tag erlebt habe? Das ist aber eine sonderbare Frage. Du meinst den Tag, an dem er starb?«

Natürlich meinte sie diesen Tag, das wusste er doch ganz genau. Sie nickte.

»Warum?«

»Weil es jemanden gibt, der die Geschichte kennt. Dort draußen läuft einer rum, der über alles Bescheid weiß.«

»Über was Bescheid weiß, Fran?«

Sie schloss die Augen. Sie hatte gehofft, er würde sie nicht so quälen, aber das war wahrscheinlich zu viel verlangt in Anbetracht der Tatsache, wie sehr er solche Situationen genoss.

»Wie Jonas starb. In meiner Erinnerung wussten nur wir beide davon. Du und ich. Darum frage ich dich jetzt: Irre ich mich?«

Lange saß er schweigend da und starrte sie an.

»Ja«, sagte er schließlich. »Du irrst dich. Aber das weißt du tief in dir, stimmt’s? Du weißt, dass es noch eine dritte Person gab, aber du willst dich nicht erinnern.«