36

Die silbern glänzenden Eisenstränge, die sich wie Ottern durch die Schneise im Wald von La Pulga schlängelten, deckten lediglich die kurze Strecke von Veracruz nach Orizaba ab, doch eines Tages würden sie sich bis nach Mexiko-Stadt und darüber hinaus in alle Teile des Landes erstrecken. Dann würde Mexikos Transportproblem auf immer gelöst sein, Rohstoffe und Fertigprodukte würden auf schnellstem Weg von einem Ende zum anderen gelangen, und die Menschen, die sie förderten und herstellten, würden von ihrer Arbeit leben können.

Etwas in Benito sträubte sich dagegen, diesem Wunderwerk des Fortschritts Gewalt anzutun. Aber solche Gefühlsduseleien waren fehl am Platz. Bazaine, der französische General, der Dörfer niederbrennen ließ, um Exempel zu statuieren, benutzte die Eisenbahn nicht zur Verschickung segensreicher Güter, sondern zum Truppentransport.

Benitos Begeisterung für den Schienenbau kam ihm bei seinem Plan zu Hilfe. Mehrmals war er seinerzeit nach Veracruz gereist, um bei den Arbeiten zuzusehen, und hatte dabei gelernt, warum das tropische Klima der Gegend ein Risiko darstellte. Kam es durch zu große Hitze zu einer Verwerfung der Gleise, würde ein Zug in Fahrt aus der Bahn geschleudert und unkontrollierbar werden. Wenn während der Regenzeit das Erdreich ins Rutschen geriet und einen Streckenabschnitt verschüttete, bestand dieselbe Gefahr. Dieses Wissen würde er ausnutzen. Die Waldschneise zwischen zwei steilen Hängen eignete sich bestens dazu. Die Schwärze der Nacht gab ihm Zeit, eine Reihe der hölzernen Schwellen, über die die Schienen verlegt waren, zu entfernen, den Verlauf zu untergraben und Erde auf die Gleise zu häufen, flach genug, so dass das Hindernis erst sichtbar wurde, wenn es zu spät war.

Er hatte nur drei Männer mitgenommen. Sie arbeiteten schweigend, ohne Licht, trieben mit Hämmern und Hacken die schweren Schwellen aus dem Grund. Es war Arbeit, die sich gut anfühlte – schweißtreibend, erschöpfend wie damals in Santa María de Cleofás, als sie die Grube für das Haus ausgehoben hatten. Und doch tust du nichts anderes als einer, der Galgen zimmert, um Menschen daran aufzuknüpfen. Als ihm übel wurde und er ins Dickicht des Hangs flüchten musste, hasste er sich. Er war froh, dass keiner seiner Männer ihm folgte – wenn einer austreten ging, schloss sich für gewöhnlich die halbe Einheit an.

Der Zug würde nicht schneller als zwanzig Meilen pro Stunde fahren, die Waggons würden nur langsam stürzen, und es war unwahrscheinlich, dass dabei ein Soldat zu Tode kam. Wen hältst du damit zum Narren?, fuhr er sich an. Wozu schleichst du bei Nacht und Nebel um die Gleise, wenn nicht, um zu töten? Wer bei der Entgleisung nicht stirbt, den empfangen deine Leute mit ihren Hinterladern. Sein Magen wand sich in schmerzhaften Krämpfen. Erst als er allen Inhalt von sich gegeben und ein paarmal leer gewürgt hatte, wagte er sich zu den Männern zurück.

Er würde darauf achten müssen, morgen früh nichts zu sich zu nehmen. Vielleicht hätte er doch Martinas Rat befolgen und zerriebene Windensamen in Kakao oder Agavenbier trinken sollen, Ololiuqui, das Rauschmittel seines Volkes, das kein Verbot der Eroberer hatte ausrotten können. »Wenn du das im Blut hast, vergisst du deine Schmerzen«, hatte Martina gesagt, ehe sie ihm die Wunde am Unterarm geöffnet und die Kugel entfernt hatte. Als er sich weigerte, schalt sie ihn aus: »Glaubst du, ich bewundere dich, wenn du auf meinem Tisch den Helden spielst?«

»Nein. Aber vielleicht glaube ich, dass wir nicht alle Schmerzen vergessen sollten.«

»Dummes Männergeschwätz. Wenn du mir beweisen willst, dass du aus Stahl bist und weder Schmerz noch Angst kennst, bitte, aber wenn du mir nachher die Ohren taub brüllst, erwarte kein Mitleid von mir.«

»Ach, Martina«, hatte er gesagt, »in Wahrheit habe ich vor deinem Gifttrunk mehr Angst als vor deinem Messer«, und dann hatten sie beide gelacht. Dass er sich vor dem Ololiuqui fürchtete, war nicht einmal gelogen. Es hieß, wer es einnehme, durchlebe Erfahrungen seiner Kindheit noch einmal bis in glühendste Einzelheiten. Lieber kotze ich mir die Seele aus dem Leib, dachte er, schüttelte sich und machte sich daran, den Schienenabschnitt abzuschreiten.

Hier und da kniete er nieder, um im Dunkeln zu prüfen, ob der Bewurf ausreichte und die Grube unter dem Metall tief genug war. Was sie taten, war richtig, versicherte er sich. Die Truppen, die in diesem Zug transportiert werden sollten, durften nicht zur Verstärkung ins Landesinnere gelangen, ehe Kompanien bereitstanden, um sie hinter der Hauptstadt aufzuhalten. Juárez und sein Kabinett waren nach San Luis Potosí, nördlich von Querétaro, zurückgewichen und mussten geschützt werden. Das war seine Aufgabe, nur daran durfte er denken. Wenn es den Franzosen gelang, die gewählte Regierung Mexikos aus dem Land zu treiben, mochte das den Kampfgeist des Widerstands brechen. Die dreiste Lüge Napoleons, das Volk wünsche sich den Habsburger Prinzen zum Kaiser, mochte traurige Wirklichkeit werden. In Nordamerika tobte noch immer der Bürgerkrieg, von dort hatte Juárez keine Hilfe zu erwarten. Für Mexiko kämpfen konnten nur Mexikaner.

Mexikaner müssen wir doch erst werden, glaubte er die Stimme seines Bruders zu hören. Das eine Volk Mexikos, das sich sein Vaterland von keinem rauben lässt. Nur mit Mühe unterdrückte er ein Lachen, eins dieser hustenden Gelächter, die Männer ausstoßen, weil ihnen zum Heulen der Mut fehlt. Du würdest dich über mich wundern, Miguel, und ich glaube, dir würde das hier gefallen. Wenn du da wärst, würde ich dir sagen, dass du auf seltsame Weise recht hattest und dass mir dein pathetisches Gerede fehlt.

Er winkte seine Männer zusammen und schickte sie noch auf drei Stunden zum Schlafen in ihr Versteck. Im Morgengrauen würden sie sich in der Deckung am Hang verteilen und stundenlang auf den Zug warten. Zwar war mit diesem erst gegen Mittag zu rechnen, doch kam es immer wieder zu plötzlichen Änderungen des Fahrplans, den die Franzosen nach ihrem Gutdünken gestalteten.

Es war der letzte Einsatz, bei dem er seine Kompanie befehligte. Ab morgen würde sie einem anderen Capitán unterstehen, während er einen Posten als Kurier zwischen der Regierung in San Luis Potosí und den Guerillaeinheiten um die Hauptstadt übernahm. Zwischen den Einsätzen würde er in der Stadt ein unauffälliges Leben führen, umso mehr, da er als Redakteur des mittlerweile verbotenen El Siglo XIX ohnehin auf einer schwarzen Liste stand. Um der Gefahren willen hatte der Coronel ihm in Juárez’ Namen eine Beförderung in Aussicht gestellt, aber Benito hatte abgelehnt. »Jetzt hören Sie schon auf, sich zu zieren«, hatte Ferrante gesagt, »vermutlich überleben Sie auf dem tödlichen Posten keine vier Wochen, und gemütlich wird man Ihnen das Sterben auch nicht machen. Also können Sie’s wenigstens als Mayor tun.«

»Seit wann machen Sie Amarantfresser zu Mayors?«

»Seit ich mit Ihnen geschlagen bin, Sie Hornochse. Merken Sie in Ihrem sturen Schädel eigentlich, wenn Ihnen jemand Gutes tun will?«

Ja, hatte Benito gedacht und gegen ein Lächeln gekämpft. »Wenn dieser Zirkus vorbei ist, werfe ich den ganzen Plunder ab und setze mich wieder an meinen Schreibtisch«, hatte er zu Ferrante gesagt. »Je mehr Sie mir überhängen, desto schwerer machen Sie es mir.«

»Nichts anderes hatte ich vor«, hatte der Coronel geknurrt.

Er würde ihn vermissen, er würde seine Männer vermissen. Statt Cuatl, der jetzt bei Martina sein Gnadenbrot fraß, würde er fremde, geliehene Pferde reiten. Aber vielleicht war das gut so, vielleicht half es der Angst ab, wenn man tat, als würde einen nichts ans Leben binden. Unter den tief hängenden Blättern der Christuspalmen hindurch kroch er in seinen Unterschlupf. Die Luft roch, wie sie es nur in den Tropen tat, bevor die Sonne aufging, feucht und schwer vor Fülle. Als er einen Fuß in die Grube setzte, die ihm als Schlafplatz diente, stieß er auf Widerstand. Er beugte sich tiefer und erkannte ein Gürteltier, das sich an seinem Tornister zu schaffen gemacht hatte und jetzt mit klebriger Zunge Krumen vom Boden leckte. Erschrocken ließ es von seiner Beute ab und rollte sich zu einem gepanzerten Ball. Benito fand es unglaublich schön. Wie vorzüglich es in seinen Schildplatten gerüstet war, wie schnell es reagierte, um sich zu schützen! Nur ein Mensch konnte töricht genug sein, sich einzureden, ihn binde nichts ans Leben.

Der Zug von Veracruz nach La Soledad kam fahrplanmäßig eine Stunde nach Mittag durch das Tal. Benitos Männer hatten sich auf den Hängen in Abständen von sechs bis zehn Schritten verteilt und in der Deckung stundenlang ausgeharrt. Von Zeit zu Zeit befahl Benito ihnen, sich zu bewegen, die Muskeln zu dehnen und zu lockern, ohne sich allzu weit herauszuwagen. Befehle wurden von einem Posten zum anderen weitergegeben und umgehend ausgeführt, ganz gleich, ob der Empfänger Weißer, Mestize oder Indio war. Hätten wir in Friedenszeiten so Hand in Hand gearbeitet, wäre niemand auf die Idee gekommen, uns einen fremden Kaiser ins Land zu pflanzen, dachte Benito, aber solche Gedanken waren müßig. Jetzt hatten sie dafür zu kämpfen, dass die Friedenszeiten wiederkehrten, und damit noch einmal eine Chance.

Lange bevor die Lokomotive in Sicht kam, kündigte das unverwechselbare Schnaufen sie an, begleitet vom Rattern der Räder und den Hufschlägen der Kavalleristen, die dem Truppentransport Geleitschutz gaben. Von jetzt an durfte es kein Nachdenken mehr geben, alles musste ablaufen wie ein Steinschlag, der sich nicht aufhalten ließ. Niemand durfte schießen, ehe der Zug aus der Bahn geriet, doch sobald das geschah, musste die erste Salve die Kavalleristen niedermähen. Die hohe Feuerrate der Hinterlader würde ihnen dabei zu Hilfe kommen. Es war nicht leicht gewesen, diese Bewaffnung für die Kompanie durchzusetzen, aber die modernen Gewehre mochten ihnen das Leben retten. Nur wenn sie schnell genug schossen, würde keiner der Gardisten überleben und zurückfeuern.

Benito prüfte noch einmal Projektil und Treibladung. Die Ladung über die hintere Kammer war denkbar einfach, weshalb die Waffe sich trefflich für den Einsatz in der Deckung eignete. Wenn nach den ersten Salven eine Gruppe vorstürmte und in den Nahkampf ging, würde der Rest beständig nachladen und ihnen Feuerschutz geben. Sie hatten jeden Schritt so oft durchgespielt, dass im Grunde nichts schiefgehen konnte, aber der Augenblick, in dem zwei Einheiten bewaffneter Männer aufeinandertrafen, hatte mit den Übungen vorher nie etwas gemein. Das Kreischen der Räder verriet, dass der Zug sich in die Kurve legte, hinter der er in die Senke hineinglitt. In die Falle, die zuschnappte. Benito ging in die Knie, brachte beidhändig die Waffe in Anschlag und bereitete sich darauf vor, beim nächsten Herzschlag zu zielen. Gleich darauf sah er die vordersten Reiter.

So schnell, wie er begriff, dass etwas nicht war, wie es sein sollte, so schnell befahl er sich, nicht darauf zu achten. Es ist einerlei, es macht keinen Unterschied! Die Soldaten, die dem Zug voranritten, waren keine Franzosen. Ihre Gesichter waren dunkel wie sein eigenes.

Ägypter. Zur Verstärkung eingekaufte Söldner. Männer, die durch die Staatsschuldverwaltung der Franzosen keine Wahl hatten, als in der Fremde für Ziele zu kämpfen, die mit ihrem Leben nichts zu tun hatten. Es ist einerlei, es macht keinen Unterschied! Das Nächste, was er wahrnahm, war das Geräusch des entgleisenden Zugs, ein Schrillen, Krachen und Dröhnen, als würde die Welt zersplittern. Vom Metall der Gleise stoben Funken, die Lokomotive neigte sich zur Seite und schien in dieser Lage minutenlang zu schweben. Dann wurde mit erderschütterndem Getöse der Kohlenwagen in sie hineingeschoben, und der erste Personenwagen folgte. Gehüllt in Schwaden von Rauch, prallten alle drei auf dem Boden auf. Dass er sein Gewehr abgefeuert hatte, bemerkte Benito erst, als seine fliegenden Finger es nachluden.

Der Einsatz hätte besser nicht laufen können, alles vollzog sich noch reibungsloser als geplant. Die Männer feuerten, was das Zeug hielt. Ein Dutzend von ihnen schoss aus der Deckung und stürmte den Hang hinunter, doch in der Zerstörung und dem Chaos leisteten die Infanteristen, die den umgestürzten Waggons entflohen, kaum Gegenwehr. Die Handvoll, die kopflos aus dem Tal floh, würde nicht weit kommen, denn von Süden rückte eine mexikanische Kavallerieeinheit ein. Zu tun bliebe der Verstärkung nichts mehr – die Kompanie Guerilleros hatte die Arbeit allein vollbracht. Nach einer Dreiviertelstunde konnte Benito den Rückzug auf den Kamm befehlen. Sie hatten nicht einen Mann verloren und keine schwere Verwundung zu beklagen.

Bis zu der verborgenen Zeltburg, die vorübergehend als Hauptquartier fungierte, mussten sie sich auf der anderen Seite des Hügels gut anderthalb Meilen weit ins dichtere Waldgebiet schlagen. Ehe Benito den Kamm überquerte, schloss sein Teniente, ein junger Mestize aus Veracruz, zu ihm auf. Seine Wangen glühten. »Was für ein Erfolg, Capitán«, rief er, die Stimme nur mühsam gedämpft. »Denen haben wir’s gegeben. In unser Land schaffen die ihren österreichischen Langbart nicht!«

Benito erlaubte sich einen Blick zurück in die Schneise, auf die umgestürzten Waggons, die noch immer von Dampf umhüllte Lokomotive, die Leichen von Männern und Pferden, das leuchtende Grün und die Sprenkel der beginnenden Blütezeit. »Ja«, sagte er müde, »was für ein Erfolg.« Dann befahl er dem Teniente, den Übrigen in den Wald zu folgen, weil sein Magen sich verkrampfte.

Er hätte Coronel Ferrante zum Abendessen aufsuchen und einen Bericht abliefern müssen, aber er blieb dem Tisch des Befehlshabers ohne Entschuldigung fern. Die meisten der erschöpften Männer hatten sich bereits schlafen gelegt, als der Coronel den Kopf in sein Zelt steckte. »Sie kommen jetzt mit mir«, sagte er. »Und zwar ein bisschen plötzlich.«

»Wir haben keine Zeit für Strafgerichte, Coronel.«

»Reden Sie kein dummes Zeug«, wies ihn Ferrante barsch zurecht. »Wenn ich Sie für Ihre schlechten Manieren bestrafen wollte, hätte ich Sie vor Stunden holen lassen können, oder? Soweit ich weiß, habe ich Sie in fünfzehn Jahren nie bestraft, weil mir klar war, dass das nichts genützt hätte. Sosehr es mich wurmt, Sie sind für die Armee nicht geschaffen, weil Sie kein Mann sind, der sich unterwerfen kann. Natürlich wollen Sie auch nicht von mir hören, dass Sie Ihre Sache heute großartig gemacht haben. Ich habe eine ganze Reihe Männer gekannt, die zu stolz für die Peitsche waren, aber Sie sind sogar zu stolz für Lob.«

Benito erwiderte nichts.

»Jetzt kommen Sie schon«, brummte Ferrante. »Ich will nichts als ein Glas mit Ihnen trinken. Morgen früh sind Sie unterwegs, und es ist nicht anzunehmen, dass wir zwei uns noch mal wiedersehen.«

Schwerfällig folgte er dem Coronel aus dem Zelt. Wider Erwarten schlug dieser nicht den Weg zu seinem Quartier ein, sondern ging ihm voran zu einer Lichtung, auf der die Pferde angepflockt standen – der Braune, auf dem Benito hergekommen war, ein Falbe, der dem Coronel gehörte, und ein herrlicher Dunkelfuchs, den Benito nicht kannte. »Ein Pferd ist derzeit noch schwieriger aufzutreiben als eine Waffe«, sagte Ferrante, der bemerkt hatte, dass der edle Kopf des Tiers Benitos Blick fesselte. Er schraubte den Becher von seiner Feldflasche und füllte ihn. Benito roch den dunklen Tequila, den der Mann schon als Capitán in Veracruz getrunken hatte, und hätte ihn gern hinuntergestürzt, aber sein Magen verkrampfte sich erneut. »Schon recht«, sagte der Coronel und leerte den Becher selbst. »Das müssen Sie mir jetzt aber erklären, andernfalls lasse ich Sie nicht ziehen.«

»Was?«

»Sie können schießen wie ein junger Kriegsgott, und Sie sind mindestens so entschlossen wie ich, diesen Haufen von kleinen Napoleons aus Mexiko hinauszuwerfen. Weshalb spucken Sie sich die Seele aus dem Leib, wenn Sie ein paar davon zur Hölle schicken? Und machen Sie sich nicht vor, ich wüsste nicht, dass Sie auf alles schießen, aber nicht auf Menschen.«

»Das macht keinen Unterschied!«, entfuhr es Benito. »Ich töte sie trotzdem. Auch wenn ich ihnen keine Pistolenmündung in den Nacken drücke.«

»Ja, mein Freund, das tun Sie«, erwiderte Ferrante. »Sie sind Soldat. Und jetzt erzählen Sie.«

Ehe Benito abwehren konnte, schüttelte der Coronel den Kopf. »Das war ein Befehl, Alvarez. Und das eine Mal gehorchen Sie mir. Wir sehen uns ohnehin nicht wieder, also tun Sie mir den Gefallen.« Er schenkte den Becher wieder voll und gab ihn Benito. »Versuchen Sie’s noch mal. Wenn die Schwelle überwunden ist, hilft es.«

Benito versuchte es, musste gegen einen Würgereiz kämpfen, stellte dann aber fest, dass Ferrante recht hatte.

»Und jetzt raus mit der Sprache.«

»Ich weiß es nicht«, sagte er. »In dem Land, in dem wir leben, sehen vermutlich die meisten Kinder mit an, wie Menschen einander töten. Aber vielleicht sind manche eben nicht stark genug und verlieren ein Stück weit den Verstand.«

»Was haben Sie mit angesehen, Alvarez?«

»Eine Hinrichtung.«

»Einen Soldaten, der füsiliert wurde?«

Benito schüttelte den Kopf. »Einen Verbrecher, der erhängt wurde.«

»Wofür?«

»Mord«, sagte Benito.

»Wie alt waren Sie?«

»Keine Ahnung. In diesem Alter eben, in dem man brüllend seiner Mutter am Rock klebt und nicht loszureißen ist, bis man eins draufkriegt und irgendwo abgestellt wird.«

Der Coronel klopfte ihm den Rücken. »Sie waren ein Brüllbalg mit erstaunlichem Gedächtnis. Erinnern Sie sich auch an den Gehenkten? Haben Sie den gekannt?«

Benito blickte auf. »Ja«, sagte er, entschlossen, das letzte Wort gesprochen zu haben.

Gedankenverloren füllte der Coronel noch einmal den Becher, trank eine Hälfte und ließ Benito die andere. Dann entnahm er seinem Tornister eine der flachen Blechbüchsen, in denen Nachrichten transportiert wurden. »Hier, das nehmen Sie morgen mit und hinterlegen es wie üblich bei der Medica Martina. Alle weiteren Anweisungen erhalten Sie dort. Und wenn Sie einen Rat wollen, lassen Sie sich von der feurigen Medica eine Nacht lang nach Strich und Faden die Dämonen austreiben.«

»Martina von Schweinitz mag die trostreichste Seele der mexikanischen Armee sein«, erwiderte Benito, »aber sie ist mit einem prächtigen Kerl verlobt und wird ihn demnächst heiraten.«

»Ach, hören Sie doch auf – das kratzt die Medica nicht, und Sie lassen doch sonst nichts anbrennen. Um ein Haar hätte ich gesagt, Sie haben kein Herz für die Liebe, so wie Sie keinen Magen fürs Töten haben, aber das stimmt nicht, oder? Mindestens einmal waren Sie bis über Ihre hübschen Ohren verliebt. Damals, in Veracruz, als Sie mir ständig Maultiere gestohlen haben, um unter dem Fenster einer Schönen Serenaden zu singen.«

Ohne es zu wollen, hatte Benito begonnen am Halfter des Dunkelfuchses zu hantieren, den Kehlriemen zu öffnen und das Tier unter dem Hals zu streicheln. »Es würde Sie den größten Teil Ihres Tequila-Bestandes kosten, mir meine Lebensgeschichte aus der Nase zu ziehen«, sagte er. »Morgen früh wären wir beide nicht zu gebrauchen, hätten uns vor unseren Leuten zu Hanswursten gemacht, und obendrein wären Sie restlos enttäuscht.«

»Sie mögen ja Probleme mit dem Töten haben«, versetzte Ferrante, »aber lügen können Sie, dass mir die Tränen den Rücken runterlaufen. Ich muss also sterben, ohne den Namen des Mädchens zu erfahren, das Ihr kaltes Herz berührt hat. Finden Sie das nett?«

»Nein«, sagte Benito. »Wir Amarantfresser sind nicht nett – wir haben kalte Herzen und opfern Menschen.«

»Dann scheren Sie sich zum Teufel«, rief der Coronel und verpasste seinem Rücken einen festen Hieb. »Aber den Gaul nehmen Sie mit. Ich habe Sattel und Zaum im Zelt, das bekommen Sie auch noch von mir und dann keinen Hosenknopf mehr.« Als Benito nichts sagte, nur fassungslos auf das feine Adernetz um die Nüstern des Pferdes starrte, lachte er. »Es ist eine wahre Crux, Ihnen eine Freude zu machen, aber es sieht aus, als wäre es mir geglückt. Nein, versuchen Sie nicht, sich zu bedanken. Verdient ist verdient. Tun Sie mir nur einen Gefallen und geben der Stute keinen Namen in Ihrem Kauderwelsch von Sprache. Sie ist ein englisches Vollblut, sie würde sich schämen.«

Die Nacht war voll Zauber. All das Getier, das im Dunkeln auf Beutefang ging, erfüllte die Luft mit dem Streichen von Schwingen, dem Tappen weicher Pfoten, dem Flüstern, Rascheln und Zischen geheimer Verständigung. Benitos Hand lag auf dem Hals des Pferdes, fühlte Blut, das unter seidigem Fell pulsierte, und Wärme, die zum ersten Mal an diesem Tag durch seinen Körper rann.

Am Arm drehte Ferrante ihn zu sich herum. »Nun sagen Sie’s schon. Nur das noch. Wie soll sie heißen?«

Die Stute warf den Kopf mit der fast schwarzen Mähne zurück.

»Katharina«, sagte er.