12

Benito war vor Tagesanbruch losgeritten. Ehe er den Saum des Urwalds, das verschlingende, geheimnisvoll leuchtende Dickicht erreichte, war der Schleier der Dunkelheit aufgerissen, und im Nu hatte sich die Himmelskuppel in sämtliche Spielarten von Orange und Rot gefärbt. Dieses Schauspiel, selbst wenn man es tausendmal gesehen hatte, besaß für den einsamen Reiter etwas so überwältigend Tröstliches, als wäre er tatsächlich in der Weite des Universums nicht allein, sondern geborgen in einer göttlichen Hand. Die Hitze, die sich gleich darauf über das Land senkte, beschwerte Benitos Schritt, und dennoch war es leichter, im Sonnenlicht zu laufen als in der sternklaren Nacht, in der der Himmel hoch und unerreichbar schien.

An sein Ziel würde er nicht gelangen, bevor das wolkenlose Blau über ihm sich erneut verfärbte, diesmal jedoch nicht, um begleitet von Jubelschreien der Vögel die Ankunft des Tages zu begrüßen, sondern um sein Ende zu betrauern, wobei die Vögel klagten und sich bald verkrochen. Die weiteste Strecke musste er sich durch den Wald schlagen, war im unwegsamen Dickicht gezwungen, vom Maultier zu steigen und das Tier zu führen. Er kannte den Weg, ging ihn heute schon zum dritten Mal, aber der Dschungel veränderte sich mit jedem seiner dunklen Atemzüge, und was einen Monat zuvor ein Pfad ins Freie gewesen war, konnte sich heute als tödliche Sackgasse entpuppen. Es hieß, wachsam zu sein, den eigenen Orientierungssinn bei jeder Wendung zu prüfen, auf Lichteinfall und Bodenbewuchs zu achten und sich Markantes einzuprägen.

Zwei Tage im Monat kostete ihn das Unterfangen, Tage, an denen er weder arbeiten noch lernen konnte und somit kein Stück weiterkam. Die Schlingpflanzen, die ihm den Weg versperrten, so dass er sich mit der Machete einen Durchgang hauen musste, schienen ihm wie ein Symbol für den Stillstand, den er hasste. Er wollte voran. Jedes Gesetz, das er sich einprägte, jeder Centavo, den er zum Ersparten legte, war ein Schritt seinem Ziel entgegen. Dennoch vergeudete er jeden Monat zwei Tage, und die Armee würde ihm dafür keinen Hosenknopf zahlen.

Zumindest stellten sie ihm ein Maultier zur Verfügung. Er holte es in der Nacht vor dem Aufbruch in einem Mietstall ab und stellte es bei seiner Rückkehr wieder dort ein. Zu seinem Bedauern gab man ihm jedes Mal ein anderes Tier, so dass er sich nicht an eines gewöhnen und mit ihm die bemerkenswerte Freundschaft schließen konnte, die zwischen Reiter und Reittier möglich war. Benito liebte Pferde. Der Gedanke, er könne eines Tages ein Pferd sein Eigen nennen, war zu betörend, um ihm lange anzuhängen. Ein Maultier war nur zur Hälfte Pferd, und das Gezockel durch das grüne Labyrinth, bei dem er alle paar Schritte absteigen musste, hatte mit dem Rausch eines freien Galopps nichts gemein. Dennoch tat es gut, den schaukelnden Leib zwischen den Schenkeln zu spüren und auf den Hals des Tieres niederzusehen, das ging, wohin sein Reiter es trieb.

Die Kronen der Kapokbäume formten ein hohes Dach, in dem Kapuzineraffen brüllten, und die Stämme, Stauden und Sträucher ballten sich zu Mauern, die auf ihn zuzuwachsen schienen. Zusätzlich legte sich feuchte Luft wie eine Last auf seine Lungen, und es roch süßlich nach Verwesung und lauerndem Tod. Er zerriss sich die Arme am Stachelmohn und an den Nadeln der Araukarien, der Schweiß brach ihm in Strömen aus den Poren, und in seiner Hüfte regte sich der verhasste Schmerz. Dann aber kam der Augenblick, der jedes Mal aufs Neue unglaublich war – das Grün lichtete sich, die Schritte wurden leicht, beim leisesten Schenkeldruck fiel das Maultier in Trab, und schließlich gab der Wald Tier und Reiter frei.

Was nun folgte, war das beste Stück des Wegs. Noch brannte die Sonne, und in der Ebene gab es kaum Schatten, aber in stetem Tempo rückte das Vorgebirge näher. Solange man mit dem Aufstieg noch nicht begonnen hatte, wirkte der Weg einen Berg hinauf so kurz, als hätte man es bald geschafft. Weit hinten sah Benito den majestätischen Kegel des Orizaba. Euphorie ergriff ihn und verlieh ihm Schwung. Der hielt vor, bis er den Fuß des steilen Hangs erreichte und ihm wieder einfiel, wie mühsam die Strecke war, die noch vor ihm lag.

Ruppiges Grasland und schroffes Felsgestein wechselten in rascher Folge. Stieg er eine halbe Stunde lang in praller Sonne, so stand er nach der nächsten Biegung in einem See aus Nebeln. Aus einem Spalt über ihm, der aussah, als wäre die Felswand aufgeplatzt, prasselte Wasser mit einer Gewalt zur Erde, die in den Ohren dröhnte.

Benito musste das Maultier führen und zahllose Umwege wählen, damit das Tier auf allzu steilem glattem Gelände nicht abrutschte und samt der wertvollen Last zu Tode stürzte. Ohne es wäre er rascher vorangekommen, aber die Last hätte er allein nicht schleppen können, vier Säcke mit Mehl, zwei Fässer mit gesalzenem Fleisch und Fisch. Ihm wurde der Rucksack auf den Schultern schwer genug. Um dieser Last willen stieg er allmonatlich hier hinauf. Er hatte sich freiwillig in den Trupp der Versorgungshelfer gemeldet, die den Soldaten im Ausbildungslager Vorräte brachten, da die üblichen Karren die Kämme und Schluchten des Vorgebirges nicht erklimmen konnten.

Dass man ihn nicht zum Dienst an der Waffe einzog, hätte Benito wundern sollen, aber es wunderte ihn nicht. In diesem Witz von einer Armee mit ihrer Überzahl an Offizieren wusste die eine Hand nicht, was die andere tat. Seit seiner Meldung besaß er ein Papier, das ihn als Angehörigen der Guerilla, die die Heimat verteidigte, auswies. Vor den Machenschaften der Werber war er damit sicher. Ohnehin hatte nie einer sein Glück bei ihm versucht, weder mit Lazo und Knüppel noch mit Geschwafel vom Vaterland.

Das Vaterland war Benito gleichgültig. Was er tat, tat er für Miguel.

Schließlich war es das Einzige, das er für den Bruder tun konnte, sicherstellen, dass er zumindest zu essen und ab und an ein wenig Tabak bekam. Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatten die Soldaten, die in dem Lager ausgebildet wurden, um Decken gebeten, da die Nächte in der Höhe selbst im Sommer kühl waren, aber Benito hatte keine erhalten. Es herrschte Mangel. Was vorhanden war, wurde den kämpfenden Truppen in den Norden geschickt, auch wenn es bei den endlosen Wegen durchs Land womöglich nie ankam. Gegen die Kälte der Hochlandnächte sollten die Männer in ihren Uniformen schlafen, die dadurch noch schneller verschlissen und unbrauchbar wurden.

Klamme Kälte und regennasse Zelte waren nicht das Schlimmste, das den Männern drohte. Wenn sie tatsächlich zum Einsatz auf die Bergkämme oberhalb der Straßen geschickt wurden, wenn der Krieg von den Nordgebieten ins Landesinnere schwemmte, würde es kaum noch möglich sein, sie mit Proviant zu versorgen. Die Soldaten sollten vom Land leben, lautete die Parole, die die Regierung ausgab. Aber was bitte gab das Land in diesen Bergen her? Kräuter, Gusano-Würmer, Heuschrecken und Fleisch von Leguanen? Davon konnte kein Mann, der kämpfte, lange überleben.

Die Regierung! Benito stöhnte. Konnte man überhaupt noch sicher sein, wer das war? Seit dem Ende der Kaiserherrschaft Iturbides war kein Präsident die volle Amtszeit über im Sattel geblieben, und gerade waren wiederum zwei ihres Amtes enthoben worden. Den schwächlichen Volksredner Paredes hatte man mitsamt seiner Träume von der Monarchie ins französische Exil geschickt. Ein paar Tage lang hatte ein Militär namens Nicolas Bravo den undankbaren Posten ausgefüllt, und seit kurzem tat es General Mariano Salas, von dem es hieß, er stehe in ständigem Kontakt mit Santa Anna.

Eine weitere Zwischenlösung, dessen war Benito sicher. Nicht ohne Grund hatte Santa Anna sein kubanisches Exil verlassen, hatte die Blockade der Amerikaner durchlaufen und war in Veracruz gelandet. Über kurz oder lang würde er sich das Land unter den Nagel reißen und im Namen seines Unterschenkels in verheerende Schlachten treiben. Bei Palo Alto und bei Resaca de la Palma war die mexikanische Armee bereits vernichtend geschlagen worden, doch das mochte harmlos sein gegen das, was ihnen unter dem selbsternannten Napoleon bevorstand.

So schlagartig, wie am Morgen die Sonne aufgegangen war und den Himmel in Flammenfarben getaucht hatte, geschah es auch jetzt bei ihrem Untergang. Benito musste sich beeilen, wenn er vor Einbruch der Dunkelheit das Lager erreichen wollte. Weshalb dachte er überhaupt über die Regierung Mexikos nach, da sich schon morgen alles wieder ändern konnte? Um nicht an anderes zu denken, gestand er sich ein. An Frauen. An Carmen, die ihm auf dem Gewissen lag, und an Helen, deren Umarmungen begannen ihn anzuöden. Vor allem aber an ein dreistes Geschöpf mit geradezu gewaltsam blauen Augen, das ein Kind hätte sein sollen, aber keines mehr war.

An sie zu denken demütigte ihn. Ihre Gegenwart, die sich nicht abschütteln ließ, schlug Sprünge in die Schutzhaut, die er mit so viel Mühe um sich aufgebaut hatte. Es war unmöglich, ihr auszuweichen, sie klebte an seinen Fersen, und wenn er ihr hundertmal sagte, sie solle sich zum Teufel scheren. Voll Ingrimm wünschte er sich, dass sie aus seinem Leben verschwand, und dennoch, gerade jetzt, da das rote Licht an Kraft verlor, wünschte etwas in ihm, sie wäre da. Einmal glaubte er sogar, wie gewohnt ihre Schritte hinter seinen zu hören, fuhr herum und starrte ins Gesicht des Maultiers. Wider Willen musste er lachen.

Das Lager befand sich auf einem schmalen Plateau, einer wie in den Fels gehauenen Spalte, die für den, der nichtsahnend aufstieg, hinter einem Vorsprung verborgen blieb und damit ein ideales Schlupfloch darstellte. Das Gelände war weitläufiger, als es auf den ersten Blick wirkte. Eine Einheit von vierzig Mann samt ihrem Stab von noch einmal zwanzig fand hier Platz, auch wenn Benito sich fragte, wozu dieser riesige Stab nötig war. Mindestens fünf der Offiziere hatten Pferde mit heraufgezerrt, die sie hier oben nicht brauchen konnten und bei Abbruch des Lagers zurücklassen mussten. Es war schwer genug, sich vorzustellen, wie die hochbeinigen Tiere den Aufstieg bewältigt hatten. Nie und nimmer würden sie es in die Tiefe schaffen.

Benito führte das Maultier um den Vorsprung herum. Die Wegkuppe, die den einzigen Zugang in das Hochtal bildete, war so schmal, dass ein Mann zur Bewachung genügte. Der vierschrötige Gefreite, der ihm die Mündung der Muskete entgegenhielt, erkannte ihn sofort. Er ließ die Waffe sinken und jubelte hinunter auf das Plateau: »Hoher Besuch, Miguel! Wenn’s was zum Rauchen gibt, dann denk an mich!« Als er sich Benito zuwandte, lächelte er geradezu scheu. »Daheim alles in Ordnung?«, fragte er.

Wen er mit »daheim« meinte, wusste Benito. Inez. Seine Base. Noch eine Frau, an die zu denken er hasste. »Alles bestens«, versicherte er Carlos, und dieselbe Antwort würde er seinem Bruder geben, auch wenn sie keinesfalls der Wahrheit entsprach. Die verfluchte Inez war ein Biest sondergleichen. Ungeniert warf sie sich ihm an den Hals, sooft er in die Vorstadt kam, aber damit wollte er weder ihren Vetter, der ihm dankbar entgegenlächelte, noch ihren Verlobten, der winkend den Hang hinaufeilte, belasten.

Die Vorräte wurden bestaunt und dem zuständigen Offizier übergeben, das bisschen Tabak und die übrigen Geschenke behielt Benito bei sich, bis Miguel den Abendappell hinter sich gebracht hatte. Dieser Appell auf einem viel zu kleinen Viereck war so lächerlich, dass er sich abwenden musste. Die meisten der Männer wirkten auch nach drei Monaten noch, als wäre die Muskete in ihren Händen ein Gegenstand aus einer anderen Welt, und für die meisten war sie das. Benito schätzte, dass höchstens jeder Zehnte vor seinem Eintritt in die Armee schon einmal eine Schusswaffe in der Hand gehalten hatte. Und vielleicht jeder Hundertste hatte eine abgefeuert. Da Mexiko über keine eigene Waffenproduktion verfügte, hatte man veraltete Musketen in Europa aufkaufen müssen, die höchstens aus nächster Nähe taugten. Auf größere Reichweite war es praktisch unmöglich, zielgenau damit zu feuern.

Die Nacht war heraufgezogen. Nur ein paar aufgesteckte Fackeln und die Feuer der Offiziere erhellten das Hochtal. Die Reihen der Männer wurden aufgelöst. Miguel sprach kurz mit einem Mann in frisch gebürsteter Uniform, der vor den Soldaten seinen Schimmel tänzeln ließ, dann kam er herüber zu Benito.

»Hola, kleiner Bruder. Du bist ein Trost für wunde Augen, und obendrein hat mein Capitán mir die Erlaubnis erteilt, mit dir allein zu essen.« Sein Strahlen wirkte bemüht, als er den Blechkanister vom Gurt löste und den Deckel öffnete. Ein halber Laib Brot und ein paar trockene Streifen Fleisch kamen zum Vorschein. »Wir werden teilen müssen. Du weißt ja, im Augenblick ist alles knapp …«

Und der Augenblick könnte Jahre dauern, dachte Benito, aber er sagte nichts, sondern folgte Miguel in eine Nische, die der Felsen bildete. Hier hatten sie schon bei seinen früheren Besuchen beisammengesessen. Es erinnerte Benito an Abende in seiner Kindheit, wenn sie sich nach harten Tagen in einer leeren Box zusammengedrängt hatten. Trotz aller Sorgen und obwohl das feuchte Holz ewig nicht Feuer fangen wollte, wurde ihm warm. »Ich bringe dir ein paar Geschenke zum Namenstag«, sagte er und öffnete die Schnallen seines Rucksacks.

Den Packen Tabak nahm Miguel gierig entgegen, zog sogleich ein Blatt hervor und begann sich mit fliegenden Fingern eine Zigarette zu drehen. »Du glaubst gar nicht, wie einem das fehlt.«

»Ich sehe es.« Benito zog eine Flasche Mezcal aus dem Rucksack. Lieber hätte er dem Bruder eine Decke gebracht, aber das hätte Neid unter den Kameraden geschürt, während der Alkohol die Nacht nicht überstehen würde. Wie erwartet stieß Miguel einen Freudenschrei aus. »Das ist ein feiner Zug von dir, kleiner Bruder. Damit feiern wir zwei ein fürstliches Fest.«

Müde nickte Benito und förderte einen verschlossenen Tontopf zutage. Sooft die Spitze von Miguels Zigarette aufglomm, sah Benito, wie eingefallen seine Wangen waren, wie verfilzt sein Schnurrbart, auf den er so stolz gewesen war, und wie glanzlos seine Augen. »Wer schickt das?«, fragte Miguel mit einem Funken Hoffnung in der Stimme. »Inez?«

Benito nickte. In Wahrheit hatte er Carmen gebeten, Miguels geliebte Mole Poblano aus Chilischoten, Knoblauch und Schokolade für ihn zu kochen. Aber dem Bruder das zu sagen, brachte er nicht übers Herz.

Miguel öffnete den Deckel, steckte einen Finger in die dunkle Masse und leckte ihn genießerisch ab. »Ist das nicht köstlich?«, murmelte er vor sich hin. »Ist das nicht all unsere Opfer wert, die Liebe unserer süßen mexikanischen Mädchen?«

Das war der alte Miguel, der Schwärmer, der vor Begeisterung jede Sorge vergaß. Benito hasste sich, aber schweigen konnte er nicht. »Unsere süßen mexikanischen Mädchen bräuchten Männer, die Geld für sie verdienen.«

Miguel glitt der Finger aus dem Mund. »Geht es Inez nicht gut? Du hast gesagt …«

»Ja, ich habe gesagt, dass ich mich um sie kümmere, eine andere Wahl hast du mir ja nicht gelassen. Aber ich kümmere mich auch um Carmen, deren Bruder sich wie üblich nur, wenn er Geld braucht, blicken lässt, und um Xochitl und die Mutter, falls du das vergessen hast. Da reicht es oft nicht einmal für das Nötigste.«

»Hast du nicht Erspartes?« Miguels Stimme klang beinahe flehend. »Hör mal, ich soll bald monatlich zwanzig Pesos erhalten, und dann zahle ich dir alles zurück, das verspreche ich dir.«

»Und was musst du für diese zwanzig Pesos bezahlen?« Er packte Miguel um den Knöchel und hob dessen Fuß in die Höhe. Die Sohle seines Stiefels war durchlöchert, es grenzte an ein Wunder, dass er nicht auseinanderfiel. »Vor dem Ende des Sommers wirst du dir Schuhe und wärmere Wäsche kaufen müssen. Wenn du von deinen zwanzig Pesos jemals etwas zu sehen bekommst, wirst du jeden Centavo davon brauchen.«

»Was willst du von mir? Dass ich desertiere, wie so viele es tun?« Miguels Blick wurde hart, aber die Verzweiflung, die darin lag, ließ sich nicht übertünchen. »Weißt du, was sie mit mir machen würden, wenn ich es täte? Als Verräter an den nächsten Baum knüpfen würden sie mich – soll ich das meiner Mamacita und meiner süßen Inez antun?«

»Es gäbe Möglichkeiten, dich zu verstecken«, probierte Benito es ohne viel Hoffnung. Die Soldaten desertierten in Scharen, nach einem einzelnen Gefreiten würde niemand suchen.

»Ich wäre ein Landesverräter.«

»Aber ein lebendiger«, konterte Benito.

Miguel stützte den Kopf in eine Hand, als fiele es ihm schwer, ihn ohne Hilfe zu schütteln. »Ich kann das nicht tun, kleiner Bruder. Wir haben keinen Vater, keinen Paten, niemanden, dessen Namen wir mit Stolz nennen dürfen. Ich will, dass ihr wenigstens stolz auf mich sein könnt.«

Eine Woge von Zorn erfasste Benito. »Stolz auf hungernde Frauen, auf zerstörte Städte?«, entfuhr es ihm, und obwohl es ihm gleich darauf leidtat, fügte er nichts hinzu, um es zu mildern.

»Dazu kommt es doch nicht«, beteuerte Miguel. »Aber das Gebiet, das die Gringos uns abnehmen wollen, umfasst bald die Hälfte unseres Landes. Wie können wir ihnen denn das erlauben?«

»Sie wollten uns Geld dafür geben«, versetzte Benito kalt. »Geld, das wir ihnen und anderen Ländern schulden und das wir dringend brauchen, um unser Volk zu versorgen. Das Land, um das es geht, konnten wir nicht einmal besiedeln. Wir brauchten die Amerikaner dazu, und ich wette, von diesen Witzfiguren von Präsidenten weiß keiner auch nur, wo dieses Land überhaupt liegt.«

Miguel schwieg eine Weile. Dann zog er den Topf mit der Mole zwischen seine Beine und schloss liebkosend die Hände darum. »Der Zynismus steht dir nicht, weißt du das?«, fragte er. »Du bist zu jung dazu und hast ein zu schönes Gesicht. Der herzzerreißend süße Junge, der du warst, ist noch in dir, ob es dir schmeckt oder nicht. Du solltest Carmen heiraten und dich von ihr lieben lassen, wie meine Inez mich liebt.« Wie zum Beweis steckte er wieder den Finger in die Soße. »Du brauchst eine gute Frau, die dir zärtlich den Kopf zurechtsetzt, ehe dieser Zynismus, den die Deutschen dir in den Leib geprügelt haben, dich frisst.«

Benito starrte auf den Boden vor sich. Ihm war, als überzöge sein Gesicht sich mit brennender Röte, was seinen Zorn noch steigerte. Mehrmals öffnete er den Mund, um dem Bruder an den Kopf zu werfen, wie seine Inez in Wahrheit zu ihm stand. Stattdessen nahm er ein Glas Walnüsse in grünem Pfeffer und einen Nierenwärmer aus dem Rucksack. »Hier, das schickt dir die Mutter«, sagte er tonlos und schob Miguel beides zu. Die Nüsse hatte er auf dem Malecon gekauft, und die Wollschärpe hatte Carmen gewebt. Die Mutter wusste nicht einmal, dass ihr Liebling einer Armeeeinheit von Selbstmördern beigetreten war, denn Benito hatte noch nicht den Mut gefunden, es ihr zu erzählen.

Miguel öffnete das Glas und sog die Würze der Walnüsse ein, als hinge der Duft der Mutter darin. Anschließend goss er vom Mezcal etwas in einen fingerhohen Becher und stellte ihn Benito hin. »Trink, kleiner Bruder. Mit all den Sorgen, die wir haben, sind ein Glas und ein Lied ein Segen.«

Benito erwiderte nichts. Er sah Miguels Hand an, die die seine nahm und um den Becher schloss. Dann hörte er Schritte im Rücken, drehte sich um und sah Carlos, der hinter ihnen stand. »Lust auf ein Spiel?«, fragte er unsicher und ließ einen Packen Conquian-Karten gegen seinen Handballen schnappen. Sehnsucht lag in seiner Stimme, nach dem Mezcal und dem Tabak wie nach ein wenig Gesellschaft.

»Aber sicher«, beeilte Benito sich zu antworten. Dieser Carlos war ein feiner Kerl, weder mit geistigen noch mit körperlichen Gaben gesegnet, aber so grundanständig wie hausgebrannter Schnaps. In seiner Gegenwart würde Miguel sich hüten, noch einmal von Dingen anzufangen, von denen er nichts hören wollte.

Benito nahm den Mezcal-Becher und hielt ihn Carlos hin. Der leerte ihn bis zur Hälfte und gab ihn zurück. »Hab Dank. Auch dafür, dass du ein Auge auf meine Base hast. Ich weiß, sie ist ein wildes Ding, sie hat ihrer Mutter viel Kummer gemacht, aber sie ist das einzige Mädchen in meiner Familie. Ich bin zehn Jahre älter als sie, und sie war mir immer wie eine kleine Schwester.«

»Sie ist ein gutes Mädchen«, entgegnete Benito, »kein Grund, sich um sie zu sorgen.« Bei sich dachte er: Diese Lügerei ist das Menschlichste, was ich heute getan habe. Womöglich gibt es nichts Besseres als lügen, was ein Mensch für einen anderen tun kann. Das war auch zynisch, aber Miguel hatte ja nichts davon gehört. Benito trank Mezcal. Die Flüssigkeit war scharf und bitter und brannte für kurze Zeit etwas in ihm aus.

 

Inez molk Ziegen. Xochitl hätte es selbst tun können, aber Xochitl war eine schnippische Hexe. »Wenn du schon bei uns schmarotzt, kannst du wenigstens etwas dafür tun«, hatte sie gesagt und Inez den Holzeimer hingestellt, in dessen Innenseite für jeden Liter eine Kerbe eingeritzt war, damit Xochitl nachmessen konnte, ob Inez von der Milch einen Tropfen gestohlen hatte. Einen Liter Milch gab jede Ziege, und drei Liter wollte Xochitl im Eimer sehen, andernfalls zog sie Inez etwas vom Frühstück ab. Verfluchte Xochitl! Weshalb ließ die sich überhaupt bei diesem abscheulichen Heidenwort von einem Namen rufen, statt ihren christlichen Taufnamen zu benutzen? Inez hätte ihr am liebsten die den Ziegenzitzen abgepresste Milch vor die Füße geschüttet und ihr gesagt, ihr solle ihr mickriges Frühstück im Hals stecken bleiben.

Sie hasste die Vorstadt mit ihren verfallenen Hütten, dem Gestank nach Fäulnis, schlechtem Essen und der ewig feuchten Wäsche, den gekrümmten Gestalten und den uralten Gesichtern, wie sie das Bergdorf in Querétaro gehasst hatte. Einmal im Jahr war ihr Vetter gekommen, und jedes Mal hatte sie ihn angefleht, sie aus dem Elend fortzuholen und mit in die Stadt zu nehmen. Dann war ihre Mutter gestorben, Carlos hatte endlich zugestimmt, und Inez hatte sich am Ziel ihrer Wünsche geglaubt. Hochfliegende Träume hatte sie gehegt, von den Möglichkeiten, die sich ihr in der schillernden Metropole bieten würden, wie von dem Vergnügen, das es bereiten würde, sie zu nutzen. Inez wusste, solange sie denken konnte: Sie wollte nach oben, dorthin, wo sie den Dreck, der ihr an den Füßen klebte, nicht mehr roch. Sooft sie sich das Leben in der Stadt ausmalte, sah sie sich in strahlendem Weiß, einer Farbe, an die auch nicht das kleinste Stäubchen kommen durfte.

Von wegen Stäubchen. Mit dem Dreck der Vorstadt hätte man ein weißes Kleid pechschwarz färben können, und ihre Mädchenträume waren über Nacht im Unrat erstickt. Inez ließ die Zitze fahren und hielt sich die Nase zu, weil die Ziege, die sie abgemolken hatte, ihr Geschäft erledigte. Ein Strahl der kostbaren Milch spritzte ins Stroh. Zum Teufel damit! In ihrem Heimatdorf hatte sie sich um Ziegen nie zu kümmern brauchen, sie war die angehimmelte Base unter lauter Vettern gewesen, und die Schar der Jungen riss sich darum, ihr zu Diensten zu sein. Und hier? Hätten nicht auch Xochitl und ihre ewig hustende Mutter ihr die widerliche Arbeit ersparen müssen, war sie nicht die Verlobte des Sohnes, der man die Eingewöhnung hätte leichtmachen sollen?

Nicht dass sie vorhatte, ihre Verlobung mit Miguel in eine Heirat münden zu lassen. Eher wollte sie sterben, als ihr Leben an einen Verlierer zu vergeuden. Außerdem waren ihre Träume längst wiederauferstanden, auch wenn sie jetzt reifer und forscher waren und ein Gesicht bekommen hatten. Einen Namen ebenfalls: Benito.

Der Gedanke, der Ersehnte könne ausgerechnet jetzt seine Mutter besuchen und Inez im Stall und mit verdrecktem Rock vorfinden, bereitete ihr nicht weniger Übelkeit als der Gestank nach Ziegenscheiße. »Carmen«, rief sie aus dem stickigen Verschlag hinaus ins Freie, »Carmen, hilf mir!« Wie so oft würde Carmen im spärlichen Schatten der Bananenstaude sitzen und gesammelten Tabak zu Zigaretten drehen. Sobald sie die Hilferufe hörte, würde die dumme Gans, die sie als Rivalin um Benito nicht ernst nahm, besorgt herbeieilen. Inez kippte mit dem Schemel nach hinten, lehnte sich gegen die Wand des Verschlags und schloss die Augen, als wäre ihr sterbenselend.

Schritte näherten sich, allerdings keine schnellen, wie sie sie von Carmen kannte, sondern gemächliche, schwere. Wohl oder übel musste Inez die Augen öffnen und in ihrer unbequemen Lage den Hals verdrehen, um den Ankömmling zu mustern.

»Was tust du denn da? Übungen für die Gelenkigkeit wie unsere heldenhaften Soldaten?«

Juan. Das war noch besser als Carmen. Seit Wochen hatte sie mit ihm sprechen wollen, hatte es jedoch niemals geschafft, ihn allein zu erwischen. Inez kippte mit dem Schemel wieder nach vorn und straffte die Schultern. »Gut, dass du kommst. Du kannst diese Schweinearbeit für mich fertigmachen.«

»Weshalb sollte ich das denn wohl tun?« Juan hatte ein spitzes, dunkles Gesicht, dem man ansah, das ihm jeder edle Einschlag fehlte. »Bekomme ich etwa Lohn dafür?«

Inez zuckte mit den Schultern. »Wart’s ab.«

Er schüttelte den Kopf. »Das hast du dir so gedacht, mein Engelchen. Aber Juan ist keiner, der sich übers Ohr hauen lässt.«

Sie hasste sein Spanisch. Es war schwer und verwaschen, und wann immer es ihm von Vorteil schien, verfiel er in das gebrochene Gestammel, das in den Bergdörfern der Nahua gang und gäbe war. »Wenn du mir nicht helfen willst, verzieh dich«, blaffte sie. »Du verdirbst hier nämlich die Luft.«

Er lachte albern auf. »Als wenn sich an diesem Mief noch was verderben ließe.«

»Ziegen sind besser als Ratten. Sie sind wenigstens nützlich.«

Wie um nachzudenken, kratzte Juan sich das Kinn. »Ich könnt mich schon auch nützlich machen, wenn die rechte Belohnung dabei herausspringt. Was würdest du denn zum Beispiel unserem Freund Nasehoch dafür geben, dass er dir deine Euter leer presst? Einen Kuss etwa? Engelchen, dafür täte ich’s auch.«

Inez biss sich auf die Lippe. War so offensichtlich, dass ihr der schöne Benito im Kopf herumging? So oder so war es nicht ratsam, sich Juan zum Feind zu machen, denn bei ihm gab es etwas zu holen, das sie mit ein wenig Glück aus dem Ziegenstall heraus und Benito näher bringen würde. Und wenn sie erst Benito hatte, würde sie spielend alles andere bekommen. Benito war wie sie, er wollte hoch hinaus, und er war kein Versager wie sein Bruder, sondern würde das, was er sich vornahm, auch erreichen.

»Wie steht’s, Engelchen?«, fragte Juan mit schiefgelegtem Kopf.

»Schlecht steht’s«, versetzte Inez. »Ehe ich dich küsse, nehme ich lieber einen Ziegenbock.«

»Oho! Das hat gesessen.«

»Dann hat es seinen Zweck erfüllt. Und jetzt sprechen wir von etwas anderem, einverstanden?«

Er seufzte. »Habe ich eine Wahl?«

»Nein.« Sie drehte den Schemel herum, so dass sie ihm gegenübersaß. »Hör zu, ich weiß, dass du von meinem Vetter einen Auftrag übernommen hast, einen, den er schon ausgeführt hat, als er noch ein grüner Junge und ich ein Wickelkind war.«

»So?« Juan zuckte mit den Schultern. »Mein Name ist Hase.«

»Und meiner ist Jägerin.« Ihre Augen wurden zu Schlitzen. »Spiel nicht den Ahnungslosen, darin bist du schlechter, als du glaubst. Mein Vetter Carlos, der Einfaltspinsel, kann vor mir nichts geheim halten. Ich weiß, dass er einmal im Jahr, im Mai, ein verdammtes Päckchen von hier nach Querétaro schleppt. Früher, als er bei uns im Dorf wohnte, ist er jedes Jahr den weiten Weg hierhergezockelt, um dieses Päckchen abzuholen. Nach ein paar Jahren ist er dann hiergeblieben, aber einmal im Jahr kam er zuverlässig wie der Regen zurück, und immer hatte er das Päckchen dabei. Mein Vetter Carlos ist ein armer Schlucker wie du, doch einmal im Jahr kam er mit Geschenken wie der König von Spanien und zahlte unsere Schulden. Also muss jemand für diesen Botendienst ein Vermögen hinblättern. In dem Päckchen sind ganz sicher keine Kaktusstrünke.«

»Das soll mich für den braven Carlos freuen«, sagte Juan. »Aber was um alles in der Welt habe ich damit zu tun?«

»Er hat es nicht mehr«, erwiderte Inez. »Er ist in dem albernen Krieg und kann keine Päckchen mehr spazieren tragen. Er hat dich gebeten, es für ihn abzuholen und nach Querétaro zu bringen, aber dazu hättest du zwei Wochen unterwegs sein müssen, und so lange warst du nie von hier weg. Du hast es unterschlagen.«

Juan hob die Hände. »Gütiger Himmel, was denkt mein Engelchen von mir!«

Inez spuckte aus. »Ich habe dir schon einmal gesagt, spiel mit mir nicht den Trottel. Dass du das verdammte Päckchen unterschlagen hast, kratzt mich nicht, denn ich habe den Idioten Carlos schon hundertmal gefragt, warum er das nicht tut. Ich werde dir sagen, was mich kratzt: dass du es für dich behalten hast. Ich bin Carlos’ Base, mir steht die Hälfte davon zu. Rück sie raus, Juan, und wenn du sie verprasst hast, schaff sie wieder her, oder deine Gaunerei fliegt auf.«

Noch einmal versuchte er die Hände zu heben, da sprang sie auf und schlug ihm ins Gesicht. »Sag endlich die Wahrheit, sprich mit mir nicht wie mit einem dummen Huhn!«

Juan jaulte auf und rieb sich die misshandelte Wange. »Nicht übel, Engelchen. Ein Jucken im kleinen Finger verrät mir: Wer mit solcher Leidenschaft backpfeift, gibt als Nächstes Küsschen.«

»Davon könntest du träumen, bis du schwarz wirst, wenn du’s nicht längst wärst.«

Er lachte. »Meine Seele mag schwarz sein, aber ich schwöre, sobald sie in die Nähe hübscher Mädchen kommt, wird sie blütenweiß. Scherz beiseite. Auch wenn du mich für den leibhaftigen Teufel hältst und mir kein Wort glaubst – ich bin nur ein Mann, und mein Herz ist weich wie das Fleisch von reifen Avocados.« Er ließ die Zungenspitze über seine Lippen gleiten. »Sind sie nicht köstlich, die Avocados, mit Knoblauch und Pfeffer und teurem Öl verzehrt? Ich schwöre dir, Engelchen, wenn ich könnte, würde ich mit solchen Delikatessen deinen Gaumen erfreuen und deinen hübschen Hals mit Schmuck behängen. Leider aber kann ich nichts davon tun, und so geschniegelte Manieren, wie dein Benito sie sich bei den Deutschen erbuckelt hat, besitze ich nicht.«

»Lass endlich Benito aus dem Spiel«, entfuhr es Inez, »ich will von dir nicht mehr, als mir zusteht. Die Hälfte des Päckchens.«

Juan nickte beflissen. »Und wie gern würde ich dir die geben, sogar das Ganze und mich mit Krumen von deinem Tisch begnügen. Aber leider ist die Hälfte von nichts noch immer nichts. In dem Päckchen war nur wertloses Zeug, ob du es glaubst oder nicht. Der Himmel weiß, warum die Alte Geld ausgibt, um solches Gelump nach Querétaro zu schaffen, wo sie ansonsten geizig wie des Pfarrers Köchin ist. Ich hab ihr gesagt, ich risse mir ein Bein aus für sie, wenn sie noch eine Kleinigkeit drauflegen könnte, aber hab ich die vielleicht bekommen? Im Leben nicht! Keinen Centavo mehr als den vereinbarten Hungerlohn, und der hielt nicht lange vor. Von irgendetwas muss ein Mann schließlich leben.«

Inez konnte nicht glauben, was sie vernommen hatte. Das Päckchen, um das seit Jahren ihre Hoffnungen kreisten, war wertlos. Sie hatte vergeblich versucht es Carlos abzuluchsen, und sie versuchte es ebenso vergeblich bei Juan. Dass der Kerl ein Lügner war, stand außer Frage, aber ebenso war klar, dass er in diesem Punkt die Wahrheit sprach. »Was … war denn in dem Päckchen?«, stotterte sie, ohne recht zu wissen, warum.

Juan zuckte mit den Schultern. »Ein paar unleserliche Papiere, Stofffetzen, Kritzeleien und zu allem Unglück eine Strähne Haar.«

»Haar?«

In dem dunklen Verschlag, in dem es nach Ziegenkot stank, trafen sich ihre Blicke. »Eine Strähne dunkler Haare, mit einer Schleife zusammengebunden«, murmelte Juan, und ohne Zweifel dachten sie beide dasselbe: Das Päckchen musste für jemanden von Wert sein, andernfalls würde es nicht auf so weiten Wegen hin und her getragen. Und wenn sich derjenige auftreiben ließ, entpuppte es sich am Ende vielleicht doch noch als Goldgrube.