49
Unter der himmelhohen Kuppel der Zypressen wurde kein Tag je ganz hell. An manchem Morgen, wenn Katharina die Läden zurückschlug, die lebenshungrigen Schreie der Papageien hörte, aber selbst vom Erwachen des Lebens ausgeschlossen blieb, hätte sie sich am liebsten gleich wieder schlafen gelegt.
Sie war ungerecht. Das weiße Häuschen mit seiner luftigen Sala, dem blitzenden Küchentrakt und der Veranda war reizend, und der See lag am Morgen, wenn sie mit bloßen Füßen hinauslief, vor ihr wie verschüttetes Silber. Sie hatte ihr eigenes Haus, Süßspeisen, die ihr das Mädchen Rosa bereitete, Wein, den der Kaiser persönlich ihr schicken ließ, und Bücher, die ihr aus der Schlossbibliothek übersandt wurden – in so erregender Auswahl, wie sie sie sich als Kind erträumt hatte.
Sie hatte Nächte mit Valentin, in satinduftenden Betttüchern, Champagner auf den Nachtkästen und Liebe bis in die verhangenen Morgenstunden. Valentins Goldhaar, das den blassen Lichtschimmer fing. Valentins Atem, der heftiger wurde, wenn er nur durch die Tür trat. Valentins vollkommene weiße Glieder im Schein der Wachskerzen. Valentins Hingabe, wenn er nach der Vereinigung über ihr niederbrach und stöhnte: »Du hast mich verzaubert, du nimmst mich mit Haut und Haaren, ich kann nicht leben ohne dich.«
Was wollte sie mehr? Was durfte ein Mensch mehr wollen?
Nicht allein sein, schrie es in ihr. Morgens die Sonne sehen, die Obsthändler mit ihren Kisten klappern und Martina kichern hören. Mit Jo über Stefans Gedruckse lästern, in Felix’ Farbpfützen treten, lachen, weil die Mutter und die Sanne schimpfen oder der Vater vor dem Stall falsch pfeift. Felice im Arm halten. Mit meiner kleinen Felice das Wächterlied singen.
Sie hatte ihr Leben inmitten von Menschen verbracht, hatte sich manchmal nach Stille gesehnt und begriff jetzt, dass sie Stille, wenn sie Menschenleere bedeutete, nicht ertrug. Valentin kam, wann immer sein Dienst es erlaubte, doch je mehr sich die Lage verschärfte, desto länger blieb er aus. Tagelang bekam sie niemanden zu sehen als Rosa, die vor ihr knickste und Befehle befolgte, doch kein Wort mit ihr sprach.
Chapultepec war schön. Der naturbelassene Park hinter dem Schlagbaum, der jahrhundertealte Palast. Was aber nützte Schönheit, wenn man sie nicht teilte? Hätte sie mit Valentin hier gelebt, hätte sie glücklich sein können. Mit Valentin und meinem Kind. Mit Menschen, die zu mir gehören, auch wenn sie nicht da sind. Juárez war aus Mexiko vertrieben worden, es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Frieden einkehrte. Dann würden sie und Valentin ihre eigenen Belange ordnen. Sie hatte alles für ihn aufgegeben und ihm bewiesen, dass ihre Liebe bedingungslos war. Wenn erst Frieden herrschte und er sich nicht mehr um den Kaiser sorgte, würden sie auf diesem Fundament ihr Leben bauen.
Beinahe täglich kam ein Bote mit Valentins Blumen und zweimal in der Woche eine Diligence mit Post. Einmal brachte sie ihr einen kleinen liebevollen Brief von Martina mit einer Zeichnung von Felix, die einen pausbäckigen Säugling zeigte, dem aus dem Bauch eine grinsende Schlange wuchs. Ein anderes Mal kam ein schmales Päckchen von Christoph. Katharina wusste, sie hätte beides ungeöffnet fortwerfen sollen, doch ihre Neugier und ein gehöriger Schwall Sehnsucht siegten. In dem Briefchen von Martina stand: »Quetzalcoatls kleines Geschenk heißt Tomás und brüllt Tag und Nacht, weil es dich kennenlernen will.«
In dem Päckchen von Christoph lag ein grau gebundenes Buch. Der Gedichtband. Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt. An der Seite steckte ein Zettel: »Wir denken alle dein. Bitte komm nach Hause. Christoph.« Dafür, dass er nicht Vater geschrieben hatte, war sie dankbar. Sie vergrub beide Briefe im Uferschlamm des Sees. Das Büchlein versteckte sie in ihrer Kleidertruhe und kam sich vor wie ein ungezogenes Kind.
Sie verbrachte die Sonntage des Advents allein und würde wohl auch Weihnachten allein sein. Wieder und wieder erklärte ihr Valentin, dass der Krieg nichts anderes zulasse, dass er nicht weniger leide als sie und dass sie ihn, wenn sie ihn liebe, nicht so bedrängen dürfe. Sie selbst kam sich, sooft sie ihn bedrängte, würdelos vor und konnte doch nicht damit aufhören.
Immerhin würde er an diesem Abend, eine Woche vor dem Heiligen Abend, mit ihr ins Theater gehen, ins Gran Teatro Nacional, in der vor Menschen wimmelnden Stadt. Er war besessen von der Furcht, sein Kaiser könne wie Lincoln einem Attentat zum Opfer fallen, weshalb er sogar den Aufbau der Armee unterbrach, um das Herrscherpaar zu begleiten. Die Gardeeinheit, die ihm neuerdings unterstellt war, sollte für Maximilians Sicherheit sorgen. Wer, von den geladenen Gästen des Kaisers abgesehen, in die Vorstellung wollte, wurde von Kopf bis Fuß durchsucht. »Verschwörer lauern in jedem Winkel«, sagte Valentin. »Nicht eine einzige Stunde Entspannung ist dem Kaiser mehr vergönnt.«
»Aber warum denn?«, fragte Katharina. »Das Volk hat ihn doch gewählt, und die Regierung Juárez hat klein beigegeben. Welchen Grund gibt es noch, die Kämpfe fortzusetzen?«
»Weißt du das nicht besser als ich?«, fuhr er sie an. »Wir sind in ein Land geraten, das weder Treue noch Dankbarkeit kennt, und die uns Hilfe versprachen, lassen uns allein.«
Künftig mied Katharina das Thema, denn was immer sie dazu sagte, feuerte Valentin in seinem Zorn noch an. Schon gar nicht würde sie heute davon anfangen und sich die kurze Zeit an seiner Seite verderben. Stattdessen begann sie schon am Morgen, sich von Rosa das Haar mit Öl pflegen, waschen und auskämmen zu lassen, sich nach dem Bad wie eine Göttin zu salben und anschließend ihre Garderobe auszuwählen. Merkwürdig war es, für derlei Nichtigkeiten einen ganzen Tag aufzuwenden, doch wenn es Valentin von seinen Sorgen ablenkte, sollte es ihr eine Freude sein.
Das Gran Teatro Nacional besaß einen herrlichen, mit Sternengefunkel ausgemalten Kuppelsaal, in dem es leichtfiel, die Wirklichkeit auszuschließen. Geboten wurden Lieder und Tänze mexikanischen wie österreichischen Ursprungs, und singen sollte Angela Peralta, die Sopranistin, der ganz Mexiko zu Füßen lag. Valentin in der neuen Uniform der kaiserlich-mexikanischen Armee war ohne Zweifel der schönste Mann im Theater. Der zerquälte Zug um die Augen, der die Jungenhaftigkeit von einst zerstört hatte, tat dieser Schönheit keinen Abbruch. Im Gegenteil. Aus dem hübschen Knaben war ein Mann geworden. Wenn auch kein glücklicher, dachte Katharina bitter.
Sie teilten sich ihre Loge, die direkt über der des Kaiserpaares lag, mit Oberst López von den Ulanen und seiner schüchternen blutjungen Frau. Katharina mochte den Oberst. Er war ein ruhiger Mann mit einem freundlichen Humor, und anders als die meisten von Valentins Kameraden zog er es vor, nicht über die militärische Lage zu palavern. Es gab mehrere Pausen, in denen Champagner zu hauchdünnem Butterbrot und Austernpastete serviert wurde. Von den Liedern erregte keines Aufsehen, aber die Stimme der Peralta war ein Genuss, so üppig und dunkel, als sänge sie jeden Ton aus der Tiefe ihres Herzens. Der Stimmung half das jedoch nicht auf. Eine Spannung lag über den Köpfen, Gespräche verliefen wortkarg, und Oberst López klopfte während der Darbietung nervöse Rhythmen auf seine Stuhllehne.
In der zweiten Pause gesellte sich ihnen ein drittes Paar zu, einer der österreichischen Hauptleute namens Lechner und seine Gattin, deren machtvoller Brustkorb den Raum in der Loge beengte. Lechner hatte offenbar etwas mit Valentin besprechen wollen, ärgerte sich, dass er aus Rücksicht auf López kein Deutsch sprechen durfte, und plagte sich mit dürftigem Spanisch. »Diese Peralta kann mir gestohlen bleiben«, schimpfte er und wechselte nach dem einen Satz doch wieder ins Deutsche. »Von mir aus mag sie trällern wie eine Nachtigall, aber in der ganzen Stadt ist doch bekannt, dass das eine verkappte Liberale ist.«
»Ich glaube, ich störe hier«, bemerkte der höfliche Oberst López. »Ich habe ohnehin etwas mit General Mendez zu klären.« Damit zog er sich zurück und überließ Valentin dem Geschimpfe von Lechner, während dessen Frau auf seine kleine Gattin einplapperte, ohne sich daran zu stören, dass diese ebenfalls kein Deutsch verstand. In ihrem Redeschwall ging es um die Herzigkeit des kleinen Iturbide-Prinzen, der ein gar zu goldiges Schnütchen ziehen könne, auch wenn ihm die fremde Abkunft ins Gesicht geschrieben stehe. Als Habsburger-Thronfolger sei er doch nicht recht vorstellbar, und wie bedauerlich sei es, dass ein so prächtiges Paar wie Maximilian und Charlotte kein Kindchen hatten. Katharina behandelten beide – Lechner wie seine Frau –, als wäre sie Luft.
Ohnehin hätte sie zu dem Gespräch über das Kind der Alice Iturbide nichts beitragen können. Auch mit Valentin sprach sie nicht mehr darüber, weil das Thema sie zu sehr aufbrachte. Was empfand die Frau, der man ihr zweijähriges Kind entrissen hatte, die es nie wieder in den Armen halten und ihm kein Wiegenlied mehr singen durfte? Was hatte ihre Mutter empfunden? Das Dienstmädchen. Hat sie mich aufgegeben, ohne zu kämpfen? Hat sie sich nie gefragt, was aus mir geworden ist? Unwillkürlich fiel ihr Blick auf den Ring mit den blau schillernden Steinen. Valentin hatte sie gebeten, ihn abzuziehen, es sei eine unschöne Arbeit und passe nicht zu ihr, aber den einen Wunsch hatte sie ihm nicht gewährt.
»Wie ich schon sagte«, plapperte die vollbusige Gattin vor sich hin, »es ist und bleibt ein fremdländisches Kind.«
Seltsam, durchfuhr es Katharina, dass man ein Kind fremdländisch nannte in dem Land, in dem es zur Welt gekommen war. Auf einmal hielt sie die Enge in der Loge nicht mehr aus. »Ich gehe mir nur rasch die Nase pudern«, sagte sie zu Valentin. Mit Martina hatte sie darüber gelacht. Wenn Frauen etwas zu beschwatzen haben, muss die arme Puderquaste herhalten. Jetzt lief sie ohne Martina durch die Gänge und hatte niemanden, um etwas zu beschwatzen.
Jede Menge Menschen waren auf den Fluren des Theaters unterwegs, suchten Bekannte, prüften Haar und Kleidung vor goldgerahmten Spiegeln oder strebten auf einen der Räume zu, in denen die Herren sich zum Rauchen zurückziehen konnten. An den Türen standen Namen von Gästen, die einen solchen Raum reserviert hatten. Miguel López, Oberst, mexikanische Ulanen las sie an der letzten der Türen, im hintersten Winkel des Gangs. Traf also hier der Oberst sich mit General Mendez?
Um ein Haar hätte sie die Frau, die im Zwielicht hinter der Tür stand, nicht erkannt. Sie war kleiner als die übrigen Gäste, schwarz gekleidet, weder jung noch alt. Als sie den Mund öffnete, zeigte sich, dass ihr ein Schneidezahn fehlte. »Inez!«, rief Katharina verblüfft.
Die Frau wandte sich ihr zu, äußerte jedoch kein Wort zum Gruß. Furcht ergriff Katharina. Wenn Inez hier war, mochten Martina und Felix nicht weit sein – und wenn Valentin sie mit den beiden sah, war der Abend verdorben. »Nett, Sie zu treffen«, murmelte sie hastig und wollte auf dem Absatz kehrtmachen. Ohnehin läutete gerade die Glocke, die zurück zur Vorstellung rief, und die Gäste begannen ihren Plätzen entgegenzuströmen.
Inez verzog das Gesicht. Ihr Grinsen mit dem fehlenden Zahn glich einer Fratze – boshaft, lachhaft und traurig zugleich. »Du willst wissen, wer dadrinnen ist, was?«, fragte sie und wies mit dem Ellbogen auf die Tür.
»Nicht doch«, erwiderte Katharina mit verkrampftem Lächeln. »Oberst López und General Mendez werden dort drinnen ihre Zigarren rauchen – das geht mich nichts an.«
Inez ließ ein gurgelndes Lachen hören, dann schüttelte sie den Kopf. »Wart’s ab. Sieh selbst.« Die Glocke läutete zum zweiten Mal.
Als sie zum dritten Mal läutete, stand Katharina noch immer wie gebannt vor der verschlossenen Tür. Der Gang hatte sich geleert, die beiden Frauen waren allein. Warum kam Oberst López nicht heraus? Die Türen der Logen wurden geschlossen und die Kerzen der Wandarme gelöscht. Im Saal würde die Musik beginnen, Valentin würde sich fragen, wo sie blieb, und der Abend, auf den sie sich so sehr gefreut hatte, würde im Streit enden. Sie spürte, dass Inez sie beobachtete, bemühte sich noch immer zu lächeln und kam sich einfältig vor.
Hinter der Tür wurde das Scharren von Stuhlbeinen laut, es folgten Schritte, und wie ein schwarzer Blitz jagte Inez an ihr vorbei und durch den Gang. Als die Tür aufgezogen wurde, war sie bereits im Dunkel verschwunden.
Katharina fuhr herum und fand sich einem hochgewachsenen Mann gegenüber. Aber der Mann war nicht Oberst López. Es war Benito Alvarez.
Ehe sie ein Wort herausbrachte, legte er ihr den Finger auf die Lippen. »Katharina, um alles in der Welt, sag jetzt nichts.«
Sie schwieg, starr vor Schreck. Hinter ihm drängten drei weitere Männer, sämtlich Weiße in Abendgarderobe, aus dem Rauchzimmer. Schnell und leise sprach Benito mit ihnen, dann entfernten sie sich durch den Gang.
Benito blieb mit ihr allein. »Ich flehe dich an«, sagte er, »du bist keinem von uns hier begegnet.«
Beschwörend grub sein Blick sich in ihren. Du scheinst mich zu brauchen, dachte sie. Und was hast du getan, als ich dich brauchte? »Du schuldest mir eine Erklärung«, presste sie heraus und vertrat ihm den Weg.
»Ich weiß. Aber ich kann sie dir nicht geben.«
»Nun, dann schlage ich vor, du kommst mit in meine Loge und gibst sie Oberst López, der sicher gern wüsste, was du in seinem Rauchzimmer treibst.«
»Katharina«, sagte er, »ich weiß, du bist mir nichts schuldig, und was ich von dir verlange, ist nicht recht. Ich bitte dich trotzdem: Lass mich gehen und vergiss, was du gesehen hast.«
Ich habe ja gar nichts gesehen, dachte sie, und dann glaubte sie den Sinn seiner Worte zu erfassen. Valentins panische Angst um seinen Kaiser fiel ihr ein und seine Worte in Martinas Garten: Wer sagt dir, dass mein Schwur mehr als einen Peso Mordgeld wert ist?
»Was tust du hier?«, schrie sie. »Bist du ein Attentäter, hast du deine Pistole im Gurt, um den Kaiser zu morden?«
Er presste ihr die Hand auf den Mund. Als sie sich wehrte, ließ er sofort los.
»Bitte schweig«, sagte er.
Sie starrte ihn an, ohne fassen zu können, was ihre Gedanken ihr zu verstehen geben wollten. Dieser Mann, der sie gehalten und gewiegt hatte, der sie die Liebe gelehrt hatte unter der brennenden Erde von Veracruz, war ein Mörder. Kein Soldat, der einen anderen im Zweikampf besiegte, sondern ein Verbrecher, der sich in ein Theater schlich, um einen Mann, der arglos der Musik lauschte, abzuschlachten. Valentin hatte recht. Der Mann, den sie geliebt hatte, war ein feiger Meuchler aus dem Hinterhalt. Sie sah auf seine Lippen, die sie unzählige Male geküsst hatte, auf die scharfe Narbe im Augenwinkel und in seine Augen, die ihr Liebeslieder gesungen hatten, so innig, dass ihr für alle Zeit etwas fehlte. »Ich verachte dich«, stieß sie Wort um Wort heraus. Als sie das Zucken in seinen Augen bemerkte, entfuhr ihr ein Laut des Triumphes.
»Ichtaca.«
»Sag das nie wieder zu mir!«, schrie sie in grenzenlosem Zorn. Was sollte sie tun? Sie konnte ihn nicht gehen und seine Untat ausführen lassen, das stand außer Frage. Sie musste Valentin holen, Männer der Garde, die ihn festnahmen.
»Ich dürfte kein Wort mit dir sprechen«, sagte er. »Ich benehme mich wie ein zum Himmel schreiender Idiot, aber ich vertraue dir. Wir tun nichts, das falsch ist, Katharina. Wir verlangen nur, dass das Volk selbst entscheiden darf und dass man es nicht belügt.«
»Es hat doch entschieden!«, rief Katharina. »Es hat den Kaiser gewählt.«
»Das hat es nicht. Die sogenannte Wahl war von Napoleons Leuten fingiert, die meisten Leute wussten nicht einmal, dass dieser Kaiser existiert. Ich will dich in keinen Zwiespalt bringen und dir nicht einreden, dein Valentin habe unrecht und ich habe recht, denn so ist es nie. Ich will nur, dass du mich gehen lässt und weißt: Wir alle tun, was wir tun, in gutem Glauben.«
»Du willst mich in keinen Zwiespalt bringen? Bist du nicht nur ein Mörder, Benito, sondern obendrein verrückt?« Welcher Zwiespalt konnte größer sein? Wenn sie ihn laufenließ, ging er hin und schoss Valentins Kaiser tot. Wenn sie aber die Garde rief, würde man ihn verhaften. Nach dem neuen Dekret durfte Valentin ihn ohne Verhandlung aburteilen, und vor dem Morgen wäre er gehängt. Ihr Blick traf seinen Hals. Sie konnte das nicht. Was immer er getan hatte, sie hatte seinen Hals mit Küssen übersät, sie konnte nicht daran schuld sein, dass man einen Strick darum legte und ihm das Genick brach. Zudem hätte er längst fliehen können. Dass er hier mit ihr stand und sie zu überzeugen suchte, rührte etwas in ihr an.
Ein Einfall kam ihr. Ihre Finger berührten ihre Schlagader. »Schwöre«, sagte sie zu ihm. »Auch wenn du ein Lügner und ein Mörder bist – schwöre, dass du den Kaiser nicht tötest.«
Er schien nicht zu begreifen. Dann gab er einen Laut von sich, der wie ein Lachen klang. »Dass ich den Kaiser nicht töte? Maximilian von Habsburg? Ja, natürlich, das schwöre ich, bei allem, was du willst.«
Sie vermochte ihren Blick nicht von seinem zu lösen. Meinte er, was er sagte? Durfte sie ihm trauen? »Geh«, sagte sie, weil ihr nichts anderes zu tun blieb.
»Danke.« Er machte zwei Schritte, blieb stehen und drehte sich um. »Ich liebe dich«, sagte er, drehte sich wieder um und ging weiter.
Ehe Katharina zu Atem kam, brach der Lärm der Hölle los. Am anderen Ende des Gangs flog eine Logentür auf, jemand brüllte nach der Garde, und gleich darauf polterten Schritte auf der Treppe. Alles verlief in eines, Geschrei und Geräusche, Fetzen und Bilder. Die kleine Frau Inez kam in Trippelschritten wie eine Gestalt aus einem Alptraum über den Gang und sandte ihr ein zahnloses Grinsen, ehe sie die Treppe hinunter verschwand.
Benito versuchte nicht zu entfliehen. Es wäre sinnlos gewesen. Mindestens zwanzig Bewaffnete der Garde stürmten ihm entgegen. Er streckte ihnen die Arme hin, die Gelenke nach oben gedreht. Sie sah zur Seite, weil sie auf einmal sicher war, dass die Männer ihn zu Boden stoßen und mit den Stäben ihrer Lanzen auf ihn einschlagen würden.
Geschrei von unten verriet, dass dort weitere Männer verhaftet wurden. Katharina fühlte sich am Arm gepackt. Valentin riss sie herum und holte aus. Ungläubig starrte Katharina zu ihm auf, und vielleicht war es das, ihr völliger Unglaube, der sie bewahrte. Aufstöhnend ließ er die Hand sinken.
»Du kommst mit.« Am Arm zerrte er sie hinter sich her. Vor der Tür ihrer Loge packte er sie noch einmal mit beiden Händen und sandte ihr einen rasenden Blick. Dann stieß er sie hinein. Drinnen befanden sich Oberst López, der von wer weiß wo gekommen sein mochte, seine Frau und die Hauptmannsgattin mit dem großen Busen. Die Vorstellung war unterbrochen worden, doch jetzt begann die Peralta von neuem, mit dunkler Süße den Saal zu füllen. »Oberst López? Geben Sie bitte auf Fräulein Lutenburg acht, bis ich zurückkomme.«
Katharina wollte protestieren. Er konnte doch nicht von ihr verlangen, dass sie hier sitzen blieb und Liebesliedern lauschte. Er aber stieß sie noch einmal zurück. »Du tust, was dir gesagt wird.« Damit ging er und warf die Tür ins Schloss.
»Setzen Sie sich«, flüsterte der Oberst und schob ihr einen der Polsterstühle hin. Als er ihr ein Glas Champagner reichte, trafen sich ihre Blicke, und sie war sicher, nie zuvor in so gütige Augen gesehen zu haben. »Versuchen Sie sich zu beruhigen. Wir können jetzt nichts tun.«
Katharina versuchte Champagner zu trinken. Immer häufiger hatte der Alkohol sich letzthin als Retter in der Not bewährt, doch als sie jetzt den Wein nur roch, hatte sie Mühe, nicht zu würgen. Gegen das Entsetzen half kein Wein. Benito würde sterben. Vielleicht schon jetzt. Das neue Dekret erlaubte Valentin, sein Urteil sofort zu vollstrecken. Sie glaubte ihn vor sich zu sehen, in einem Keller in Veracruz, das Licht der Kerze, das Muster auf sein Schulterblatt zeichnete. Sein Lächeln am Marigoldstrauch, wenn er sie gegen ihren Widerstand heimschickte. Und jetzt geh nach Hause, hatte er zu ihr gesagt, mit vor Zärtlichkeit funkelnden Augen. Meine Cempoalxochitl, mein süßes, tollkühnes, zweigeteiltes Mädchen.
Sie sprang auf. Sacht, aber eisern drückte der Oberst sie auf ihren Stuhl zurück. »Bleiben Sie sitzen, Señorita«, flüsterte er. »Was immer Sie tun, würde die Lage nur verschlimmern.«
Katharina biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Unter ihr, in der kaiserlichen Loge, schimmerte das schüttere Blondhaar des Kaisers. Hatte Benito nicht den Tod verdient, dafür, dass er diesen Mann hatte töten wollen? Aber dafür stirbt er nicht, widersetzte sich eine Stimme in ihr. Er stirbt, weil er sich wie ein Idiot benommen und mit dir palavert hat. Weil er gewartet hat, um dir zu sagen, dass er dich liebt.
Auf der Bühne beendete die Peralta ihr Lied und trat ab. Gleich darauf erschien ein Mann mit Zylinder, der Direktor des Theaters, der sich in gestelzten Worten für die Unterbrechung entschuldigte. Die Lage sei unter Kontrolle, es bestehe kein Grund zur Besorgnis, und zur Besänftigung erhitzter Gemüter komme man nun zum Höhepunkt des Abends. Einer Premiere. Zum ersten Mal werde La Peralta für das Kaiserpaar eine neue Habanera singen, »eine kleine Sensation, meine Gäste, eine das Herz zerreißende Weise von Liebe und Tod, die die Welt nie vergessen wird. Einmal wird man Sie beneiden, weil Sie dabei waren, als dieses Lied uns geschenkt wurde. Ich habe die Ehre – La Paloma.«
Im weißen Gewand wie die Llorona kehrte die Peralta auf die Bühne zurück. In jeder Hand hielt sie einen Käfig und öffnete im Laufen die Türen. Während sie vor der Loge des Kaisers knickste, flatterten vier weiße Tauben in den Zuschauerraum.
Das Lied war nie zuvor gesungen worden. Nur einer, nur Katharina, kannte es, und La Peralta sang es nur für sie. Es war ihr Lied. Onkel Fietes Lied von den Seelen der persischen Soldaten, die die Mädchen in den griechischen Dörfern liebten. Das Lied ihres Vaters, der sie kleine Taube nannte, das Lied ihrer Mutter, die schrie und weinte, sooft sie eine Taube vor dem Fenster sah.
Als ich die Stadt verließ, o mein Gott,
Niemand sah, wie ich aufbrach.
Mein liebliches, kluges Mädchen –
Ich bin auf meinem Weg, und sie wird mir folgen …
Es war niemandes Lied. Nur Benitos, der es ihr schickte, um ihr Lebewohl zu sagen. Hätte eine der Tauben sich auf der Brüstung ihrer Loge niedergelassen, sie hätte sich weder gewundert noch erschrocken, sondern die Hand nach ihr gestreckt.
Wenn eine Taube an dein Fenster kommt,
Behandle sie zärtlich, denn die Taube bin ich.
Erzähl der Taube von deiner Liebe, mein Herz,
Schmücke sie mit Blumen, denn ich bin es …
Ich lass dich nicht sterben, Benito. Was immer du getan hast oder tun wolltest, was immer du an mir versäumt und wie du mich verletzt hast, ich lass dich nicht sterben.
Wenn eine Taube an dein Fenster kommt,
Behandle sie zärtlich, denn die Taube bin ich.
Der Applaus, der losbrach, als der letzte Ton des Liedes La Paloma verklang, erschütterte die Mauern des Theaters. Der skurrilen Ansage hätte es nicht bedurft – auch so wussten die Zuschauer, dass sie ein Lied gehört hatten, das ihre Kinder noch hören würden und die Kinder ihrer Kinder noch immer. In seiner Loge drehte Kaiser Maximilian sich um und sah zu Katharina auf. Sein Gesicht war tränennass. »Haben Sie ein so schönes Lied je gehört, Fräulein Lutenburg?«
»Nein, noch nie«, sagte Katharina und stand auf.
Während der Applaus für La Paloma weiterbrandete, ging sie zur Tür der Loge. Oberst López verstellte ihr den Weg. »Setzen Sie sich wieder hin, Señorita. Sie können ja nichts tun.«
»Doch«, sagte Katharina. »Ich muss etwas tun. Ich kann nicht zulassen, dass dieser Mann getötet wird.«
Ehe die Vollbusige, die zum Glück kaum Spanisch verstand, sich einmischte, hatte der Oberst Katharina aus der Loge gezogen und verbarg sich mit ihr hinter dem Vorhang an der Tür. »Ich bitte Sie, bewahren Sie Ruhe«, sagte er. »Oder Sie bringen uns alle in Teufels Küche. Setzen Sie sich und warten Sie, bis Oberleutnant Gruber zurückkommt. Dafür, dass sie ein paar Blätter verteilt haben, kann er die Männer nicht zum Tod verurteilen.«
»Blätter?«, wiederholte Katharina benommen.
»Um der Heiligen Jungfrau willen, schweigen Sie. Sie wissen nichts von Blättern, haben Sie gehört? Setzen Sie sich ruhig auf Ihren Platz, und tun Sie so, als würden Sie Musik hören. Ich gehe und sehe, was ich in Erfahrung bringen kann.«
Noch immer benommen, tat Katharina, wie ihr geheißen. Das vorgesehene Programm konnte nicht fortgesetzt werden, weil die Zuschauer schreiend und trampelnd nach nur einem Lied, nach La Paloma verlangten. »Verrücktes Volk, diese Mexikaner«, sagte die vollbusige Gattin Lechner zur kleinen Gattin López, die kein Wort verstand. »Fremdländisch eben, wenn Sie begreifen, was ich meine? Dass ich mich daran gewöhnen werde, bezweifle ich.«
Ja, dachte Katharina. Verrückt und vermischt und so geliebt von den Göttern, dass die gefiederte Schlange uns den Pulque geschenkt hat, damit wir tanzen. Sie wusste, sie verlor den Verstand, aber es machte ihr nichts aus, weil das Leben sich nicht anders ertragen ließ.
La Peralta trat auf die Bühne und sang La Paloma.
Was geschehen war, erfuhr sie von Oberst López, kurz bevor Valentin kam, um sie in die Kutsche zu laden und schweigend mit ihr nach Chapultepec zu fahren. Vier Männer waren verhaftet worden, weil sie während der Pause im Theater Flugblätter ausgelegt hatten. Auf den Flugblättern wurde verbreitet, Juárez habe das Land nicht verlassen, sondern stehe mit seiner Regierung im Norden, bereit, jederzeit in seine Hauptstadt zurückzukehren. Ein Rätsel sei, wie die Flugblätter ins Theater gelangt sein konnten, obgleich sämtliche nicht persönlich geladenen Gäste kontrolliert worden waren.
»Warum wollten die Männer das verbreiten?«, fragte Katharina.
»Weil es wahr ist«, erwiderte López. »Aber ich habe nichts gesagt.«
Da die Einheit der Garde, die die Männer ergriffen hatte, Valentin unterstellt war, oblag es ihm, das Urteil über sie zu sprechen. »Es tut mir leid«, sagte Oberst López. »Wir alle halten es für unziemliche Härte, die das Volk empören wird, aber Oberleutnant Gruber besteht darauf, sie zu hängen. Ich weiß nicht, in welchem Verwandtschaftsverhältnis Sie zu Señor Alvarez stehen …«
»Verwandtschaftsverhältnis?«, platzte Katharina, der alle Fäden den Händen entglitten, heraus. »Wie können wir denn verwandt sein – Benito ist ein Nahua.«
»Mit Verlaub«, erwiderte López, »ich hatte nicht vor, Sie zu beleidigen. Wenn ich Ihr Äußeres falsch eingeschätzt habe, bitte ich um Verzeihung, doch für mich ist ein Nahua kein Mensch zweiter Klasse. Señor Alvarez schon gar nicht. Solche Männer aufzuhängen heißt, dieses Land auszubluten, bis es sich nicht mehr erhebt.«
Katharina verstand kein Wort und konnte auch keines glauben. Benito starb wegen eines Stück Papiers, auf dem irgendetwas über Juárez stand? »Aber der Kaiser?«, stammelte sie, während sie Valentin über den Gang bereits kommen sah.
»Was ist mit dem Kaiser?«
»Die Männer wollten den Kaiser erschießen …«
López warf ihr einen argwöhnischen Blick zu. »Wie kommen Sie denn darauf? Sie hatten ja nicht einmal Waffen bei sich.«
Ich bin schuld, hämmerte es im Rhythmus der Räder in ihrem Kopf, während die Kutsche sie nach Chapultepec trug. Benito kann nicht töten, einerlei, was er mir über einen Mann erzählt hat, den er angeblich erschossen hat. Hätte ich nicht vergessen, dass ich Benito kenne wie mich selbst, hätte ich ihn fliehen lassen. Diese Inez hat ihn verraten, weil sie ein armer Wurm ohne Zähne ist, der hilflos um sich schlägt, aber schuld ist sie nicht. Schuld bin ich.
Der nächtliche See war voll flüsternder Geheimnisse. Valentin schloss die Tür auf und stieß Katharina ins Dunkel der Sala. Ein weiterer Stoß warf sie durch den Raum und aufs Bett. Dann erst steckte er auf dem Tisch die Kerze an, nahm eine Flasche und trank.
»Du darfst das nicht tun«, sagte Katharina.
»Was darf ich nicht tun? Was auf der Welt gibt es, das eine mexikanische Hure wie du mir verbieten könnte?«
»Du darfst die Männer nicht töten!«, rief Katharina, die jedes seiner Worte wie ein Hieb traf. »Wenn du mich nicht hören willst, denk an den Kaiser. Es wird das Volk gegen ihn aufbringen, dass du vier Männer wegen ein paar Flugblättern hängst.«
»So? Meinst du?« Er stemmte die Hände in die Seiten und sah sie hasserfüllt an. »Hör mir zu, du Hure – meinen Kaiser und mich, das lass aus dem Spiel. Das ist heilig, und von heiligen Dingen verstehst du nichts. Dein schwarzer Pferdeknecht hängt morgen früh am Galgen, da kannst du dich winden, wie du willst.«
Sie hätte Angst haben sollen. Sie hatte ihn nie zuvor so außer sich erlebt, aber in ihr war völlige Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Sie sprang vom Bett und lief auf ihn zu. Obgleich sie sah, dass er sie schlagen wollte, lief sie weiter und warf die Arme um seinen Hals. Ehe er fortfahren konnte zu schreien, verschloss sie ihm die Lippen und zog ihn zum Bett. Ich habe keinen Namen. Ich habe weder Ehre noch Eltern. Eine Hure bin ich und liebe um den Preis eines Lebens. Jäh schossen ihr Bilder durch den Kopf von dem Tag, als der Mann den Stier getötet hatte und alles in ihr sich gewehrt hatte, weil Töten nicht so schön sein durfte. Sie liebte Valentin mit der Entschlossenheit des Stiertöters, des Matadors. Erst als er entkräftet an ihrer Seite nach Atem rang, stand sie auf und holte Wein und Wasser.
»Ich hasse dich«, keuchte er. »Und ich liebe dich. Was hast du teuflische Sirene nur mit mir getan?«
»Dich geliebt«, sagte Katharina, tauchte den Zipfel des Lakens in Wasser und rieb ihm den Schweiß von der schön geformten Stirn.
»Wie soll ich ohne dich leben, beim Teufel, wie?«
»Du brauchst nicht ohne mich zu leben«, entgegnete sie, beugte sich vor und küsste ihm die Wangen. »Ich liebe dich.«
Er packte ihr Gesicht und küsste sie, grub seine Zähne in ihre Lippen. »Du machst, dass ich mich nicht wiedererkenne«, sagte er. »Ich bin kein rasender Mondsüchtiger, der durch die Nacht rennt und nicht weiß, was er tut. Du hast mich dazu gemacht.«
Katharina betupfte ihm die Stirn. »Es tut mir leid, Liebster. Ich will dich nicht rasend machen, ich will dich nicht quälen. Ich lebe in diesem Haus nur für dich und sehe keinen Menschen.«
»Meinst du das ernst? Und wenn ich meinen Burschen abstelle, damit er dich Tag und Nacht bewacht?«
»Stell ihn ab«, sagte sie. »Lass ihn mich Tag und Nacht bewachen. Du musst nur eines für mich tun.«
»Nein«, rief er und versuchte sich aufzurichten, »nicht die Männer!«
Sie drückte ihn nieder und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. »Hast du mir nicht erzählt, es schrecke diese Leute nicht ab, wenn ihr sie erschießt und an Bäume hängt? Hat euch Napoleon nicht geraten, sie durchzupeitschen, weil das Pack sich vor Prügeln mehr fürchtet als vor Tod und Teufel? Peitsch sie durch, Valentin. Gib ihnen ihre Strafe und lass sie laufen. Dein Kaiser braucht kein Land ohne Menschen.«
Sie wollte ihn noch einmal küssen, doch er setzte sich auf. Seine Augen waren schmal. »Willst du das wirklich?«
»Ja.«
»Und du tust im Gegenzug etwas für mich?«
»Was immer du willst.«
Er sprang aus dem Bett, nahm die Weinflasche und schüttete sich die letzten Tropfen in die Kehle, ehe er sich wieder zu ihr wandte. »Du siehst es dir an.«
Katharina schluckte. Dann nickte sie.
»Zieh dich an. Wenn ich den Fehler meines Lebens begehe, sei der Herrgott mir gnädig. Wir fahren zurück in die Stadt, um das Urteil umzuwandeln. Sechzig Hiebe mit der Neunschwänzigen für die drei Helfershelfer und hundert für deinen indianischen Pferdeknecht. Und du, meine zarte Geliebte, stehst dabei und siehst es dir an.«
Katharina biss die Zähne zusammen, um das Zittern ihrer Glieder unter Kontrolle zu bringen, sammelte ihre Kleider vom Boden und begann sie sich anzulegen. Sechzig Schläge entsprachen dem üblichen Maß, von dem man annahm, dass jeder gesunde Mann es ohne dauerhafte Schäden überlebte. Es war alles, was sie tun konnte. Valentin, schon in Hemd und Hosen und mit goldenen Wellen in der Stirn, trat hinter sie und küsste ihren Nacken. »Du wirst mir gehorchen, ja? Du wirst sein wie ein edles Pferd, das ein Mann mit stählernem Willen zugeritten hat.«
Sie nickte. Er küsste ihren Nacken noch einmal. »Wofür gibst du ihm vierzig Schläge mehr?«, fragte sie gepresst. »Er hat nichts getan.«
Valentin hielt das Gesicht über ihren Nacken gebeugt. »Wenn du nicht weißt, wofür er die bekommt, er weiß es«, sagte er und bedeckte die ersten Wirbel ihres Rückens mit Küssen.