»Es sieht aus wie eine Liquidierung. Aber er ist außer Lebensgefahr, sagen die Ärzte.«
»Bei McDonald’s? Durchs Fenster?«
Wagner setzte sich im Bett auf und suchte mit den Füßen am Boden nach seinen Hausschuhen. Ida Marie bewegte sich unruhig im Bett, schlief aber gleich wieder ein, als er mit seinen Kleidungsstücken überm Arm und dem Handy am Ohr aus dem Schlafzimmer hinunter ins Wohnzimmer schlich.
»Ein sogenanntes ›drive-by-shooting‹«, erklärte der wachhabende Beamte. »Wollen Sie die Namen von den Kollegen haben, die zuerst vor Ort waren?«
Wagner machte sich Notizen, während Kollege Heinesen die Namen der Beamten vom Bereitschaftsdienst aufsagte, die spät am Abend zum Tatort in den Randersvej gerufen worden waren.
»Und wie hieß das Opfer?«
»Ein Omar Said, zweiundzwanzig Jahre alt. Ist bisher nicht aktenkundig geworden, soweit wir das sagen können, aber Martinsen ist der Ansicht, er würde aussehen wie der eine Bombenmann mit dem Rucksack. Er saß mit einem bei McDonald’s, den du eigentlich kennen müsstest: Zeraf Hazim, ein führendes Mitglied der Haslebande.«
»Danke«, sagte Wagner. »Ich übernehme ab jetzt.«
Ein Blick auf die Uhr: 23:30. Er rief Ivar K an und verabredete einen Treffpunkt. Dann zog er sich an, schrieb Ida Marie eine SMS und fuhr das Auto aus der Garage. Es war kühl.
Während er durch die Dunkelheit den Viby Ringvej entlangfuhr, klangen die Worte des wachhabenden Beamten in seinen Ohren nach. Liquidierung. Drive-by-shooting. Die offizielle Pressestrategie der Polizei hingegen war, in der Öffentlichkeit die Konfliktbereitschaft zwischen den Einwandererbanden und den Rockern herunterzuspielen. Er hoffte darum, dass der Kollege seine Ausdrucksweise mäßigen würde, wenn er mit jemandem außerhalb der Mauern des Polizeipräsidiums sprechen sollte. Das war eine Gratwanderung. Zwar sollte man sich nicht unnötig zum »Baghdad Bob« machen und Offensichtliches in der Presse abstreiten: So wie Saddam Husseins Informationsminister im Irakkrieg, der abgestritten hatte, dass die Amerikaner in Bagdad eingefallen seien, obwohl sie praktisch vor seiner Haustür standen. Auf der anderen Seite konnten so starke Ausdrücke wie »Bandenkrieg« und »Vergeltungsschlag« provozieren und noch mehr Unruhe erzeugen. Intern war es der Polizei bekannt, dass die Rocker mehrere Morde an namhaften Anführern der Einwandererbanden planten. Dennoch schien es den Behörden sinnvoller, dieses Wissen der Öffentlichkeit gegenüber abzustreiten, obwohl einige Zeitungen in Umlauf gebracht hatten, dass eine Liste mit Namen jener existierte, die demnächst liquidiert werden sollten.
Er bog in den Randersvej ab und sah sofort die Einsatzwagen von Polizei und Spurensuche vor McDonald’s stehen. Er stutzte, als sein Blick auf einen Wagen fiel, der ihm sehr bekannt vorkam. Wenn er sich nicht irrte, war das Lena Lunds leuchtend weißer Opel, der direkt vor dem Restaurant hielt, so dass sich das Licht in den glänzenden Fensterscheiben spiegelte. Was hatte sie an einem Tatort zu suchen, zu dem sie nicht gerufen worden war? Kein Polizist fuhr in seinem Privatauto zum Tatort. Der Weg über die Polizeidirektion war unumgänglich, um die wichtigsten Informationen, seine Waffe, Handschellen und wenigstens einen Dienstwagen mit Funkverbindung gestellt zu bekommen. Wer hatte Lena Lund Bescheid gegeben? Wie lautete ihr Auftrag? Sein Unbehagen nahm noch zu, als er sich ein Paar blaue Überschuhe anzog und schon von weitem die beiden Kollegen Ivar K und Lena Lund wild gestikulierend im McDonald’s stehen sah. Die Zeugen und das Personal hielten sich im hinteren Teil des Fast-Food-Ladens auf, um der Spurensicherung nicht im Weg zu stehen. Als er über das Absperrband stieg und die Tür aufzog, konnte er die verbissene Auseinandersetzung der beiden hören, in der Ausdrücke wie »zufälligerweise«, »Subversion« und »Idiot« fielen.
Er atmete tief durch, während er an dem Aquarium mit den Karpfen im Neonlicht vorbeiging. Ein Techniker zeichnete weiße Kreise um die Spuren des Anschlags.
»Guten Abend. Was haben wir denn hier?«
Ivar K platzte fast vor Wut.
»Sie behauptet, dass sie ganz zufällig auf dem Weg von einer Familienfeier hier vorbeigekommen ist. Aber ich sage, jemand hat ihr einen Tipp gegeben.«
Lena Lunds Gesichtsausdruck blieb vollkommen neutral.
»Ich war auf dem Weg nach Hause. Ich habe sofort gesehen, dass hier etwas passiert ist, deshalb habe ich sofort umgedreht und bin zurückgefahren.«
Wagner entschied sich zu schweigen, statt nichtssagende Kommentare abzugeben.
»Da saßen zwei im Auto«, fuhr Lena Lund fort. »Die fuhren ganz dicht am Bürgersteig vorbei, und der Mann auf dem Beifahrersitz feuerte zwei Schüsse aus einer Pistole ab. Das Auto war schwarz. Die Nummernschilder sollen mit ZP beginnen, sagt ein Zeuge, der am Nachbartisch saß.«
Es gab tatsächlich zwei Einschusslöcher, die ihren Weg durch die Scheiben gefunden und ein Netz aus feinen Rissen verursacht hatten. Wagner überprüfte die Einschüsse, das hätte weitaus schlimmer enden können. Ein Unschuldiger hätte getroffen werden können, ein Kind oder ein Erwachsener. Unfreiwillig musste er an die Male denken, an denen er mit Alexander nach dem Schwimmen einen Burger essen gegangen war. Damals, als sie solche Sachen noch zusammen unternommen hatten.
Als er sich umdrehte, sah er, dass Hans Martinsen von der Bereitschaft mit ausgestreckter Hand auf ihn zukam. Das enthob ihn der Verantwortung, Lena Lunds Ermittlungsergebnisse zu kommentieren, und er überließ sie für einen Moment noch Ivar K.
»Wo wurde er getroffen?«
»Es waren ein Streifschuss am Hals und ein Steckschuss in der Schulter«, sagte Martinsen. »Er hat Riesenglück, dass er noch am Leben ist.«
»Und wo ist er jetzt?«
»Im Kreiskrankenhaus, dem alten. Sein Kumpel ist sofort verschwunden, als der Krankenwagen kam, wurde mir gesagt.«
»Und der war vor euch da?«
Er nickte. »Einen Wimpernschlag. Wir waren ganz draußen in Tilst und trotzdem am nächsten dran.«
»Weißt du, ob man ihn schon verhören kann?«
Martinsen zuckte mit den Schultern.
»Ihr könnt es drauf ankommen lassen. Aber ich glaube, es müsste gehen.«
»Und du bist der Meinung, dass es unser Mann sein könnte? Von der Østergade?«
Hans Martinsen war ein erfahrener Polizist, und Wagner war immer der Ansicht gewesen, dass man sich auf dessen Einschätzung verlassen sollte.
»Da bin ich mir ziemlich sicher.«
»Wer hat ihn begleitet?«
»Zwei von unseren. Alex Jensen und K. A. Lindegaard. Damit sich niemand versucht fühlt, den Job zu beenden.«
»Sehr gut.«
Wagner fasste einen Entschluss und nickte Lena Lund zu.
»Sie übernehmen die Zeugenaussagen. Sie sind ja schon bestens eingearbeitet. Und du, Ivar, kommst mit mir ins Krankenhaus.« Und mit einem Blick zu Lena Lund fügte er hinzu: »Wir sehen uns morgen früh um neun im Büro!«
Er wartete keine Antwort ab, sondern wandte sich zum Gehen und nahm es als eine Selbstverständlichkeit, dass Ivar K ihm auf den Fersen folgte.
»Bitte, was hat die da am Laufen?«
Ivar Ks lange Arme beschrieben große Kreise, als er Wagner eingeholt hatte.
»Beruhig dich, wir nehmen meinen Wagen.«
»Sie muss einen Kontakt bei der Bereitschaft haben«, entschied Ivar K, während er sich in Wagners Passat warf und anschnallte. »Blöde Tussi. Glaubt wohl, die kann hier einfach auftauchen und sich überall reindrängeln. Wozu soll das gut sein?«
Ja, wozu sollte das gut sein? Was hatte Lena Lund auf ihrer Agenda, wenn sie denn eine hatte? War es Hartvigsen, der ihm mithilfe von Lena Lund im Nacken saß? Wagner setzte zurück, blinkte, bog auf den Randersvej ein und fuhr Richtung Krankenhaus. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass Lena Lund ihn angelogen hatte, dass sich die Balken bogen.
Im Krankenhaus mussten sie noch zwei Stunden warten, ehe sie den Verletzten befragen konnten, der von zwei Beamten bewacht wurde.
Wagner erkannte in Omar Said sofort den Mann von der Überwachungskamera. Er war gutaussehend, unverkennbar arabischer Herkunft. Seine Haut wirkte vor dem Hintergrund des weißen Bettlakens noch dunkler. Er hatte einen buschigen, pechschwarzen Bart und kurze Haare in derselben Farbe. Sein Gesicht und seine Nase waren schmal und lang und sahen irgendwie traurig aus, seine Augen allerdings betrachteten ihn voller Skepsis. Das Kopfteil war hochgestellt, so dass er quasi aufrecht im Bett saß, mit verbundenem Arm und einem dicken Verband um den Hals. Mehrere Verwandte des Verletzten hatten sich im Krankenzimmer versammelt, alle mit ähnlich dunkler Hautfarbe und ähnlichen Gesichtszügen. Die Frauen trugen Kopftücher. Bei einigen von ihnen wirkte das stramm sitzende weiße Kopftuch wie ein modisches Accessoire, das dazu diente, ein hübsches Gesicht einzurahmen. Die Männer trugen westliche Kleidung. Alles in allem sah es aus wie ein Krankenzimmer einer modernen dänischen Familie mit Migrationshintergrund.
Die beiden Beamten baten die Familienangehörigen, das Zimmer zu verlassen, woraufhin Wagner und Ivar K alles andere als freundliche Blicke kassierten. Dann wendeten sie sich an den Verletzten.
»John Wagner. Ich bin von der Polizei Ostjütland, Kriminaldezernat. Das ist mein Kollege Ivar Kristiansen. Wir hätten ein paar Fragen, die wir Ihnen gerne stellen würden.«
Omar Said starrte mit ausdruckslosem Gesicht in den Raum vor sich. Etwas sagte Wagner, dass diese Befragung schwer werden würde. Deshalb entschied er sich, es anders zu versuchen.
»Haben Sie Schmerzen? Sagen Sie Bescheid, wir holen den Arzt.«
Der Mann starrte weiter geradeaus, reglos.
»Sie hatten großes Glück«, schloss sich Ivar K dieser Taktik an. »Die sagen, Sie sind in ein paar Tagen hier raus.«
Weiterhin keine Reaktion.
»Konnten Sie sehen, wer geschossen hat?«, fragte Wagner und stellte sich direkt vor Said, der daraufhin seinen Blick ein Stück zur Seite wandte. »Konnten Sie jemanden wiedererkennen?«
»Sie können sich das alles sparen«, sagte der Mann plötzlich. »Ich habe nichts zu sagen. Sie können mir gerne alles Mögliche vorwerfen, aber ich werde mich nicht dazu äußern.«
Das war zwar nichts Ungewöhnliches, dennoch war Wagner irritiert. Schweigen konnte einem im Bandenkrieg das Leben retten. Denn derjenige, den man heute verpfiff, konnte einen morgen schon auf offener Straße abknallen.
»Sie haben eine Bombe in dem Solarium in der Østergade angebracht«, sagte Ivar K. »Das können wir beweisen.«
»Dann tun Sie das doch.«
»Wir haben sowohl Augenzeugen als auch Aufnahmen einer Überwachungskamera, die zeigen, dass sie am 11. September, dem Jahrestag des Terroranschlags gegen das World Trade Center in New York, von der Fußgängerzone in die Østergade abgebogen sind und das Solarium mit einem schweren Rucksack betreten haben. Zwei Minuten später haben Sie das Geschäft wieder verlassen. Mit einem wesentlich leichteren Rucksack.«
»Das war ich nicht.«
»Wo waren Sie dann am Dienstag zwischen 14:30 und 15:30?«
»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich mich dazu nicht äußern werde.«
»Wenn Sie sich nicht äußern wollen, können Sie auch nicht die Anschuldigung zurückweisen, dass Sie auf den Aufnahmen zu sehen sind«, entgegnete Ivar K.
»Ich war auf einem Familienfest.«
»Zeugen?«
Wagner war sich sicher, dass Omar Said mit einer langen Liste von Zeugen aufwarten konnte. Ein zufriedener Ausdruck strich über sein Gesicht, als er antwortete:
»Meine Familie: mein Vater, meine Brüder, Cousinen, Tanten und Onkel.«
»Haben Sie die Bombe selbst gebaut?«, fragte Ivar K.
Die Frage schien ihn geradezu zu belustigen. Seine Augen blinzelten. Wagners Hoffnung löste sich auf, als Said sagte: »Hören Sie. Sie werden mich niemals mit dieser Sache in Verbindung bringen können, derer Sie mich beschuldigen. Sie werden keine Beweise finden. Ich war das nicht. Ich bin nicht der, nach dem Sie suchen.«
Ihre Blicke trafen sich, und Wagner musste sich eingestehen, dass er soeben die zweite Lüge des Tages aufgetischt bekommen hatte, ohne irgendetwas dagegen ausrichten zu können.