51
Die Habanera von der Taube, die einem Mädchen einen letzten Liebesgruß brachte, war der Ohrwurm, zu dem das vom Krieg zerrissene Mexiko tanzte. Über Nacht war La Paloma zum Lieblingslied einer Nation geworden. Der Mann der Vollbusigen hatte recht behalten. Die Peralta war eine verkappte Liberale, die am Morgen nach der Premiere nach Veracruz und dann per Schiff nach Kuba flüchtete. Ihr Lied aber blieb zurück. Ob kaisertreu oder republikanisch, ob Mexikaner oder Extranjero, ein jeder sang es, pfiff es, wiegte sich in seinem Takt. Katharina schien der einzige Mensch zu sein, der es nicht ertrug. Es war ihr Alptraumlied.
Seit jenem Morgen hatten die Träume vom Malecon nicht mehr aufgehört. Sie begann die Nächte zu fürchten. Stundenlang lag sie wach und wagte aus Angst vor den Bildern nicht, die Augen zu schließen, doch sobald sie in Schlaf fiel, liefen die Bilder Sturm. In Fetzen gerissene Haut, Ströme von Blut, die sich zu einem Meer vereinten. Die Schnur der Peitsche, die Gesichter der Gaffer, und über allem der Blick, der sie traf und den sie nie mehr abschütteln konnte. Kein Möwen- und auch kein Taubenschrei. Stattdessen der dunkle Sopran der Peralta, die La Paloma sang.
An jenem Tag hatte Valentin sich krankgemeldet und war mit ihr zurück nach Chapultepec gefahren. »Du wirst mir das nicht verzeihen, nicht wahr?«, hatte er gefragt.
»Doch«, hörte Katharina sich sagen. »Ich dir und du mir. Ich liebe dich.« Sie hatten die Tür des Gartenhauses hinter sich verschlossen und waren übereinander hergefallen. Nicht wie Tiere, sondern wie zwei, die nur noch einander hatten. Solange Valentin bei ihr war, solange sie sich liebten, tranken, sich weiterliebten und noch mehr tranken, ließ es sich ertragen. Aber Valentin war nicht oft bei ihr. »Der Kaiser braucht mich«, lautete die Parole, der sie keinen Widerstand entgegensetzen durfte. Alle Welt verließ den Kaiser – Napoleon zog seine Truppen ab, sein belgischer Schwiegervater starb, sein Bruder wies einmal mehr die Bitte um Hilfstruppen ab, und die Union hielt es mit Juárez. Wie konnte ihn in dieser Not noch Valentin verlassen? »Wie kann ich das tun, Katharina? Könntest du einen Mann noch lieben, der seinen Kaiser verrät? Ihr Mexikanerinnen bringt das wohl fertig – gab es da nicht diese Josefa Ortiz, die ihren Mann eigenhändig zum Verräter machte? Eine Tirolerin aber würde solchen Mann nie mehr achten, sondern sich schämen, an seiner Seite zu stehen.«
Katharina, die nicht hören wollte, was Tirolerinnen taten, sagte nichts, sondern liebte ihn. Ihre Liebe war noch immer ein Rausch. Wenn sie daraus erwachte, sah sie ihr Gesicht im Spiegel, sah die Spuren des Lebens, das sie führte, und fühlte sich viel älter als Mitte dreißig. Sie ging hinaus auf ihre Veranda, damit ihr der Morgen das Gesicht kühlte, blickte auf den silbernen See und sehnte sich nach den einfachen Dingen, die sie früher hatte tun können – eine Zeitung lesen, mit Stefan über die Schule fachsimpeln, bei einem Straßenhändler scharfe Tamales kaufen. In ihrem Leben gab es keine einfachen Dinge mehr. Auch keine Briefe. Martina schrieb ihr nicht länger – sie musste sie hassen für das, was sie Benito angetan hatte, und Katharina hatte kein Recht, sich zu verteidigen. Von ihrer Familie wusste sie nichts.
Zwar gab es noch Bälle und Soireen, doch wurden die Abstände größer. Immer häufiger kam es zu Übergriffen auf Ausländer, und die Reichsten von ihnen verließen die Stadt. Längst war allgemein bekannt, was auf jenen Flugblättern gestanden hatte, dass nämlich Juárez sich keineswegs außer Landes befand. Seit Jahresbeginn zog er von Norden hinter den Linien seiner erstarkenden Armee her, Stück um Stück seiner Hauptstadt entgegen. Valentin verließ kaum noch die Stellung. »Es ist ja nicht möglich, dass wir den Kampf verlieren«, hatte er Katharina versichert. »Und wenn uns das ganze sterbensmüde Europa im Stich lässt, wir werden das Blatt wieder wenden. Unser Werk lassen wir uns nicht zerstören.«
Katharina dachte: Geh nur du mir nicht unter. Was sollte sie tun, wenn er nicht wiederkam, wie in eine Welt zurückkehren, in der kein Mensch mehr zu ihr gehörte? Ihr Hausmädchen kochte ihr Essen, und unter der Steinnusspalme hatte Valentins Bursche sein Zelt aufgeschlagen, doch beide sprachen nicht mit ihr. Es war, als wäre sie aus dem Geschlecht der Menschen ausgestoßen.
Um nicht den ganzen Tag beim Haus zu hocken und gegen den Drang zu kämpfen, eine Flasche Wein zu öffnen, zwang sie sich, im Park spazieren zu gehen. Eines Nachmittags sah sie dabei den Kaiser, der wie ein gewöhnlicher Vater den kleinen Iturbide-Prinzen durch die verschlungene Pflanzenwelt führte und ihm in einer Baumkrone einen Papagei zeigte. Beide trugen weiße Leinenanzüge und Hüte mit breiten Krempen. Hatte Maximilian wirklich den Jungen ins Schloss geholt, weil er hoffte, ein mexikanischer Erbe rette ihm den Thron? Oder hatte er einer Mutter ihr Kind gestohlen, weil er den Schmerz nicht ertrug, selbst keines zu haben?
Auf einmal glaubte Katharina ihn zu verstehen. Sie hätte ein Kind stehlen wollen und ihm das Silber des Sees vor ihrem Haus zeigen. Hatte Marthe sie deshalb ihrer Mutter gestohlen? Dunkel erinnerte sie sich. Einmal hatte ein kleiner Bruder in der Wiege gelegen, und sie hatte an der Hand ihres Vaters davorstehen und das winzige Gesicht bestaunen dürfen. Nur ein einziges Mal. Dann war der Bruder gestorben. Rasch ging sie weiter, um den Kaiser und das Kind nicht zu stören. Sie sehnte sich nach Marthe. Sie sehnte sich nach Felice. Sie wollte Martina besuchen und den kleinen Tomás auf der Welt begrüßen.
Aus ihren Gedanken schreckte sie, weil jemand nach ihr rief. »Fräulein Lutenburg!« Es war der Sepp, Valentins Bursche. Etliche Male hatte sie sich vorgestellt, wie er sie rufen würde, weil Valentin im Kampf mit den Juárista gefallen war wie Hauptmann Lechner, vor ihrem Haus stehen und mit Grabesstimme beteuern würde, es tue ihm leid. Sie rannte den Weg hinunter, kämpfte blind gegen Übelkeit.
Der Sepp stand am Tor. »Oberleutnant Gruber«, schnaufte er und wies nach dem Haus. Katharina rannte an ihm vorbei. Aus dem Haus trat einer der Offiziere aus Valentins Regiment – sie hätte ihn kennen sollen, aber sie konnte sich nie ihre Namen merken. Senkte er betreten den Kopf, überlegte er, wie er es ihr beibringen sollte?
Ich halte es nicht aus. Ich nehme es nicht hin. War sie nicht bestraft genug? Hatte nicht das Schicksal in ihren Handel eingeschlagen – nimm mir alles, nur lass mir Valentin?
»Es hat einen Überfall gegeben«, sagte der Offizier.
Ein Laut entfuhr Katharina.
Der Offizier wies nach der Haustür. »Oberleutnant Gruber wollte sofort auf seinen Posten zurückkehren, aber der Oberst hat angeordnet, er soll sich fünf Tage lang auskurieren. Zumindest bis das Sichtbarste verheilt ist. Wir wünschen Aufsehen um den Vorfall zu vermeiden, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Katharina hörte ihn schon nicht mehr, sondern stürzte ins Haus. Um ein Haar wäre sie mit den Trägern, die aufbrechen wollten, zusammengeprallt. »Der Arzt sieht morgen nach ihm«, rief ihr der eine noch zu, dann war sie bei Valentin. Er lag auf dem Bett, war bleich wie das Laken, und sie warf die Arme um ihn.
Sein Stöhnen ließ sie zurückschrecken. Erst jetzt sah sie, was die Angreifer mit seinem schönen Gesicht getan hatten. Das rechte Auge war bis weit über die Braue verschwollen, die Wange abgeschürft, die Lippe aufgeplatzt. Um die Stirn wie um die linke Schulter trug er einen Verband. »Was haben die mit dir gemacht?«, rief sie. »Mein Liebster, was haben die mit dir gemacht?«
»Frag lieber, wer«, presste er heraus, dann übermannte ihn der Schmerz. Er schloss das unverletzte Auge, stöhnte und erbleichte noch mehr. Sie wollte aufspringen, Wasser holen, irgendetwas tun, um ihm zu helfen, aber er griff nach ihrer Hand. »Bleib bei mir«, flüsterte er. »Geh nicht weg.«
Katharina blieb sitzen. Später bat sie Rosa, ihr Wasser zu bringen, um seine Wunden zu kühlen, und flößte ihm zur Nacht ein wenig Portwein ein, damit er leichter schlief. Unentwegt liebkoste sie ihn und sprach zärtlich auf ihn ein. Um seinen Stolz zu schonen, stellte sie ihm keine Fragen, sondern strich erst, als er in unruhigen Schlaf gefallen war, das Betttuch von seinem Leib, um zu sehen, was er noch davongetragen hatte. Das linke Schienbein war blau verschwollen, doch, so weit sie es ertasten konnte, nicht gebrochen. Und noch eine Abschürfung befand sich über der Brust. Wie es aussah, hatten die Angreifer nicht vorgehabt, ihn zu töten – keine der Verletzungen stammte von einer Stichwaffe. Müde und vor Erleichterung schwach, legte sie sich zu ihm und lehnte ihr Gesicht an seine unverletzte Schulter. In dieser Nacht blieb sie von dem Traum verschont.
Auf unwirkliche Weise war sie glücklich in den zwei Tagen, in denen sie Valentins Wunden pflegte, sicher sein konnte, dass ihm nichts Übles geschah, und ihn für sich hatte. Valentin war zäh und die Verletzung nicht schwer, aber er hatte seit Monaten Raubbau an seinem Körper betrieben und sich im Dienst für seinen Kaiser zermürbt. Es war auch Erschöpfung, die ihn niederstreckte und zwang, sich von ihr umsorgen zu lassen. Vom Palast traf ein Korb voller Delikatessen mit Maximilians Genesungswünschen ein. Am Morgen kamen der Arzt des Kaisers und Valentins Leutnant, um Bericht zu erstatten, in den übrigen Stunden aber waren sie ungestört.
Am dritten Tag ging es ihm besser, und er bestand darauf, aufzustehen. Katharina ließ das Frühstück auf der Veranda servieren, obwohl es im Schatten der Zypressen so kühl war, dass sie sich ihre Pelerine umlegen musste. »Ich trete morgen wieder meinen Dienst an«, sagte er. »Weißt du, was Leutnant Wallner mir erzählt hat? Der Kaiser hat General Marquez aus dem Ausland zurückbeordert. Damit drehen wir den Spieß um – der Mann ist ein militärisches Genie. Nicht mehr lange, und wir treiben diesem Land den Teufel doch noch aus.«
»Marquez? Den Tiger von Tacubaya?«, entfuhr es Katharina.
»Warum nennst du ihn so?« Valentins unverletztes Auge wurde schmal. »Was weißt du von General Marquez?«
Sie wollte ihm keine Antwort geben und hasste sich, weil sie es trotzdem tat. »Im Bürgerkrieg hat man ihn so genannt. Er hat einen Haufen wehrloser Verwundeter, Ärzte und Pfleger im Haus des Erzbischofs erschießen lassen.«
»Und was glaubst du wohl, was Juárez’ Generäle mit uns machen, wenn sie uns verwundet erwischen?«, fuhr er auf. »Vielleicht zusammenflicken? Wir sind im Krieg, Mädchen, begreif das endlich. Krieg heißt, dass der Stärkere den Schwächeren tötet, wie beim Stierkampf, das ist kein Spiel.«
Er war vom Stuhl aufgesprungen, doch ein jäher Schmerz zwang ihn zurück. Unwillkürlich fiel ihr Blick auf sein verletztes Auge, das sie nicht ansehen konnte, ohne zu schaudern. »Die, die dich überfallen haben, Valentin – warum haben die dich nicht getötet?«
»Woher soll ich das wissen? Wohl weil es dreckige Banditen waren, die keinen Mumm hatten, die Sache zu Ende zu bringen.«
»Also waren es Räuber, keine Juárista?«
»Zur Hölle, was weiß denn ich? Diese Banditen und Räuber sind doch alle Juárista. Was macht das für einen Unterschied?«
Dass es ihm widerstrebte, über den Überfall zu sprechen, entging ihr nicht, aber sie musste wissen, was geschehen war. Anders würde sie ihrer Angst nicht Herr werden, wenn er wieder fort war.
Nur weil sie keine Ruhe gab, erzählte er ihr schließlich, wie sich die Sache zugetragen hatte. Er hatte ein Gemenge vor dem Deutschen Haus auflösen lassen, in das seine Männer geraten waren, weil man ihnen den Zutritt zu einem Tanznachmittag verweigert hatte. »Es ist eine Schande«, ereiferte er sich. »Ich wollte, man könnte diesen Deutschen einbleuen, dass meine Leute ihr Leben riskieren, um sie vor dem Rückfall in die Anarchie zu schützen.«
»Bitte sprich von dem Überfall«, bat sie ihn, weil sie ans Deutsche Haus nicht denken mochte.
»Warum machst du so einen Wirbel darum? Ich wollte kurz Atem schöpfen und bin ein Stück durch den Park hinter dem Haus gegangen. Die Kerle sind aus einem Gebüsch gesprungen, und ehe ich meinen Säbel ziehen konnte, hatten sie mich mit ihren Knüppeln zu Boden geschlagen.«
Er weigerte sich, Einzelheiten preiszugeben, und sie wollte ihn nicht quälen. Tatsächlich mochte es sich um gewöhnliche Diebe handeln, wie sie sich überall herumtrieben. Merkwürdig war nur, dass sie einen bewaffneten Offizier als Opfer wählten und dass Valentin auf die Frage, was sie geraubt hatten, keine Antwort wusste. Eine Patrouille zu Pferd hatte die Kerle in die Flucht geschlagen.
»Hast du ihre Gesichter gesehen? Kannst du sie beschreiben?«
»Maria und Josef, warum hörst du nicht damit auf?«
»Versuch sie zu beschreiben«, bat sie. »Dann höre ich auf, ich verspreche es dir.«
»Ich habe nicht darauf geachtet«, knurrte er. »Drei lange Kerle eben, Tücher über den Mündern, dunkle Kleidung.«
»Und die Haarfarbe?«
Er stockte. Sah sie an. »Weshalb fragst du mich das?«
»Ich weiß es selbst nicht, Liebster. Bitte antworte mir.«
»Sie waren blond«, sagte er.
Seine Vorgesetzten wollten den Vorfall vertuschen, weil man annahm, dass die Angreifer dem Deutschen Haus angehörten. Es konnte der Moral der Männer schaden, wenn laut wurde, dass die Europäer, die ihre Sprache und Kultur teilten, sich gegen sie stellten. Katharina jedoch war bei dem Gespräch so kalt geworden, dass ihr die dünne Pelerine nichts nützte. Sie kannte die Leute, die im Deutschen Haus verkehrten. Sie mochten gegen alles, was nicht deutsch und protestantisch war, hetzen, nach Art von Onkel Fiete dröhnende Kanzelreden schwingen, aber sie versteckten sich nicht in Gebüschen und schlugen Offiziere zusammen. Katharina wusste niemanden, der so weit gegangen wäre, niemanden, der sich so blindwütig allem Fremden verschloss, dass er mit Knüppeln auf Wehrlose eindrosch.
Doch, vernahm sie die Stimme in ihrem Kopf, solche Menschen kennst du. Dich zu betrügen ist sinnlos.
Jäh sprang sie auf, lief zu Valentin und zog ihn an sich, darauf bedacht, die schmerzenden Wunden nicht zu streifen. »Dir wird niemand mehr weh tun, mein Liebster. Das schwöre ich.«
Ärgerlich machte er sich frei. »Sehe ich aus, als bräuchte ich den Schutz einer Frau?«
Du siehst aus, als bräuchtest du meinen Schutz, dachte sie. Das hast du immer getan. Und dafür liebe ich dich.
»Ich sage es dir noch einmal: Wir sind im Krieg, verflucht, im Krieg! Mexikaner mögen ihre Weiber hinter Kanonen herschleppen, damit sie sich in deren Röcken ausflennen können, aber in meinem Land kennt man solche Sitten nicht. Eine Tirolerin käme nicht auf die Idee, ihren Mann, der für seine Sache kämpft, zu schützen. Sie wäre stolz auf ihn, verstehst du? Stolz!«
Sie hätte ihm gern gesagt, dass sie stolz auf ihn war, aber sie brachte es nicht über die Lippen. Stattdessen liebte sie ihn in der Nacht so innig, wie seine Wunden es erlaubten, und weinte, ehe sie ihn am Morgen ziehen ließ. Dass sie weinte, mochte er gern. Dann war er fort, und sie hatte von neuem zu viel Zeit zum Denken. Diesmal aber galt ihr Denken den Menschen, die in einem verbauten Patiohaus an der Calle San Jorge wohnten und sich ihre Familie nannten.
Marthe hatte geschlafen. Am Morgen war wieder der Arzt da gewesen, für den Christoph sich Geld von Claudius von Schweinitz borgte, und wie schon so oft hatte er nichts finden können, das Marthe fehlte. Sie wurde einfach immer schwächer, hatte sich an einem Abend in ihr Bett gelegt und hatte am Morgen nicht mehr die Kraft besessen, aufzustehen. Sie, Marthe Hartmann, die Starke, Unerschütterliche, von der es schon als Kind geheißen hatte: Von den zwei Schwestern ist die eine ein Reh und die andere ein Gaul. Die Marthe wird nicht krank.
Sie war ja auch nicht krank. Sie hatte nur keinen Grund mehr, stark zu sein und dem Leben die Stirn zu bieten. Ihr kräftiger Körper, der nie einem Mann gefallen, aber immer seinen Mann gestanden hatte, war mit noch nicht sechzig Jahren zusammengesackt wie ein Bündel Lumpen, weil niemand seine Kraft mehr brauchte. Ehe Helene nach Hamburg aufgebrochen war, hatte sie sie gebeten, die alte Sanne mitzunehmen. Die Köchin war in ihren Dienst getreten, als Kathi ein Häuflein Elend gewesen war, dem jemand Milch einflößen musste, ehe es hungers starb. Die Sanne hatte das geschafft – und sie war geblieben, auch als die Lutenburgs ihr keinen Peso mehr zahlen konnten. Die Hoffnung, ihr geliebtes »Fräulein« käme zurück und sie könne für ihre Kinder Wecken backen, hatte sie nie aufgegeben. Letzten Endes aber hatte sie sich Marthes Wunsch gefügt und war gegangen, um von nun an Hanne und Grete mit ihrem Naschwerk zu füttern. Damit war der letzte Mensch fort, für den Marthe sich verantwortlich fühlte. Sie durfte liegen bleiben.
Dass die anderen nicht ebenfalls liegen blieben, verstand sie nicht. Mit der zerrupften kleinen Felice hatte das letzte Kind die Familie verlassen – wofür lohnte sich da noch die Plage?
Natürlich wusste der Arzt von alldem nichts, weswegen Christophs Geld an ihn verschwendet war. Aber was machte das schon aus? Das Vermögen, das sie Claudius von Schweinitz schuldeten, würden sie ohnehin nie zurückzahlen können, und offenbar legte der Baron, der ins Bankgeschäft eingestiegen war, darauf auch keinen Wert. Wenigstens hatte der Arzt, der wie üblich verkündete, die Patientin brauche Ruhe, ihr etwas zum Schlafen verschrieben. Schlaf war Segen, und ihn zu erlangen fiel schwer. Wütend versuchte sie aufzublicken, um zu erkennen, wer sie mit seinem Kommen geweckt hatte.
Dörte tat es manchmal, um ihr Essen zu bringen, oder Juliane, die von irgendwem geschickt wurde. Christoph oder Stefan mit ihren törichten Fragen: Fühlst du dich besser, Marthe? Hast du gut geschlafen? Können wir etwas für dich tun?
Warum ließen sie sie nicht alle in Ruhe? Helfen konnten sie ihr nicht, sowenig wie Marthe ihnen helfen konnte. Der Mann, der das Zimmer betreten hatte, zog die Tür hinter sich zu. Marthe blinzelte, um ihre Augen an das bisschen Licht, das durch die Ritzen des zerschlagenen Fensterladens drang, zu gewöhnen. Aber es gab kein Licht. Der Tag musste vorüber sein.
»Du hast lange geschlafen«, sagte der Mann an der Tür. Es war Peter.
»Darf ich das nicht? Weshalb solltest ausgerechnet du dich daran stören?«
»Natürlich darfst du. Ich würde nur gern mit dir reden.«
»Worüber?«
»Über Katharina«, erwiderte er.
Dass sie verstummte, war Antwort genug. Er zog einen Stuhl an ihr Bett, steckte jedoch keine Kerze an. »Ich muss dir etwas sagen, das dir weh tun wird. Die anderen wollen, dass ich es dir verschweige, weil du zu krank dafür bist, aber ich bin dazu nicht mehr bereit. Ein jeder von uns verschweigt dem anderen etwas, ein jeder glaubt, er täte es in bester Absicht, und was kommt am Ende heraus? Keiner hat mehr einen Menschen, dem er traut. Ich habe mir gesagt: Katharina ist unser Kind. Was dieses Kind betrifft, das wir zusammen aufgezogen haben, geht dich und mich etwas an, darauf haben du und ich ein Recht. Auch dann, wenn einer von uns daran stirbt.«
Für den wortkargen Mann war das geradezu ein Redeschwall. Er überraschte Marthe umso mehr, als sie schon so lange kaum noch miteinander sprachen. »Was ist mit Katharina?«
»Ich habe einen Brief von ihr bekommen.« In dem Augenblick, in dem ihr Herz zu rasen begann, nahm er ihre Hand. Hatte er das jemals getan, ihre Hand genommen? Damals, als Hannes geboren war. Aber sonst? »Es ist kein schöner Brief. Nicht das, was wir uns wünschen. Katharina fordert mich auf, Hermann, Torben und Friedrich Einhalt zu gebieten. Die drei wüssten etwas, das sie uns verschwiegen haben, wie üblich, um uns zu schonen. Katharina lebt nicht allein, Marthe. Sie hat einen Geliebten. Einen Offizier des Habsburger-Kaisers.«
Marthe blieb still und wartete auf den Sturm der Gefühle, die Wogen der Empörung. Welche Schande!, sollte es in ihr schreien, und dann würde sie alle verfügbaren Hebel in Bewegung setzen müssen, um dem unhaltbaren Verhältnis ein Ende zu bereiten. Um jeden Preis. Für die Familie ist jedes Opfer recht. Sie lag noch immer still und lauschte in sich hinein. Schwach glaubte sie, den Duft der orangeroten Blüten wahrzunehmen, der in der Hitze von Veracruz betäubend war. Der Duft aber war wie der Sturm der Gefühle nur eine Erinnerung. Nicht die Gegenwart. »Geht es Kathi gut?«, fragte sie.
»Sie schreibt, dass sie mit ihm glücklich ist«, sagte Peter. »Und dass sie sich diesmal ihr Glück nicht von uns zerstören lässt.«
»Wie heißt er?«, fragte Marthe.
Bildete sie es sich ein, oder lächelte Peter? Hatte sie ihn je lächeln sehen seit Veracruz? »Valentin Gruber«, sagte er.
»Valentin Gruber«, wiederholte Marthe. Mit einem Ruck setzte sie sich auf. »Schreib ihr, ich will ihn sehen. Was der Hermann und die anderen sagen, ist mir einerlei.«
Peter nickte und hielt ihre Hand. »Mir auch. Ehrlich gesagt frage ich mich, warum es uns nicht immer einerlei gewesen ist.«
»Wirst du Kathi schreiben? Wirst du unserer Kathi schreiben, dass ihre Eltern kommen, um ihren Valentin Gruber zu treffen, wie auch immer die Verhältnisse sind? Ich will sie nur wiederhaben. Ich weiß nicht, warum es so ist, aber mich schert sonst nichts.«
»Es ist so, weil wir Kathi lieben«, sagte er. »Aber sehen will sie uns nicht. Sie hat mir geschrieben, weil Hermann, Torben und Friedrich dem Herrn Gruber im Park am Deutschen Haus aufgelauert haben. Sie haben ihn von hinten überfallen und ihn zusammengeschlagen. Einen Mann, den sie nicht kennen und der ihnen nichts getan hat. Weißt du, dass ich mich schäme, Marthe?« Er ließ ihre Hand los. »Wir haben es ihnen beigebracht.«
Sehr lange schwieg Marthe, weil ihr nichts einfiel, das sie dagegensetzen konnte. Weil er recht hatte. Sie hatten den Kindern – Christophs fröhlichen Zwillingen und Fietes Ältestem, der wie Kurt aussah – beigebracht, dass man Menschen schlagen durfte, wenn sie sich einem in den Weg stellten. Dass man sie opfern durfte, um zu bekommen, was man wollte. Schwerfällig erhob sich Peter vom Bett. Sie packte seine Hand. »Du hast es meinetwegen getan«, rief sie. »Du brauchst dich nicht zu schämen. Ich habe zu dir gesagt: Halt um jeden Preis diesen Jungen von Katharina weg, oder ein Unglück geschieht.«
»Ich hätte mit ihm sprechen können. Weißt du, dass ich diesen Jungen mochte, Marthe?«
»Ich wollte nicht, dass du mit ihm sprichst. Ich wollte, dass du ihn totschlägst, damit das alles auf immer aus unserem Leben verschwindet. Als du die zwei Jungen in mein Haus gebracht hast, hätte ich sie mit bloßen Händen erwürgen wollen.«
»Aber es waren doch Kinder, Marthe. Ich dachte, wir seien es der Frau schuldig, ihnen Arbeit zu geben. Sie hatte ihnen Schilder um die Hälse gehängt, weil sie ihr sonst verhungert wären – sie hatte ja niemanden mehr, der für sie sorgen konnte.«
»Ich weiß«, sagte Marthe. »Ich will nur, dass du aufhörst dich zu schämen. Es war meine Schuld, nicht deine. Ich werde es Kathi schreiben, damit sie nur mich hasst und nicht dich.«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, Marthe. Halb totgeschlagen habe ich ihn und vor Kathis Augen. Ich hatte den Verstand verloren, habe nur mein kleines Mädchen gesehen, an dem sich ein Kerl vergeht, der …«
»Er hat sich nicht an ihr vergangen.«
»Das weiß ich.«
»Und der Rest, den ich dir erzählt habe, ist auch nicht wahr.«
Sie erwartete, dass er gehen würde, wie er es oft getan hatte, weil es ihm vor ihr graute. Nur einmal hatte er sie angeschrien und gepackt und geschüttelt, dass ihr Kleid zerrissen war. Wenn er es wieder tat, würde sie sich nicht wehren. Es war sein Recht. »Hören wir auf«, sagte er. »Du kannst mir meine Schuld nicht abnehmen und ich dir nicht deine. Wir können sie nur tragen. Dem Hermann werde ich sagen, dass er es mit mir zu tun bekommt, wenn er sich noch einmal an dem Bekannten meiner Tochter vergreift. Und Kathi schreibe ich dasselbe wie früher. Dass wir sie lieben, dass wir ihr Glück wünschen, dass wir uns freuen würden, sie und Herrn Gruber zu sehen. Zumindest haben wir jetzt ihre Adresse. Es kann uns ja niemand verbieten zu hoffen.«
»Nein«, sagte Marthe. »Das kann uns niemand verbieten.« Sie war so traurig, wie ihre Stimme klang, aber ihr Atem ging unbeschwert. Sie war sicher, sie würde die Nacht durchschlafen können, ohne noch einmal von dem Sud des Arztes zu trinken.
»Willst du dich wieder hinlegen?«, fragte er.
Sie nickte.
»Schlaf gut«, sagte er und ging durch den Raum bis zum Fenster. Ihre Augen hatten sich inzwischen an das Dunkel gewöhnt und sahen, was er tat. Er zog einen kleinen Hammer und ein Brettchen aus der Joppe und begann den Spalt im Fensterladen zuzunageln. Sie musste warten, bis die Hammerschläge verklungen waren, ehe sie ihr eigenes Wort verstehen konnte. »Wozu machst du das?«, fragte sie. »Sie schlagen es uns ja doch wieder ein.«
»Nur eine Vorsichtsmaßnahme«, sagte er. »Es ist Vollmond. Ich möchte nicht, dass du versuchst durch das Loch zu steigen und dich verletzt.«
Einen Augenblick war sie sicher, ihr Herzschlag setze aus. »Du …«, war alles, was sie herausbrachte.
»Ach, Marthchen«, sagte er und wandte sich ihr zu. Wann hatte er sie je Marthchen genannt? »Dass du es bist, die die Mondsucht hat, hab ich immer gewusst. Wenn Vera nachts nach draußen stieg, hatte sie andere Gründe – das mit der Mondsucht hattet ihr, du und Christoph, euch ausgedacht, damit niemand ihr etwas nachsagen konnte.«
Durch das Dunkel starrte sie ihn an. Er hatte recht. Ihr Leben lang hatten sie mehr verschwiegen als ausgesprochen, stets in der Furcht, der andere könne die Wahrheit nicht verkraften, man könne ihn und das bisschen Sicherheit aus den Händen verlieren. Am Ende brach man unter seiner Last zusammen, weil man sie mit niemandem teilen konnte. »Du hast es gewusst?«, fragte sie, noch immer fassungslos.
»Einmal habe ich dich zurückgeholt«, antwortete er. »Von dem Palais, in dem Kathi gewohnt hat. Ohne Schuhe bist du so weit gelaufen, und du hast so geweint.«
Sie streckte die Arme aus. Langsam kam er zurück, setzte sich wieder aufs Bett und nahm ihre Hände. »Es tut mir leid«, sagte sie und war froh, es endlich loszuwerden, selbst wenn sie ihn dabei verlor. Hatte man nicht einen Menschen von Anfang an verloren, wenn man sein Leben mit ihm auf einer Lüge baute? »Es tut mir leid«, wiederholte sie. »Ich habe dein Leben verpfuscht. Ich habe alles getan, um dich an mich zu fesseln, und dann habe ich alles getan, um Kathi an mich zu fesseln – was es kostete, war mir egal. Wenn Fiete über die Azteken geschimpft hat, die für ihr Glück Menschen opferten – ich habe immer gedacht, er meint mich.«
Peter hielt ihre Hände und streichelte sie. »Mein Leben war nicht verpfuscht«, sagte er. »Ich hätte gern viele Kinder gehabt, ich wollte für ein Haus voller Kinder sorgen. Aber dass unser Hannes gestorben ist, war ja nicht deine Schuld.«
Hannes. Er hatte den Sohn, den sie ihm geboren hatte, nicht vergessen. »Vielleicht hätte Vera dir mehr Kinder geschenkt«, flüsterte sie.
»Vera wollte mich nicht«, sagte er.
»Aber wenn Vera gelebt hätte …« Sie rang nach Atem. »Ich habe so viel Schlimmes getan, so viel, das nach Wahnsinn klingt. Immer habe ich nur an das eine denken können: Wenn Vera gelebt hätte, hättest du sie genommen, nicht mich.«
»Hast du mich nicht gehört?«, fragte er. »Vera wollte mich nicht.«
»Aber wenn sie gelebt hätte? Wenn sie sich von dem Schrecken erholt und jemanden gebraucht hätte, warum hätte sie sich denn nicht dir zuwenden sollen? Du warst so gut zu ihr. Und du hast sie so geliebt.«
»Marthchen«, sagte er, »ich war ein grüner Junge von fünfundzwanzig. Wir wissen nicht, was gewesen wäre, und in meinem stoffeligen Fischkopf fällt mir auch nicht ein, was es uns helfen würde, es zu wissen.«
»Es würde mir helfen«, flüsterte Marthe und war sicher, dass ihr jagender Herzschlag ihre kaum hörbare Stimme übertönte. »Wenn ich dir sagen würde, dass Vera lebt – was würdest du dann tun?«
»Was soll ich denn dann tun?«, fragte er. »Was soll das denn jetzt noch ändern? Heute denke ich doch an Kathi und Herrn Gruber, an den Hermann und Christophs Jungen und daran, wem wir die Palette Sombreros verkaufen, damit wir im Sommer nicht ohne alles dastehen. Vera, das war ein anderes Leben. Wenn sie noch lebt, dann hoffe ich, es geht ihr gut.«
Sehr langsam und noch immer mit rasendem Herzen entzog Marthe ihm ihre Hände, legte ihm die Arme um den Hals und ihr Gesicht an seines. »Du hast recht«, sagte sie. »Du bist ein stoffeliger Fischkopf. Weißt du noch, was ich in dieser entsetzlichen Nacht, auf Christophs Hochzeit, zu dir gesagt habe? Ich hab’s dir nie wieder gesagt. Ich liebe dich.«