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Vor Schreck schieße ich etwa einen Meter in die Luft, bevor mir klar wird, dass diese tiefe, grollende Stimme einem Mädchen gehört.

Ich drehe mich um. »Sahara!«

»Hallo, Alice«, erwidert sie, die Stimme erstickt von Trauer. »Ach, Alice.«

Sahara breitet die muskulösen Arme aus und drückt mich viel zu fest an ihre Brust. Sie ist eine von diesen megasportlichen Amazonen; wir haben immer rumgewitzelt, dass sie später mal als Meggies Bodyguard arbeiten könnte.

Im Moment aber strahlt sie etwas so Bedürftiges aus, dass ich das Gefühl habe, sie zu trösten und nicht andersrum.

Schließlich lässt sie mich los und in ihren erstaunlich langen Wimpern glitzern Tränen. »Oh Gott, Alice, als ich dich gerade gesehen habe, dachte ich, mir wäre ein Geist erschienen.« Sie blinzelt und zwei Tränen rollen über den Damm aus Wimpern und rinnen ihre leicht aknevernarbten Wangen hinunter.

»Aber ich sehe doch gar nicht aus wie sie, Sahara.«

»Doch, tust du, im Ernst.« Sie mustert mich genauer. »Okay, vielleicht auch nicht. Kann auch daran gelegen haben, wie du gesessen hast. Und vor allem, wo du gesessen hast. Du weißt doch, dass das ihr Platz ist, oder?«

Der unheilvolle Ton in ihrer Stimme irritiert mich. »Das ist doch der Lieblingspub von jedem hier, oder etwa nicht?«

»Nein, ich meine den Platz, auf dem du sitzt. Diese Bank. Sie hat immer genau da gesessen und dann hat sie sich auch so vorgebeugt wie du.«

»Ach, wirklich? Wahrscheinlich haben wir zusammen hier gesessen, als ich sie besucht hab – reine Gewohnheit also.« Meine Haut fühlt sich an, als würden eine Million Ameisen darüberwandern, denn ich erinnere mich genau, dass es an dem Abend meines Besuchs geschüttet hat wie aus Eimern und wir uns deshalb drinnen hingesetzt und von dort aus die Raucher beobachtet haben.

»Du trinkst?«, fragt sie und beäugt mein Glas. »Du bist doch erst sechzehn.«

Ich schnalze mit der Zunge. »Ach, und du hast wahrscheinlich nie einen Tropfen Alkohol angerührt, als du noch minderjährig warst, was, Sahara?«

Sie denkt darüber nach. »Nein, habe ich tatsächlich nicht. Ich war furchtbar brav.«

Das war ich auch, denke ich und sehe mich plötzlich mit ihren Augen: eine Sechzehnjährige, die allein auf einer Bank vor dem Pub sitzt und trinkt. »Tja, Menschen ändern sich.«

Sahara wirft mir einen seltsamen Blick zu und fragt dann: »Möchtest du dich nicht zu uns setzen?« Sie deutet mit dem Kinn in Richtung des Pubs, an dessen anderem Ende sich eine Gruppe Studenten auf den Sofas lümmelt. Warum sind sie mir nicht vorher aufgefallen? »Alle hier haben Meggie gekannt, wenn dir das hilft.«

Ich zögere.

»Na ja, Tim ist natürlich nicht dabei«, fügt sie hinzu.

Nein, denke ich, aber einer von ihnen kann mir sicher sagen, wo ich ihn finde.

Oder – und bei diesem Gedanken zittere ich – einer von ihnen ist Meggies Mörder.