3

Sorgfältig wischte Benito die seifige Lauge und die Haare von der Klinge und steckte das Rasiermesser zurück in das bestickte Futteral. Er war vierzehn Jahre alt und über Nacht ein Mann geworden. Nicht nur an seinem Hemd, das über Brust und Schultern spannte, merkte er es, nicht nur am Bart, der ihm wie Maiskraut spross, sondern noch mehr an den seltsamen Gefühlen, die in ihm brodelten und sich nicht beschreiben ließen. Sein Bruder Miguel hatte ihm das Rasiermesser geschenkt, der Himmel wusste, wo er das Geld dafür herhatte. In letzter Zeit hatte Benito ab und zu den Eindruck, dass Miguel, der schon neunzehn und ein ganzer Mann war, ihn nicht mehr wie einen dummen Jungen behandelte, und das machte ihn stolz.

Um sich sorgsam zu rasieren, hatte Benito selten Zeit. Seit Miguel es nicht länger ertragen hatte, bei den Deutschen zu arbeiten, hatte er dessen Aufgaben übernommen, eilte den ganzen Tag mit Paketen zwischen dem alten Kontor in der Siedlung und den Lagerhäusern im Hafen hin und her und versorgte zwischendurch die Pferde. Heute aber hatte Peter Lutenburg ihm den Abend und die Nacht über freigegeben.

»Die Mutter ist krank, sie will dich sehen«, hatte Miguel gesagt. »Weißt du überhaupt noch, wie deine Mutter aussieht, so selten, wie du dich zu Hause blicken lässt?«

Ist das vielleicht meine Schuld?, wäre es Benito um ein Haar herausgerutscht. Würdest du dir Arbeit suchen, dann müsste ich nicht für uns alle sorgen und könnte meinetwegen jeden Sonntag kommen. Natürlich sagte er nichts davon, sondern bat Peter Lutenburg um Ausgang. Es war ja keineswegs so, dass Miguel keine Arbeit tat, nur erhielt er dafür kein Geld. Miguel leistete Arbeit für Mexiko. Das war wichtiger als alles, was Benito hätte tun können.

Er streifte sich das Hemd, das vom Auswaschen noch nicht ganz trocken war, über und kämmte sich das Haar mit Wasser an den Kopf. In dem Spiegel, den Katharina ihm geliehen hatte, betrachtete er sich. Sein Gesicht war kantiger geworden. Die Mutter würde fragen, ob er nicht genug zu essen bekam. Auf einmal musste er lachen. Vor Tagen hatte Katharina gesagt, sie werde ihn heiraten, sobald sie alt genug sei, und für sie sei er der schönste Mann der Welt.

Er wusste, er hätte sich nicht so viel mit Katharina abgeben dürfen, nicht nur, weil ihre Eltern es verboten, sondern auch, weil er aus dem Alter heraus war. Er bemühte sich, ihr aus dem Weg zu gehen, aber wie ein getreues Hündchen trottete sie hinter ihm her, und er brachte es nicht fertig, sie wegzuscheuchen. Zu wertvoll war ihm die Erinnerung an ihre Kinderfreundschaft. Als er hergekommen war, mit eben sechs Jahren, obgleich sein Bruder ihn für acht ausgab, als er sich von aller Welt verlassen gefühlt hatte, war dieses kleine Geschöpf da gewesen und hatte ihn zu ihrem Freund gewählt. Als dann Miguel das Haus der Lutenburgs verließ, wäre er ohne Katharina vielleicht zu schwach gewesen, durchzuhalten, und die Mutter, Miguel und Xochitl hätten niemanden gehabt, der für sie sorgte.

Immer wieder hatte Katharina ihn bedrängt, ihr zu zeigen, wie seine Leute lebten, sie mitzunehmen, wenn er zu seiner Mutter ging. Dass das unmöglich war, verstand sie nicht – wie sie auch nicht verstand, dass er kein Kind mehr war, sondern ein Mann, der Mädchen mit anderen Augen betrachtete. Nie im Leben hätte er Katharina Lutenburg mit solchen Augen betrachten dürfen, nicht einmal, wenn sie im rechten Alter gewesen wäre. Die Flause, dass sie ihn heiraten wollte, musste er ihr austreiben. »So ein Unsinn. Wenn du alt genug bist, heiratest du deinen Vetter, den schönen Stefan«, hatte er gesagt.

Daraufhin hatte sie ihm voll Ungestüm die Arme um den Hals geworfen, ihn klatschnass auf den Mund geküsst und ausgerufen: »Den Stefan, den sollen die anderen schön finden. Für mich bist du der schönste Mann der Welt – zumindest der mit den schönsten Händen.«

Benito sah seine Hände an und schluckte noch einmal an einem Lachen. Etwas daran war köstlich, obwohl er davon träumte, dass ihn andere Mädchen auf andere Weise küssten, und obwohl es ihm übel bekommen wäre, wenn irgendwer davon erfahren hätte.

Jemand klopfte dreimal scharf an die Tür seines Verschlags, der hinter dem Pferdestall angebaut war. Miguels Zeichen. Benito warf den Spiegel aufs Bett und zog die Tür, die in den Angeln knarrte, auf. »Findest du das richtig«, fragte der Bruder statt einer Begrüßung, »dass du im Stall schlafen musst, während die da in ihrem Palast wohnen? Ist das hier dein Land oder ihres, he?«

Benito seufzte. Dass Miguel von seinen Brotgebern nur als von denen da sprach, war er gewohnt, und auch die Frage hatte der Bruder ihm schon mehrmals gestellt. »Mir ist es recht«, murmelte er und beließ es dabei. Miguel zu erklären, dass ihm die Nähe der Pferde lieber war als die der Menschen, hatte keinen Sinn. Der Bruder sah prächtig aus, fand Benito. Er war nicht groß, Benito war ihm sogar über den Kopf gewachsen, aber er war kräftig und sehnig, und die rote Faja um die Hüften stand ihm so gut wie der Schnurrbart, der seine Männlichkeit herausstrich. Ob er ein Mädchen hat?, durchfuhr es Benito. Sie würden weit zu gehen haben, bis in die Vorstadt, in der ihre Familie hauste, und er wünschte, er würde unterwegs den Mut aufbringen, den Bruder darauf anzusprechen.

Natürlich brachte er den Mut nicht auf. Statt über Mädchen redeten sie über das Elend im Land. Benito, der wissen wollte, ob es seiner Mutter besserging, erhielt zur Antwort: »Wie soll es ihr bessergehen? In einer Hütte mit Lehmbewurf ist es immer feucht, und eine Frau mit schwachen Lungen holt sich den Tod. Deshalb lassen sie uns ja in solchen Hütten hausen, damit wir uns den Tod holen und sie uns von dem Kuchen, den sie sich geschnappt haben, nichts abgeben müssen.«

Benito fragte nichts mehr. Es machte ihn stolz, dass sein Bruder, der so wichtig für den Kampf des mexikanischen Volkes war, ihn ins Vertrauen zog, doch zugleich erfüllten ihn solche Gespräche mit Hilflosigkeit. Miguel redete weiter. Er empörte sich darüber, dass die Nahua und die übrigen Ureinwohner, denen das Land doch gehörte, ihre Regierung nicht wählen durften und dass sie Steuern zahlen mussten, bis ihnen zum Überleben keine Krumen mehr blieben. Auf die Zentralisten schimpfte er, die in der Hauptstadt selbstherrlich Entscheidungen fällten, ohne sich darum zu scheren, ob das Volk in allen Landesteilen Hunger litt.

»Aber die Regierung kann doch nichts dafür, dass wir so wenig schiffbare Flüsse haben«, wagte Benito noch einmal einen Einwand. Er hatte im Haus der Lutenburgs aufgeschnappt, der Handel in Mexiko komme so schlecht auf die Beine, weil sich Waren kaum verschiffen ließen und Händler auf Maultiere angewiesen waren. Aus dem Augenwinkel spähte Benito nach dem Bruder. Hatte er ihn beeindruckt, oder hatte er sich lächerlich gemacht?

Miguel blieb stehen. »Sehr schlau«, versetzte er spöttisch. »Und wer bitte schön hat dir den Unsinn vorgeschwatzt? Dein deutscher Sklaventreiber, versteht der vielleicht mehr von Mexiko als wir? Nun, wenn ihr beide so schlau seid, dann kannst du mir sicher erklären, wozu wir schiffbare Flüsse überhaupt brauchen? Wem nützen die denn? Vielleicht deiner kranken Mutter? Hat die Waren zu verschiffen? Aber nicht doch! Deinem Deutschen nützen sie, ihm und den anderen ausländischen Geldsäcken, die die Zentralisten ins Land holen, als hätte Mexiko kein eigenes Volk.«

Benito wusste, wie sehr seine Mutter fürchtete, die Stadtwache könnte Miguel seiner Reden wegen als Aufrührer verhaften. Aber zugleich war sie zweifellos stolz, so einen Sohn zu haben, der die Zusammenhänge erfasste, obgleich er nur wenige Jahre eine Schule besucht hatte. Zwar sollte Schulbildung im freien Mexiko für jeden zugänglich sein, doch die Wirklichkeit sah anders aus. Zur Schule ging, wessen Familie sich leisten konnte, auf seine Arbeitskraft zu verzichten.

Benito jedenfalls war stolz auf Miguel, auch wenn ihm das, was er tat, nicht recht durchdacht und leichtsinnig erschien.

»Verlangen wir denn viel?«, fragte der Bruder jetzt. »Schiffbare Flüsse, Handelsverträge, all das brauchen wir nicht. Wir, das Volk von Mexiko, wollen nicht mehr als über den Flecken Land bestimmen, den wir mit unseren Händen bestellen. Ist unser Boden nicht fruchtbar? Wenn wir die Früchte, die er hervorbringt, selbst essen dürfen, weshalb sollten wir Hunger leiden oder die Hilfe der Extranjeros, der verdammten Ausländer, nötig haben?«

Benito wusste auf keine dieser Fragen eine Antwort. Er war nicht zur Schule gegangen. Als er alt genug gewesen wäre, waren sowohl sein Vater als auch sein Pate tot, und die Mutter musste sich allein durchschlagen. Was er konnte, das bisschen Lesen und Schreiben, verdankte er Katharina und ihrem Vater. Er mochte nicht, dass Miguel gegen die Ausländer wetterte, aber noch weniger mochte er, dass seine Mutter litt, weil die Dinge waren, wie Miguel sie beschrieb. Immer war ihm, als würden in seiner Brust zwei Kräfte kämpfen, wie Schlangen, die einander zerfleischten. Stumm ging er weiter und hoffte, dass Miguel ihm folgte.

»He, kleiner Bruder.« Miguel holte ihn ein und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er hatte große Hände, und Benito wurde noch immer warm, wenn er sie spürte, wie als kleines Kind. »Warum so missmutig? Soll ich dir etwas verraten, um dich aufzuheitern? Ja, die Lage ist übel, und seit Santa Anna, der Satan, den Kongress geschlossen hat und per Dekret wie von Gottes Gnaden regiert, wird alles noch schlimmer, doch die Zeiten, in denen wir tatenlos zugeschaut haben, sind vorbei. Sind wir vielleicht schwach? O nein, wir sind nur zerstritten wie in all den Jahrhunderten. Die verdammten Spanier hätten uns nie unter ihre Fuchtel zwingen können, wenn unsere Völker einander nicht verraten hätten.«

Er hatte Benito schon oft darüber Vorträge gehalten. Die zahlenmäßig unterlegenen Spanier hatten sich des einen Volkes bedient, um das andere zu besiegen, und dazu kam La Malinche, die dunkle Prinzessin, die sich für den weißen Eroberer zur Hure machte und ihm ihr Land vor die Füße warf. Es gab jedoch noch eine andere Seite der Geschichte. In den Häusern der Extranjeros hatte er gehört, die Spanier hätten die Völker Mexikos unterwerfen können, weil dessen Angehörige ihn für einen Gott hielten. Für ihren Schöpfergott Quetzalcoatl, die Schlange mit den grünen und scharlachroten Federn des Quetzal-Vogels, dessen Willen sie sich zu beugen hatten.

Alle Geschichten hatten mehr als nur eine Seite, sie ließen sich aus mehreren Winkeln betrachten und veränderten dabei ihr Gesicht, aber davon sagte er nichts zu Miguel. Der zwinkerte ihm zu, zog eine seiner kurzen braunen Zigaretten aus der Brusttasche und steckte sie an. »Ein einiges mexikanisches Volk wäre durchaus imstande, ihnen allen die Stirn zu bieten«, fuhr er fort. »Auch unseren Nachbarn im Norden, die nur darauf warten, dass wir uns gegenseitig abschlachten, damit sie sich uns einverleiben können. Vereint und bewaffnet würden wir sie in die Schranken weisen, und wir haben ja angefangen, uns zu bewaffnen, wir, die einfachen Männer auf dem Land und in den Vorstädten. Auf dem Zócalo von Mexiko-Stadt hat es bereits einen Aufstand gegeben …«

»Der niedergeschlagen wurde«, rutschte es Benito heraus, ehe er sich bremsen konnte.

»Und wennschon. Das ist nur der Anfang.« Miguel packte ihn am Arm, zog seinen Kopf zu sich und flüsterte dicht an seinem Ohr: »Alles, was wir brauchen, sind bessere Waffen. Mit ein paar rostigen Macheten lässt sich nichts ausrichten, aber wenn wir Schusswaffen haben, werden sich die Proteste zu einem gewaltigen Aufstand bündeln lassen. Ich selbst – dein eigener Bruder, mein Kleiner – gehöre zu einer Gruppe, die erbeutete Gewehre und Munition in den Dörfern verteilt. Im Geheimen natürlich – zu niemandem ein Wort, verstanden? Auch der Mutter darfst du nichts sagen, du weißt ja, sie macht sich vor Sorge verrückt.«

Verrückt vor Sorge fühlte Benito sich selbst, wenn er dem Bruder zuhörte – er sah Miguel aus einem Hinterhalt springen und eine Maultierkarawane mit der Machete bedrohen. Gleich darauf sah er uniformierte Wachpolizisten, die ihn mit Gewehren im Anschlag umzingelten. Woher nahm der Bruder nur solchen Mut? Benito sagte noch immer nichts.

»Du bist ein wortkarger Schrat«, bemerkte Miguel und klatschte ihm auf den Rücken. »Aber du bist eben noch ein Kind und außerdem verdorben von den Deutschen. Von dir kann keiner erwarten, dass du eine Spur von alldem begreifst.«

Inzwischen hatten sie die Herrenhäuser, bepflanzten Innenhöfe und gepflasterten Straßen hinter sich gelassen. Die Gebäude wurden kleiner, unter die niedrigen Ziegelhäuser mischten sich Hütten aus Reisig und Lehm. Die Regenzeit hatte den Sand der Wege in Schlamm verwandelt, in dem die Füße bis zu den Knöcheln stecken blieben. Wie zum Hohn brannte dazu die sengende Augustsonne. Der Schatten hoher Palmen fehlte hier so sehr wie die Brise vom Meer, und die Wälder mit ihren tausendjährigen Zypressen waren noch weit. In der Luft, die schwer und ungesund schmeckte, summten Schwärme von Insekten. Dies war die Vorstadt, in der die indianischen Bewohner von Veracruz hausten, meist Frauen mit Kindern, die ihre Männer und ihre Milpa – die Scholle Erde, die sie ernährt hatte – verloren hatten. Deshalb zogen sie aus ihren Pueblos, den Dörfern im Bergland, in die großen Städte, wo sie hofften irgendeine Art von Arbeit zu finden.

Benitos Familie war aus dem Hochland unweit der Stadt Santiago de Querétaro gekommen, wo die Farbe Grün tausend Schattierungen aufwies und das Geschrei der Vögel, die den Tag begrüßten, tausend Stimmen. Alle Lieder und Geschichten der Mutter stammten von dort, und wenn sie davon erzählte, sprach sie den Namen der Landschaft nie aus, sondern nannte sie die Heimat. In der Heimat hatten sie ihr Maisfeld gehabt und ein Stück Weideland für Ziegen, sie hatten einen Vater und einen Paten gehabt und waren glücklich gewesen, beteuerte die Mutter. Miguel und Xochitl nickten dazu, doch Benito besaß keine Erinnerung.

Haufen von Abfall schmorten in der Hitze und verbreiteten Schwaden fauligen Gestanks. Je näher sie aber dem Haus der Mutter kamen, desto stärker begannen andere Gerüche den üblen Mief zu überlagern – der Duft nach in Schmalz gebackenen zerstampften Bohnen und Bananenscheiben und das rauchige Aroma der Barbacoa de Borrego, eines in Agavenblätter gewickelten Schafbratens, der in einer Grube über Holzkohle gegart wurde. »Merkst du’s?« Miguel reckte die Nase in die Luft wie ein witternder Ozelot. »Die Mutter hat ordentlich aufgetischt für den hohen Besuch. Sogar ein Stück Fleisch hat sie beschafft.«

Benito wünschte, sie hätte das nicht getan. Er bekam bei den Lutenburgs genug zu essen, wenn auch die Sanne ihm die schlechtesten Bissen zuwies, und er wusste, dass das Geld, das er der Mutter schickte, kaum zum Überleben reichte. Dennoch erfüllte ihn der Gedanke mit einer kurzen, scharfen Freude. In manchen Nächten stellte er sich vor, hier zu leben wie Miguel und Xochitl und von der Mutter umsorgt zu sein.

Sie kniete vor dem Erdloch, in dem überm Holzfeuer Fleisch briet, hörte ihre Schritte und sprang auf, um ihnen entgegenzulaufen. Alt war sie noch nicht – nicht viel älter als Katharinas Mutter, doch ihr Gesicht unter dem Rebozo erschien älter als das der Großtante Hille, die sie Königinmutter nannten. Die mochte an die siebzig Jahre alt sein, doch unter den Nahua-Frauen wurde kaum eine älter als vierzig.

»Meine Kinder, meine prächtigen Söhne! Unsere Herrin, die Jungfrau von Guadelupe, sei gelobt!« Die Mutter schlang ihre mageren Arme um Miguel, dann schloss sie Benito in die Umarmung ein, reckte sich und küsste beide auf die Wangen.

Benito wollte den Schmerz nicht mehr fühlen. Er war vierzehn Jahre alt, er war mehr als einen Kopf größer als die Mutter, und er war ohne sie ausgekommen seit dem Tag, an dem sie ihn heulend und krakeelend in Miguels Schlepptau fortgeschickt hatte. Er wollte sich der Sehnsucht nicht erinnern, von der er als Kind gedacht hatte, sie werde ihn umbringen, und die er fest in sich verschlossen hatte. Sobald er aber ihre Arme um sich spürte und ihren Duft wahrnahm, schrumpfte er wieder zu dem kleinen Jungen, und der Schmerz und die Sehnsucht waren wieder da.

Diese kurze Spanne Kindheit in der lehmfeuchten Hütte, die Lieder und der Duft der Mutter waren alle Heimat, die er kannte. Flüchtig ließ er sich in ihren Arm fallen, dann spürte er den Leib des Bruders neben seinem und richtete sich auf. Kindheit, so begriff er, war ein Land, in das man nicht zurückkehren konnte, selbst wenn man viel zu kurz darin verweilt hatte.

»Du hättest dich mit dem Essen nicht mühen sollen«, meinte er und befreite sich. »Miguel hat gesagt, du fühlst dich wieder krank.«

»Ich werde doch wohl eine schlichte Barbacoa zurechtmachen dürfen, wenn ich einmal alle meine Kinder um mich habe!« Sie wies auf das Erdloch, aus dem der würzige Rauch aufstieg. Die Frauen der Nahua gruben für dieses Gericht eine gut einen Meter tiefe Grube aus, häuften Steine und glühende Holzkohle hinein und deckten sie mit einem Gitter ab. Auf das Gitter stellte Benitos Mutter ihren verbeulten Topf, in den sie Wasser, Zwiebeln, Limonen und Koriander schichtete, und darüber legte sie ein zweites Gitter, auf dem brutzelnd und zischelnd das umwickelte Fleisch garte. Das Fett, das aus dem Bratgut in die Kasserolle tropfte, verwandelte deren Inhalt in eine Suppe, die Benito lieber aß als sämtliche Köstlichkeiten im Haus der Lutenburgs. Muttersuppe hatte er sie früher insgeheim genannt.

Flink lief die Mutter zur Grube und beugte sich darüber. Sie musste einmal sehr schön gewesen sein, Miguel sprach ständig davon. »Die Mutter war einmal schöner als die verdammte Malinche, an deren Schönheit ein Volk zugrunde ging.« Benito erinnerte sich nicht. Er fand sie immer noch schön, wie eine Blüte des Kapokbaums, die zart und duftend zwischen kräftigen Blättern stand, schnell welkte und zerfiel.

»He, ihr Mädchen«, rief sie in Richtung Hütte, »packt an, unser Braten ist gar. Und ihr zwei setzt euch und lasst euch auflegen.«

»Sie ist gar nicht krank, nicht wahr?«, fragte Benito seinen Bruder, während sie zur Hütte hinüberschlenderten.

Miguel zuckte mit den Schultern. »Du weißt, dass sie hustet.«

Wie zum Beweis stieß die Mutter, der die Rauchschwaden in die Kehle stiegen, ein paar hustende Laute aus.

»Aber sie hat nicht gesagt, sie will mich sehen, weil sie krank ist«, beharrte Benito.

»Hör mal«, fuhr ihn Miguel an, »wenn es dir zu viel ist, dich einmal in drei Monaten von deinen Extranjeros zu trennen und deine Familie zu besuchen, dann mach, dass du wegkommst. Ich werde dich künftig nicht mehr behelligen.«

»Davon habe ich ja nichts gesagt«, begann Benito sich zu erklären, aber der Bruder ließ ihn nicht ausreden.

»Ja, ich habe ein wenig geflunkert. Ich habe der Mutter gesagt, du wolltest sie sehen, weil sie Nacht für Nacht nach dir weint, obgleich du darum keinen Pfifferling gibst. Macht das jetzt einen Unmenschen aus mir?«

»Nein«, murmelte Benito. Mehr zu sagen war zwecklos, außerdem hatten sie die Grube erreicht. Miguel setzte sich zur Mutter, während Benito stehen blieb und durch die Rauchwolken zusah, wie sie das Fleisch aus der Umhüllung schälte und mit gekräutertem Fett bestrich. Der Rebozo war ihr auf die Schultern gerutscht und gab den schweren eisgrauen Haarknoten frei. Sie war so klein gegen die Frauen in der deutschen Siedlung, so schmal und zerbrechlich. Weinte sie wirklich manchmal in der Nacht um ihn, oder lag sie vielmehr in Sorge um Miguel wach, der jeden Tag verhaftet werden konnte?

Stimmen vom Haus her setzten seiner Grübelei ein Ende. Aus der niedrigen Tür traten zwei Mädchen, beide in gewebten Wollröcken und Huipil-Blusen, beide mit über eine Schulter frisierten Zöpfen. Die eine war seine Schwester Xochitl, die andere kannte er nicht. Sie trug einen Topf mit honigduftender Atole, gesüßter Milch mit Maismehl, und wiegte sich dabei in den Hüften, als wäre die Last sehr schwer. Benito hatte sie nie zuvor gesehen. Er verliebte sich auf der Stelle in sie.

Sie war noch kleiner als Xochitl. Er fand kleine Frauen bezaubernd. Während er sie ansah, kam ihm in den Sinn, dass er ihr, wenn er sie in den Armen hielte, hinunter auf den Scheitel schauen könnte, und die Vorstellung entzückte ihn.

»Kleiner Bruder!« Seine Schwester nahm ihn bei den Schultern und reckte sich auf Zehenspitzen. Ihr Kuss war flüchtig wie ein Federstreich. Benito wünschte, ihre Begleiterin möge ihn ebenso küssen, denn mehr hätte er nicht ausgehalten. Die Begleiterin küsste ihn nicht. Sie blieb vor ihm stehen, als Xochitl zur Seite trat, und lächelte ihn an. Ihre Zähne, fand Benito, glichen kleinen Perlen.

»Wollt ihr zwei euch nicht begrüßen?«, fragte die Schwester. Sie war sechzehn und auf einmal eine Frau mit runden Brüsten und Wissen in den Augen. »Das ist mein kleiner Bruder Benito, von dem wir dir erzählt haben. Er ist ein bisschen schüchtern, nimm ihm das nicht krumm. Benito, das ist eine Freundin aus der Heimat, aus unserem Pueblo. Ihr Bruder hat den Schuppen neben Carlos gemietet und sucht jetzt Arbeit. Bis er etwas findet, kümmern wir uns um sie.«

Eine mehr, die wir durchfüttern müssen, hätte Benito denken sollen, doch stattdessen dachte er: Dem Himmel sei Dank, sie geht nicht gleich wieder fort.

»Wir nennen sie Carmen«, sagte Xochitl. »Weil ihr Name Lied bedeutet.«

»Cuicatl«, murmelte Benito, musste mit dem Namen im Mund plötzlich lächeln und streckte dem Mädchen, das Lied hieß, die Hand hin. Sie nahm sie und hielt sie fest. In ihrer sehr kleinen Hand bemerkte er, wie groß die seine war.

»Was ist, Kinder, habt ihr keinen Hunger? Das Fleisch ist vom Rost, es will in eure Bäuche.«

»Meinem Bauch soll das recht sein!«, rief Miguel vergnügt. »Was allerdings mit diesen Turteltauben ist, weiß der Himmel.«

Sie setzten sich alle um die Grube und ließen sich von der Mutter die Schüsseln füllen, erst mit Brühe, dann mit Fleisch und gebackenen Bohnen. Es roch alles himmlisch, doch Benito konnte kaum essen und überließ seinem Bruder die Mole Poblano, die Soße aus Chili und Schokolade, um die sie sonst stritten. Vergessen waren Sorge und Sehnsucht, und der diesige, zu schwüle Abend, der Regen bringen würde, schien auf einmal makellos schön. Neben ihm saß das Mädchen, das Lied hieß, und riss mit ihren Perlenzähnen kleine Fetzen vom Fleisch, wobei sie ihren Blick und ihr Lächeln nicht von ihm wandte.

Als er aufstand, um ihre Schüssel nachzufüllen, glaubte er ihren Blick auf seinen Hüften und in seinem Rücken zu spüren. Es kam ihm vor, als wäre er sich zum ersten Mal seines Körpers und seiner Bewegungen bewusst, und das Gefühl war berauschend. Das Mädchen, das Lied hieß, hatte muschelhelle Gruben an den Schläfen, geschwungene, von Wärme gerötete Wangen und leuchtende Augen, die sich von seinen nicht lösten. Später erhob sie sich, sagte, sie werde im Haus Zimtkaffee bereiten, und gebot Benito mit einem Blick, ihr zu folgen. »Zimtkaffee, bei uns geht es ja zu wie im Mictlan«, rief Miguel. Er hatte recht, fand Benito. Mictlan hieß das Paradies seiner Vorfahren, und dass es ihm nahe schien, hatte nichts mit Kaffee oder Zimt zu tun.

In der Sala der Hütte war es kühl, und durch das kleine Fenster fiel nur wenig Licht. Benito durfte auf dem Boden neben dem Mädchen sitzen, während es die Kaffeebohnen mahlte und dabei darauf achtete, dass kein Krumen verlorenging. Verlegen stellte er ihr Fragen, nach ihrem Bruder und ihrer Reise, dann fiel ihm nichts mehr ein. Er fühlte sich linkisch, weil er nicht wusste, was man ein Mädchen fragte, aber er bemühte sich weiter, weil er ihre Stimme hören wollte, nach jeder lächelnden Antwort aufs Neue.

Irgendwann entblößte sie die Zähne und sagte: »Wir können auch still sein, wenn du magst. Du bist schön, Benito, weißt du das? Ich sehe dich gern an.« Sie hörte auf, Kaffee zu mahlen, und schob ihm über den Boden ihre Hand hin. Benito lauschte auf sein Herz, während er seine Hand der ihren entgegenschob. Es schlug in hohen, kräftigen Sätzen. Hand in Hand saßen sie beieinander, die Rücken an die Wand gelehnt. Als die Übrigen ins Haus strömten, weil der Regen kommen und aus der Vorstadt einen Sumpf machen würde, standen sie taumelnd auf, wie aus einem Traum geschreckt.

Miguel schlug vor, beim Kaffee Conquian zu spielen. Er war glänzender Laune und riss Witze, während er die Karten verteilte, aber das Spiel kam nicht recht in Gang, weil ein jeder mit seinen Gedanken anderswo war. Xochitl saß mit halbgeschlossenen Augen und summte ein Lied vor sich hin. Benito und das Mädchen, das jetzt sein Mädchen war, hatten genug damit zu tun, einander so nahe zu sein, wie es möglich war, ohne einander zu berühren, und die Mutter versuchte ein Gespräch über ihre Angst zu beginnen, Miguel werde demnächst verhaftet.

»Ich weiß, dass du Dinge tust, die dich den Hals kosten werden«, sagte sie. »Ich habe es erlebt, als mein Vater es tat – sich zusammenrotten, um bei Nacht und Nebel zu den Silberminen der Spanier zu schleichen und alles in die Luft zu sprengen. Für die Unabhängigkeit, hieß es damals. Dafür, dass Mexiko frei ist. Mein Vater hat einen Arm dabei verloren, und wir waren ärmer als zuvor. In unserem Pueblo sind von hundert Familienvätern dreißig gestorben, die Hälfte im Kampf und die andere an Hunger und Not. Und was ist jetzt? Mexiko ist frei, oder nicht? Wir haben die Spanier aus dem Land gejagt, wir haben weniger, als wir je hatten, aber ihr Männer schleicht weiter bei Nacht und Nebel herum und kämpft gegen alles und jeden, so dass eure Mütter schlaflos um die Häuser streichen und weinen müssen wie die Llorona.«

»Das glaubst du doch selbst nicht, was du da sagst!« Miguel warf sich in die Brust. »Natürlich ist Mexiko nicht frei. Zwar gehört es keinem fetten König am anderen Ende der Welt mehr, aber uns, denen man es weggenommen hat, gehört es deshalb noch lange nicht. Im Grunde sind die Kreolen, die es sich geschnappt haben, sogar schlimmer als der König. Leben wir vielleicht wie Menschen, oder leben wir wie Vieh? Sprechen wir unser Nahuatl miteinander oder ihr verdammtes Spanisch?«

»Wie sollen wir wohl Nahuatl sprechen, wenn du kaum drei Sätze darin zusammenbekommst?«, entgegnete die Mutter.

»Und ist das meine Schuld? Hat man mir nicht eingebleut, wer sich aus dem Elend erheben will, hat Spanisch zu sprechen?« Miguels Gesicht war vor Erregung gerötet, doch während er Atem holte, verzog er den Mund zum Lächeln und tätschelte der Mutter den Arm. »Na komm, Mamacita, hören wir damit auf. Du schau lieber auf deine Karten, wenn du nicht willst, dass ich schon wieder gewinne.«

»Aufhören soll ich!« Entrüstet schüttelte die Mutter ihn ab. »Eine Mutter soll sich um ein Kartenspiel scheren, derweil ihr Sohn den Aufrührer spielt und den Hals schon in der Schlinge trägt?«

Benito hatte bisher kaum zugehört und gewünscht, die anderen würden ihn und sein Mädchen allein lassen. Das Gerede von Hälsen und Schlingen aber rüttelte ihn auf. Jedes Mal tat es das, es schlug ihm wie eine Faust in den Magen. Nur mit Mühe wurde er der Übelkeit Herr. »Für mich gibt es kein Spiel mehr«, murmelte die Mutter. »Seit ich in nicht einmal einem halben Jahr euren Vater und euren Paten verlor, weiß ich, dass auf jedem Fest schon der Tod zu Gast ist. Und diesmal ist es mein eigener Sohn, der ihn einlädt.«

Aus Miguels Gesicht verschwand der heitere Ausdruck. »Ich habe geglaubt, du wolltest Gerechtigkeit«, erwiderte er.

»Ja, das wollte ich.« Die Mutter wich seinem Blick nicht aus. »Aber ich bringe nicht noch ein Opfer dafür. Ich habe so viel verloren, dass mein Herz nie mehr heil wird, und wenn ich jetzt noch dich geben soll, dann will ich nicht mehr leben.«

Der Raum verdunkelte sich so schnell, dass man den Wert der Karten nicht mehr entziffern konnte. Die Nacht zog herauf, und es würde bald regnen, sie mussten den Fensterladen schließen. Benito sah seinem Mädchen zu, das behende aufsprang, die Lampe vom Herd nahm und sie angezündet in ihre Mitte stellte. Die Lampe rußte und blakte, ihr Licht zeichnete blasse Schatten auf des Mädchens Gesicht. Ihm war so seltsam zumute, als wäre er in zwei Hälften geteilt. Über den Rücken liefen ihm die Schauder der Kindheit, der schwarzen Erinnerungen und der Alpträume. Der Dia de los Muertos, der als heitere Ehrung der Toten gedacht war, schmeckte in seiner Familie bitter wie ungesüßter Kakao. Zugleich aber hing er an jeder Bewegung des Mädchens und war trotz der Schauder glücklich, weil gleich der Regen wie mit Donnerschlägen aufs Dach trommeln und sie in der Hütte einschließen würde, weil noch endlose Stunden vor ihm lagen, in denen er hier sitzen und ihr zusehen konnte, weil ein neues Leben begann, das von der alten Bitterkeit nichts wusste.

»Wenn wir aufhören für die Gerechtigkeit zu kämpfen, verraten wir die Toten«, sagte Miguel.

»Ach, was verstehst du schon davon?«, fuhr die Mutter ihm über den Mund. »Das Leben, solange es jung ist, glaubt doch immer, es sei vor der Sterblichkeit gefeit.«

Benito wollte etwas sagen, doch jäher Lärm ließ ihn verstummen. Nicht vom Dach kam er, wo sie ihn erwarteten, und es war auch nicht das Prasseln des Regens, sondern das dumpfe Hämmern von Fäusten auf Holz. Es kam von der Tür. Die Mutter schrie auf. Mit zwei Sätzen war Miguel beim Fenster und versuchte sich hinauszuschwingen, doch das Fenster war viel zu klein, und gewiss war das Haus umstellt. Von neuem hämmerten die Fäuste an die Tür, dass das Holz im Rahmen zitterte. Mit bleischweren Gliedern stemmte sich Benito in die Höhe. Widerstand war zwecklos; sie würden den Männern öffnen müssen, wenn sie nicht wollten, dass sie ihnen die Tür einschlugen.