58
Der Mann, der am Morgen gefragt hatte, ob er eintreten dürfe, und der gleich darauf ins Zelt drängte, war Benitos Oberst und sah aus wie ein Allheilmittel gegen die Angst. »Ferdinando Ferrante«, hatte er sich vorgestellt. »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, gestört zu haben, Señorita, aber Sie haben mit Verlaub bereits den gesamten Vormittag verschlafen und wir, mit Verlaub, das Regimiento Segundo Ciudad de Mexico, brennen darauf, Sie kennenzulernen.«
Er hatte ihr Wasser, Seife und ein Frühstück bringen lassen, und zwischendurch hatte er den Kopf hereingesteckt und gefragt, ob er und sein Regimiento ihr noch behilflich sein könnten. Zu guter Letzt hatte er sie ins Freie gebeten. Seine Muchachos hätten sich so standhaft geduldet – ob sie jetzt vielleicht mit allem gebotenen Anstand ein Auge auf sie werfen dürften? Katharina hatte lachen müssen und war aus dem Zelt gestiegen, in die leuchtende Sonne des Nachmittags. Er hatte seine Männer in Reihen antreten lassen. Er reichte ihr seinen Arm, führte sie zwischen den Reihen hindurch, und Applaus brandete auf. Oberst Ferrante deutete eine Verbeugung an. »Sie haben ihre Erwartungen übertroffen, Doña Katharina. Ich darf Sie doch Katharina nennen?«
»Sehr gern«, erwiderte Katharina. Dann platzte aus ihr heraus, was sie mit Mühe zurückgehalten hatte. »Wo ist Benito?«
Der Oberst lächelte breit. »Sie haben es nicht eilig, oder? Ich verbürge mich, wir werden Sie verwöhnen wie eine Princesa – ach, was sage ich, Sie sind unsere Princesa! Lassen wir dem armen Kerl ein bisschen Ruhe – morgen ist schließlich auch noch ein Tag.«
Katharinas Herz schlug ihr von neuem bis zum Hals. »Was ist mit ihm? Kann ich ihn sehen?«
Don Ferdinando grinste und bedeutete ihr durch ein Zeichen, ihm zu folgen. Sie gingen zurück über den Kamm und zu einem größeren Zelt im Schatten zweier Pinien. Aus dem Eingang zwängte sich ein graugekleideter Mann mit einer Wasserschüssel.
»Alles in Ordnung, Medico?«
Der Mann mit der Schüssel salutierte, dass das Wasser spritzte, und nickte. »Wie Ihr Schuh, mein Coronel.« Don Ferdinando klatschte ihm auf die Schulter und öffnete die Plane für Katharina.
In dem Zelt, das offenbar als Lazarett diente, standen vier Pritschen. Drei waren leer, auf der vierten lag Benito. Außer ihnen befand sich noch ein weiterer graugekleideter Mann im Raum, der an einem Waschtisch Binden ausspülte. Don Ferdinando trat vor Benitos Pritsche und zog das Betttuch bis auf seine Hüfte hoch. Die Wunde darüber lag unverbunden offen. Katharina entfuhr ein Laut. Der Schnitt im Fleisch war tief, blutrot und die Haut darum verschwollen. Vielleicht noch schlimmer war der Anblick seines Rückens, das Geflecht weißer Narben in der dunklen Haut.
Ihr entfuhr noch ein Laut, und dann bemühte sie sich nicht länger um Beherrschung, sondern ging vor der Pritsche in die Knie und legte die Hand auf sein Schulterblatt. Seine Haut war noch immer heiß. Ich möchte mich so gern bei dir bedanken, ohne deinen Stolz noch mehr zu kränken. Ich möchte dir so gern sagen, dass ich nur dein Leben retten wollte, nie dir Schmerz zufügen. Ich möchte dich so gern fragen, warum du durch Flüsse schwimmen und durch feindliche Heere brechen konntest, um mich zu finden – aber nicht mich suchen, als wir jung waren und uns so viel erspart geblieben wäre. Bitte stirb mir nicht, Benito. Bitte lass für das alles noch Zeit sein. Sie strich eine der Narben entlang bis hinauf auf das schwarz glänzende Haar in seinem Nacken. Und dein Haar will ich dir schneiden. Du hast so grässliches Haar wie ich.
Gedankenverloren liebkoste sie seine breiten, sehnigen Schultern, bis sie bemerkte, dass sie an die Narben nicht mehr dachte, dass sich in ihr auch kein Mitleid mehr regte, sondern etwas völlig anderes. Etwas, das nicht sein durfte. Entsetzt zog sie ihre Hand zurück.
»Katharina Lutenburg?«
Sie fuhr herum. Hinter ihr stand der graugekleidete Mann und streckte ihr die Hand hin. »Antonio Valverde. Ich habe schon etliches von Ihnen gehört. Ihre Freundin Martina von Schweinitz hat mir in Tacubaya das Leben gerettet.«
Wie er Martinas Namen aussprach, klang lustig, und sein offenes Gesicht nahm sie sofort für ihn ein. »Sie sind hier Stabsarzt?«, stammelte sie.
Er nickte. »Sollten Sie einen brauchen, wäre es mir eine Freude.«
»Danke«, erwiderte Katharina. »Sie kümmern sich um Señor Alvarez?«
Der junge Arzt hielt eine Binde in die Höhe. »Ich wollte gerade den Verband wechseln. Allzu lange würde ich das nur ungern aufschieben, denn wenn der Capitán wach ist, bekomme ich den Verband leichter um einen bockenden Stier.«
»Er … er ist doch nicht schwer verletzt?«
Valverde lächelte, und auf ihrer Schulter spürte sie die Hand von Don Ferdinando. »Aber nicht doch«, sagte er stolz. »Der ist zäher als mein ältester Schuh. Das kommt vom Amarant, wissen Sie?«
»Nein«, antwortete Katharina ehrlich.
»Nun ja, das werden Sie ja alles erfahren, wenn Sie zu der Sippe von Amarantfressern weiterreisen. Aber das hat bis morgen Zeit, Princesa, oder nicht?«
Hastig nickte sie. »Sie bestrafen ihn nicht, wenn er morgen mit mir geht?«
Don Ferdinando lachte. »Wir dachten uns, das könnten Sie für uns übernehmen. Bei uns macht er ohnehin, was er will, und so ganz richtig hat er uns ja nie gehört.«
Sie hätte ihn umarmen wollen. »Er stirbt wirklich nicht?«, fragte sie noch einmal und sah die beiden Männer einen amüsierten Blick tauschen.
»Aus ärztlicher Sicht auf keinen Fall«, erwiderte Valverde. »Die Wunde ist sauber, das Fieber sinkt schon, und das Herz ist stark wie ein Vulkan.«
»Aus militärischer Sicht dürfte die Princesa das selbst wissen«, bemerkte Don Ferdinando und drückte ihr die Schulter. »Wie kann er denn sterben, mein Amarantfresser mit dem Vulkanherzen? Er hat ja jetzt seine Señorita Veracruz, für die er mindestens noch zwei Welten aus den Angeln heben will.«
Katharina lehnte das Gesicht an die Pritsche, begann wieder Benitos Nacken zu streicheln und fühlte nun selbst, wie die glühende Haut allmählich auskühlte. Im nächsten Augenblick erhielt sie einen kraftvollen Tritt aus ihrem Inneren gegen ihre Bauchdecke. Ganz so, als wollte ihr jemand zu verstehen geben: Vergiss mich nicht. Ich bin auch noch da.
Als sie in der Frühe des nächsten Tages aufbrachen, hatten die Männer des Regiments sich versammelt, um zu winken. Der kleine Guerrero vergoss ein paar Tränen. Die Ausgelassenheit unter ihnen verriet, dass für sie der Krieg schon gewonnen war. Hinter dem Kamm starb Valentins Kaiserreich. Vielleicht war die Idee, als sie hierherkam, schon zu alt für eine neue Welt, dachte Katharina, und eine Woge von Trauer fiel über sie her. Warum hatte sich Valentin mit all seinem Mut und seiner Leidenschaft für etwas opfern müssen, das zum Sterben verurteilt war?
Sie ritt auf Benitos Vollblut. Bergab führte er das Tier, und als sie das Tal erreichten, saß er hinter ihr auf. Der Tag war voll Zauber. In der Sonne leuchtete das überbordende Grün, und wo immer sie ein Stück Wald durchquerten, schrien Schwärme von Vögeln ihre Lebensfreude in den Morgen. Benito hielt den Arm um ihre Rippen, um sie auf dem Pferderücken zu stützen, bemühte sich aber, sie so wenig wie möglich zu berühren. Er sprach auch nicht. Was in der Erregung und Dunkelheit der Nacht leichtgefallen war, schien heute, im Tageslicht, unendlich schwer.
»Ist es noch weit?«, fragte sie irgendwann.
»Nein. Willst du eine Pause machen?«
Katharina schüttelte den Kopf. »Ich will dich etwas fragen, wenn ich darf und du nicht glaubst, ich wolle dir einen Vorwurf machen.«
»Du kannst mir auch einen Vorwurf machen«, erwiderte er in dem kalten Ton, den sie allzu gut kannte, und sprang geschmeidig vom Pferd, um es wieder am Kopfzeug zu führen. »Und die Antwort auf deine Frage muss ich dir ohnehin geben.«
Sie wartete eine Weile. Als er mit dem Pferd weiterging, ohne den Kopf nach ihr zu drehen, fragte sie: »Warum hast du mich nicht gesucht, Benito?« Sie atmete auf. Ihre Brust schien sich jäh zu weiten, sobald die Frage sie nicht mehr beengte.
Er hielt den Kopf gesenkt. »Weil mir jemand etwas über dich erzählt hat, das ich nicht aushalten konnte«, sagte er.
»Was hat dir jemand erzählt?«, schrie sie auf.
»Dass du meine Schwester bist«, sagte er, hielt den Kopf gesenkt und führte das Pferd weiter.
»Aber das ist doch Unsinn!«
»Ja, das ist Unsinn, und ich hätte es wissen müssen. Du kannst deine Wut an mir auslassen, aber viel wird es dir nicht nützen, denn du kannst mich nicht schwerer bestrafen, als das Leben es tut.«
»Benito«, schrie sie, »bleib endlich stehen!« Als er nicht gehorchte, beugte sie sich vor und packte sein Haar. Er machte noch einen Schritt, und sie rutschte vom Pferd, die Stute scheute, und Benito fing sie auf. Unverhofft stand sie in seinen Armen, sah die Qual in seinen Augen, und etwas in ihr schmolz. »Ich will dich nicht bestrafen«, erklärte sie. »Ich will nur, dass mir endlich jemand die Wahrheit sagt, damit ich zumindest einen Teil von meinem Leben wieder zusammensetzen kann. Verstehst du das?«
An ihrem Leib spürte sie seine wendigen, schlanken Hüften und dachte: Du Idiot. War dir nicht klar, dass du und ich alles sein könnten, aber nicht Bruder und Schwester?
»Ja, das verstehe ich«, antwortete er. »Deshalb sind wir hier.«
»Wer hat dir erzählt, dass ich deine Schwester bin? Bitte sag nicht, du müsstest auf irgendwen Rücksicht nehmen, steckt nicht alle unter einer Decke gegen mich. Ich habe doch ein Recht darauf zu wissen, wer ich bin!«
»Nicht meine Schwester«, sagte er mit schwerer Stimme. »Der, der es mir gesagt hat, hat es getan, weil er sich um dich Sorgen machte. Er hat es auch geglaubt.«
»Und wer war es?«
»Dein Vetter Stefan.«
»Und du hast ihm geglaubt?« Jetzt schrie sie ihn doch an und musste die Fäuste ballen, um ihn nicht zu schütteln. »Ich war eingesperrt und habe mich nach dir krankgesehnt, und du glaubst einfach irgendeinen Mist, den dir Stefan erzählt?«
Er ließ sie los und wandte sich dem Pferd zu. »Ich habe meine Schwester gefragt, und sie hat gesagt, sie glaubt, dass es so ist.«
»Ach, die Schwester deiner Schwester war ich dann also auch!«, höhnte Katharina, während ihr die verfluchten Tränen unaufhaltsam aus den Augen strömten.
»Nein. Wir dachten, du und ich hätten einen anderen Vater als Xochitl und Miguel.«
»Und warum zum Teufel hast du Alleswisser nicht deine Mutter gefragt?«
Er drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht war kalt. »Meine Mutter hat fünf Jahre lang nicht mit mir gesprochen, weil sie der Ansicht war, ich hätte meinen Bruder auf dem Gewissen.«
»Und dann?«
»Dann hat sie gesagt, sie habe von Miguel geträumt, der ihr befohlen habe, mir zu vergeben. Und dann habe ich sie gefragt.«
»Und sie?«
»Sie hat mir links und rechts ins Gesicht geschlagen und gebrüllt, wie ich dazu käme, dreckige Gerüchte über meine Mutter zu glauben und das Andenken meines Paten zu beschmutzen. Und dann hat sie mich hinauf zur Grauen am Berg geschickt.«
Wie schwer es ihm fiel, die Maske aufrechtzuerhalten, war ihm anzusehen. Seine Oberlippe zitterte, und die Ader an der Schläfe pochte. Sie fragte ihn nichts mehr, weil sie die Antwort kannte. Nach fünf Jahren ging man nicht los und suchte einen Menschen, den man inzwischen längst verloren glauben musste. Nach fünf Jahren waren Aufruhr und Bürgerkrieg gekommen, und die Welt hatte sich weitergedreht. Ihre Wut wich grenzenloser Trauer. Sie ging zu ihm, legte die Arme um seine Schultern und ihr Gesicht an seinen Hals. »Hör jetzt auf, dir weh zu tun, ja? Du bist genauso betrogen worden wie ich, wir haben teuer bezahlt und wissen nicht einmal, warum man uns das angetan hat.« Weinend küsste sie ihn. »Danke, dass du mich geliebt hast, Benito. Ich habe mich von keinem Menschen so geliebt gefühlt wie von dir, und es war das Schönste in meinem Leben.« Als sie ihn noch einmal küsste, schmeckte sie Salz. Sie drückte ihn an sich.
»Ichtaca«, sagte er rauh an ihrem Ohr. »Ich weiß, warum man uns das angetan hat. Es ist nicht mein Recht, es dir zu erzählen, ein anderer wird es tun, aber es ist wichtig, dass du erfährst, dass die, die es getan haben, dich schützen wollten, nicht dir schaden. Das zu wissen hilft beim Weiterleben.«
Sachte strich er ihr die Tränen vom Gesicht, hob sie aufs Pferd und wollte wieder an dessen Kopfzeug treten. Da sie nicht sprechen konnte, hielt sie ihn fest, und er stieg hinter ihr auf. Für das kurze Stück Weg, das noch vor ihnen lag, war ihr einerlei, dass sie die Zeit nicht zurückdrehen konnten, dass sie ihn nicht haben und auch keine Hoffnung in ihm wecken durfte, dass sie ihre Chance verpasst hatten. Sie lehnte sich an ihn, legte ihre Wange dorthin, wo sein Hemd am Hals offen stand, und weinte. Irgendwann begann seine Hand, die sie hielt, sie zu streicheln.
Das Tal, in dem unter einem Affenbrotbaum das Haus seiner Familie stand, war ein Idyll aus Maisfeldern, Viehweiden und Reihen rotgesprenkelter Kaffeepflanzen. Sie rannten alle herbei, um ihn zu begrüßen, ein Mann, zwei Frauen, ein halbwüchsiger Junge, der Handschuhe trug, und ein Haufen Kinder. Sie zogen ihn in die Arme und redeten sprudelnd aufeinander ein, ohne dass Katharina ein Wort verstand. Nahuatl, dachte sie traurig. Ich hätte es so gern gelernt. Es kommt mir vor, als würde ein Teil von mir fehlen.
Benito gab ihr die Hand, um ihr vom Pferd zu helfen. »Meine Familie will dich begrüßen, Ichtaca«, sagte er auf Deutsch. »Kann ich dich eine halbe Stunde mit ihnen allein lassen? Mein Freund Carlos ist gestorben. Ich möchte gern zu seinem Grab.«
Eine schöne Frau in einem grüngemusterten Rebozo trat vor sie. »Kommen Sie, Katharina«, sagte sie auf Spanisch. »Ich zeige Ihnen den Rancho, wenn Sie wollen.« Es war Carmen. Das Mädchen, das sie damals, am Dia de los Muertos, ins Haus geholt hatte. Sie nickte Benito zu und führte Katharina den Pfad zwischen den Maisfeldern entlang. »Seien Sie Benito nicht böse«, sagte sie. »Er und mein Mann haben einander wie Brüder geliebt.«
»Carlos war Ihr Mann?«
Sie nickte.
»Es tut mir leid«, sagte Katharina.
»Danke. Er war lange krank und ist in Frieden gestorben. Wir waren glücklich. Dafür bin ich dankbar.«
Kam es Katharina nur so vor, oder musterte Carmen sie von der Seite? »Wollen Sie ins Haus und sich ausruhen?«, fragte sie nach einer Weile. »Sie müssen ja hungrig sein.«
»Ich weiß nicht …«, begann Katharina.
Carmen lachte und winkte ab. »Nur keine Furcht vor der Mutter. Der ist einerlei, mit wem Benito gekommen ist, solange sie ihn nur heil und lebendig wiederhat. Alle anderen Männer in ihrem Leben hat ihr jemand getötet – ihren Vater, ihren Mann, den Paten ihrer Kinder und Miguel. Außerdem ist sie kurzsichtig, sie erkennt Sie gar nicht – und grantig ist sie zu uns allen, sie wirft mit rohen Bohnen nach uns, wenn wir nicht kuschen.«
Zusammen zu lachen war Balsam, und das Haus mit seinen niedrigen Decken und den Wänden aus geweißeltem Stein war womöglich das behaglichste Gebäude, das sie je betreten hatte. Ehe sie sich’s versah, saß sie in der riesigen windschiefen Küche, aß Carmens Tamales wie eine, die dem Hungertod entronnen war, und hatte beinahe die gesamte Geschichte dieser zusammengewürfelten Familie gehört. Diese Leute haben ihr Leben in die Hände genommen und sich ein Nest daraus gebaut, dachte sie. Ihre Kinder können von Glück sagen, weil sie hier aufwachsen dürfen, und ich wünschte, meines dürfte es auch.
»Werden Sie bleiben?«, fuhr Carmens Stimme in ihre Gedanken, als hätte sie diese gelesen.
»Nein«, stammelte Katharina. »Nein, nur bis ich weiß, wohin ich gehe – wenn es Ihnen recht ist, natürlich.«
»Uns ist alles recht«, erwiderte Carmen. »Benito hat dieses Haus mit Xavier gebaut, es ist seines so sehr wie unseres, und damit ist es Ihres auch. Wir hätten es gern, wenn Sie beide blieben. Mein Sohn Miguel ist in einem schwierigen Alter, und er betet Benito an.«
Sie konnte diese Frau, die ihr mit so viel Wärme begegnete, nicht länger betrügen. »Carmen«, sagte sie, »ich weiß nicht, was Ihnen Benito erzählt hat …«
»Nichts.« Carmen lachte. »Benito erzählt uns grundsätzlich nichts, was wir ihm nicht aus der Nase ziehen. Ihnen vielleicht?«
Katharina musste auch lachen. »Ich glaube, ich bin beim Ziehen nicht so sanft wie Sie. Carmen, ich muss Ihnen das jetzt sagen: Ich bin nicht Benitos Frau.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Das fällt hier draußen nicht sonderlich ins Gewicht. Entscheidend ist, ob Sie melken können.«
»Kann ich nicht. Ich fürchte, ich kann so gut wie nichts.«
»Sie tun Benito gut. Für uns ist das genug.«
Katharina schüttelte den Kopf, und dann platzte alles in einem Atemzug aus ihr heraus. »Das habe ich versucht, Ihnen zu sagen: Benito und ich sind kein Paar, und ich tue ihm nicht gut. Ich tue ihm weh, ich demütige ihn mit jedem Schritt, den ich gehe, und es bringt mich fast um. Ich habe einen anderen Mann geliebt, ich habe ihn verloren, und ich kann jetzt nicht Benito nehmen wie einen billigen Ersatz.«
»Können Sie wirklich nicht?«, fragte Carmen, die im Mörser Pfefferkörner zerstampfte, als sprächen sie über die Maisernte.
»Ich habe seinen Stolz schon genug verletzt. Er hat das nicht verdient.« Wieder kamen ihr Tränen und zwangen sie zu verstummen.
»Wissen Sie, was er einfach nicht verdient hat?«, sagte Carmen scharf. »Dass Sie ihn wegstoßen, ohne ihn zumindest zu fragen, ob ihm das alles, was Sie mir da erzählen, nicht egal ist. Benitos Stolz ist zäh. Der richtet sich, wenn man ihm eins verpasst, wieder auf.«
»Glauben Sie mir, es ist besser, wenn ich ihm seinen Frieden lasse.« Sie konnte kaum sprechen. »Benito braucht mich nicht …«
»Ach, und der andere hat Sie gebraucht?« Carmen fuhr herum und stieß den Mörser beiseite. »Ist es das? Und auf Benitos Spielchen fallen Sie herein? Merkwürdig, sooft ich ihn reden höre, denke ich, Sie müssten die klügste Frau Mexikos sein. Jetzt aber kommt es mir vor, als wären wir hier zwischen unserem Rindvieh klüger. Sehen Sie wirklich nicht, wie verzweifelt Benito Sie braucht? Er hat nur Angst davor, weil Menschen, die er braucht, aus seinem Leben grundsätzlich verschwinden: Sein Vater, den ein Beamter der Hafenwacht erschossen hat, als er einen Karren überfiel. Sein Pate Vicente, den er vergöttert hat, wie mein Sohn ihn vergöttert, und den er am Galgen sterben sehen musste. Seine Mutter, die ihn im Alter von sechs Jahren aus dem Haus schickte. Sein Bruder Miguel. Und Katharina Lutenburg.«
Es tat weh, als schnitte etwas ihr ins Herz. Sehnlichst wünschte sie, sie hätte Carmen auch den Rest sagen können, das eine, das sich nicht aus der Welt reden ließ. Sie fuhren zusammen, als die Vordertür klappte, und eilig legte Carmen den Finger auf die Lippen. »Kein Wort!«, murmelte sie verschwörerisch.
Im nächsten Augenblick stand Benito in der Tür. Er sah schön aus, fand Katharina. Das Haar vom Wind zerzaust, das Hemd achtlos in den Hosenbund gestopft und so wie ein Mann, der zu Hause war. Zu Carmen sagte er etwas auf Nahuatl, und sie gab ihm Antwort. »Können wir gehen?«, fragte er Katharina auf Deutsch.
»Und wohin?«
»Das sage ich dir unterwegs.«
Katharina stand auf. Flink trat Carmen zu ihr und zeichnete ihr ein Kreuz auf die Stirn. »Gott sei bei Ihnen. Und bei der Grauen.«
Kurz war Katharina versucht sie zu fragen, welchen Gott sie meinte, und dabei fiel ihr etwas ein, das der Kaiser gesagt hatte. Valentins Kaiser.
»Kann ich dich noch etwas fragen?«, sagte sie, als sie hinter Benito ins Freie trat und über dem Hang mit den Kaffeepflanzen die in rötlicher Sonne zerfließenden Wolken sah. Ein mächtiger Greifvogel, ein Kondor mit schwarzem Gefieder, zog, ohne die weit gespannten Flügel zu rühren, über die Höhen hinweg. Diese Vögel, die so einsam und gefährlich wirkten, paarten sich nur ein einziges Mal, und ihre Bindung hielt ein Leben lang.
Benito hatte angefangen den Hang zu erklimmen, blieb stehen und drehte sich nach ihr um. »Wolltest du mich nicht etwas fragen?«
»Ach, nur etwas, das der Kaiser, gesagt hat, ich meine, Maximilian von Habsburg …«
»Katharina«, sagte er, »mich stört es nicht, wenn du ihn Kaiser nennst. Und ich glaube auch nicht, dass alle, die für ihn gekämpft haben, böse Menschen sind, die guten Menschen ihr Land wegnehmen wollten, einverstanden?«
Jäh schossen ihr wieder Tränen in die Augen. »Valentin«, stieß sie aus. »Valentin ist kein böser Mensch. Er wollte niemandem sein Land wegnehmen, er hat geglaubt, er könne diesem Land etwas bringen. Und ich … ich habe es an manchen Tagen auch geglaubt.«
Ihr Schluchzen hallte so laut, dass sie erschrak. Wie lange würde das so weitergehen, dass sie keinen Gedanken aussprechen konnte, ohne zu weinen wie ein Kind? Benito nahm sie in die Arme, und sie schämte sich. »Nein«, presste sie zwischen Schluchzern hervor, »es ist nicht richtig, dass jetzt du mich auch noch über Valentin und den Kaiser trösten musst.«
»Lass mich doch tun, was ich will«, entgegnete er geradezu bockig. »Wieso hättest du das denn nicht glauben sollen? Es sah doch alles so hübsch aus, als sie mit ihren glänzenden Kutschen und Uniformen und ihrer Kaiserhymne hier hereinmarschiert sind. Und das was sie uns erzählt haben, klang noch hübscher – von den Straßen, die sie bauen, und den Schulen, die sie gründen wollten. Brauchen wir vielleicht keine Schulen? Ist dieses Land, was Straßen angeht, nicht ein einziger Missstand?«
»Genau das habe ich auch gedacht!«, rief sie erleichtert. »Es war doch gut, dass sie das für Mexiko wollten.«
»Ja, und vielleicht hätten sie es ja auch gut gemacht. Besser als wir, die noch immer nicht gelernt haben, wie man ordentlichen Wein keltert. Und unsere Vögel, die noch immer schreien, hätten sie das Singen lehren können. Ich fände das schön. Ich würde Europa mit dem edlen Wein und den singenden Vögeln gern sehen. Aber ich glaube, ich möchte das alles lieber in Europa sehen als bei uns, auch wenn die Straßen, die wir bauen, im Schlamm versinken und in unseren Schulen die Kinder klüger sind als die Lehrer. Und wenn ich nach Europa käme, würde ich nicht allzu gern Volksreden darüber halten, wie ich alles besser machen und Europa zum ewigen Heil verhelfen könnte. Ich hätte Angst, die Europäer steckten mich ins Narrenhaus.«
Katharina musste lachen. In stillem Einverständnis hatten sie sich am Hang in das duftende Gras gesetzt. Sie nahm sein Taschentuch und trocknete sich das Gesicht. »Ich hätte auch Angst, Benito. Fahr nicht nach Europa, lass niemanden dich ins Narrenhaus stecken.«
Er hatte beim Lächeln so viele Fältchen in den Augenwinkeln, dass man die Narbe nicht mehr sah. »Und was wolltest du mir jetzt erzählen, das der Kaiser gesagt hat?«
Sofort fiel es ihr wieder ein. »Benito, dein Schlangengott …«
Ihre Blicke trafen sich. »Quetzalcoatl«, sagte er und hob eine Braue. Im nächsten Augenblick prusteten sie beide los und lagen sich in den Armen. Es ist so gefährlich, dachte Katharina. Jedes kleine Wort ist gefährlich, weil uns alles verbindet. Ich wünschte, ich könnte hier mit ihm sitzen bleiben, ich müsste nicht dort nach oben, was immer dort wartet, und auch nirgendwo anders hin.
»Quetzalcoatl und die vielen Schlangen auf euren Bildern – der Kaiser hat gesagt, das sind Nabelschnüre, die uns ernähren, von denen wir uns aber eines Tages lösen müssen. Ist das richtig?«
»Falls ich je eine Schule baue, frage ich den Kaiser, ob er Mexica-Mythologie bei mir unterrichten möchte, ja?«
»Hör auf.« Weich, mit dem Handrücken, schlug sie ihm über den Mund. »Sag’s mir bitte. Ist es richtig?«
»Ich glaube, du müsstest meinen Gott wieder kleinlich finden, wenn für ihn nur eine einzige Deutung richtig wäre«, antwortete er. »Das ist bei europäischen Göttern nicht anders, oder? Aber ja, eine Gestalt von Quetzalcoatl ist die, die Felix gemalt hat. Der Gott, der sich von der Nabelschnur, die ihn im Alten festhält, losreißt, ehe er zum Morgenstern werden kann. Und der dabei Mexiko mitnimmt, wenn wir es ihm erlauben.« Er stand auf und hielt ihr die Hand hin. »Und da wir beim Thema sind, besuchen wir jetzt La Llorona, ja? Sie ist krank. Sie kann nicht länger warten.«
»Wer ist sie, Benito?«
»Die Leute im Dorf nennen sie die Graue am Berg. Aber so heißt sie nicht. Sie heißt Vera.«
Katharina wurde kalt. Sie war sicher, dass sie jemanden namens Vera kannte, dass sie von ihr hatte sprechen hören, aber niemand fiel ihr ein. An den Säumen des Pfades ragten wie schützende Mauern die Pflanzen des Bergkaffees auf, doch ihr Schutz würde enden – und was lag dahinter?
Sie musste sich zwingen, weiterzugehen. Ihre Beine, ihre Hände, alles schien vor Kälte erstarrt. Als sie die Kaffeefelder hinter sich hatten und eine Felsnase umrundeten, kam die Hütte in Sicht, halb verborgen unter einer gewaltigen Agave. »Wird sie mir sagen, wer ich bin?«, fragte sie mit so leiser Stimme, dass sie Benito, der das Haus fast erreicht hatte, unmöglich gehört haben konnte.
Abrupt blieb er stehen und schwang herum. »Nein«, antwortete er. »Wer du bist, sage ich dir.« Sie lief ihm entgegen, und er fing sie in den Armen, wirbelte sie ein Stück um sich selbst und setzte sie wieder auf den Boden. Sein funkelnder Blick hielt den ihren fest. »Du bist Katharina Lutenburg, die alles bekommt, was sie will, auch wenn es mehr ist, als sie schlucken kann. Du bist Ichtaca, mein Geheimnis, das schlecht träumt, weil jemand einen kleinen Dieb schlägt, und sich nicht merken kann, wie mein Schlangengott heißt. Du bist das wundervollste Geschöpf, das mir jemals begegnet ist, das verrückteste, mutigste, das lebendigste und das schönste. Das bleibt so, egal, wer deine Eltern sind. Du wirst morgen immer noch gern das komische Zeug essen, das sich im Mund bläht und ewig in den Zähnen klebt, du wirst dein Haar grässlich finden, beim Setzen vergessen, deinen Rock glatt zu ziehen, und du wirst dich fragen, ob wir dem Kaiser nicht eine Stelle als Straßenbauminister geben sollten.«
Sie reckte sich und küsste seine Augen. Wie kann ich dich denn gehen lassen? Wie soll ich denn dazu stark genug sein? Ich habe im Mund, wie Glück schmeckt, selbst jetzt, selbst nach allem – wie soll ich aushalten, dass ich es wieder nicht behalten darf? »Ist es wirklich so?«, fragte sie. »Bist du dir sicher?«
»Aber ja«, erwiderte er. »Man erschrickt sich. Aber als Nächstes hat man Hunger oder muss Wasser lassen, ob man mit Damen darüber spricht oder nicht.«
»Woher weißt du das?«
»Mein Vater war ein Bandito«, sagte er völlig gelassen. »Einer, der Leute überfiel und drohte, ihnen die Hälse durchzuschneiden, wenn nicht jemand Lösegeld für sie zahlte.«
Sie griff nach seiner Hand. »Das tut mir so leid«, murmelte sie.
»Muss es nicht. Ich schneide niemandem den Hals durch, ich lasse meine Familie nicht mittellos zurück, ich muss gar nichts tun, was mein Vater getan hat. Und du auch nicht. Jetzt komm. Im Übrigen war dein Vater kein Bandito. Er ist nur wie einer gestorben.«
Ehe sie ihn hindern konnte, war er weitergegangen. Ihr blieb nichts übrig, als ihm bis vor den Eingang der Hütte zu folgen. Er klopfte an die Tür und rief auf Deutsch: »Doña Vera? Hier ist Benito Alvarez. Ich bringe Ihnen Katharina.«
Drinnen ertönte ein Geräusch, und Katharina sah Benitos Hand, die sich auf die Klinke senkte. Sie packte seinen Arm, so fest, dass es ihm weh tun musste. »Benito«, flüsterte sie, »ich bin schwanger.«
»Aha«, sagte er und drückte die Klinke hinunter. »Und ich bin nicht blind.«