25

Pedro Maria Anaya, die Farce von einem Präsidenten, die Santa Anna ernannt hatte, appellierte an die patriotischen Herzen im Land, sich zum Kampf der Guerilla zu melden. Benito legte eine Hand auf sein Herz und stellte fest, dass es kräftig schlug, aber wie prüfte man, ob das Herz patriotisch war? Im Untergrund fungierte er weiter als Kurier, denn immerhin kam er auf diese Weise verlässlich an Nachrichten und konnte reinen Gewissens den Schimmel behalten. Er empfand für die zerschlagene Stadt vor seinem Fenster eine Liebe, die ihn verblüffte, und dass man sie geopfert hatte, erfüllte ihn mit blankem Zorn. Aber machte ihn das zum Patrioten? Er würde sich nicht zum Kampf der Guerilla melden. Stattdessen wünschte er sich, dass Mexikos Niederlage offiziell besiegelt wurde, dass der Krieg ein Ende nahm und die Menschen die Trümmer ihres Lebens auflesen konnten. Aller Vernunft nach durfte es bis dahin nicht mehr lange dauern.

Am 13. September hatten Scotts Truppen die Festung von Chapultepec angegriffen, und trotz des todesmutigen Widerstandes, den die blutjungen Kadetten der Militärschule ihnen entgegensetzten, war die Schlacht im Nu entschieden. Als Heldenkinder feierte man die Toten, die für Mexiko hätten leben sollen, statt für es zu sterben. Am nächsten Morgen zog das Heer der Vereinigten Staaten in Mexikos Hauptstadt ein.

Warum wurde weitergekämpft, warum nahm Santa Anna das Friedensangebot nicht endlich an? Dass Präsident Polk bald die Hälfte des mexikanischen Territoriums forderte, klang unannehmbar, aber in Wahrheit wusste jeder, der sich die Lage nicht schönschwatzte, dass es keine Wahl gab. Wann Polk die Gebiete in die Hände bekam, war nur eine Frage der Zeit, und Zeit konnte Leben retten.

Benito wollte an anderes denken als an Krieg und Tod. An Zukunft und Leben. Wenn er noch ein Jahr lang das üppige Gehalt der Temperleys bezog, wenn Miguel und Carlos wiederkamen und Arbeit fanden, hätte er zumindest für die erste Zeit des Studiums genug zusammen. »Wie soll ich das denn aushalten?«, hatte Katharina gefragt, und er fragte sich jetzt immer häufiger dasselbe, obwohl er es ihr tunlichst verschwieg. Wenn man in Worte fasste, was sie taten, klang es falsch und wie ein Verbrechen, aber es fühlte sich vollkommen richtig an. Sie waren gut füreinander, sie machten einander stark. Er konnte sich um seine vor Furcht kranke Mutter kümmern und Katharina sich um ihre arme Base. Bei Josephine gab sie sich stark und zuversichtlich, bei ihm ließ sie der Angst und der quälenden Reue freien Lauf.

»Manchmal denke ich, Jo wird nie wieder sprechen, Benito, geschweige denn wieder lachen. Es ist so ungerecht! Warum bin ich davongekommen und die arme Jo nicht?«

Weil ich jeden töten würde, der dir das antäte, dachte er, fand sich albern, zweifelte aber nicht am Wahrheitsgehalt des Gedankens. »Das Leben ist ungerecht, mein Herz. Josephine würde es nicht bessergehen, wenn dir dasselbe geschehen wäre.«

»Aber ich bin doch schuld! Du hast mir hundertmal eingeschärft, ich soll sie warnen, und ich habe es einfach vergessen!«

»Nein, Ichtaca«, sagte er und nahm ihr Gesicht in die Hände. »Schuld daran, dass Mädchen vergewaltigt werden, sind die Schweine, die es tun. Nicht andere Mädchen, die ihre Familie durch einen Krieg zu bringen haben und dabei ab und an Fehler begehen.«

Der Kuss, den sie ihm dafür gab, berauschte ihn. Das Gefühl, von Menschen gebraucht zu werden, kannte er sein ganzes Leben, aber das, was er bei ihr hatte, war neu. Sie brauchte ihn, und er enttäuschte sie nicht. »Ich habe dir versprochen, dich ziehen zu lassen«, sagte sie zwischen flaumweichen Küssen auf seine Wangen, »aber ich fürchte, ich habe dir zu viel versprochen. Ich halte es nicht aus, mein Liebling, ich halte es einfach nicht aus.«

Er musste lächeln, weil er alles, was in ihr steckte, so gern mochte, auch das trotzige, verwöhnte Kind, das am liebsten mit dem Fuß gestampft hätte. »Vorerst sind deine Freunde, die Amerikaner, ja noch da und lassen mich nicht raus.«

»Aber dann, Benito? Musst du dann wirklich gehen?«

»Nicht sofort. Aber bald. Wie soll ich sonst wiederkommen, ehe ein schöner nordischer Prinz mir dein Herz stiehlt?«

Sie schlug ihm auf den Mund, rührend darauf bedacht, ihm nicht weh zu tun. »So einen Unsinn will ich nicht hören. Du beleidigst mich damit, weißt du das?«

»Eigentlich nicht. Ich mache dir ein Kompliment. Auch wenn es dir verborgen sein sollte, mir ist bewusst, dass du unter allen erdenklichen Heiratskandidaten die Wahl hättest.«

»Ich habe aber meine Wahl schon getroffen, Señor. Glaubst du wirklich, ich könnte das, was ich mit dir habe, von irgendeinem anderen bekommen?«

»Ja«, erwiderte er ehrlich und begrub den Schmerz, den das Wort auslöste, tief in seinem Herzen.

Sie gab ihm noch einen Klaps. »Dann bist du dümmer, als ich gedacht habe, und bestimmt nicht klug genug, um ohne deine Liebste auf die Universität zu gehen.«

»Wer ist dazu schon klug genug?«

»Verdammt, nimm mich ernst. Im Frühjahr bin ich sechzehn, und heiraten hätte ich schon mit zwölf gedurft, solange mein Vater die Erlaubnis erteilt.«

»Soll das ein Witz sein? Eher erteilt er dem Papst die Erlaubnis, seine Großmutter seligzusprechen.«

»Ich könnte meinen Onkel fragen. Er hat mich nicht zur Rede gestellt, Benito, bis heute nicht.«

»Und du meinst, wenn wir erst verheiratet sind, wird dein Vater die Giftkröte schlucken? Er würde deinen Onkel dafür hassen, Ichtaca. Außerdem gäbe dein Onkel uns die Erlaubnis auch nicht, und dich stellt er nur deshalb nicht zur Rede, weil seine Tochter vergewaltigt worden ist und er an nichts anderes denken kann.«

Wie so oft warf sie die Arme um ihn und presste ihn an sich. »Ich sollte ihnen allen erzählen, wovor du mich gerettet hast und dass du verdammt noch mal ihre Achtung verdienst.«

Er küsste ihr Ohr. »Für sie ist das nicht retten, meine Liebste, sondern den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Vermutlich sehen sie zwischen dem, was der Soldat deiner Base angetan hat, und dem, was ich mit dir tue, keinen Unterschied. Na komm, lass den Kopf nicht hängen. Wollen wir essen gehen? Am Malecon, wo es die kleinen Tintenfische in der schwarzen Tinte gibt?«

»Du musst dein Geld sparen.«

»Den Teufel muss ich. Lass mich dein Haar in Ordnung bringen und komm.«

Sie gingen die Treppe hinunter. Katharina wirkte nicht mehr so niedergeschlagen, und das war die Ausgabe wert. Auf den letzten Stufen wären sie beinahe mit Doña Esmé zusammengeprallt. Sie warf Katharina einen ihrer giftigen Blicke zu, dann wandte sie sich an Benito. »Gerade wollte ich zu Ihnen. Sie haben einen Gast. Ich habe ihn gebeten, ein andermal wiederzukommen, aber er sagte, es könne nicht warten.«

Katharina schob ihre Hand in seine und drückte sie, doch es kam ihm vor, als würde er den Druck nicht mehr spüren. Etwas in ihm wurde kalt. »Warum haben Sie ihn nicht hochgeschickt?«, fragte er.

Doña Esme schüttelte den Kopf. »Der Ärmste kann doch keine Treppen mehr steigen. Ein Wunder, dass der sich überhaupt bis hierher geschleppt hat.« Sie drehte sich um und ging ihnen voran die Stufen hinunter. Unten im kühlen Dunkel des Hausflurs stand ein Skelett, an die Wand der Loge gelehnt. Ein mit Haut und einem durchlöcherten Mantel bespanntes Skelett, das Benito aus hohlen Augen anstarrte und den Mund zu etwas verzog, das einmal ein Lächeln gewesen sein mochte. Um den Bauch trug es eine breite, ehemals weiße Binde, die ein schwärzlicher Blutfleck verunzierte. Das Skelett stützte sich auf ein Bein und zwei Krücken, das zweite Hosenbein hing leer herunter. Warum haben sie den armen Kerl nicht sterben lassen?, durchfuhr es Benito. Dann erkannte er ihn. Das Skelett war Carlos.

»Hola«, sagte er aufgesetzt, »hat man Sie nach Hause geschickt?« Für die Albernheit der Frage hätte er sich ohrfeigen können.

Auf Carlos’ Skelettgesicht stand unbeirrt das fratzenhafte Grinsen. Ist Miguel auch hier?, wollte Benito fragen, doch die Frage blieb ihm im Hals stecken. Ich will es nicht wissen. Was immer es ist, geh und sag es mir nicht.

»Señor Alvarez«, begann Carlos mit krächzender Stimme, »hätten Sie vielleicht einen Schemel? Nur ein paar Augenblicke? Und ein wenig Wasser?«

Katharina wollte gehen, aber Benito, der froh war, etwas zu tun zu haben, drängte sich an ihr vorbei in den Hof. Aus dem Verschlag sah ihm das Pferd entgegen, der blutjunge Schimmel, den er Cuatl rief. Übermächtig war der Wunsch, sich wie als Junge hinter dem Pferd zu verbergen und das Gesicht an den dampfenden Leib zu pressen. Nur nicht ins Haus zurückmüssen, nur mich nicht stellen. Als er die Augen schloss, tanzte durchs Schwarz ein Strick, an dem der Leib eines Menschen baumelte. Er nahm den Melkschemel, füllte am Fass einen Becher Wasser und ging zurück.

Carlos brauchte Hilfe, um sich auf dem Schemel niederzulassen. Als er bemerkte, dass Benito auf die Binde um seine Mitte starrte, zuckte er mit den Schultern. »Ein Bauchschuss. Schon im März. Sie haben mich ganz ordentlich geflickt, nur die Wunde will einfach nicht heilen.«

Dann brach er ab. Benito beugte sich nieder, um ihm das Wasser zu reichen, und sah, dass ihm Tränen übers Gesicht liefen. Er brauchte lange, um den Becher zu leeren. »Wir haben gedacht, sie lassen uns hier«, sagte er dann. »So ramponiert, wie wir waren, ohne Munition, ohne Proviant und mit all den Verwundeten. Aber gleich nach der Kapitulation hat man uns wieder in Marsch gesetzt. In die Berge über der Straße. General Scotts Versorgungszügen den Weg abschneiden.« Er nippte noch einmal an dem Becher, aber es war kein Wasser mehr darin. Benitos Herz war eine Silberhacke, die wie auf Gestein gegen seine Rippen drosch. »Es war schlimm«, flüsterte Carlos. »Das mit dem Wasser war das Schlimmste.«

»Was war mit dem Wasser, Carlos?«

»Wir hatten keines. Wir waren viel länger unterwegs, als wir dachten. Immer weiter. Immer höher. Die, die nicht weiterkonnten, sollten wir liegen lassen. Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe, erst mit dem Bauchschuss und dann mit dem Bein. Miguel war nicht verwundet. Toll gekämpft hat er, hatte sich nur irgendwo dieses Fieber geholt und hatte solchen Durst.« Carlos schob eine Hand in den Tornister und zog ein in Öltuch gewickeltes Päckchen heraus. Er schlug das Tuch zurück, nahm Benito beim Gelenk und schob ihm das Päckchen in die Hand. Seine Lippen formten Silben, aber Benito hörte nichts. Vielleicht hatte Carlos keine Stimme mehr, oder das Rauschen in seinen Ohren übertönte sie.

Benito warf das Öltuch weg, um das Leder auf der Haut zu spüren. Ehe seine Beine ihm den Dienst versagten, fiel er auf die Knie. Heftig wünschte er zu weinen, nicht wie Carlos, dem die Tränen stumm über die Wangen liefen, sondern so wie als Kind, laut und trotzig die Verlassenheit aus sich herausweinen, bis ihm einer die Hand entgegenstreckte und ihm mit einem Lächeln zurief: Hola, kleiner Bruder, nicht weinen. Ich warte doch auf dich.

Aber er konnte ja nicht weinen, weil feststand, dass niemand kommen und diese Worte zu ihm sagen würde. Er erhob sich. Er musste sich um Carlos kümmern, nicht nur jetzt, sondern für alle Zukunft. Die ledernen Handschuhe presste er in seinen Fingern zusammen, bis der Schmerz ihn begreifen ließ: Die Hände, die in den Handschuhen gesteckt hatten, waren nicht mehr da.