23

In London ist es dunkel und regnerisch. Dicke Tropfen fallen stetig auf die Reporter unter meinem Zimmerfenster hinab.

Aber am Soul Beach ist es brütend heiß.

Natürlich kann ich die Wärme nicht spüren, aber ich kann sie sehen, es ist ein Dunst wie in der Wüste, der das Meeresufer unwirklich erscheinen lässt. Irgendwie kommt mir hier heute Abend alles anders vor als sonst und nach ein paar Augenblicken fällt mir wieder ein, was Meggie gesagt hat: dass es hier keine Tiere gibt. Aber das heißt nicht, dass mich nicht trotzdem ein aufgeregter Schauder überläuft, als ich die ersten Schritte im Sand mache.

Im Vorbeigehen sehe ich Menschen in kleinen Grüppchen am Strand liegen. Vollkommen reglos. Und da trifft mich die Erkenntnis: Sie sehen aus wie tot.

»Alice?«

Ich drehe mich um und da steht der Amerikaner mit den traurigen grünen Augen.

»Ich bin Danny, weißt du noch? Deine Schwester hat uns gestern vorgestellt«, sagt er, streckt mir die Hand hin und zieht sie dann wieder zurück. »Entschuldige, ich vergesse andauernd, dass wir uns in verschiedenen Welten bewegen.«

»So siehst du das also? Den Strand als Paralleluniversum?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ach, was weiß ich denn schon? Ich bin doch bloß ein amerikanisches Landei. Über solche Sachen denke ich nicht nach, davon tut mir nur der Kopf weh.«

Ich starre ihn an. Unsere Blicke treffen sich, aber diesmal guckt er als Erster weg.

»Das war ein Witz«, murmelt er und bohrt die Fußspitze in den Sand.

»Oh, Verzeihung. Ich hätte nicht gedacht, dass Amerikaner überhaupt wissen, was Ironie ist.« Warum habe ich das gesagt?

Seine Augen werden schmal, dann lacht er. »Da kannst du mal sehen. Tja, ich denke oft stundenlang darüber nach, warum ich wohl hier gelandet bin. Das bringt mich zwar auch nicht weiter, aber hey, immerhin ist es ein Zeitvertreib …« Er nickt in Richtung einer Gruppe von Beachboys, die neben ihren Surfboards dösen. »Besser als die Alternativen ist es allemal. Surfen ist was für Trottel.«

»Aha.« Eigentlich war er ja der Einzige von Meggies Freunden, den ich gern wiedersehen wollte, aber jetzt, als ich neben ihm stehe, verunsichert er mich irgendwie. Er hat so etwas Rastloses an sich, etwas geradezu Wundes.

Ist es möglich, sich auf gute Art verunsichert zu fühlen?

»Ich glaube, Meggie hat sich … äh … ein bisschen hingelegt. Mit einem Freund. Ich kann sie aber suchen gehen, wenn du willst.«

»Ja, sie will sicher gern wissen, dass ich –« Und dann kapiere ich, was er mit hingelegt meint. »Oh. Nein. Nein, schon gut. Ich logge mich aus und versuche es später noch mal.«

Sein Lächeln ist immer noch breit, aber sein Blick wirkt jetzt etwas zurückhaltender. »Du musst ja nicht gleich gehen. Es ist nett, sich mit Besuchern zu unterhalten.« Er beugt sich ein bisschen vor. »Wenn man erst mal eine Weile hier ist, werden einem die Gäste schon ein bisschen langweilig. Die einen wollen sich ständig über Bücher unterhalten, die man nicht gelesen hat, oder Filme, die man nicht kennt, oder Bands, von denen man noch nie gehört hat, und die anderen wollen einen einfach nur flachlegen. Ehrlich, ich sage das nicht, um anzugeben. Aber daran sieht man, wie verzweifelt die Leute hier sind.«

Die Art, wie Danny das vorträgt, mit todernstem Gesicht, lässt mich vor Lachen laut herausplatzen. Er lächelt wieder und meine Traurigkeit ist verflogen, wenigstens für den Moment.

»Also, wartest du mit mir?«

Ich nicke. Vielleicht ist es ja doch gar nicht so kompliziert mit ihm.

»Wie wär’s mit ’ner kleinen Führung?«

»Gern«, sage ich und freue mich über die frische Brise, die gerade aufkommt. Ich weiß, sie ist nur virtuell, aber was soll’s …

Ich folge ihm, vorbei an den gebräunten Körpern, so kunstvoll im Sand verteilt wie Bronzeskulpturen in einem Museum.

»Das da sind die Musiker«, erklärt er und deutet auf zwei Grüppchen. »Links, mit den ordentlicheren Frisuren, der Chor. Rechts die Rocker. Die mühen sich jeden Tag ab, ihre Matte so sehr zu verstrubbeln wie nur möglich, und wachen am nächsten Morgen doch wieder mit glattem, glänzendem Haar auf. Sind aber beide ganz gut. Manchmal singen sie allerdings gleichzeitig, so als wäre das irgendeine ziemlich schräge Art von Wettbewerb. Das klingt dann nicht mehr so super. Da drüben ist die Strandbar, aber ich schätze mal, die kennst du schon.«

Ich starre ihn an. »Woher weißt du das?«

»Da landen alle Besucher am Anfang. Wie eine Art Einführungsritual. Da staunst du, was? Tja, ich hab meine Hausaufgaben gemacht.« Er tippt sich wissend mit dem Zeigefinger an die Nase.

»Was weißt du sonst noch?«

Er seufzt. »Mehr, als ich will, das ist mal sicher. Bei manchen Fragen wünschte ich, ich hätte niemals nach der Antwort gesucht.«

Ich öffne schon den Mund, um mich zu erkundigen, was das für welche sind, aber er legt den Finger auf seine Lippen und schüttelt den Kopf.

»Lass uns zum Steg gehen«, sagt er.

»Wenn es einen Steg gibt, bedeutet das dann nicht eigentlich auch, dass es Boote gibt?«

Sein Blick umwölkt sich und für einen Moment wirkt er … leer, als wäre da gar nichts, kein Sehvermögen, kein Wissen, nur eine Hülle. Dann blinzele ich und er lächelt. »Siehst du irgendwo einen Fahrplan?« Er lacht.

Am Steg ist niemand.

»Ist den meisten wohl zu heiß«, erklärt Danny und ich weiß genau, es liegt an meiner lebhaften Fantasie, aber als wir stehen bleiben, rinnt mir der Schweiß den Nacken hinunter.

Er setzt sich ganz ans Ende des Stegs und blickt hinaus aufs Meer und ich nehme neben ihm Platz. Das Rauschen der Wellen wird lauter, und als er die Füße baumeln lässt, höre ich es plätschern. Unter Wasser wirken sie weiß und blutleer.

Ich frage mich, wie Danny wohl gestorben ist.

»Irgendwann wird es leichter für deine Schwester«, sagt er. »Ich bin neun Monate vor ihr angekommen und am Anfang ist es ziemlich hart, sich an seinen neuen … Status zu gewöhnen.«

»Was war der größte Schock?«, frage ich. »Ich würde das alles gerne verstehen.«

»Wie süß.«

»Sei nicht so herablassend.«

»Würde ich doch nie wagen. Aber um ehrlich zu sein – und vielleicht spricht da auch bloß der Neid aus mir, weil meinetwegen niemand gekommen ist –, bin ich mir nicht sicher, ob es so schlau ist, Familienmitglieder zu Besuch kommen zu lassen. Nichts für ungut.«

»Schon okay. Warum?«

»Weil du absolut nichts tun kannst, um ihr zu helfen. Außerdem wirst du es nie wirklich verstehen, außer dir passiert dasselbe, und das ist das Letzte, was Megan wollen würde.«

»Ich kann ja zumindest versuchen, es zu verstehen.«

»Klar.« Seine Stimme wird sanfter. »Aber glaub mir, das wirst du nicht. Das hier ist die Ewigkeit, okay? Kein Ausgang weit und breit. Ich weiß nicht, ob man sich damit jemals abfinden kann. Ich jedenfalls nicht.« Er tritt so heftig ins Wasser, dass es mir ins Gesicht spritzt, kühl und erfrischend.

Ich wische mir das Salzwasser von den Wangen. Auch wenn es in Wirklichkeit gar nicht existiert.

»Gibt es wirklich keinen Ausweg? Ist noch nie jemand gegangen?«

Er zuckt mit den Schultern. »Nicht seit ich hier bin. Aber ich habe Gerüchte gehört.« Er lacht, aber es klingt bitter. »Sieh dich doch mal um, Alice, das hier ist ein riesiges Open-Air-Studentenwohnheim. Natürlich gibt es da Gerüchte. Für manche Leute ist das so was wie ein Hobby. Sich alle möglichen Geschichten ausdenken. Aber ich weiß nicht, ob ich ihnen glauben soll.«

»Was sind das denn für Gerüchte?«

»Dass man hier nur wegkommt, wenn …« Er beugt sich dichter zu mir. »Wenn das, weswegen man hier gelandet ist, aufgeklärt wird. Drüben in der wirklichen Welt.«

»Aha.« Das verstehe ich nicht, aber für einen Moment quäle ich mich zurück in diese wirkliche Welt und kritzele das, was er gesagt hat, auf ein Post-it in Herzchenform. Vielleicht kapiere ich es ja später. »Und das ist alles?«

Er sieht mich ruhig an. »Ihr seid nicht katholisch, oder?«

»Nein, Church of England. Und das auch nur, um auf die richtige Schule zu kommen.«

»Tja, am Soul Beach werden alle Götter akzeptiert. Oder gar keine. Aber in der Kirche damals haben die Leute manchmal vom Limbus erzählt.«

»Limbus?« Schon wieder dieses Wort.

»Er hat doch wohl nicht wieder mit seiner Religionsnummer angefangen, oder, Florrie?«

Ich drehe mich um und da steht Meggie, mit leicht gerötetem Gesicht. Kommt das vom Wetter oder vom Hinlegen? Ach, geht mich ja auch nichts an. »Er leistet mir bloß Gesellschaft.«

Danny steht auf. »Es ist ja nur eine Theorie.« Er zwinkert meiner Schwester zu und geht. Seine Beine sind kräftig und muskulös und irgendetwas an seinem Gang unterscheidet sich sehr vom surfermäßigen Schlendern der anderen Jungs hier am Strand. Er hält sich irgendwie … aufrechter, so wie ein Soldat oder ein Sportler.

Meggie setzt sich auf seinen Platz neben mir und zieht die Knie an die Brust. »Was auch immer er dir erzählt, ignorier’s einfach.«

»Okay«, sage ich. Ich will sie nicht nach ihrem Aussehen fragen – das zerzauste Haar, die zerknitterten Kleider. Gar nicht erst darüber nachdenken, was hier abläuft, wenn ich nicht da bin.

»Es ist so schön, dich zu sehen, Florrie. Du bist mittlerweile das Einzige, was mir echt vorkommt.«

Ich blicke ihr ins Gesicht, um zu sehen, ob sie nur rumblödelt, aber sie meint es absolut ernst. »Ich weiß. Es ist, als hätte ich dich wieder …«

Wir verspüren nicht den Drang, noch mehr zu sagen. Das Wasser plätschert um die sonnengebleichten Pfähle des Stegs und alle Zweifel und Fragen, die mir nach dem Gespräch mit Danny geblieben sind, verschwinden. Wir sind einfach Schwestern, die zusammen rumhängen. Wie früher. Meggie und Alice.

Aber dann geht mir auf, dass es nicht ganz so ist wie früher, denn da musste ich immer tun, was sie wollte: Meggie alles hinterhertragen, auf sie warten, hoffen, dass sie mich bemerkt.

Nicht, dass meine Schwester so schrecklich gewesen wäre, überhaupt nicht. Sie war eben die Ältere und so wurde ich, wie jede kleine Schwester, zu ihrem ersten Publikum.

Aber hier am Strand ist es irgendwie anders. Sie braucht mich genauso sehr wie ich sie. Vielleicht sogar noch mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass wir einander ebenbürtig sind, dass wir uns verstehen.

Es klopft an meiner Tür. Mist.

Ich klappe den Laptop so weit zu, wie es geht, ohne dass er sich ausschaltet, und stelle die Boxen und das Mikro auf lautlos, falls Meggie etwas sagt.

»Alice?« Mein Vater.

»Ich mache Hausaufgaben.«

»Ja, ich weiß. Tut mir leid, wenn ich störe. Aber Fran ist hier und sie würde gern mit uns allen gemeinsam reden.«

»Ich komme sofort runter«, rufe ich zurück.

Ich warte, bis seine Schritte verklungen sind, und schalte den Ton wieder ein. »Meggie?«

Sie sieht mich an, ihre großen blauen Augen sind so vertrauensvoll wie die eines Babys.

»Tut mir leid, ich muss gehen. Bin bald zurück, versprochen.« Ich versuche, es so klingen zu lassen, als wäre nichts Besonderes los.

Sie zuckt ganz leicht zusammen. »Okay.« Ihre Stimme klingt so zaghaft.

Ich werfe ihr einen Luftkuss zu und logge mich aus, doch als ich den Laptop herunterfahre, erfüllt mich plötzlich Furcht – es fühlt sich an, als wäre ich in einen eisigen See gefallen.

Fran? Das kann nur eins bedeuten.