»Weiterbildung? In London?«
Hatte sie davon gewusst? Vielleicht. In den letzten Monaten hatte sie Schwierigkeiten gehabt, sich alle Einzelheiten zu merken.
»Ich glaube sogar, dass du dir das in deinen Kalender geschrieben hast«, sagte Bo. »Weißt du, wo meine Tasche ist?«
Diese Tasche war keine gewöhnliche Tasche. Sie war wie ein verbrauchtes Gesicht, das schon viel erlebt und gesehen hatte. Sie war braun und höchst unpraktisch aus Leder, übersät mit Aufklebern und Narben von den verschiedensten Konfliktherden und Ecken der Welt. Außerdem war der Schulterriemen kaputt. Selbstverständlich liebte Bo diese Tasche.
»Im Schrank, rechts, glaube ich.«
Er wühlte im Regal und zog schließlich das Monster heraus. Die Erinnerung an gefährliche Missionen, von denen er in buchstäblich letzter Minute nach Hause gekommen war, schossen ihr in den Kopf bei dem Geruch des Leders. Aus diesem Grund hatte sie die Tasche auch in die hinterste Ecke des Schrankes gestopft, fiel ihr wieder ein.
»Wer kommt denn sonst noch mit? Jemand, den man kennt?«
Sie setzte sich auf die Bettkante. Er würde eine Woche weg sein, aber dieses Mal war es kein gefährlicher Auftrag. Trotzdem machte es sie nicht froh.
Er antwortete nicht sofort, sondern ging ins Badezimmer, um seine Sachen einzupacken.
»Das wird bestimmt stinklangweilig«, rief er von dort. »Du kennst mich doch, nach zwei Stunden auf der Schulbank werde ich nervös.«
»Kommen noch andere von Avisen mit?«
Er tauchte wieder im Zimmer auf mit seinem faltbaren Necessaire im Arm, das man an einen Haken im Zelt aufhängen konnte. Bo war nie beim Militär gewesen und war ansonsten ein sehr friedliebender Mensch, aber auf Reisen hatte er eine ausgesprochene Vorliebe für armeeerprobte Ausrüstungen. Er hatte auch keine Probleme damit, in der digitalen Welt von heute das klassische khakifarbene Modell der Fotografenweste mit einer Million unnötiger Taschen anzuziehen. Ein bisschen Macho musste man schon sein dürfen.
»Jens Christian Poulsen von der Auslandsredaktion. Den kennst du doch? Sonst weiß ich keinen.«
»Dann wird es doch bestimmt lustig.«
Sie sagte das, weil sie wusste, dass Poulsen als Erstes die lokalen Kneipen inspizierte und gerne Partys organisierte. Hatte sie wirklich von diesem Fortbildungstermin gewusst? Sie musste das unbedingt in ihrem Kalender überprüfen.
»Hast du Rose angerufen?«
»Noch nicht.«
Sie sah ihm beim Packen zu. Das dauerte nie lange. Währenddessen arbeitete ihr Kopf auf Hochtouren, wie sie Rose dazu bewegen könnte, ihr von Ry und ihrem Treffen mit Peter Boutrup zu erzählen. Parallel dazu meldete sich ihre alte Unruhe wieder zu Wort, und ganz automatisch tauchte das starke Bedürfnis auf, einfach nach der Tablettenbox zu greifen. Das wäre so einfach. Damit könnte sie auch diese Woche ohne Bo überstehen, in der die Einsamkeit sie überfallen würde. Niemand zu Hause. Nur sie, allein mit ihren tausend Gedanken und dem schleichenden Verdacht, dass sie nicht klarkam. Wie hatte es so weit kommen können, dass sie von so wenig in Angst und Schrecken versetzt werden konnte? Oder doch von so viel?
Bo sah sie mit einer Nüchternheit an, die ihr gar nicht gefiel, während er seine Tasche zumachte.
»Mach dich locker. Du wirst das prima schaffen. Du brauchst mich überhaupt nicht.«
Darüber hatten sie schon so oft gesprochen, die ewige Wiederholung tat ihr in den Ohren weh. Ihm musste es genauso gehen.
»Du machst doch ohnehin, was du für richtig hältst«, sagte er und streichelte seine Tasche wie einen guten, alten Freund. »Ganz egal, was ich sage oder mache.«
»Das stimmt doch gar nicht. Ich tue doch das, was du sagst. Ich versuche, ihn zu finden.«
Er nickte freundlich.
»Aber wenn du ihn dann gefunden hast, ist es vorbei. Dann gehst du solo weiter, wie immer. Dann ist es dir nämlich egal, wer hinter den Kulissen steht und sich um dich Sorgen macht, weil er dich liebt.«
Er trat auf sie zu und nahm ihr Gesicht in seine Hände.
»Du glaubst, du bist abhängig von diesen Tabletten, und kämpfst wahnsinnig, um von ihnen loszukommen. Aber das Einzige, was dich richtig high macht, ist gerade diese Spannung, wenn es gefährlich wird.«
Er lächelte.
»In dieser Hinsicht sind wir gar nicht so verschieden.«
Waren sie einen Schritt weitergekommen? Hatte er diese Erkenntnis gefunden, dass sie einander loslassen mussten, um sich wieder finden zu können? Dass sie hinaus in die Welt mussten, um diese zu spüren, um einander wieder berühren und spüren zu können?
»Ich finde, du solltest Rose anrufen.«
Vielleicht rief sie aus Trotz nicht sofort an, sondern setzte ihn an der Haltestelle der Flughafenbusse ab und fuhr raus nach Süden, Richtung Odder, auf Matti Jørgensens Hof. Es war schon spät, die Dämmerung umhüllte das Anwesen und machte es fast unmöglich, das Schild von Inger-Kirstine-Fashion zu erkennen.
Das Haus war dunkel, aber unter der Garagentür schien Licht hindurch, und schon von weitem hörte sie Musik. Es klang nach Metal-Rock, Bo hätte die Band bestimmt gekannt. Matti Jørgensen sah aus, als hätte er seit ihrer letzten Begegnung weder Overall noch Sweatshirt gewechselt. Er hantierte mit einem Schraubenschlüssel herum, hatte Motorenöl an den Händen und schwarze Flecken im Gesicht. Das Motorrad, das bei ihrem letzten Besuch draußen auf dem Rasen gestanden hatte, thronte in der Mitte der Garage und war ganz offensichtlich der Mittelpunkt seiner Anstrengungen und Aufmerksamkeit.
»Ja, bitte?«
Er sah nicht feindselig aus, aber auch nicht gerade freundlich. »Ich gehe davon aus, dass Sie von der Fahndung gehört haben?«
Er nickte, ließ sie rein und schloss hinter ihr sorgfältig die Tür.
»Ich hab es im Fernsehen gesehen.«
»Und was glauben Sie?«
Er schüttelte seinen großen Kopf, so dass sich die tätowierten Zungen an seinem Hals wanden. Dann kniete er sich neben sein Motorrad.
»Das ist schwer zu beuteilen«, sagte er.
Er löste eine Schraubenmutter und sah zu ihr hoch. »Ich glaube nicht, dass er so dumm wäre. Das ist meine Meinung.«
Er drehte vorsichtig die Mutter ab und legte sie auf eine Zeitung, die er neben sich auf dem Boden ausgebreitet hatte.
»Aber der sitzt ganz schön in der Tinte«, fügte er hinzu.
Sie kniete sich ebenfalls hin und sah ihm bei der Arbeit zu. Es hatte etwas Zärtliches und fast Feierliches, wie diese großen Hände die kleinen Teile des Motorrads berührten. Sie hatte keine Ahnung von diesen Maschinen, deshalb schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, ob er mit seiner Frau ähnlich zart umging. Eine Stimme in ihr sagte, dass das wahrscheinlich nicht der Fall war.
»Wissen Sie, wo er vor dem Knast gewohnt hat? Auf einem Bauernhof, stimmt das? Hatte er den gemietet? Und hat er einen Job?«
Während sie ihre Fragen stellte, wurde ihr bewusst, wie wenig sie über ihn wusste. Hatte ihr Sohn eine Ausbildung gemacht? Hatte er überhaupt jemals einen Job gehabt oder sein Leben lang von Sozialhilfe gelebt?
»Ich glaube, er hat wahrscheinlich als Zimmermann gearbeitet oder so was Ähnliches«, hörte sie, während sie auf Jørgensens Rücken starrte, er verharrte tief gebeugt über seiner Maschine. »Ich glaube, er hat auf Djursland gewohnt. In der Nähe von Grenå, so was. In irgendeinem Kaff da.«
Er stand auf und holte sich einen Lappen aus einer Tüte, die am Türgriff eines Schrankes hing.
»So, mehr gibt es nicht. Ich weiß auch nicht, warum ich Ihnen überhaupt so viel erzähle.«
»Als er damals verhaftet wurde, war das da? War das nicht auf diesem Bauernhof?«
Matti Jørgensens Gesicht blieb ausdruckslos, während er gewissenhaft das Motorrad mit dem Lappen polierte. Er antwortete nicht.
»Wissen Sie, was damals passiert ist?«
Er seufzte und hörte auf zu polieren.
»Verdammt noch mal, sind Sie hartnäckig. Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe? Mehr gibt es nicht.«
Sie überlegte kurz, ob sie ihm sagen sollte, dass sie von den krummen Geschäften seiner Inge-Kistine wusste, entschied aber dann, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, frech zu werden.
Als sie nach Hause kam, hatte Rose zwei Nachrichten hinterlassen, auf dem Festnetz und auf ihrem Handy, das sie auf lautlos gestellt hatte. Es war zwar schon nach zehn Uhr, aber sie rief dennoch zurück.
»Er ist überhaupt nicht gekommen«, sagte eine offenkundig empörte Rose, die ebenfalls ferngesehen hatte. »Er ist einfach nicht gekommen.«
»Was weißt du von ihm? Wo hält er sich auf?«
Das war wahrscheinlich nicht die beste Taktik, aber sie war müde und wollte endlich Antworten haben. Bo war weit weg, und in ihr trugen Besonnenheit und Verzweiflung einen harten Kampf aus.
»Das weiß ich nicht.«
»Aber er wollte sich doch in Ry treffen. Hat er dir gegenüber angedeutet, dass er in Ry wohnt? Oder wenigstens in der Nähe?«
»NEIN, Mama, das hat er NICHT!«
»Wie oft habt ihr euch geschrieben? Hast du noch was davon auf deinem Rechner?«
»Ich habe alles gelöscht«, log Rose, ohne sich besonders viel Mühe dabei zu geben. »Das geht dich nämlich gar nichts an.«
»Er wird wegen Mordes gesucht.«
»Dann geht es wohl eher die Polizei etwas an.«
»Dann gib es denen.«
»Das würdest du mir doch nie verzeihen. Es soll doch niemand wissen, dass du die Mutter eines Mörders bist, oder? Vielleicht sogar eines zweifachen Mörders.«
»Hat er dir gegenüber jemals Grenå erwähnt? Oder eine kleine Ortschaft in der Nähe? Hat er dir von seiner Vergangenheit erzählt?«
»Warum willst du ihn so unbedingt finden? Es ist nämlich nicht sicher, ob er von dir gefunden werden will.«
Die Müdigkeit, die sie überfiel, war kolossal. Sie erhob sich vor ihr wie eine gigantische Mauer und drohte sie zu zerquetschen.
»Vielleicht kann ich ihm helfen.«
War das wirklich ihr Motiv? Oder wollte sie vielmehr sich selbst helfen?
»Es ist nicht sicher, ob er sich helfen lassen will«, erwiderte Rose.