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Am 27. Mai 1864, zwei Wochen nach Martinas Verlobung, landete ein österreichisches Kriegsschiff namens Novara im Hafen von Veracruz. An Bord trug es den Bruder eines europäischen Kaisers, von dem die französische Besatzungsmacht ebenso wie die von ihr eingesetzte Interimsregierung behauptete, er sei der durch Volksabstimmung erwählte Kaiser von Mexiko.
Katharina kannte niemanden, der zu solcher Abstimmung aufgefordert worden war, und Martina beteuerte, es sei auch nie eine durchgeführt worden. Nichtsdestotrotz befand sich der Kaiser auf dem Weg nach Mexiko-Stadt. Er wollte im Nationalpalast residieren und außerdem das Schloss von Chapultepec, das den Vizekönigen der Spanier als Wohnsitz gedient hatte, in Besitz nehmen. An beiden Residenzen wurde beflissen gebaut. Die in den Straßen aufgehängten Konterfeis des blonden Mannes vermehrten sich täglich, und dem Widerstand drohten drakonische Strafen. Bei Cuernavaca, dreißig Meilen südlich, hoben französische Truppen ein Versteck der Guerilla aus. General Bazaines Beauftragte gaben öffentlich bekannt, man habe die Männer erschießen und ihre Helfershelfer auspeitschen lassen.
Drei Tage vor der geplanten Ankunft des Kaisers riefen die Damen des Komitees Katharina in ihr Sprechzimmer, um ihr mitzuteilen, was man von ihr erwartete. »Wir legen Wert darauf, festzuhalten, dass Angehörigen des Stabes von Maximilian von Habsburg der Zugang zum Deutschen Haus verwehrt wird«, erklärte die Vorsitzende. »Das Komitee der Herren hat so entschieden, und wir sind selbstverständlich derselben Ansicht.«
Katharina fühlte sich verwirrt. Die Vorsitzende sprach ständig von ihren Plänen zur Erweiterung des Deutschen Hauses, für die es jedoch an Mitgliedern fehlte. Weshalb nahm sie den Zuwachs aus Europa nicht mit offenen Armen auf? »Sprechen die Leute, die da erwartet werden, denn kein Deutsch?«, fragte sie und kam sich dümmlich vor.
»Deutsch sprechen sie wohl«, belehrte sie die Vorsitzende, »aber sie sind keine Deutschen. Bei den meisten von ihnen dürfte es sich um katholische Österreicher handeln, andere könnten den übrigen Teilen des Kaiserreichs entstammen, von denen uns keines willkommen ist. Ihnen als Leiterin unserer Mädchenklasse sollte ich das nicht eigens sagen müssen. Kein in die Fremde verpflanztes Volk kann seine Überlegenheit bewahren, wenn es nicht auf strengste Abgrenzung achtet.«
Katharina entgegnete nichts. Irgendwann, wenn in ihrem Kopf wieder Platz war, wollte sie über diese Aussage nachdenken.
»Somit dürfte die Frage geklärt sein«, fuhr die Vorsitzende fort. »Des Weiteren wünschen wir, dass Sie die Mädchenklasse zum Empfang des Maximilian auf den zentralen Platz der Stadt führen. Sie unternehmen ja grundsätzlich gern Ausflüge mit der Klasse, und wir möchten nicht den Eindruck erwecken, hier herrschten Sympathien zugunsten liberaler Elemente. Die Gemeinschaft der Mexiko-Deutschen verhält sich in Fragen der mexikanischen Politik wie von je her strikt neutral.«
Diese Anweisung war Katharina recht. Zum einen war es ihr ein Anliegen, dass die Mädchen an Ereignissen des Stadtlebens teilnahmen, und zum anderen war sie selbst neugierig. Nur ein Gedanke quälte sie. Letzten Endes überwand sie ihren Stolz und schrieb einen Brief an Josephine und Stefan, in dem sie bat, Felice die Teilnahme an dem Ausflug zu erlauben. Es sei nicht recht, das Mädchen vom Leben auszuschließen, und sie verspreche, sie abends im Deutschen Haus an Stefan zu übergeben.
Die Antwort gab Stefan ihr persönlich, als er sie zwei Tage später vor der Klasse stellte. »Felice kommt, Kathi«, rief er ihr entgegen. »Bitte lass mich doch mit dir reden.«
Katharina bedankte sich und ging ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei. Sie musste darauf hoffen, dass er nicht Felice für die Abfuhr büßen ließ, denn mit ihm sprechen konnte sie nicht. Viel zu tief fühlte sie sich von seinem Verrat verletzt.
Der riesige Platz war schwarz vor Menschen. Dass sich so viele – gewiss hunderttausend – aufmachen würden, um den Kaiser zu sehen, hätte Katharina nicht erwartet, andernfalls hätte sie um eine weitere Begleitperson gebeten. Es schien unmöglich, die neun Mädchen ihrer Gruppe im Auge zu behalten. Auf den Rest des Geschehens erhaschte sie nicht mehr als flüchtige Blicke. In einer endlosen Kolonne war der Kaiser auf den Platz geleitet worden. Seiner Staatskarosse voran ritt das Regiment der mexikanischen Ulanen unter Befehl des konservativen Coronel López, und neben der Kutsche ritt General Bazaine. Dem Wagen folgten französische Kompanien zu Fuß und zu Pferd, die lauthals Marschlieder sangen. Mehr als fünfzig weitere Equipagen mit hohen Regierungsbeamten, kirchlichen Würdenträgern und Offizieren schlossen sich an.
Der Zug durchmaß den Platz und zerschnitt die Menge, wie eine Pflugfurche ein Feld teilte. Vor der Kathedrale kam alles zum Stillstand, weil Kaiser und Kaiserin im Innern ein Tedeum hören wollten. Währenddessen spielte ein Orchester vor dem Portal ein wuchtiges Stück mit donnerndem Paukeneinsatz. »Das ist die Kaiserhymne!«, verkündete Hanne stolz und versuchte sich zwischen zwei Herren hindurchzudrängen. Um jeden Preis wollte sie einen besseren Platz ergattern, ehe das Kaiserpaar wieder ins Freie kam.
»Ihr bleibt alle zusammen!«, rief Katharina und versuchte die Enteilende am Arm zu erwischen, aber Hanne hatte sich bereits in die Lücke gezwängt. Einzig Felice hielt sich an ihrer Seite. Ihr war sichtlich mehr an Katharinas Nähe als an dem Spektakel um den Kaiser gelegen. Die übrigen Mädchen hingegen glichen einem Haufen Rotdeckenkäfer, in den man mit einem Stock stach. Dazu kam, dass die Stimmung Katharina mit Beklommenheit erfüllte. Wirkte der Jubel nicht verhalten, lauerte nicht etwas Gespanntes in der Luft, das sich jederzeit entladen konnte? »Grete, hol deine Schwester zurück«, befahl sie der jüngeren von Helenes Töchtern, aber während diese ihre Schwester am Schlafittchen packte, entschlüpfte die kleine Gesine nach der Seite, und Katharina musste ihr hinterherjagen.
So ging es eine Weile, bis sie notgedrungen einwilligte, sich gemeinsam näher an die Kathedrale heranzuschlängeln. »Aber nur, wenn wir uns an den Händen halten«, schärfte sie den Mädchen ein, gebot Felice, voranzugehen, und übernahm selbst den letzten Platz. Hanne murrte, mit Felice an der Spitze kämen sie keinen Schritt voran, aber Katharina duldete keine Widerrede. Sie konnte ihren Zug nicht überblicken, also musste sie sich zumindest darauf verlassen, dass die Anführerin sich nicht von den Übrigen löste.
Tatsächlich kamen sie zunächst kaum voran, aber immerhin konnte Katharina, wenn sie sich reckte, einen Ausschnitt des Platzes überblicken. Vor dem Portal der Kathedrale, auf das sie zustrebten, war ein Triumphbogen errichtet worden – soweit Katharina erkennen konnte, eine wacklige Angelegenheit aus Holzbalken und Tuch, das im Wind leicht schwankte. Zu beiden Seiten des Bogens standen eine Reihe von Offizieren in prächtigen goldbetressten Uniformen. Seltsamerweise blieb Katharinas Blick an diesen Offizieren hängen, und als sich ein Mann dazwischenschob, setzte sie einen Schritt zur Seite, um sie wieder sehen zu können. Der vorderste der Männer trug keine Mütze. Das täte ich an seiner Stelle auch nicht, durchfuhr es sie. Das Haar des Mannes war leicht gelockt und wahrhaft golden.
Durch den goldhaarigen Offizier abgelenkt, bemerkte Katharina jetzt erst, dass sie schneller vorankamen, ja, dass sie und Gesine geradezu durch die Menge gezerrt wurden und ständig gegen Ellbogen, Hüften und Bäuche rempelten. Allerdings schienen sie sich nicht mehr auf den Triumphbogen mit den Offizieren zuzubewegen, sondern sich weiter nach links zu schlagen, weg von der Kathedrale und auch vom Regierungspalast, den das Kaiserpaar als Nächstes aufsuchen würde. Dort, wo das Gedränge sich ein wenig lichtete, sah sie drei Männer auf Pferden, zwei Weiße und einen Indio, die nichts taten, als still im Sattel zu sitzen. Mehrere Schritte lang machte es den Eindruck, als würde ihre Gruppe auf jene Reiter zueilen, und Katharina musste an sich halten, nicht nach dem blonden Offizier den Kopf zu drehen.
Dann aber vollführte die Schlange jäh einen Haken und drängte sich durch nun wieder dichtere Menschenmassen zurück in Richtung Triumphbogen. Im selben Augenblick begann das Orchester von neuem, die pompöse Hymne zu spielen. Die Paukenschläge rasselten in Katharinas Ohren, und so viele Menschen zugleich drängten auf den Bogen zu, dass Gesine mit einem Schrei von dem Mädchen, das vor ihr lief, getrennt wurde. Erschrocken stieß Katharina eine Traube Frauen auseinander, riss Gesine mit sich und folgte den sich entfernenden Schülerinnen. »Wartet auf uns!«, brüllte sie ihnen hinterher, aber viel Hoffnung, dass sie in dem aufbrandenden Lärm gehört wurde, hatte sie nicht.
Sie hatten sich bis auf wenige Schritte an den Triumphbogen herangekämpft. Den goldhaarigen Offizier bekam Katharina trotzdem nicht zu Gesicht – allzu dicht war die wabernde, wogende Menge, wie ein Tier mit abertausend Köpfen. Als sie einen Blick auf das Portal erhaschte, sah sie, dass das Kaiserpaar, von seinem Stab geleitet, aus der Kathedrale trat und auf den Triumphbogen zuschritt. Und dann erblickte sie nicht weit vor sich den flachshellen Schopf von Hanne, die sich als Erste der Reihe voranschob. »Wo ist Felice?«, brüllte sie.
Hanne fuhr herum, erbleichte und zuckte mit den Schultern. Katharina wurde kalt. Sie holte Atem, um aus vollen Lungen nach Felice zu schreien, da stürzte der Triumphbogen ein. Gesines Hand entglitt ihr. Wie Dominosteine purzelten Menschen übereinander, ein Körper prallte ihr in die Seite und riss sie mit sich um. Hart schlug sie mit Kopf und Schulter auf den Boden und sah für kurze Zeit nur noch Funken im Schwarz.
Dass sie die Augen geschlossen hatte, war ihr entgangen, doch als sie sie aufschlug, sah sie in ein Gesicht. Hinterher fragte sie sich, ob sie tatsächlich so gedacht hatte, ob sie nicht im Nachhinein den Augenblick verklärte, aber sooft sie sich die Frage stellte, kam sie zu demselben Schluss. Sie sah in völlig ebenmäßige Züge, in schillernd grüne Augen und auf volle, wie gemalte Lippen und dachte: Das ist der schönste Mann der Welt.
Der goldblonde Offizier, der offenbar ebenfalls niedergeworfen worden war, tat nichts von dem, was man selbst in einer derart absurden Lage erwartet hätte. Er stellte sich nicht vor, half ihr nicht auf und stotterte keine Erklärungen. Er sah sie nur an. Reglos und schweigend. Als wäre ich die schönste Frau der Welt.
Um sie tobte die Menge. Unzählige Stimmen verschmolzen zu einem Sirren, Reiter bahnten sich ihren Weg zwischen Gestürzten, Mütter kreischten nach verlorenen Kindern. Dort unten jedoch, wo sie beide einander gegenüberhockten, gab es eine Glocke aus Stille, die sie einschloss, so viele Füße auch gegen sie traten, so viele zornerfüllte Stimmen ihnen zuriefen, sie sollten den Weg freigeben. In der Glocke aus Stille stand auch die Zeit still, aber die Zeit tut das niemals länger als für einen Atemzug.
Die Glocke platzte auf. Katharina fiel ein, dass sie Felice verloren hatte, und im selben Moment fiel wohl dem Mann ein, dass er zurück zu seiner Einheit musste. Sie öffneten beide gleichzeitig den Mund, und als sie entdeckten, dass sie dasselbe taten, lachten sie unhörbar auf. Es war ernst, selbst das Lachen war ernst. Er griff ihr unter den Arm. Zusammen standen sie auf, ohne die Blicke voneinander zu lösen. Als sie aufrecht standen, hörte sie zum ersten Mal seine Stimme. »Ich muss Sie wiedersehen«, sagte er. »Ich weiß, es klingt vollkommen ungehörig. Aber ich muss.«
Katharina nickte. Wie in Trance zog sie ihren Füllfederhalter aus der Tasche und kritzelte auf die Karte, die er ihr hinhielt, die Adresse von Martinas Palais.
»Darf ich mich melden? Mein Name ist Valentin Gruber, Oberleutnant Seiner Majestät, Kaiser Maximilian von Mexiko.«
Seine Stimme war schön. Er sprach, als sänge er die Worte. Und erst bei diesem Gedanken fiel ihr auf, dass es Deutsch war, das er sprach, ein singendes, zärtliches Deutsch, das sie verzauberte. Katharina nickte, brachte kein Wort heraus und empfand einen reißenden Schmerz in der Brust, als er den ersten Schritt von ihr weg machte. Während er sich entfernte, sah er aus, als würde er gezogen. Ihre Blicke blieben ineinander verzahnt, bis sich Fremde zwischen sie drängten.
»Da ist sie ja!«, ertönte hinter ihr die Stimme von Hanne. »Da ist Felice. Von mir aus hätte sie zum Teufel gehen können.«
»Sie ist ja beim Teufel«, rief eins der anderen Mädchen und kicherte.
»Dass der Teufel so hübsch ist, hätte ich nicht gedacht.«
»Halt dein dummes Mundwerk, Ilse. Das ist einer von denen – siehst du das nicht? Deshalb habe ich ihre Hand ja losgelassen, weil ich gesehen habe, dass sie zu dem Wilden will.«
Noch immer wie im Taumel, drehte Katharina sich um. Zwischen sich lichtenden Menschenströmen scharte sich ihr Grüppchen unversehrt um Hanne. Einzig Felice fehlte. Ehe aber ihr Herzschlag aussetzte, entdeckte sie auch sie. Hoch zu Ross kam das Mädchen auf sie zu. Einer der Reiter, die sie vorhin beobachtet hatte, hielt sie vor sich im Sattel, der Indio, der ein prachtvolles dunkles Vollblut ritt. Mit einem Arm umfasste er Felice, hielt die freie Hand auf der Hüfte und lenkte das Tier allein mit Schenkeln und Gewicht durch die Menge. Ihre Schülerinnen kicherten noch immer, manche steckten die Köpfe zusammen, andere starrten ihn ungeniert an. Sie waren nicht die Einzigen. Der Mann zog Blicke auf sich. Vielleicht, weil sein Pferd so schön war, vielleicht, weil er für einen Mann seines Volkes ungewöhnlich groß war und ein Hemd trug, das zum Dunkel von Haar und Haut weiß leuchtete.
Katharina hatte ihn nicht angestarrt. Sie hatte nach Felice gesehen und zugleich den Mann vor Augen: Valentin Gruber, Oberleutnant Seiner Majestät Maximilian von Mexiko. Goldhelles Haar in Wellen, das in die Stirn und über schillernde Augen wehte.
In das Gesicht des Reiters, dem schwarzes Haar in die Stirn fiel, sah sie erst, als er sie fast erreicht hatte und Hanne zu Felice hinaufrief: »Was fällt dir ein, du verzogenes Ding! Weißt du nicht, dass du mit keinem von den Fremden gehen darfst?«
»Er ist ja keiner von den Fremden!«, rief Felice triumphierend. »Wir kennen einander schon lange, nicht wahr, Señor? Als ich Sie gesehen habe, musste ich einfach loslaufen. Immer treffen wir uns hier – auf dem Zócalo.«
Der Mann lächelte, was sein Gesicht veränderte. »Ich fürchte, die Schelte haben wir uns dennoch verdient«, sagte er. »Wir hätten deinen Freunden Bescheid geben müssen.« Dann packte er den Sattelknauf, schwang sich geschmeidig vom Pferd und hob Felice hinunter. Knapp verbeugte er sich, und als er den Kopf wieder hob, sah er Katharina an. »Es tut mir leid.« Worte, die auf irrwitzige Weise die Bedeutung änderten. Verzweifelt erwartete Worte, die Jahre zu spät kamen.
Zu ihrem Entsetzen lachte sie hysterisch auf. Ihre Hände langten nach Felice, nicht, um das Mädchen in ihren Schutz zu ziehen, sondern um sich festzuhalten. Der Mann, der in zwei Schritt Entfernung vor ihr stand, war Benito Alvarez.