30

Eines Tages hatte die Frau vor der Tür gestanden.

Sie brauche Geld, hatte sie gesagt, genug, um mit ihrem Kind übers Land zu reisen, zu ihrer Familie in irgendwelchen Bergen. Nur flüchtig hatte Marthe zu hoffen gewagt, sie sei eine gewöhnliche Bettlerin, der sie die Tür weisen könne. Dann hatte die Frau ihr auf der schmutzigen Hand etwas entgegengehalten, und sie hatte gewusst, dass ihr Alptraum wahr geworden war.

Sie hatte einen Mitwisser.

Sie hatte der Frau gegeben, was sie verlangte. Es war schließlich nur Geld, von dem Peter nicht einmal bemerkte, dass es fehlte. Er war noch immer ein Arbeitstier und schuftete von früh bis spät, aber Erfolge kümmerten ihn nicht mehr, und Marthe kümmerte nur eines: Katharina und die Hoffnung, sie werde eines Tages doch noch heiraten und ihr ein Enkelkind schenken.

Einmal, an einem Abend im Bürgerkrieg, hatte Fiete sich an einer Scheußlichkeit namens Aguardiente betrunken und durch die Nacht geheult, er habe nicht nur seine Kinder, sondern auch seine Enkel verloren, die Zukunft seines Stammes – mit seinem Tod sei alles zu Ende. Für Fietes Schwäche hatte Marthe nur Verachtung übrig, aber sein Schmerz war ihr nahe. Für sie beide gab es keine neue Generation. Felix war mit gerade sechzehn von zu Hause fortgelaufen, und Hermann hatte zwar kurz nach ihrer Ankunft ein Brauereipferd namens Juliane geheiratet, doch zu beider Kummer blieb die Ehe kinderlos. Katharina ihrerseits war die beste Tochter, die Eltern sich wünschen konnten, aber sobald ihre Mutter das Thema Heirat nur streifte, schnappte sie wie eine Muschel zu.

»Ich bin mit meinem Beruf verheiratet«, erklärte sie schroff. »Die Schule ist mein Leben.«

Und mein Leben bist du, dachte ihre Mutter, nach dreiundfünfzig Jahren auf diesem Planeten habe ich nur noch dich. Als die Frau noch einmal auftauchte, gab sie ihr wieder Geld. Von da an lebte sie zwei Jahre lang in Angst und der Gewissheit, sie würde wiederkommen.

Sie kam am Morgen nach Palmsonntag. Wie jedes Jahr waren abscheuliche Riesenfiguren und Palmwedel durch die Straßen geschleppt worden, und Marthe saß der dunkle Singsang noch in den Ohren und das Grauen in den Knochen. Zu einem falscheren Zeitpunkt hätte die Frau nicht kommen können. Aus dem Geschäft floss im Moment kein Geld, da es hieß, es ziehe wieder einmal eine Armee der Stadt entgegen, und für den Notfall müssten in der Kasse Rücklagen bleiben. Marthe hatte kaum einen Peso im Haus. »Kommen Sie heute Abend wieder«, beschwor sie die Frau, die diesmal zumindest sauber war und das Kind nicht bei sich hatte. »Nein, hören Sie, ich komme zu Ihnen. Wo wohnen Sie?«

Die Frau lachte hässlich auf. »Was denken Sie denn? In einer Lehmhütte bei den Léperos? Da haben Sie falsch gedacht. Sie finden mich in einem hübschen Hotel in Tacubaya.«

Das du mit meinem Geld bezahlen willst. Zorn schnürte Marthe die Kehle zu. Tacubaya war der Vorort, in dem die Reichen der Stadt ihre Landhäuser hatten. Auch der Erzbischof Mexikos besaß dort eine prunkvolle Villa und einen nach Eukalyptus duftenden Garten. Was gab einer Diebin und Erpresserin das Recht, dort ein Hotel zu betreten und sich wie eine Fürstin bedienen zu lassen? Marthe würde einen Wagen nehmen müssen und stundenlang unterwegs sein. Vor allem aber musste sie das Geld auftreiben.

Es gab nur eine Möglichkeit, nur einen Menschen, der die Bürde mit ihr teilen konnte, auch wenn sie ihn bald dreißig Jahre lang geschont hatte, weil er nicht den Mumm dazu besaß. Um zum Geschäftshaus zu gelangen, musste sie von dem weiß verputzten Monstrum, das die anderen die Hartmann-Burg nannten, die breite Calle de San Jorge hinuntergehen, auf der sorgloses Volk flanierte und im Schatten der Palmen die laue Frühlingsluft genoss. Welch ein Segen, hatte Marthe gedacht, als sie hier angekommen war und die Luft gekostet hatte, die nicht schwer und schwül, sondern federleicht gewesen war. Und wenn wir kein Geld mehr haben und wenn alles zwischen Peter und mir gestorben ist, vielleicht werde ich hier zu Atem kommen. Den Druck auf der Brust loswerden, das Geheul der Llorona in der Nacht, die Erinnerung. Jahrelang hatte sie daran geglaubt. Hatte auf die Zukunft gehofft, trotz Katharinas Weigerung, ans Heiraten zu denken. Heute wünschte sie die klare Luft zum Teufel und den Spaziergängern die Schwarze Kotzerei.

Vor dem Pförtnerhaus lief sie ausgerechnet Claudius von Schweinitz in die Arme, von dem sie nie wusste, wie sie ihm begegnen sollte. Sie hatten dem Mann ihre Existenz zu verdanken, und außerdem war er einer der angenehmsten Menschen, die sie kannte. Andererseits hatte er in seinem Leben einen unverzeihlichen Fehltritt begangen, für den man ihn hätte ächten müssen. »Hola«, rief er und wich geschickt aus, ehe sie gegen ihn prallte. »Wie üblich legen Sie ein bemerkenswertes Tempo vor, liebe Frau Marthe.«

»Ich muss meinen Bruder sprechen«, stieß sie aus und wollte an ihm vorbeieilen.

Zu ihrem Schrecken ergriff er ihren Arm und hielt sie fest. »Das ist gut«, sagte er und zwang sie, ihn anzuschauen.

»Was ist gut?«

»Dass Sie unterwegs zu Ihrem Bruder sind. Ausgesehen haben Sie nämlich, als wäre der Teufel hinter Ihnen her.«

»Ich bin nur …«

»Außer Atem?« Galant lächelte er. »Es steht Ihnen. Als Sie eben durchs Tor stürmten, haben Sie mich an Ihre Tochter erinnert.«

Marthe wollte patzig fragen, was er mit Katharina zu schaffen habe, da fiel ihr ein, was sie am liebsten verdrängte – dass Katharina mit der verfluchten Mestizin, seiner Tochter, befreundet war und dass sie ihr nicht länger Menschen verbieten konnte, weder die Mestizin noch Schlimmeres. Umso mehr musste sie verhindern, dass das Schlimmere je wieder in ihre Nähe kam. »Ich bin wirklich in Eile«, stammelte sie.

Claudius von Schweinitz hatte ihren Arm bereits losgelassen. »Wenn wir uns allzu gehetzt fühlen, lohnt es, sich umzudrehen und nachzusehen, ob hinter uns überhaupt jemand ist«, bemerkte er. »Frohe Feiertage. Grüßen Sie Katharina.«

Im Weiterlaufen spürte Marthe seinen Blick im Nacken.

Sie stürzte in Christophs Büro und atmete erleichtert auf, weil er allein am Schreibtisch saß. »Was hat der Baron hier gewollt?«, platzte sie ohne Begrüßung heraus.

»Baron von Schweinitz?«

»Zur Hölle, Christoph, wie viele Barone kennst du?«

Endlich stand ihr Bruder hinter dem Schreibtisch auf. »Wie siehst du denn aus, Marthe? Ist etwas passiert?«

»Das denken wir beide immer, nicht wahr? Kaum taucht einer von uns beim anderen auf, erwarten wir das Schlimmste. Und diesmal zu Recht. Ich brauche Geld.«

»Geld …«, wiederholte er, starrte auf den Schreibtisch, als läge dort welches herum. Unwillkürlich folgte Marthe seinem Blick, und vor Verblüffung entfuhr ihr ein Laut. In Christophs Durcheinander von Papieren lag tatsächlich Geld, ein kleiner Stapel grünlicher Banknoten. »Setz dich doch hin«, murmelte ihr Bruder. »Soll ich dir ein Glas Wasser holen?«

»Bist du taub? Ich habe gesagt, ich brauche Geld.«

»Hermann hat angeordnet, dass keiner von uns Geld entnimmt, bis die Lage geklärt ist«, erwiderte Christoph lahm. »Bei persönlichem Bedarf sollen wir mit ihm sprechen.«

»Macht ihr jetzt alle, was Hermann sagt?«, entfuhr es Marthe verächtlich. »Braucht ihr den Hermann zum Denken, ein Jungchen, dessen Verstand noch kurze Hosen trägt?«

»Du bist ungerecht«, sagte Christoph. »Hermann hat …«

»Hermann ist mir egal«, fuhr sie ihm ins Wort. »Ich weiß, dass wir alle wie Hille waren, als wir herkamen, wie lebende Puppen, die man auf Sockel setzen konnte, und dass die Jungen den Karren aus dem Dreck ziehen mussten. Aber seitdem sind doch mehr als zehn Jahre vergangen. Wie auch immer, ich jedenfalls brauche zweihundert Pesos, und du kannst Gift darauf nehmen, dass ich nicht Hermann danach frage.«

»Zweihundert Pesos?« Er fragte nicht, wofür sie eine solche Summe brauchte, er wusste es, wie sie es im umgekehrten Fall gewusst hätte. »Aber woher soll ich die denn nehmen?«

Ungerührt wies Marthe auf den Stapel. »Ich brauch’s in Münzen. Aber auf der Bank werden sie es mir wohl einlösen.«

»Das ist Claudius von Schweinitz’ Geld.« Christophs Stimme krächzte. »Er hat es mir zu treuen Händen übergeben. Wir lassen für ihn eine Kollektion in Seide fertigen und müssen das Rohmaterial vorab bezahlen …«

»Hörst du dir eigentlich selbst zu?«, fragte Marthe. »Du schwatzt mir die Ohren voll mit Kollektionen und Seide – meinst du nicht, das solltest du Leuten erzählen, die in ihrem Leben Platz dafür haben? Gib mir das Geld, Christoph. Oder willst du, dass ich der Frau, die mich erpresst, stattdessen unser kleines Mädchen gebe?«

Christoph machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Auf seine Oberlippe trat Schweiß, als wäre er noch ein Kind, das sich vor seinem Hauslehrer fürchtete. Marthe öffnete ihren Beutel und tat das Geld hinein. Sie hatte Schwierigkeiten, es zu zählen, sie kannte sich mit Banknoten nicht aus. Was Claudius von Schweinitz sagen würde, wenn er bemerkte, dass seine alberne Seide nicht bezahlt worden war, beschäftigte sie nicht. »Das mit dem Baron wird sich schon regeln«, warf sie Christoph hin.

»Das … mit Katharina auch?«, fragte er in den Raum.

»Ich regle es. Das habe ich schließlich immer getan.«

Es dunkelte schon, als Marthe am Ende ihrer Kräfte das Hotel in Tacubaya fand. Der Vorort war nicht mehr, was er gewesen war, irgendeine Schlacht des Bürgerkriegs hatte die blühenden Gärten niedergewalzt, aber noch immer schien unvorstellbar, dass eine Indio-Frau hier logierte. In der angenehm kühlen, in Weiß und Gold gehaltenen Halle saß sie an einem der runden Tische und ließ zwei Kinder von einem Mädchen des Hotels abfüttern. Der Junge sprang auf, als Marthe vor den Tisch trat, verbeugte sich höflich wie ein Kind aus guter Familie und wünschte ihr »guten Abend«.

Marthe wollte nicht hinsehen. Sie wollte sich auch nicht wie so häufig fragen, warum solche Menschen ihre Söhne behalten durften, während ihrer gestorben war. Der kleine Junge lächelte. Marthes Magen krampfte sich zusammen.

Die Frau gab ihm einen Wangenstreich. »Setz dich hin, Miguel, und pass auf Angela auf. Ich bin gleich zurück.« Hinter dem Gebäude ließ sie sich das Geld von Marthe in die Hand zählen. »Ich wünsche gesegnete Ostern.«

»Bitte kommen Sie nicht wieder«, sagte Marthe und hasste sich, weil sie bei solcher Kreatur noch bettelte.

»Aber nicht doch.« Die Frau zog ihre Geldbörse zu, wobei sie dafür sorgte, dass Marthe ihren breiten, glitzernden Ring sah. »Wir wollten nur den Kindern die Prozessionen in der Stadt zeigen. Zur Auferstehung des Herrn reisen wir nach Hause.«

Aber da bleibst du nicht, dachte Marthe und ging zurück an die Straße, wo sie den Wagen hatte warten lassen.

Das Lachen der Frau hallte durch die Nacht, als hätte sie ihre Gedanken gehört.

 

Präsident Juárez hatte die Entmachtung der katholischen Kirche entschlossen vorangetrieben. Längst herrschte Religionsfreiheit, und wer eine Geburt, eine Hochzeit oder einen Sterbefall meldete, hatte sich an weltliche Behörden zu wenden. So vieles änderte sich in einem Land, in dem neuerdings Schienen verlegt wurden, um die unfassbare Weite zu zähmen, und in dem ein Mann von reinem Indio-Blut Präsident werden durfte. An der tiefen Religiosität der Menschen, einem bildgewaltigen Katholizismus, in den sich die Farbenpracht uralter Glaubenswurzeln mischte, hatte sich jedoch nichts geändert. Die Regierung hatte zwar versucht religiöse Straßenumzüge zu verbieten, hatte für die Karwoche jedoch dem Druck des Volkes nachgeben müssen. Fremd und schön und ehrfurchtgebietend zog die Karfreitagsprozession durch die mit Girlanden und Blumen geschmückten Straßen.

Männer in Uniformen römischer Soldaten ritten die breite Allee hinunter auf den Zócalo zu, zwischen sich an Stricken einen Mann, der den gefangenen Jesus darstellte. Die Reihen der kirchlichen Würdenträger, die in schwarzen Gewändern folgten, die Ministranten, die mit ihren schwingenden Fässern den Zug in Wolken von Weihrauch hüllten, und die Inbrunst ihres Gesangs beeindruckten Josephine womöglich mehr als die Reiter. Noch atemberaubender aber war der riesige freie Platz, der sich hinter den Häuserreihen auftat. Der Zócalo von Mexiko-Stadt.

Links erhob sich die mächtige, in bald drei Jahrhunderten erbaute Kathedrale und rechts der Palacio Nacional, gemauert aus den zertrümmerten Palästen und heiligen Stätten der Aztekenstadt Tenochtitlán. Der Legende nach war dem Volk geweissagt worden, es solle seine Stadt begründen, wo ein Adler auf einem Kaktus sitzt und eine Schlange verschlingt. Als sie das Geweissagte auf einer Insel im Texcoco-See entdeckten, zögerten sie nicht, sondern bauten ihre Stadt ins Wasser hinein. Dass die Stadt auf Inseln eines Sees errichtet worden war, merkte man ihr noch immer an. Während der Regenzeit entstanden tiefe Furchen neben den Straßen, und überall standen Indios bereit, die sich für ein Almosen Weiße auf die Schultern luden und mit ihnen durch die Gräben wateten. Josephine kam nicht oft hierher, und jedes Mal fühlte sie sich wie ein Eindringling, der einen fremden Zauber belauschte.

Heute kam sie um Felices willen, die um jeden Preis die Prozession sehen wollte. Kathi hatte es ihr versprochen und Josephine beschworen, sich ihnen anzuschließen. »Nun komm schon, Torben fährt uns, du bist so sicher wie in Abrahams Schoß. Felice würde sich freuen, wenn du mitkommst, Jo.«

Josephine wusste, Kathi missfiel, dass sie so wenig mit Felice unternahm. Und recht hatte sie. Sosehr sie ihre Tochter liebte, die scheue Fremdheit, die sie seit der Geburt in ihrer Nähe empfand, hatte sie nie überwunden. Zuweilen schien es, als wäre nicht sie, sondern Kathi Felices Mutter, die sie unter ihre Fittiche nahm und ihr die Welt erklärte. Kathi hätte Kinder haben sollen, dachte sie mit einem Anflug von Wehmut nicht zum ersten Mal. Hätte sie sich damals in den ersten Jahren nicht so viel um Felice kümmern müssen, vielleicht hätte sie noch einmal einen Mann geliebt.

Sie hätte noch immer heiraten können. Auch wenn sie im üblichen Sinne nie schön gewesen war, besaß sie etwas, nach dem Männer die Köpfe drehten. Und das, obwohl sie nicht im mindesten auf ihr Äußeres achtete, in ihrer Lehrerinnentracht ohne Schnürleib herumlief und ihre Haarmassen bis in die Taille offen trug. Es war ihr Wesen, das Verehrer verschreckte, ihre Art, wie ein Mann um Dinge zu streiten, die Frauen nichts angingen. Auch jetzt schlug sie die Zeitung, in der sie gelesen hatte, undamenhaft auf ein Knie und schimpfte über den Bürgerkrieg in Nordamerika.

»Wenn ich in der Burg das Sagen hätte, würde ich dir verbieten, dieses Schundblatt zu lesen«, schimpfte Torben, der den Wagen fuhr, zurück und riss das Pferd hart am Zügel, um einer Gruppe tanzender, flötender, trommelnder Männer auszuweichen. »El Siglo XIX – Dreck, den anarchistische Wilde zusammenschmieren. Die Konföderierten haben doch recht, wenn sie ihre Sklaven behalten wollen. Hätten wir welche haben dürfen, hätten wir jetzt keinen Affen zum Präsidenten und keine französischen Truppen im Land.«

»Herrgott, Torben, plapperst du immer noch den Unsinn nach, den Hermann schwatzt? Nur, damit du es weißt, den Schuldenberg bei den Franzosen haben Konservative angehäuft, nicht Juárez’ Liberale, die jetzt dafür geradestehen müssen.«

»Mich würde nicht wundern, wenn du irgendwann selbst behaupten würdest, eine Liberale zu sein, Kathi.«

»Nein, ich bin keine«, widersprach sie. »Mir ist gleichgültig, wer regiert, solange er dem ewigen Kämpfen ein Ende macht und diesem armen Land Frieden bringt. Und jetzt habe ich genug von dem Gezänk, wir verderben Felice ja den ganzen Spaß. Was ist, wollen wir aussteigen und uns ins Vergnügen stürzen?«

»Ich habe Arbeit zu erledigen«, nörgelte Torben. »Wenn ihr den Wagen hier stehenlassen wollt, mache ich euch nicht den Sklaven, der ihn bewacht.«

»Ich kann hierbleiben«, versuchte Josephine zu schlichten. Vor dem Gedränge graute ihr ohnehin, aber Kathi schüttelte den Kopf.

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Felice hat sich auf den Tag mit dir gefreut. Wenn eine von uns bleibt, dann ich.«

»Das wirst du dann tun müssen«, sagte Torben, lenkte den Wagen an den Rand und zügelte das Pferd. Felice, die vor Aufregung zappelnd auf dem Trittbrett stand, schien es nicht zu kümmern, ob ihre Mutter mitkam oder nicht.

»Also ins Getümmel mit euch!« Josephine schnappte nach Luft. Meinte Kathi das ernst, wollte sie sie wirklich in diesen brodelnden Hexenkessel schicken? Zweifellos war der Anblick großartig – die leuchtenden Farben, das wimmelnde Leben, die Fetzen von Musik und der Duft des Weihrauchs überwältigten Jo, aber sie hätte das alles aus sicherer Entfernung betrachten wollen, statt sich todesmutig hineinzustürzen. Felice sprang vom Trittbrett und tauchte in der Menge, die dem Zug folgte, unter. Torben stieg hinterher und ging seines Weges, ohne sich um das Mädchen zu kümmern. Kathi versetzte Jo einen Stoß. »Na los, amüsiert euch. Ich warte und lese in Ruhe meinen Siglo.«

Die liberale Zeitung, auf die Torben geschimpft hatte, lag bereits aufgeschlagen auf ihren Knien, und Josephine blieb keine Wahl, als ihrer Tochter hinterherzueilen. Augenblicklich schluckte die Menge sie auf. Sie konnte nicht entscheiden, wohin sie ging, sondern wurde geschoben und gedrängt. Krampfhaft umklammerte sie die Hand der voranstürmenden Felice, um nicht von ihr getrennt zu werden. Immer wieder verblüffte es Josephine, mit welchem Mut ihre Tochter gesegnet war, obwohl sie blass und schmächtig wirkte wie sie selbst. Möge der Mut dir erhalten bleiben – möge nichts geschehen, das dein Vertrauen ins Leben zerstört. Einmal mehr war Josephine dankbar, dass Felice behütet im Schoß der Familie aufwuchs und das Geheimnis ihrer Herkunft bewahrt blieb.

Sobald sie den Platz erreichten, löste sich der Druck der Leiber, und die Menge verteilte sich. Ins Aroma des Weihrauchs mischten sich die würzigen Düfte der auf Ständen und Bauchläden verkauften Speisen. Vielleicht hätte dieses lärmende Volksfest am Kreuzigungstag des Herrn sie empören sollen, aber das tat es nicht. Es war gut, wenn Menschen einen Grund hatten, miteinander zu feiern, wenn sie aßen und tanzten, nicht kämpften.

Sie reckte sich auf Zehenspitzen und blickte sich um. Kinder drängten sich vor einer Frau, die Papayas in Scheiben schnitt und in Vanille, Chili und Honig kandierte. Zur Linken bauten Männer aus Kübelpflanzen und in Lumpen gehüllte Figuren einen Ostergarten auf. Tiefverschleierte Frauen knieten auf dem Pflaster und beteten, dazwischen hüpften die Trommler und Flötisten und forderten Zögernde zum Tanz auf. Erst am Nachmittag würde ein in Schwarz gehaltener Zug die Fröhlichkeit beenden, um sie am Ostermorgen neu zu erwecken. Josephine hatte ihre Freude an dem Bild. Besonders gefielen ihr zwei Reiter auf Schimmeln, ein Vater, der das Pony seines Sohnes an der Führleine hielt. Mehrmals beugte sich der Vater aus dem Sattel, um zu lauschen, während das Kind begeistert auf ihn einplapperte.

Und dann bemerkte sie, dass ihr die Hand ihrer Tochter entglitten war und dass sie ihr durch die Menge enteilte. »Felice!«, rief sie, so laut sie konnte, aber das Mädchen reagierte nicht. Wie blind rannte Felice auf ein Podium hinter dem Ostergarten zu. Josephine lief hinterher, musste aber mehrmals ausweichen und blieb weiter zurück. Sie sah die hellen Zöpfe der Tochter fliegen, sah, wie sie die Arme in die Luft warf, und hörte sie auf Deutsch schreien: »Hört auf! Nicht doch, hört auf!«

Jetzt entdeckte auch Josephine, worauf Felice zustrebte. Auf dem Podium, an einen Pfahl gefesselt, stand ein dunkelhäutiger Indio, der eine zerfetzte Tunika und um den Hals ein Schild mit der Aufschrift »Judas« trug. Geschützt von Uniformierten standen Leute Schlange und begannen, sobald sie an der Reihe waren, den Gefesselten zu bespucken oder mit fauligem Obst zu bewerfen. »Hört auf!«, schrie Felice. Ohne anzuhalten wollte sie sich zwischen den Uniformierten hindurchdrängen. Mit einem Sprung schlossen die Männer ihre Reihe und packten das Mädchen bei den Armen. »Komm zurück!«, brüllte Josephine aus Leibeskräften, doch die Tochter hörte sie nicht. Sie zappelte mit Armen und Beinen und schrie weiter die Leute an, sie sollten aufhören, derweil die Soldaten sie zu Boden warfen.

Aber jemand hatte sie gehört. Der Reiter mit dem kleinen Jungen. Als Josephine ihn sah, war er bereits vom Pferd gesprungen und warf dem Sohn die Zügel zu. Mit machtvollen Sätzen bahnte er sich einen Weg durch die Menge und riss Felice unter den Händen der Soldaten, von denen einer die Fäuste ballte, fort. Er fiel neben ihr auf die Knie, sagte etwas zu ihr und sprach dann zu den Soldaten. Die traten zur Seite. Einer lachte. Als wäre nichts geschehen, fuhren die Leute fort, den gefesselten Mann zu bespucken. Im nächsten Augenblick hatte Josephine die Gruppe erreicht und ging neben dem Reiter in die Knie.

»Das war sehr mutig von Ihnen«, hörte sie ihn zu Felice sagen. »Man hat Sie für eine bewaffnete Kirchengegnerin gehalten. Aber der Mann tut das freiwillig, verstehen Sie? Er wird dafür bezahlt, dass er den Judas spielt und jedem erlaubt, seine Wut auf Gott und die Welt an ihm auszulassen.«

»Aber das ist scheußlich!« Felice, mit dem Kopf auf den Knien des Mannes, schluchzte.

»Ja«, erwiderte der Mann, »ich finde, damit haben Sie recht. Es ist scheußlich, wenn ein Mann sich bespucken lassen muss, um seine Familie zu ernähren. Aber damit, dass wir ihm seinen Verdienst zerstören, machen wir ihm das Leben nicht leichter.«

»Können wir ihm nicht Geld geben?«

»Das könnten wir natürlich.« Der Mann zog ein Taschentuch aus der Brusttasche und half Felice, sich Dreck und Tränen vom Gesicht zu wischen. »Aber wir würden ihn damit verletzen. Er braucht kein Almosen, sondern ordentlich bezahlte Arbeit, und ich denke, die wird er bekommen. Wir haben jetzt einen Präsidenten, der vor der Not nicht die Augen verschließt – und vor allem haben wir Menschen wie Sie, die aufbegehren, wenn Unrecht geschieht.«

Josephine kauerte wie gelähmt daneben und fand das eine so unfasslich wie das andere – dass dieser Fremde in seinem tadellosen Anzug mit ihnen im Staub kniete, wie dass er mit ihrer Tochter Deutsch sprach. Als er ihr das Gesicht zuwandte, sah sie etwas, das noch unfasslicher war: Sein Gesicht war schön. Es gab nicht viele Menschen, von denen sich das auf den ersten Blick sagen ließ und bei denen es auf den zweiten Blick standhielt. Klare geschwungene Züge, Lider wie Muscheln, feste Lippen, ein Gesicht wie aus der Lieblingsidee eines Gottes geboren. Das ist heidnisch, schoss es Josephine durch den Kopf, und zugleich wurde ihr klar, dass das schöne Gesicht des Mannes, der Deutsch sprach und einen maßgeschneiderten Anzug trug, dunkel wie Ackerboden war und nichts Europäisches an sich hatte.

Er hob den Blick, und sie sah seine Augen. »Ich glaube, Ihre Mutter ist jetzt da«, sagte er zu Felice, und Josephine fürchtete, in Ohnmacht zu sinken.

»Ist das wirklich wahr?«, stammelte sie. »Ben? Kathis Ben?«

Über sein Gesicht breitete sich ein Lächeln, das sie in die Hände nehmen und festhalten wollte. In den Augenwinkeln und um den Mund verrieten feine Linien, dass er wusste, wie Schmerz schmeckte, aber das Leuchten der Augen verriet nichts als Liebe zum Leben. »Ich denke, das geht als Vorstellung durchaus in Ordnung. Und Sie sind Jo? Katharinas Jo?«

In ihrem ganzen Leben hatte Josephine noch nie mit einem fremden Mann laut gelacht. Aber er war ja kein Fremder! »Ihre Tochter ist großartig«, sagte er und half Felice, sich zum Sitzen aufzurappeln. »Sie müssen sehr stolz auf sie sein.«

»Das bin ich«, erwiderte Josephine. »Aber Ben, was tust du denn in Mexiko-Stadt, bist du zu Besuch oder wohnst du hier?« Sie schlug sich so fest auf den Mund, dass es klatschte. »O mein Gott, was bin ich für eine törichte Gans. Bitte verzeihen Sie …«

»Nicht doch. Ich fühle mich alt, wenn jemand mich siezt.«

»Nein, wirklich, Sie müssen entschuldigen …«

»Nun gut. Wenn ich muss, dann tue ich das.« Er stand auf, klopfte sich nachlässig Staub von den Schenkeln und bückte sich dann nach der Zeitung, die ihm hinuntergefallen war. El Siglo XIX. Felice war bereits auf die Füße gesprungen.

Er hielt ihr die Hand hin und half ihr auf. Josephine wusste, sie musste jetzt sprechen, oder der Augenblick war vorüber, und in der Riesenstadt mit ihren bald zweihunderttausend Menschen würde sie nicht noch einmal ein Zufall zueinanderführen. Kommen Sie mit zu unserem Wagen, musste sie sagen, Kathi wartet dort. Felice und ich lassen Sie allein.

Sie sagte nichts. Stattdessen erklärte er: »Ich muss gehen.«

»Ich weiß. Zu Ihrem kleinen Jungen mit den Pferden.« Eben war es ihr eingefallen, und im selben Moment setzte das Lärmen der Menge, das verstummt war, wieder ein. Er musste dreiunddreißig sein, er hatte eine Frau, er ritt mit seinem Kind nach Hause und aß grünes Gemüse zu Karfreitag. Nur eine törichte Gans wie Josephine vergaß auf einen Schlag vierzehn vergangene Jahre. »Bitte entschuldigen Sie …«

Er lächelte. »Das habe ich doch schon. Aber wenn ich muss, tue ich es auch noch einmal.«

Josephine sah, wie er sich von Felice verabschiedete, die ohne Scheu auf ihn einschnatterte, und wie er mit ihr lachte. Mit aller Kraft wünschte sie sich etwas, das sie hätte sagen können, nur einen einzigen Satz, ein Wort, das die Zeit aufhielt. Irgendwann wandte er sich wieder zu ihr, nahm die Hand, die sie ihm steif entgegenhielt, und beugte sich darüber. Formvollendet küsste er die Luft. »Ich habe mich so gefreut, Jo«, sagte er.

»Ich auch«, brach es aus ihr heraus. Sein leuchtender Blick traf den ihren. Und dann war es vorbei.

Wie im Taumel ging sie mit Felice durch die sich lichtenden Menschentrauben zurück zum Wagen. Wohin sie trat, sah sie nicht, und was sie dachte, hätte sie nicht in Worte zu kleiden vermocht.

Felices Ellbogen traf ihre Seite. »Hörst du mir überhaupt zu, Mutter?«

»Oh, verzeih!«, sagte Josephine schnell. »Es ist so laut hier, ich habe dich wohl nicht gehört …«

»Dann eben nicht«, erwiderte Felice gekränkt. »Ich kann ja mit Kathi darüber reden.«

»Hör mal, Felice«, Josephine blieb stehen und nahm ihre Tochter beim Arm, »du sagst Kathi kein Wort davon, dass wir diesen Mann getroffen haben, hast du verstanden?«

»Aber warum denn nicht?« Empört befreite Felice ihren Arm. »Ich will ihr alles erzählen – von den Soldaten, die dachten, ich bin eine radikale Kirchengegnerin, und davon, dass der Mann gesagt hat, dass ich mutig bin und unser Land mich braucht …«

Josephine überlegte blitzschnell. Ihre Tochter sah nicht älter aus als zehn Jahre, doch in Wahrheit war sie in einem Alter, in dem selbst nach der neuen Verfassung Mädchen heiraten durften. In einem Alter, in dem Kathi eine ganze Stadt abgesucht hatte, um ihren Liebsten wiederzufinden. »Kathi und dieser Mann haben einmal etwas erlebt, das ihnen furchtbar weh getan hat«, sagte sie. »Es ist viele Jahre her, aber es könnte ihr vielleicht noch einmal weh tun, wenn sie hört, dass wir ihn getroffen haben.«

Es ist vierzehn Jahre her, er ist verheiratet und hat einen Sohn, und sie ist bald dreißig und lebt für ihre Schule. Sicher hätten sie gelacht, wenn ich ihn mitgenommen hätte, und einander höflich frohe Ostern gewünscht.

»Du sagst ihr kein Wort, hast du gehört?«, fuhr sie noch einmal ihre Tochter an.

Felice nickte verstört, und beide gingen weiter. Dort, wo die Allee in den Platz mündete, sah Josephine Kathi stehen, die hüpfte und mit dem El Siglo winkte. Wie ein junges Mädchen, dachte Josephine. Ich habe recht getan, sie nicht in Versuchung zu führen.