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Eigentlich bin ich keine Schulschwänzerin.

Und Cara ist es, trotz ihrer rebellischen Art und der frechen Widerworte, genauso wenig, also kann ich sie nicht bitten mitzukommen. Für eine Amateurin wie mich ist das Risiko aufzufliegen momentan ziemlich hoch: Die Lehrer haben mich wegen meiner verschlechterten Noten sowieso schon auf dem Kieker, dieser Gruseltyp Olav ist ganz heiß auf meine Neurosen und Mum plant mit Sicherheit schon wieder ein weiteres tiefschürfendes Gespräch über meine Zukunft. Als würde mich die auch nur die Bohne interessieren.

Trotzdem, ein paar Stunden Nachsitzen sind meine geringste Sorge, verglichen mit meinem Vorhaben, den Hauptverdächtigen im Mordfall meiner Schwester zu konfrontieren.

Darüber denke ich besser nicht zu genau nach.

Statt zur Schule zu gehen, schleiche ich mich durch die Seitengassen, in denen keine von Mums Freundinnen wohnen. Ich gehe nicht zur nächsten U-Bahn-Station, sondern eine Haltestelle weiter und steige erst dort in den Zug. Ich setze mich im vordersten Wagen gegen die Fahrtrichtung und verschanze mich hinter einer eselsohrigen Ausgabe der Metro. Als sonst niemand einsteigt, lasse ich die Zeitung sinken und sehe zu, wie draußen die Welt vorbeizieht. Es hat geregnet, was die Braun- und Grautöne der Ziegelhäuser und Straßen nur noch deprimierender wirken lässt. Der Winter ist schon fast da und ich habe so das Gefühl, als würde es der längste meines Lebens werden.

Schon jetzt sehne ich mich nach dem Strand, obwohl ich vor zwei Stunden noch dort gewesen bin. Meggie habe ich irgendeine Geschichte aufgetischt, warum ich später vielleicht nicht kommen kann, anstatt mit meinem Ausflug nach Greenwich zu große Hoffnungen in ihr zu wecken. Im Moment kann ich mir nämlich nicht vorstellen, dass er anders enden wird als in einer Katastrophe.

Aber ich muss es trotzdem versuchen. Ich habe es Meggie versprochen. Außerdem ist sie nicht die Einzige, die Antworten braucht.

Als ich in den Minizug Richtung Cutty Sark steige, fange ich an zu zittern. Ich hatte eigentlich beschlossen, Tim nicht Bescheid zu sagen, dass ich komme, für den Fall, dass er dann untertauchen würde. Aber wie wird er reagieren, wenn ich plötzlich vor seiner Tür stehe? Selbst Cara, die nichts mehr liebt als ein bisschen Risiko, hätte wohl das eine oder andere dazu zu sagen, dass ich einem Mordverdächtigen einen Überraschungsbesuch abstatten will.

Scheiße.

Der Zug fädelt sich zwischen den Hochhäusern der Canary Wharf hindurch, eine Kulisse, die mir weniger real vorkommt als die Strandhütten am Soul Beach. Ich schminke mich noch schnell etwas stärker, um älter zu wirken.

Ich denke an das, was Caras blöder Extyp im Pub gesagt hat: Er hätte nie gedacht, dass Meggie meine Schwester sei. Ich muss lachen, denn wie viele Jahre lang bin ich jeden Morgen in der Hoffnung aufgewacht, meine Augenfarbe hätte sich über Nacht von Taubengrau in Babyblau verwandelt oder mein Haar sich von selbst geglättet, sodass es wie ihres aussähe.

Heute bin ich zum ersten Mal froh darüber, unscheinbar zu sein.

»Eine Weißweinschorle, bitte.«

Der Barkeeper mustert mich abschätzend. Trotz des vielen Kajals und der Wimperntusche und dem ganzen Mist, den ich dieses Jahr durchgemacht habe, sehe ich immer noch aus wie ein Schulmädchen, das keine Ahnung von gar nichts hat – es sei denn, man rechnet Medienwissenschaft für die zehnte Klasse dazu.

Aber ich kann unmöglich die Einzige hier sein, die noch nicht alt genug zum Trinken ist und es trotzdem tut: Das hier ist der Pub, in dem Meggie und ich uns mit ihren Freunden getroffen haben, wenn ich sie besucht habe, und damals waren auch immer jede Menge Teenager aus der Schule um die Ecke hier. Ich bin hergekommen, weil ich noch nicht bereit bin, Tim gegenüberzutreten. Zuerst muss ich mir noch ein wenig in Erinnerung rufen, wie es zwischen ihm und Meggie war, und mich für das wappnen, was ich zu tun habe. Normalerweise trinke ich nie tagsüber, also reicht der Wein vielleicht aus, um mir genug Mut für mein verrücktes Vorhaben einzuflößen.

Schließlich zuckt der Barmann mit den Schultern und wendet mir den Rücken zu, um meinen Drink einzuschenken. Die Kohlensäure in der Schorle wird den Geschmack des Weins hoffentlich ein wenig dämpfen und so oder so schmeckt alles besser als diese Angst.

»Eis?«

Ich nicke. Er stellt das Glas vor mir ab und ich sehe die kleinen Risse in den Eiswürfeln und die Feuchtigkeit, die von ihnen aufsteigt.

»Sag stopp«, fordert er mich auf, als er den Wein mit Wasser aus der Sodaflasche auffüllt. Ob er wohl auch an dem Abend hier gearbeitet hat, als meine Schwester starb?

»Stopp.«

»Dein erstes Semester?«

Ich starre ihn an. »Äh … genau. Entschuldigung, aber ich hab stopp gesagt!«

Hat er mich etwa erkannt?

Er sieht hinunter auf das überlaufende Glas. »Hoppla.« Er schiebt es näher zu mir. »Macht dann drei fünfzig. Ach was, sagen wir drei. Das Wasser da drin geb ich dir aus.«

Mein Mund klappt auf. »Oh. Danke.«

»Was studierst du denn?«

Ich schlucke. »Ähm. Medienwissenschaft.«

Er grinst. »Cool. Dann sehe ich dich wohl bald im Fernsehen, was?«

Oh Gott, er versucht mich anzubaggern. Und ich dachte, er mustert mich so, weil ich minderjährig bin oder weil er weiß, wer ich bin. Bis zu diesem Moment habe ich ihn noch gar nicht richtig angeguckt. Vielleicht zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig. Helles Haar, offenes Gesicht. Sieht nett aus. Ich wette, er ist ziemlich witzig. Spielt sonntags Fußball. Mag Comedy und Stadion-Rock.

Bevor es passiert ist, hätte ich ihn vielleicht gar nicht übel gefunden. Auf jeden Fall wäre ich geschmeichelt gewesen – Barkeeper haben diese gewisse Selbstsicherheit und natürlich die Machtposition, die zumindest Cara unwiderstehlich findet. Aber jetzt gibt mir das alles nichts mehr.

»Nicht im Fernsehen, nein. Ich bin mehr so der Hinter-den-Kulissen-Typ.«

Ich nehme mein Glas und gehe hastig weg.

»Hey, Blondie!«, ruft er mir nach.

Ich suche nach einem Weg, ihm eine Abfuhr zu erteilen. Meggie hatte dafür immer einen guten Spruch auf Lager, der den Jungs klarmachte, dass sie keine Chance bei ihr hatten, aber sie trotzdem mit einem Lächeln im Gesicht zurückließ.

Mir fällt absolut nichts ein.

Ich drehe mich um.

»Du hast dein Wechselgeld vergessen.«

Ich nehme meinen Drink mit nach draußen. Die Bänke sind feucht von den vergangenen Regenschauern, aber hier an der Biegung der Themse scheint die Sonne heller als zu Hause. Ich sehe die schicken Türme der Wolkenkratzer auf der anderen Seite des Flusses und rechts den Millennium Dome. Das war Meggies Lieblingspub und sie war so gern in Greenwich. Es ist wirklich schön hier, aber die majestätischen Kalksteingebäude des Old Naval College und seine leuchtend grünen Rasenflächen scheinen nun irgendwie befleckt. Wie könnten sie es auch nicht sein?

Ich bin nicht allein hier draußen. Die meisten anderen Gäste sind männlich und rauchen: nicht nur Studenten, sondern auch Touristen und Büroangestellte. Das letzte Mal, als ich hier war, fand ich die Typen mit ihren Zigaretten sexy. Jetzt finde ich es nur noch dämlich, dass sie ihr Leben so vergeuden. Haben die denn keine Ahnung, was mit meiner Schwester passiert ist?

Die Studenten, die Touristen, der Barkeeper. Jeder von ihnen hätte Meggie töten können, oder nicht? Vielleicht bin ich auf dem besten Weg, einen Hass auf alle Männer zu entwickeln. Wenn man schon einem so sanften Exemplar wie Tim nicht mehr trauen kann …

Mir läuft ein Schauder über den Rücken.

Ein paar Typen mustern mich und ich wende mich schnell ab. Sie sehen nicht schlecht aus – Meggie hat immer gewitzelt, sie wäre bloß nach Greenwich gegangen, weil dort am Tag der offenen Tür die süßesten Jungs rumliefen –, aber ich bin an diesem Leben einfach nicht interessiert. Ich will nur die perfekte Schönheit des Soul Beach.

Dann schüttele ich den Kopf, wie ein Hund, der Wasser ins Ohr bekommen hat. Das ist doch Wahnsinn. Soul Beach ist nicht real.

Und zum ersten Mal wird mir klar: Der Strand hat mich verändert, genau wie Meggies Tod es getan hat. Je mehr Zeit ich dort verbringe, desto schlimmer könnte es werden.

Nein! Auf keinen Fall. Ich kann den Strand nicht aufgeben und das nicht nur wegen Meggie. Im Moment ist er alles, was mich noch auf den Beinen hält.

Ich trinke mein Glas aus. Jetzt fühle ich mich schon etwas wacher, dank der Kohlensäure oder des Weins oder beidem. Zeit zu gehen. Wenn ich nicht sofort losziehe und Tim suche, verliere ich komplett die Nerven. Ich stelle das Glas ab, krame meinen Übersichtsplan hervor und suche nach dem schnellsten Weg durch die Flure.

Wenn er überhaupt noch hier wohnt.

Wie blöd bin ich eigentlich? Ich habe das alles überhaupt nicht gründlich durchdacht. Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass er immer noch im selben Wohnheim lebt, nur zwei Stockwerke von dem Ort entfernt, wo Meggie gestorben ist? Nach allem, was passiert ist? Und wenn nicht, was soll ich dann machen? An Türen hämmern, bis ich ihn finde? Und wenn es mir schließlich gelingt, habe ich nichts, womit ich mich verteidigen kann, außer einer Tasche voller Schulbücher.

Wieder überläuft mich ein Schauder. Das ist doch verrückt. Ich sollte gar nicht hier sein.

Da legt sich eine Hand auf meine Schulter. »Alice Forster? Was zum Teufel machst du denn hier?«