29

In der Nacht nach dem Heiligen Abend träumte sie wieder von Veracruz.

Sie hatte gedacht, es wäre vorüber, sie hätte es hinter sich wie das Land die Schrecken des Bürgerkriegs. In dieser Nacht aber stand sie wieder auf dem Malecon. Von neuem hörte sie, wie Sand und Kiesel unter den Rädern knirschten, sah die Menschenmassen, die sich zu beiden Seiten der Uferstraße drängten, die hohen Kronen der Palmen und die Stände, auf denen sich Pyramiden der eigentümlichsten Güter häuften. Hinter den Ständen, schlecht geschützt von der Ufermauer, verloren sich ein paar Blechhütten, und dahinter erstreckte sich das Meer.

Wie der Traum weiterging, wusste sie nur allzu gut. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatten das Gesicht des Jungen, das Pfeifen der Peitsche und der Schrei der Taube sie Nacht für Nacht gequält. Manchmal hatte sich die Peitsche in eine Pistole verwandelt und das Pfeifen in einen Schuss. In dieser Nacht riss etwas sie aus dem Schlaf, ehe der Traum seinen Lauf nahm, und zurück blieb nur das Gefühl, das sie besiegt geglaubt hatte, das leere Gefühl von Verlust.

Um ihm keinen Raum zu geben, stand Katharina auf, zündete die Lampe auf ihrem Sekretär an und setzte sich an ihre Arbeit. Es war schließlich kein Wunder, dass die alten Bilder sich in dieser Nacht Bahn brachen. Schuld war Stefans Besucher, der zu spät gekommen war, seine Weihnachtsgans kalt essen musste und zwischen den Bissen von Veracruz erzählt hatte.

»Sie machen mit Drohung ernst«, berichtete der rundliche, sommersprossige Mann, der Katharina amüsierte, weil seine Manieren, für die die Engländer berühmt waren, auf so verlorenem Posten gegen seinen Hunger kämpften. »Franzosen, Spanier und meine Landsleute landen just, als ich aufbreche, in Veracruz.« Auch sein Deutsch war amüsant. Er hatte es fraglos gründlich erlernt, sprach jedoch mit drolligem Akzent und hatte Schwierigkeiten mit den Zeitformen. »Sie wollen Juárez zwingen, Schuldenbegleichung wiederaufzunehmen. Und was tut Juárez? Erlaubt ihnen zu marschieren ins Landesinnere, damit sie sich an Küste nicht holen Schwarze …«

»Kotzerei«, ergänzte Katharina das Wort, das dem vornehmen Engländer nicht über die Lippen kam.

Der Gast lachte. »Ganz richtig. Ist ein Teufelskerl, der Juárez. Wenn er aber glaubt, er kann mit Franzosen Kuhhandel machen, täuscht er sich. Und Gringos im Norden werden ihm auch nicht helfen, selbst wenn Monroe geschworen hat, jeder Europäer, der sich in Amerika einmischt, wird nach Hause gejagt. Im Moment Gringos sind beschäftigt, sich gegenseitig zu schlachten, haben für Juárez keine Zeit.«

Juárez war Mexikos gewählter Präsident. Während der zwei Jahre des Bürgerkriegs hatte er die liberalen Kräfte gegen die konservativen geführt und war nach endlosem Blutvergießen als Sieger hervorgegangen. Genau ein Jahr war es her, dass Katharina die Kinder ihrer Klasse aus dem Unterrichtszimmer auf den Zócalo der Stadt geführt hatte, um die siegreichen Truppen bei ihrem Einmarsch zu grüßen. Der überschäumende Jubel hatte sie mitgerissen. Zwischen Scharen feiernder Mexikaner drängten sich ihre braven blonden Mädchen und sangen die Marseillaise, das Lied der Revolutionen, und die neue, zu Ehren der Verfassung komponierte Hymne von Mexiko.

Dass ihr das Ärger mit den Eltern ihrer Schülerinnen eintrug, nahm Katharina in Kauf. Es war ein großer Tag für Mexiko, ein Tag, der ihnen den lang ersehnten Frieden bringen mochte, und wenn die gesamte Hauptstadt in den Straßen tanzte, würden sie nicht in der Stube bleiben. Gewiss, sie wurde bezahlt, um die Mädchen in einem Zimmer des Deutschen Hauses die Grammatik der deutschen Sprache und die Geschichte der Hanse zu lehren, aber sie erzählte ihnen auch von König Moctezuma und dem Eroberer Cortez, von den Heldentaten des Paters Hidalgo und von der tapferen Johanna Ortiz, die in ihr Zimmer eingesperrt war und sich furchtlos entschloss, sieben mexikanischen Freiheitskämpfern eine lebensrettende Botschaft durch die Tür zu flüstern. Einmal hatte die schnippische Hanne sie gefragt, woher sie solche Geschichten kenne und weshalb sie zu ihnen davon spreche.

»Ein Freund hat sie mir erzählt«, hatte Katharina erwidert. »Es ist kein gutes Gefühl, in dem Land, in dem man lebt, ein Fremder zu sein. Wir haben dieses Gefühl nie überwunden, aber ihr seid eine neue Generation. Neue Generationen müssen es immer besser machen als die alten.«

Würde sie ihrer Handvoll Mädchen dabei helfen können? Mit diesem Wunsch hatte sie vor bald zehn Jahren ihre Stellung als Lehrerin im Deutschen Haus angetreten. Micaela von Schweinitz hatte sie auf die Idee gebracht. »Wenn Sie wollen, dass Ihren Kindern der deutsche Geist erhalten bleibt, müssen Sie Mädchen wie Knaben unterrichten. Oder wollen Sie, dass Ihre Söhne Frauen heiraten, die nicht wissen, wo Hamburg überhaupt liegt?« Wie so oft hatte in der Stimme der Baronin eine Spur von Spott geschwungen, aber sie war sofort bereit gewesen, für die Einrichtung eines Klassenzimmers und die Ausstattung einer Bibliothek zu sorgen, und ihre Tochter gehörte zu Katharinas ersten Schülerinnen.

Ob beabsichtigt oder nicht, hatte Micaela ihr damit ein neues Leben geschenkt. Natürlich war ihre kleine Einrichtung nur ein Anfang, aber immerhin sorgten sie dafür, dass alle deutschen Kinder, unabhängig von Geschlecht und Besitzstand, über das zwölfte Lebensjahr hinaus unterrichtet wurden. Präsident Juárez wollte Schulen für alle Kinder Mexikos begründen, aber wie so viele Reformen, die nottaten, scheiterte auch diese am Geld.

Und wegen des verfluchten Geldes waren jetzt wiederum fremde Truppen in das Land marschiert, das sich verzweifelt nach Frieden sehnte. Jahrzehnte der Unruhen und Kämpfe hatten Mexiko so hoch verschuldet zurückgelassen, dass der größte Teil der Einfuhrzölle an ausländische Gläubiger verpfändet war. Die Enteignung der Kirche, die den Klerus gegen die Regierung aufbrachte, trug nicht einmal ein, was für Tagesgeschäfte benötigt wurde, geschweige denn zusätzliche Summen für Schulen und Straßenbau, für die Bodenreform und die Krankenversorgung.

Präsident Juárez hatte bereits in den Jahren des Bürgerkriegs, die ihm Gefangenschaft, Exil und Not bescherten, bewiesen, dass er ein Mann von außerordentlicher Entschlusskraft war. Im Mai hatte er kurzerhand erklärt, Mexikos Schuldrückzahlungen ans Ausland würden für zwei Jahre ausgesetzt, damit das Land sich auf die Füße kämpfen konnte. Ein vernünftiger Entschluss, fand Katharina. Ein Verbrechen, fand ihr Vetter Hermann, der Juárez’ Namen nicht aussprach, ohne zu fluchen. »Was geht es uns an?«, sagte Helene wie früher Katharinas Mutter und verbot Stefans Besucher, den Weihnachtsabend mit Reden über mexikanische Politik zu stören. »Wir sind froh, dass man uns endlich Frieden gönnt, und zudem verschrecken Sie meine Kinder.«

Helenes Kinder, die elfjährige Hanne und die neunjährige Grete, waren alles andere als schreckhaft, aber Stefans Besucher war ein höflicher Mann und ließ das Thema fallen. Das Denken jedoch konnte Helene ihnen nicht verbieten, und Katharinas Gedanken kreisten immer noch. Deshalb hatte sie von Veracruz geträumt – weil sie nicht aufhören konnte an Schiffe zu denken, die vor dem Hafen den Weg aufs Meer abschnitten, an Schiffe, die mit Geschützen ausgestattet und mit Tausenden von Soldaten bemannt waren. Würden sie tun, was der Präsident ihnen angeboten hatte, ins Landesinnere ziehen und über eine Lösung verhandeln, oder wahr machen, was ihre Regierungen androhten? Mit Waffengewalt die Begleichung der Schulden erzwingen?

Werden sie diesmal Veracruz verschonen?

Seufzend nahm Katharina ihr Weihnachtsgeschenk aus der Schachtel und zog es auf. Es war ein prächtiger Füllfederhalter, für den Stefan ein Vermögen ausgegeben haben musste. Langsam führte sie die Spitze über das Papier und sah zu, wie die schimmernde Tinte Buchstaben formte. Sie wollte sich für den Unterricht nach den Feiertagen Notizen machen, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, flohen nach Veracruz.

Es hatte eine Zeit gegeben, da war sie sicher gewesen, die Spirale der Gedanken und Bilder würde nie aufhören, bis sie dem Wahnsinn verfiel oder starb. Aber diese Zeit lag bald ihr halbes Leben lang zurück.

Sie war aus Veracruz fortgeschleppt worden, neun Tage lang, über zwei Bergketten und in das Hochtal vor den Zwillingsvulkanen wie ein gefesseltes Tier, davon überzeugt, dass es für sie kein Leben mehr gab. Wochenlang hatte sie in der Kammer, in die man sie gebracht hatte, gelegen, ohne sich darum zu scheren, wo sie sich befand. Sie hatte sich gewünscht zu verhungern, aber ihre starke Natur zwang sie, Nahrung zu sich zu nehmen. Sie hatte von ihnen allen nichts hören wollen, hatte jeden, der sie zu trösten versuchte, in Grund und Boden geschrien. Was man ihr angetan hatte, war zu gewaltig für Trost, ihre Wunde zu tief, um zu heilen. Und dann hatte eines Tages Stefan in der verdunkelten Kammer gestanden und gesagt: »Ich weiß, du brauchst niemanden mehr. Aber hier ist jemand, der dich braucht, Kathi.«

Felice. Keine sechs Pfund auf der Handelswaage und nicht einmal so lang wie ihr Arm. Ein federleichtes Bündel, das um sein Leben brüllte und damit Katharina ins Leben zurückrief. Sie hatte sich aufgesetzt und hielt im nächsten Moment den Säugling im Arm. »Sie hat Hunger«, hatte Stefan gegen das Gebrüll angeschrien. Und Katharina war aufgestanden, um in dem Haus, in dem sie seit Monaten lebte, die Küche zu suchen, damit das Geschöpf in ihrem Arm nicht verhungerte.

In dem Getöse, mit dem ihr Leben zerbrochen war, hatte sie Josephine vergessen. Was mit der Base los war, kam erst heraus, als es sich nicht mehr verbergen ließ. Über das weitere Vorgehen hatte der Familienrat entschieden. Katharinas Mutter hatte ihren Trauring vom Finger gezogen, ihn Jo angesteckt und das Mädchen zur Witwe von Sievert Hartmann erklärt, der bei der Bombardierung umgekommen war. Jo nahm alles hin. Bei der Geburt ihrer Tochter verblutete sie fast und lag für Wochen auf Leben und Tod, unfähig, für ihr Kind zu sorgen. Dass sie überlebt hatte, sei ein Wunder, erklärte der Arzt, und sie dürfe nie wieder ein Kind bekommen.

Ihren Namen hatte Jo ihrer Tochter allerdings gegeben. Sie hatte es Stefan gesagt, als die Wehen einsetzten. »Felice soll sie heißen, damit sie ein bisschen Glück im Leben hat.« Und so hieß sie. Felice Jette Luise. Das Geschöpf, mit dem das Leben ins Haus zurückgekehrt war.

Es besaß keine Giebel, sondern war ein im spanischen Stil gebautes Patiohaus, das sie sich bei ihrer Ankunft hatten teilen müssen. Claudius von Schweinitz hatte den Männern der Familie einen Kredit gewährt, mit dessen Hilfe sie sich mühsam, aber stetig eine neue Existenz aufbauten. Statt des Handels mit Importwaren, der die Verbindung in die Heimat hielt, ein Geschäft mit in der Stadt hergestellten Hüten und Textilien. Jahr für Jahr war das Haus um einen Anbau gewachsen, und inzwischen glich es mit seinen Flügeln und Türmen so sehr einer niedrigen Burg, dass sie es auf diesen Namen getauft hatten – die Hartmann-Burg. Katharina und Stefan nannten es im Scherz auch Besser-als-nichts, denn so war es in den Anfangsjahren am häufigsten beschrieben worden. »Sind wir froh, dass wir es haben – es ist besser als nichts.«

Sie versuchte sich auf ihre Notizen zu konzentrieren, gab aber bald auf und lauschte auf Geräusche, die die stille Nacht durchdrangen – Räderrollen vom Hof her, das Schnalzen einer Peitsche und der Hufschlag eines Pferds. Stefans Besucher hatte gesagt, er müsse früh weiterreisen, aber doch wohl nicht noch in der Nacht? Gleich darauf vernahm sie Schritte, die im Gang hallten, und dann ein Klopfen an der Tür. »Herein!«, rief sie leise. Offenbar war sie nicht die Einzige, die in dieser Nacht keinen Schlaf fand.

Statt die Tür zu öffnen, sagte jemand: »Ich bin es.« Nicht Jo oder Felice, sondern Stefan. Offenbar zögerte er, weil sein nächtlicher Besuch nicht eben sittenkonform war.

»Nun komm schon«, rief Katharina. »Ich habe ohnehin ein Hühnchen mit dir zu rupfen.«

»Und warum das?« Er schob vorsichtig die Tür auf und steckte den Kopf herein.

»Weil du keine solchen Weihnachtsgeschenke machen darfst«, erwiderte sie und hielt das teure Schreibgerät in die Höhe. »Nicht einmal deiner Lieblingsbase. Du bist schließlich kein Krösus.« Stefan arbeitete wie alle Männer im Geschäft der Familie und erledigte Aufträge für englische Handelshäuser, aber den größten Teil seiner Zeit verbrachte er damit, im Deutschen Haus die Jungenklasse zu unterrichten. Der kauzige Doktor Messerschmidt hatte Stefan in die Arbeit eingewiesen, so dass er in seine Fußstapfen treten konnte, nachdem Messerschmidt seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte. Das Gehalt, das Stefan dafür erhielt, war nicht wesentlich üppiger als Katharinas.

»Würde dich das sehr stören, Kathi?«, flüsterte Stefan.

»Herrgott, jetzt komm doch endlich herein und mach die Tür zu. Was würde mich sehr stören?«

»Dass ich kein Krösus bin.« Stefan tat, wie ihm geheißen, und lehnte sich mit dem Rücken an die Tür. »Allzu schlecht geht es mir nämlich auch nicht, und ich könnte zusätzliche Arbeit annehmen, wenn wir es bräuchten.«

»Weshalb sollen wir es brauchen? Hat deine Mutter wieder Schulden gemacht?« Tante Traude vermochte einfach nicht mit dem ihr zugeteilten Betrag auszukommen. Sie überschüttete ihre Enkeltöchter mit teuren Geschenken und hatte die Familie mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht.

»Nein, darum geht es nicht.« Stefan verfiel in sein übliches Gedruckse. Eine Weile rieb er sich die Stirn, dann ging er hinüber zum Fenster und setzte sich in einen Sessel. »Das ist dir nahegegangen, heute Abend, nicht wahr?«

»Was ist mir nahegegangen? Sag mal, war das dein Besucher, der gerade abgefahren ist? Weshalb bricht der denn mitten in der Nacht auf? Hat ihm Helene eine ihrer Predigten gehalten?«

»Er muss nach Hause.«

»Nach Veracruz?«

Stefan schüttelte den Kopf und schluckte hörbar. »Liverpool. England. Er war nur hier, um sich zu verabschieden. Kathi …«

»Was ist?«

»Weißt du, woran ich vorhin denken musste?«

»Nein«, sagte sie und fügte stumm hinzu: Ich glaube auch nicht, dass ich es wissen möchte.

»An unsere Kinderecken.«

»Und weshalb das? Du bist vierunddreißig, Stefan. Du könntest längst selbst Kinder haben.« Und ich mit meinen bald dreißig Jahren auch, fügte sie ohne es zu wollen in Gedanken hinzu.

»Eben daran habe ich denken müssen«, entgegnete Stefan. »Daran, dass Felice, Hanne und Grete so eine lärmende, tobende Kinderecke nie kennenlernen werden. Daran, dass wir viel zu wenig Kinder haben.«

Damit hatte er nicht unrecht. Ihre Mutter lag ihr mit dieser Klage in den Ohren, aber Stefan war der Letzte, von dem sie sie erwartet hätte.

»Kathi?«

»Was ist denn mit dir los? Wenn wir zu wenig Kinder haben, hindert dich niemand, es zu ändern. Es fragt sich doch ohnehin jeder Deutsche in der Stadt, warum ein gutaussehender Mann wie du noch nicht verheiratet ist.«

»Es fragt sich auch jeder Deutsche in der Stadt, warum ein Mädchen wie du noch nicht verheiratet ist.«

»Ich bin schon lange kein Mädchen mehr«, widersprach Katharina.

Aber er fuhr fort: »Manchmal glaube ich, die Antwort lautet bei uns beiden noch immer gleich.« Sie fragte nicht. Er sagte es dennoch: »Veracruz.«

Starr saß Katharina über den Schreibtisch gebeugt. Es war ihr halbes Leben lang her, es tat nicht mehr weh, aber sie würde nie einem von ihnen erlauben, daran zu rühren. Es hatte ihr allein gehört, es war zerschlagen worden, und dort, wo es in ihrem Herzen gelebt hatte, war ein toter Fleck, der ging niemanden was an.

Stefan stand auf. »Du weißt nicht, wer der Herr war, den ich heute zu Besuch hatte, nicht wahr?«

Sie schüttelte den Kopf. Vermutlich hätte sie es wissen müssen, aber sie hatte sich mit Felice über ihre Geschenke unterhalten, als er sich vorgestellt hatte.

»Ich will dir gern etwas sagen, aber wie üblich dreht mir meine Feigheit einen Strick. Dieser Füllfederhalter – ich dachte, er passt besser zu dir als ein Ring. Ich finde, wir sollten heiraten, Kathi. Wir verstehen uns, wir arbeiten prächtig zusammen, und ich glaube, wir hätten beide gern ein Kind.«

Fassungslos starrte sie ihn an. »Aber …«, quetschte sie heraus, brach jedoch ab, weil das, was ihr auf der Zunge lag, noch irrsinniger war als das, was er gesagt hatte.

»Ich weiß«, sagte Stefan. »Wir lieben uns nicht. Aber ich glaube, wir hatten zur Liebe beide kein Talent. Müssen wir deshalb für den Rest unseres Lebens allein bleiben? Allein alt werden, uns allein vor dem Tod fürchten, nie einen kleinen Menschen auf den Knien halten und ihm zwischen allen Sternen den Mond zeigen? Vielleicht ist Freundschaft leichter als Liebe. Nein, sag jetzt nichts, Kathi. Nimm dir Zeit, es zu bedenken. Du sollst nur wissen, dass ich mir Mühe geben würde, unser Eheleben zu einem Erfolg zu machen, und dass ich glaube, wir könnten zufrieden sein.«