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Während der Regenzeit starben noch mehr Kinder an Seuchen als sonst. Auch ihr Hannes war während der Regenzeit gestorben, ihr kleines Glück, das Lied in ihr, das nie gesungen wurde. Die Angst ließ Marthe nicht los. Ihr Vetter Fiete schickte seine Kinder – drei Söhne und zwei Töchter, auf die er so stolz war, dass er hätte platzen können – auf Gepäckmärsche durch die Zypressenwälder, wobei sie zum Geschrei der Affen »Das Wandern ist des Müllers Lust« schmettern mussten. »Abhärtung ist alles«, versicherte er der Familie. »Meine Schar wird nicht krank, weil ihre Leiber gestählt sind. Ihr solltet es mit euren blassen Geistern auch so machen.«

Tatsächlich waren Fietes Kinder rotwangig, rundlich und unverschämt gesund. Dennoch wäre Marthe lieber gestorben, als Katharina in den Wäldern mit ihren himmelhohen Bäumen, unkenden Kröten und zischelnden Reptilien herumstapfen zu lassen – ob in der Regenzeit oder jemals sonst. Sie behielt sie im Haus. In all dem Bedrohlichen, das sie umringte, erschien Marthe ihr Haus ein wenig wie das Schiff, mit dem sie hergekommen waren, eine Muschel aus der Heimat, die sie schützend einschloss, derweil die Wellen sie umtosten.

In ihrer liebevoll möblierten Kinderstube unter der Obhut der getreuen Lise war ihr Schatz in Sicherheit. Katharina war zehn und hätte im Grunde kein Kindermädchen mehr gebraucht, doch Peter hatte darauf bestanden, die resolute Hamburgerin zu behalten, und Marthe war darüber froh. Zwar verspürte sie zuweilen eine schmerzhafte Eifersucht auf Lise, weil diese Katharina womöglich näher stand als sie, aber die Dinge waren nun einmal, wie sie waren. Marthe hatte alle Hände voll damit zu tun, den großen Geschäftshaushalt zu führen und der Familie ein Stück Heimat zu erhalten. Somit war es gut, dass es die Lise gab.

Hätte Hannes gelebt, wäre es anders gewesen, begehrte eine Stimme in ihr auf. Scharf brachte sie sie zum Schweigen. Hannes gab es nicht mehr. Dass sie seine Stube unangetastet ließ, dass sie zuweilen hinaufschlich, dem Schaukelpferd über den Kopf strich und die Wiege bewegte, war sträflicher Unsinn, für den sie sich schämte. Die Gegenstände zu bewahren, die sie an ihren kleinen Jungen und an die glücklichsten Wochen ihres Lebens erinnerten, brachten ihr weder ihren Jungen noch das Glück zurück.

Ihr blieb Katharina. Auf einmal überfiel sie Sehnsucht nach ihr. Einst hatte Marthe geglaubt, sie werde nie darüber hinwegsehen können, dass Katharina nicht hübsch war, aber darin hatte sie sich geirrt. Katharina war recht so, wie sie war. Blitzgescheit war sie, lernte schneller als Fietes Rabauken, Christophs Zwillinge und sogar Traudes Stefan. Gewiss, keck und vorlaut war sie auch, aber Marthe hätte sie weder gegen Traudes kreuzbrave Helene noch gegen Christophs maulfaule Josephine eintauschen wollen – und gegen Fietes Bauerntrampel schon gar nicht.

Marthe legte den Tischläufer, den sie im blau-weißen Zwiebelmuster bestickte, beiseite und sah auf die Standuhr. Schon sechs, nicht lange, und die Sanne würde zum Abendessen rufen. Auch Peter musste jeden Augenblick nach Hause kommen, obgleich es bei ihm in letzter Zeit oft später wurde. Vor einem Jahr hatte er eine neue Geschäftsidee entwickelt und ging ihr mit einer Leidenschaft nach, die Marthe nicht an ihm kannte. »Jeder Mann in der Siedlung beklagt sich, dass er den schrecklichen Pulque trinken muss und davon Kopfweh bekommt«, hatte er erklärt. »Überhaupt, diese Pulquerias, die einen vor der Theke in Rinnen pinkeln lassen, verdienen sich goldene Nasen, weil man bei der Hitze vor Durst fast verreckt.«

Und weil das Leben hier keiner nüchtern erträgt, hatte Marthe im Stillen hinzugefügt. Ihr Mann, der mit einem Geschäftssinn gesegnet war, den ihm kein Mensch zugetraut hätte, hatte Kapital flüssiggemacht und die erste Brauerei von Veracruz begründet. Mit Klauen und Zähnen hatte Marthe sich dagegen gewehrt. Solange sie Handel trieben, vermochte sie den Glauben aufrechtzuerhalten, sie seien eben Hamburger Kaufleute mit einer Zweigstelle in der Neuen Welt und würden eines Tages zurückkehren. Eine Brauerei aber war ein Herstellungsbetrieb, und wer etwas herstellte, der blieb im Land.

Für gewöhnlich fiel es Marthe leicht, ihren Mann nach ihrem Willen zu lenken, in dieser Frage aber stellte er sich stur. Er brauche etwas für sich, erklärte er, etwas, das nicht sein Vater, sondern er geschaffen habe. Da er Streit am liebsten aus dem Weg ging, redete er einfach nicht länger darüber, sondern begann mit der Arbeit. Zähneknirschend musste Marthe ihn gewähren lassen.

Wie er vorausgesagt hatte, lief die Sache glänzend. Die Einwanderer stürzten sich auf das entbehrte Getränk, und die Mexikaner verfielen der Sucht und verpulverten die letzten Pesos für Bier. Peter hätte es sich leisten können, einen Geschäftsführer einzustellen, aber die Brauerei blieb sein Steckenpferd, um das er sich selbst kümmern wollte.

Marthe seufzte, räumte die Stickarbeit, mit der sie für heute weit genug gekommen war, in den Korb und stand auf. Es ärgerte sie, wenn Peter zu spät kam. Sie legte Wert auf regelmäßige Mahlzeiten, zu denen der Hausherr das Tischgebet sprach. Da er aber ohnehin nicht da war – warum ging sie nicht hinauf zu Katharina, gab Lise den Abend frei und gönnte sich eine kostbare Stunde mit der Tochter? Sie würde sie fragen, wie sie den Tag verbracht hatte und was es in ihrem kleinen heilen Leben Neues gab. War Peter dann noch immer nicht daheim, würde sie ihn holen. Das Gelände der Brauerei befand sich nur ein paar Schritte vom Rand der Siedlung entfernt. Sie würde zurück sein, ehe der Regen einsetzte.

Katharinas Zimmer lag im hinteren Teil des Hauses, gleich unter dem Dach, und es besaß ein Erkerfenster in den Hof. Es war schön, dort oben mit dem Kind zu sitzen und hinaus in den Hof zu sehen, in dem es keine fremdländische Pflanze gab. Praktisch, wie sie war, hatte Marthe zu den Rosen und Sommerastern deutsche Beerensträucher pflanzen lassen, die zwar nicht sonderlich dekorativ aussahen, aber ihr und der Sanne Früchte für Holundergelee, Wacholderlikör und Fruchtgrütze lieferten. Wenn sie und Kathi zwischen den Spitzenvorhängen hindurchblickten und dabei das Fenster geschlossen ließen, damit kein Summen und Zirpen eindrang, konnte sie sich einbilden, sie wären daheim.

Ich muss mir öfter Zeit dafür nehmen, dachte Marthe, während sie in dem stillen Haus die Treppe hinaufstieg. Meine Tischwäsche läuft mir nicht weg, doch die Jahre mit Katharina tun es. Sie hatte sich das schon oft vorgenommen, um dann doch wieder der Arbeit den Vorzug zu geben, weil sie so erzogen worden war. Eine gute Frau tat ihre Arbeit, das war das Rückgrat der Familie. In ein Haus, in dem auf allen Tischen bestickte Läufer lagen, in dem Geschirr und Silber poliert in Schränken ruhten und Eingewecktes die Vorratskammern füllte, drang das Böse nicht ein.

Wäre es in unser Haus nicht eingedrungen, wenn ich damals achtgegeben und meine Arbeit getan hätte, statt nach den Sternen zu greifen, nach mehr Glück, als mir zustand?

Marthe legte ihr Ohr an Katharinas Tür. Es war nicht ihre Art zu lauschen, aber das Mädchen, obwohl es ständig plapperte, erschien ihr oft seltsam verschlossen, und manchmal fragte sie sich: Was weiß ich eigentlich von ihr? Natürlich war das Unsinn, denn was gab es von Katharina schon zu wissen, von einem behüteten Kind, das keine Geheimnisse hatte?

Aus dem Zimmer drang kein Laut, weder die Stimme des Kindes noch die der Lise. Ohne anzuklopfen riss Marthe die Tür auf. Vor ihr, im Halbdunkel, lag das Zimmer so ordentlich aufgeräumt, als hätte Katharina es an diesem Nachmittag noch nicht betreten. Lediglich der Deckel des Cembalos war aufgeklappt – Marthe hatte vorhin die Lise angewiesen, darauf zu achten, dass Katharina übte. Sie legte bei der Musik leider gar keinen Eifer an den Tag. Die blasse Josephine, die kein eigenes Instrument besaß, sondern hierher zum Üben kam, hatte sie längst überflügelt.

Aber das war im Augenblick gleichgültig. Wo konnte Katharina sein? Wäre sie zu einer der Tanten gegangen, um mit den Basen zu spielen, hätte Lise Marthe Bescheid gesagt. Gewiss war sie hinunter ins Souterrain gelaufen, in den Küchentrakt, um der Sanne etwas Süßes abzuschwatzen. Katharina war noch immer so versessen auf Süßes wie als kleines Kind, und die strenge Köchin war Wachs in ihren Händen. Ja, in der Küche war sie sicher – nur, wo war die Lise abgeblieben? Marthe eilte die Stufen hinunter. Unerklärliche Furcht hatte sie gepackt, wie es ihr von Zeit zu Zeit geschah, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte.

In der Küche war es warm und hell, es roch nach Kindheit und Geborgenheit. Vor dem Werktisch stand die Sanne, deren breiter Rücken Vertrauen einflößte, und knetete mit aufgekrempelten Ärmeln Teig. Die Köchin hatte ihre Herrin kommen hören, aber sie drehte sich nicht um. »Sie haben wegen des Desserts keinen Wunsch geäußert«, sagte sie, ohne das Kneten zu unterbrechen. »Also dachte ich, ich mache einen Birnenstrudel, so feines Obst bekommt man ja nicht oft, und das kleine Fräulein freut sich.«

»Wo ist sie?«, entfuhr es Marthe, die sich im Raum umsah, als hätte Sanne Katharina irgendwo versteckt.

»Wer?«

»Meine Tochter.«

Die Hände der Köchin hielten in der Teigmasse inne. Mit der ihr eigenen Langsamkeit wandte sie sich um. »Das Fräulein Katharina? Ja, sollte sie denn nicht mit der Lise für die Musikstunde üben?«

»Sie ist weg!« Marthe erschrak vor ihrer eigenen Stimme. Die Erinnerung an einen anderen Tag lag darin, an ein Entsetzen, das doch heute nicht angemessen war.

»Ich will sie nicht anschwärzen«, brummte die Sanne. »Unser Fräulein ist ein gutes Kind, aber mich tät’s nicht wundern, wenn sie bei dem Bengel im Stall stecken würde. Der hat was an sich, was Unheimliches, damit lockt er sie zu sich. Wär’s meine Sache, ich tät ihn hochkant aus dem Haus werfen.«

Dasselbe hätte Marthe gern getan, schon seit dem Tag, an dem der Junge und sein Bruder in ihr Haus gekommen waren, doch sooft sie Peter darum bat, wies er sie ab.

»Mir wird er zu lang, um ihn durchzuprügeln«, schimpfte die Sanne. »Neulich sollte er ein Huhn schlachten und hat sich stattdessen aus dem Staub gemacht. Ich habe ihn mit dem Riemen verdroschen, bis mir die Luft ausging, aber glauben Sie, der hat einen Laut von sich gegeben? Über meine Senge lacht der doch – da muss der Herr ran, wenn Sie mich fragen.«

»Aber ich frage dich nicht!«, herrschte Marthe sie an. Peter strafte den Jungen nie, und sie selbst tat es auch nicht. Obwohl sie ihn totschlagen wollte, wann immer sie ihn mit Katharina sah, brachte sie es nicht über sich, Hand an ihn zu legen. Seine Schläge bezog er von der Sanne, und in der Tat, er war zu abgestumpft, um dabei Schmerz zu spüren. »Entschuldige«, murmelte Marthe. »Ich bin ein wenig überreizt. Komm, gehen wir im Stall nach Katharina suchen.«

»Ich soll mit Ihnen in den Stall?« Die Augen der Köchin wurden noch weiter. »Aber ich muss doch den Strudel …«

»Lass in drei Teufels Namen den verdammten Strudel!«

Wenn es die Sanne überraschte, dass ihre Herrin wie einer der Bierkutscher fluchte, so ließ sie sich nichts davon anmerken, sondern wischte sich die Hände an der Schürze ab und verließ hinter Marthe das Haus. Natürlich hatte sie recht – dass sie mit auf die Suche kam, war sinnlos, aber Marthe wollte um keinen Preis allein gehen. Nicht noch einmal, zischte etwas in ihr. Nicht noch einmal.

Unterwegs wurde ihre Angst zur Wut. Nicht nur der Junge, auch die Lise verdiente Prügel. Wie konnte sie es wagen, Marthes Kind aus den Augen zu lassen? Beim ersten Schritt in den Stall wurde ihr klar, dass hier nur Gäule gleichgültig vor sich hin mümmelten. Die Wut zerschmolz und wurde wieder zur Angst, die sich wie eine Faust aus Eis um ihre Kehle schloss.

Im Handumdrehen hatten sie und die Sanne das Haus vom Keller bis zum Boden durchsucht. Auch im Garten oder in einem der Nebengebäude war Katharina nicht aufzufinden, wie vom Erdboden verschluckt war sie, und die ganze Zeit über hallte durch Marthes Schädel eine immer gleiche Folge von Worten: Nicht noch einmal! Mein Gott, um alles in der Welt nicht noch einmal.

Das graue Haar der Sanne hing verschwitzt aus der Haube, und die beleibte Frau hatte Mühe, zu Atem zu kommen, doch sie ließ ihre Herrin nicht allein. An Marthes Seite rannte sie hinüber zu den Häusern der Verwandten, in der vergeblichen Hoffnung, das Mädchen sei ohne Wissen der Kinderfrau zu Inga, Dörte oder Traude gelaufen. Natürlich hatte sie das nicht getan. Die behäbige Dörte versuchte sie zu beruhigen, Katharina sei eben ein Wildfang, sie sei sicher losgezogen, um sich Naschkram zu kaufen.

»Um sich Naschkram zu kaufen?«, schrie Marthe. »Meine Kathi, die daheim so viel Naschkram hat, wie sie will, und die den ganzen Tag unter Aufsicht steht?«

»Die Krabben kannst du nicht unter Aufsicht stellen«, bemerkte Hille, die nicht bei Verstand war, aber trotzdem zu allem und jedem ihren Senf geben musste. »Die entschlüpfen wie junge Aale, so will’s die Natur, und wenn du mehr als nur das eine hättest, wüsstest du das.«

Es war abscheulich, so etwas zu sagen, aber Marthe hatte weder Zeit noch Kraft, um Hille die passende Antwort zu geben. Sie wollte nur eins, die Suche schnellstmöglich fortsetzen. Dörte, deren Schwiegermutter ihr die Kinder hüten konnte, sollte in Marthes Haus wachen, falls Katharina dort auftauchte. Christoph und Fiete schlossen sich mit ihren Stalllaternen dem Suchtrupp an. Die samtene Bläue der Nacht begann den Himmel zu verdunkeln, und die Regenwolken verdichteten sich. Erst jetzt fiel Marthe auf, dass Peter noch immer nicht heimgekommen war, doch um sich darüber zu wundern, hatte sie jetzt keinen Gedanken frei.

Sie vergeudeten kostbare Zeit, indem sie ziellos durch Gassen hasteten, wo Fiete jeden, der ihnen begegnete, in seinem dürftigen Spanisch befragte: »Du, Muchacho, hast du eins von unseren Mädchen gesehen? So groß ungefähr, Ojos azules, aber die Haare eher so …«

Die Indios schüttelten die Köpfe und flohen in die Schatten. Von den Kreolen erhielt er ein paar vage Antworten, aber gesehen hatte Katharina keiner. Der, der sie hat, würde es uns ohnehin nicht sagen, der versteckt sich wie ein Raubtier in der Höhle. Marthes Herz schlug wie auf Trommeln. Ihre Finger krallten sich in Christophs Arm. »Wir müssen sie finden! Wir dürfen sie doch nicht verlieren!« Mit einem Schlag schienen die letzten zehn Jahre, die vielen Tage, an denen sie geglaubt hatte, sie könne eine Art von Frieden finden, ausgelöscht.

Christoph sagte nichts. Sein Gesicht war kalkweiß.

»Wir sollten noch einmal die Kinder befragen«, schlug die Sanne schwer atmend vor. »Das Fräulein Josephine war ja vorhin zum Üben da, und die beiden Mädchen stecken doch recht oft zusammen. Ich denke, wenn eine weiß, wo unsere Kathi ist, dann ist’s das Fräulein Josephine.«

»Meine Jo …«, murmelte Christoph, brach ab und fing neu an: »Wenn meine Jo etwas wüsste, hätte sie es mir gesagt.«

»I wo, die Gänschen lieben doch Geheimniskrämereien«, mischte Fiete sich ein. »Meine Jette und meine Luise sind da nicht anders. Ich denke, unser Sannchen hat recht. Fragen wir die liebe Jo.« Damit begann er fuchtelnd die Umkehr der Gruppe zu dirigieren. Ein Funke Hoffnung flammte in Marthe auf. Dass Josephine, das verhuschte Abbild ihrer Mutter, etwas wusste, bezweifelte sie, aber vielleicht die Jungen, Hermann oder Stefan. Tat Katharina sich nicht gern ein bisschen groß vor ihnen? Sie konnte nicht schnell genug zurück in die Siedlung kommen. Fiete trieb alle Kinder und Frauen in ihrem Haus zusammen – ohnehin war es in solcher Lage gut, wenn die Familie beieinander war.

Wie bei seinen Wanderungen ließ er sie in einer Reihe antreten. »Nun mal alle aufgepasst und die Ohren gespitzt. Wer von euch hat gehört, wo eure Base Kathi hinwollte? Na, wer bekommt da die Zähne nicht auseinander? Ich muss doch nicht etwa nachhelfen?«

Fietes eigene Kinder beteuerten, sie hätten keine Ahnung, und beschuldigten die Übrigen. »Wie soll ich wissen, wo Kathi ist«, keifte Traudes Helene. »Die ist eben schlecht erzogen und tut, was sie will. Was kann denn ich dafür?« Fiete schritt die Reihe ab wie ein Feldwebel, hob einem nach dem anderen das Kinn und sah ihm ins Gesicht. Marthes Blick folgte ihm. Mit jedem Kind schwand ihre Hoffnung. Dann aber war die Reihe an Josephine.

Wie immer, wenn jemand mit ihr sprach, errötete das Mädchen bis unter die Haarwurzeln. Kaum zu fassen, dass diese linkische Schweigerin und ihre selbstbewusste Katharina Basen waren. »Nun, beste Jo?« Fiete packte ihr Kinn. »Du und Kathi, ihr seid doch wie zwei Erbsen im Topf, habe ich recht? Dir hat sie sicher gesagt, wo sie hinwollte, und deshalb sagst du es jetzt am besten uns.«

Josephine wurde noch röter und presste die Lippen zusammen. Sie sah aus, als würde sie gegen Tränen kämpfen, und Marthe begriff, dass sie etwas verbarg. Als Fiete sie noch einmal fragte, schüttelte sie den Kopf, dass die dünnen Zöpfe flogen. Viel zu heftig für eine, die sich keiner Schuld bewusst war.

»Du weißt wirklich nichts, liebe Jo? Kein kleines bisschen?«

Wieder flogen die Zöpfe. Im nächsten Augenblick sprang Marthe hinzu und schlug das Mädchen ins Gesicht. Es tat gut, löste etwas von der Spannung. Ehe Marthe sich hindern konnte, hatte Josephine eine zweite Ohrfeige sitzen. »Wo ist meine Kathi?«, schrie sie.

Beinahe unhörbar weinte Josephine, hielt sich die brandrote Wange und wimmerte in ihre Hand.

»Sollte sie mich nicht wenigstens fragen, ehe sie mein Kind schlägt?«, raunte Inga hinüber zu Christoph, der keine Antwort gab.

»Damit lassen wir es genug sein, ja?«, sagte Fiete zu Marthe. »Was die arme Jo nicht weiß, das holen auch Maulschellen nicht aus ihr heraus.«

»Aber sie weiß es!«, begehrte Marthe auf.

Josephine ließ ihre Wange los und begann wieder den Kopf zu schütteln. Marthe packte ein solcher Zorn auf das kleine verheulte Gesicht, dass sie die Fäuste ballen musste, um nicht noch einmal zuzuschlagen. »Ich sag nichts«, wisperte das Mädchen. Plötzlich klappte sie zusammen, kauerte sich auf den Boden und verbarg das Gesicht an ihren Knien. »Ich habe Kathi versprochen, sie nicht zu verraten.«

Ohne ein Wort trat Christoph an Marthe vorbei, hockte sich zu seiner Tochter und legte den Arm um sie. Einen Herzschlag lang verspürte Marthe Verachtung für ihn. Sie selbst hätte keiner Menschenseele erlaubt, Katharina zu ohrfeigen, aber Christoph war nie Manns genug gewesen, sich zu wehren. Und zum Reden würde er Josephine auch nicht bringen.

»Das hat dann wohl keinen Sinn mehr«, bemerkte Fiete. »Vielleicht sollten wir die Stadtwache verständigen?«

Marthe wurde übel. »Aber sie weiß es doch«, protestierte sie, »sie muss es uns sagen.«

»Dass das kein gutes Ende nimmt, habe ich immer gewusst«, murmelte Traude. »Dass sie mit dem Pack umherzieht, liegt in ihr, und dass das Pack ihr irgendwann den Garaus macht, auch.«

Marthe schoss herum. Ehe sie aber auf Traude losgehen konnte, rief Josephine: »So ist es nicht! Kathi geht mit keinem Pack, nur mit Ben, und Ben ist ihr Freund. Sie will einfach wissen, wo Ben zu Hause ist. Er erzählt es ihr doch nicht, und das macht sie verrückt.«

Marthe war so erschrocken, dass sie nicht sofort reagieren konnte. Ihr Kind war in der Hand dieser Leute – sie hätte es wissen müssen, doch ihr Innerstes hatte das Wissen verdrängt. Statt ihrer handelte Fiete, wies die Sanne an, Ölzeug und Schirme für die Suchenden zu holen, und schickte Christoph nach noch einer Stalllaterne. »Das Beste wäre, du bleibst hier«, sagte er zu Marthe. »Wir können meinen Hermann mitnehmen und vielleicht noch Stefan. Wo die Leute von diesem Ben wohnen, bekommen wir heraus, und dann hast du deine Ausreißerin im Nu wieder bei dir.«

Marthe schüttelte den Kopf. »Ich komme mit.« Nicht auszudenken, dass sie hier hockte und wartete, ohne zu wissen, was mit Katharina geschah. Sie zog sich die Ölhaut über das Kleid. Gleich darauf ertönten Schritte auf dem Vorweg und dann das Klirren des Schlüssels im Schloss.

Alles eilte aus dem Salon. Im Windfang, offenbar völlig ahnungslos, standen Peter und Lise. »Wo in drei Teufels Namen sind Sie gewesen!«, brüllte Marthe das Kindermädchen an. Fiete musste sie mit aller Kraft festhalten, damit sie sie nicht schlug.

Er übernahm es auch, Peter so knapp, wie es diesem Schwätzer möglich war, darzulegen, was geschehen war. »Natürlich fragen wir uns alle, wo die Kinderfrau war und warum sie auf die Kleine nicht geachtet hat«, schloss er.

»Fräulein Lise trifft keine Schuld«, erwiderte Peter tonlos. Marthe sah, dass auch er kreidebleich geworden war. »Ich habe sie in der Brauerei gebraucht. Sie erledigt Schreibarbeit für mich.«

Peter hatte Lise weggeholt, damit sie in der Brauerei für ihn irgendetwas schrieb, für die verfluchte Brauerei brachte er sein Kind in Gefahr? Die Lise, so fand sie, sah ihr geradezu triumphierend entgegen. Im nächsten Atemzug war ihr das alles gleichgültig, sie wollte nur endlich Katharina finden.

Natürlich kam Peter mit, und außerdem wusste er, in welchem Dreckloch diese Leute hausten. Die Sanne blieb daheim, stattdessen schlossen sich ihnen Stefan und Hermann an, von denen der erste ein nutzloser Bücherwurm war, der zweite aber ein Kraftprotz, der ihnen womöglich eine Hilfe sein würde. Der Sturm, der die Regenwolken trieb, hatte eben eingesetzt, und über der Stadt, auf der immer ein Gewicht lastete und Marthe das Atmen erschwerte, hing schon die Nacht, zerschnitten von den Kegeln ihrer Lampen. Im Laufen schrie Marthe Peter an: »Woher weißt du, wo das Pack wohnt?«

Peter sah sie nicht an, sein Blick war starr geradeaus gerichtet. »Ich habe Bens Mutter ein paarmal aufgesucht.«

»Nenn den Kerl nicht Ben!«, schrie Marthe. »Er hat unsere Kathi, er vergeht sich an ihr, und du sprichst von ihm wie von einem …« Wie von einem Menschen, hätte sie um ein Haar gesagt, brach aber ab und ließ den Satz in der Luft hängen.

»Nein, ich nenne ihn nicht mehr Ben«, versprach Peter, noch immer ohne Ausdruck in der Stimme. »Wenn er Kathi ein Leid getan hat, bringe ich ihn um.«

Marthe sah sein Gesicht von der Seite und bemerkte, obwohl die gleiche Angst sie vorantrieb, wie weit entfernt er von ihr war. Das alte Verlangen flackerte auf, der Wunsch, diesem Mann nahe zu sein. Komm heute Nacht zu mir, wollte sie ihn anflehen. Wenn wir nur Kathi wiederfinden, ist es für uns noch nicht zu spät. Wir können doch noch Kinder bekommen, wir können noch einmal versuchen alles zu vergessen und von vorne anzufangen.

Sie hörte nichts als die Vielzahl ihrer Schritte, die durch die ungepflasterte, von Flachbauten gesäumte Straße hallten. Die Laternen blakten ins Dunkel. Genau wie damals glaubte Marthe zu spüren, wie sich ihre Blicke in den Rücken bohrten und wie Stimmen hinter ihr hämisch zischten. Am Horizont, über alle Menschenwerke hinweg, drohte der grellweiße Gipfel des Vulkans.