48
Zweimal war Felice ihnen fortgelaufen. In die Stadt hinein, angeblich ziellos, doch jedes Mal in die Arme von Ben Alvarez. Der hatte sie zurückgebracht, hatte einen Boten vorausgeschickt und sie Josephine vor der Calle San Jorge übergeben, wie er einst Kathi am Marigoldstrauch ihrer Familie zurückgegeben hatte. Zuvor hatte Josephine ihm versprechen müssen, dass das Mädchen nicht bestraft würde.
Nach Felices zweiter Flucht hatte Josephine dennoch Hermann gestattet, ihrer Tochter eine Strafe zu erteilen. »Sie ist sechzehn«, hatte er gesagt »Das ist das gefährlichste Alter. Ein Dutzend Stockhiebe tun ihr lange nicht so weh wie ein verpfuschtes Leben. Wer sollte das besser wissen als du?«
Ja, hatte Josephine gedacht, wer sollte das besser wissen als ich, deren Leben schon verpfuscht war, ehe sie sechzehn wurde? Wenn Hiebe mit dem Stock Felice davor bewahrten, so sollte sie sie bekommen. Nicht von ihrer Mutter, sondern von Hermann, dem Familienoberhaupt, der ihr damit den männlichen Schutz zusprach, der dem vaterlosen Mädchen fehlte. »Bleib du vor der Tür«, riet er ihr, »das ist nichts für dich.« Und Josephine tat, wie ihr geheißen. Durch den Türspalt hörte sie, wie der Stock aufklatschte und wie der Hermann sorgsam die Zahl dazu nannte, als würde er mit jedem Hieb etwas abhaken, das Felices Leben verpfuschte – die Schande ihrer Geburt, ihre Vaterlosigkeit, der von der Mutter ererbte Mangel an Schönheit, die kläglichen Heiratsaussichten, die Liebe zu Kathi.
Josephine tat jeder Hieb weh, weil er ihr auf einmal nutzlos war. Das Einzige, das Felice ausgeprügelt wurde, war das kleine Gut, das sie besaß, ihre Würde. Und wofür bekam sie die Prügel? Was hatte sie mehr getan, als nach Menschen zu suchen, die ein Lächeln, ein wenig Glanz und Wärme in ihr trostloses Dasein bringen konnten? Vermochte der Stock etwas gegen Sehnsucht? Gegen Einsamkeit? Wenn er das täte, würde ich mich auch schlagen lassen, dachte Josephine und erschrak vor ihrer Bitterkeit.
Nach der Bestrafung verweigerte Felice von neuem das Essen und sprach mit keinem ein Wort. Sie konnte erstaunlich standhaft sein. Hermann hatte seiner Juliane befohlen, das Mädchen nicht aus den Augen zu lassen. Juliane, die auf ihrem Rücken Hille von Raum zu Raum schleppte, hätte sich vermutlich Felice dazu aufgeladen, wenn Hermann es verlangt hätte. Er aber ordnete an, Felice tagsüber in einer der Schlafkammern einzuschließen. Sie drängten sich jetzt alle im rechten Flügel der Burg, den Helene mit ihrer Familie geräumt hatte, und hatten den linken mit seinen zerschlagenen Fenstern den Franzosen überlassen. Somit saßen sie, selbst wenn die Männer im Geschäft waren, so dicht aufeinander, dass dem Mädchen keine Möglichkeit zur Flucht blieb.
»Wir können sie nicht länger einschließen«, verlegte Josephine sich aufs Flehen. »Ich kann nicht zulassen, dass mein Kind verhungert, Hermann.«
»So schnell verhungert sie nicht«, widersprach Hermann gleichmütig. »Du wirst sehen, in ein paar Tagen ist sie weichgekocht und bettelt um ein Schälchen Suppe.«
Aber Felice bettelte um keine Suppe. Sie bettelte um gar nichts, sondern blieb stumm. Josephine bat Stefan, ihr zu helfen. Der versprach, noch einmal mit Hermann zu reden, und wie nicht anders zu erwarten, kam bei dem Gespräch nichts heraus. »Vielleicht hat Hermann ja doch recht«, versuchte Stefan sie zu beruhigen. »Lassen wir Felice noch einen Tag Zeit, und wenn sie dann isst, bitten wir die Sanne, ihr Wecken zu backen. Das Geld dafür treibe ich auf.«
Hätte er mit Kathi eine Tochter gehabt, wäre sie so misshandelt und alleingelassen worden wie Felice? Nie und nimmer, dachte Josephine. Auch wenn Stefan ein Schwächling ist, Kathi hätte ihr Kind beschützt. Arme Felice, deren Mutter dazu das Rückgrat fehlt.
Im Haus gab es niemanden, der ihr helfen würde. Ihr Vater war in seine Sorge um seine Schwester versunken, für ihre Brüder hatte Felice nie existiert, und ihre Mutter erklärte: »Wenn du dich auflehnen willst, dann tu’s, frag nicht mich. Ich habe für mich selbst nicht kämpfen können, wie soll ich es jetzt für dich tun?«
Die Sorgen im Geschäft, die Sicherheit der Burg und die Krankheit von Marthe, die darniederlag wie Traude, beschäftigten die Familie mehr als die Furcht um ihr einziges Kind. Ein Dekret war erlassen worden, das die Männer, die sich Freiheitskämpfer nannten, zu Verbrechern erklärte. Mexiko-Stadt war voll von diesen Freiheitskämpfern, und stündlich schienen neue dazuzukommen. Juárez hatte Mexiko verlassen, das raubte ihnen die Hoffnung, und Hoffnungslosigkeit schlug um in blinde Zerstörungswut. Nacht für Nacht zogen sie in Horden los, tranken billigen Aguardiente und warfen denen, die sie für Fremde hielten, die Fenster ein. »Vielleicht sollten wir die Stadt für eine Weile verlassen«, schlug Stefan vor. »Nur bis sich alles beruhigt hat, wie damals die Engländer in Veracruz.«
»Und wohin willst du gehen?«, bellte Hermann. »Haben deine Engländer dir ein nettes Landgut geschenkt, holen deine Diener uns mit Equipagen ab?«
Damit war dem Vorschlag der Wind aus den Segeln genommen. Dennoch reckte sich Fiete, der wahrhaftig zum Greis geworden war, aus seinem Korbstuhl und rief: »Ich habe meinen Bruder, meinen Vater und meine Kinder in die verdammte Erde dieses Landes gelegt. Von diesem verdammten Land gehe ich nicht weg.«
»Jetzt hört schon auf«, sagte Dörte, streichelte ihm flüchtig das schlohweiße Haar und packte ihren Holzstuhl. »Kommt, setzen wir uns in den Hof, es ist ein so schöner Herbstabend. Ich habe ein paar Mandeln und Kompott aus Guaven, lasst uns das teilen und dankbar sein, dass wir am Leben sind.«
Manchmal taten sie das. Ihre Stühle in den Hof tragen, auftischen, was ein jeder erübrigen konnte, ein Gläschen Schnaps und Naschwerk, und in der Sonne sitzen. »Wir sind die Hamburger Hartmanns«, sagte Hermann dann. »Uns wirft kein Wind und kein Wetter über Bord.« An solchen Abenden war es schön, fand Josephine, Zusammenhalt herrschte, ein Rest vom Geborgensein der Kindheit. Aber ohne Felice war nichts schön. Sie konnte mit der Furcht nicht länger allein bleiben, sie musste mit jemandem sprechen.
Wo er seine Wohnung hatte, wusste sie längst. Sie wusste, wo sich sein Büro befand und in welchen Sälen im Nationalpalast er Verhandlungen bestritt. Während sie das alles herausgefunden hatte, hatte sie sich eingeredet, es sei um Felices willen ihre Pflicht, und dennoch hatte sie sich geschämt.
Am frühen Abend, ehe die Männer von der fruchtlosen Arbeit im Geschäft kamen, brach sie auf. Die geradlinige Allee, Paso de la Emperatriz, die sie einschlug, war neu erbaut. Der Habsburger Kaiser hatte sie nach dem Muster einer Pariser Prachtstraße anlegen lassen, um sein Schloss in Chapultepec mit der Innenstadt zu verbinden. Kleine Plätze unterbrachen die von eleganten Kutschen befahrene Strecke, an deren Rand Josephine einherging. Gern hätte sie verborgene Seitenwege benutzt, doch dazu war die Stadt ihr zu wenig vertraut. Das Haus, das sie anstrebte, lag bei der in wuchtigen Vulkanstein gebauten Iglesia de San Hipolito. Es war ein gestrecktes, geweißeltes Gebäude, in dem über einer Arkade mit Geschäften Wohnungen vermietet wurden.
Eine schöne Gegend, fand sie. Ein wenig versponnen und beschaulich, gediegen, ohne die Pracht, die Menschen in den Ruin trieb. Während sie im Schatten eines Pfeilers wartete, sah sie eine Frau mit ihrer Tochter vom Einkauf kommen, ins Gespräch vertieft und mit Körben am Arm, aus denen buntes Gemüse ragte. Von der anderen Seite kam ihnen ein Mann entgegen, und kaum entdeckten sie ihn, gerieten die Frauen ins Rennen. Die Familie vereinte sich, die Frauen zeigten Einkäufe vor, und der Mann nickte, lobte und lachte. Die Erregung, die die Stadt beherrschte, war auch hier spürbar, Gesprächsfetzen, die ihr zuflogen, kreisten um Politik, doch der Kreis der drei Menschen kündete von einem Frieden, der Krieg und Krisen überdauerte.
So hätte ich leben wollen! Als Josephine aufblickte, sah sie an dem Pfeiler schräg gegenüber eine Indio-Frau, die ebenfalls zu warten schien. Sie war klein und wirkte seltsam verwahrlost, obwohl ihre Kleidung sauber und von guter Qualität war. Ihr Alter ließ sich nicht schätzen. Mager wie ein Mädchen war sie, doch unter ihrem Tuch quoll Haar hervor, das schon ergraute.
Bildete sie es sich ein, oder starrte die Frau zu ihr herüber? Gleich darauf wurde sie von der Unbekannten abgelenkt, denn durch die Arkade kam der Mann, auf den sie gewartet hatte. Ihn zu sehen, obwohl sie vorbereitet war, versetzte ihrem Herzen einen Stich. Sie kannte niemanden, der so gerade ging, der so den Kopf erhoben hielt, wie um seine Welt im Blick zu behalten. Er mochte müde, besorgt oder traurig sein, aber für Josephine sah er stets aus wie ein Mann, der sich mit inniger Liebe seines Lebens freute.
Sie wollte hinter dem Pfeiler hervortreten, doch die fremde Frau kam ihr zuvor. Als sie dem Mann in den Weg sprang, erkannte Josephine, dass sie sie schon gesehen hatte, in der Nacht von Felix’ Hochzeit, in Martina von Schweinitz’ Garten. Die Frau packte Ben am Revers, er beugte sich zu ihr und sprach ein paar Worte. Sie fauchte zurück. Kurz entschlossen fasste er sie um die Schultern und zog sie unter der Arkade hervor in Richtung Straße. Josephine blieb nur zu hoffen, dass er wiederkam.
Irgendwann vernahm sie seine Stimme hinter sich. »Wollten Sie zu mir, Josephine? Es tut mir leid, dass Sie warten mussten.«
»Woher wissen Sie …«, stammelte Josephine.
Er lächelte. »Ich habe Sie vorhin gesehen. Aber ehe ich Sie begrüßen konnte, kam mir meine Bekannte dazwischen.«
»Ich wollte nicht stören.«
»Sie stören nicht.«
Mit Nachdruck behauptete sie: »Ich komme wegen Felice.«
»Das trifft sich gut. Ich habe mich oft gefragt, wie es ihr geht.«
»Schlecht!«, rief Josephine. »Sie müssen mir helfen.« Erleichtert atmete sie auf. Sie hatte es ausgesprochen. Sie war nicht mehr allein.
»Wenn ich kann«, entgegnete er. »Aber sagen Sie, hätten Sie etwas dagegen, mit mir essen zu gehen? Ich weiß, es gehört sich nicht, darüber zu sprechen, doch mir hängt der Magen zu tief, um zu denken.«
Bei seinen Worten bemerkte sie, dass ihr selbst übel vor Hunger war. Sie hatte den Tag über noch nichts gegessen.
»Danke«, sagte er auf ihr Nicken und bot ihr seinen Arm. »Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir in eine Hosteria hinter der Kirche. Unterwegs erzählen Sie mir von Felice, ja?«
Als sie nicht wagte, seinen Arm zu nehmen, zuckte er mit einer Schulter, bat um Verzeihung und ging voraus. Josephine eilte hinterher, wollte etwas sagen, um die Kränkung zu mildern, begriff aber, dass jedes Wort sie verschlimmert hätte. Außerdem fiel ihr ein, dass sie keinen Centavo besaß. Durfte sie von ihm erwarten, dass er für sie bezahlte? Warum nur hatte sie ihr Leben in einem Kokon verbracht und nie gelernt, wie Menschen miteinander umgingen? »Ben«, rief sie, weil sie sich sonst keinen Rat wusste. »Bitte seien Sie nicht zornig auf mich. Ich war noch nie mit einem Herrn aus, und ich esse nie in Restaurants.«
Er wandte sich um und sandte ihr sein Lächeln, das die Last auf ihrem Herzen schmolz. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich bitte Sie. Ich gehe nicht als Herr durch und das Restaurant kaum als Restaurant. Aber das Essen ist gut.«
Das Restaurant hieß El Mirador, und wenn es nicht als Restaurant durchging, dann konnten Josephine Restaurants wie Herren gestohlen bleiben. Es lag von der Straße zurückgesetzt hinter Tor und Garten und war ein winziger funkelnder Saal, Damast und Kandelaber in einer Muschelschale. Der Wein, den er bestellte, war sämig und dunkel wie Blut. »Schmeckt er Ihnen?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf und trank mehr, dann erwiderte sie: »Ich glaube, er soll gar nicht schmecken. Ich mag ihn.«
Von den Speisen auf der Karte vermochte sie nicht einmal die Namen zu lesen. Sie bat um das, was er auch aß, aber er lachte und sagte, er esse knochenweißen Tintenfisch in tintenschwarzer Soße, das dürfe er ihr nicht zumuten. Also ließ sie ihn entscheiden und bekam ein Gemälde von Gericht serviert – laubgrüne Chilischoten, gefüllt mit rosigem Fleisch und leuchtenden Früchten, übergossen mit Rahm und Walnüssen und roten Kernen von Granatäpfeln. »Das ist zu schön, um es zu essen«, rief sie aus.
»Schön ist, dass Sie das sagen«, erwiderte er mit einem Anflug von Stolz. »Es sind Mexikos Farben. Aber essen müssen Sie es trotzdem.«
Eine kleine Ewigkeit lang war das Leben leicht. Es war behutsames Reden und befreiendes Lachen, genussvolles Essen und Wein, der mit jedem Schluck an Süße gewann. In Bens Augen glänzte der Schein der Kerzen, sie waren ruhig auf sie gerichtet, aber das, was darin glühte, war nicht ruhig. Sooft er die Lider senkte, warfen die Kränze der Wimpern Schatten auf seine Wangen, und Josephine ertappte sich bei dem Wunsch, ihn an ebendieser Stelle zu berühren.
»Erzählen Sie mir von Felice«, sagte er, als der Kellner die Teller abgeräumt und den Weinkrug nachgefüllt hatte. Josephine erschrak. Wie konnte sie sich den Bauch vollschlagen und die Not ihrer Tochter vergessen? In wenigen Sätzen sprudelte alles aus ihr heraus. »Ich habe Angst, dass sie verhungert«, schloss sie. »Bitte sagen Sie nicht, sie wird schon wieder essen, denn das sagen Hermann und Stefan, und ihr Gerede ertrage ich nicht mehr.«
»Ich habe es leichter als Hermann und Stefan«, bemerkte er. »Mir erklären Sie wenigstens, was ich nicht sagen darf.«
»So war es nicht gemeint. Sagen Sie, was Sie denken.«
»Ich würde auch nicht essen wollen«, erklärte er, »wenn mich jemand mit dem Stock schlägt. Ich würde mir wünschen, dass mein Körper stark genug wäre, durchzuhalten, denn was bliebe mir sonst, um zurückzuschlagen? Ich war nie so stark. Aber Felice ist es.«
Seine Rechte lag auf der Tischplatte, und ehe sie sich’s versah, hatte sie die ihre darübergelegt. »Was soll ich denn tun?«
Er hob eine Braue. »Ich würde mich entschuldigen.«
»Aber der Hermann …«
»Der Hermann ist nicht Felices Mutter. Sie sind es, die sie enttäuscht hat. Bitte schließen Sie die Tür auf und sagen ihr, dass es Ihnen leidtut. Wird Ihnen nicht übel bei dem Gedanken an das, was sie in dieser Kammer aussteht?«
Doch, dachte Josephine und zog ihre Hand zurück. »Haben Sie vielleicht Kinder?«, fuhr sie ihn an. »Haben Sie je allein ein Kind beschützen müssen in einer Welt, die Sie selbst nicht begreifen? Andere anzuklagen, ohne selbst mit anzupacken, ist so leicht – aber wissen Sie überhaupt, was Sie an meiner Stelle täten?« Erschrocken hielt sie inne. Was fiel ihr ein, diesen Mann zu beschimpfen, der ihr nichts als Freundlichkeit erwiesen hatte und der schließlich nicht verpflichtet war, sich um ihre Probleme zu scheren? »Es tut mir leid«, murmelte sie.
Er schüttelte den Kopf. »Sie haben recht«, sagte er. »Und wenn Sie wollen, packe ich mit an. Ich kann nur leider nicht in Ihr Haus spazieren und durch die Tür auf Felice einschwatzen. Lassen Sie sie gehen. Ich bin in den nächsten Tagen nicht in der Stadt, doch sobald ich wiederkomme, rede ich mit ihr.«
Der Wein war schuld. Sie kannte sich nicht mehr. Statt ihm zu danken, rief sie: »Reden genügt nicht. Wenn niemand mir hilft, auf sie zu achten, muss ich es den Hermann tun lassen, denn als Frau bin ich nicht in der Lage dazu.«
Betroffen sah er sie an und schwieg. Es war dieser Moment, in dem sie begriff, dass sie ihn liebte. Nicht nur, weil er stillhielt und sich für Dinge ausschelten ließ, die andere Männer ihr getan hatten. Nicht nur, weil er ihr billige Formeln ersparte und nicht tat, als liege eine Lösung auf der Hand.
»Sie haben einen feinen Menschen erzogen«, sagte er. »Wir sollten Ihnen applaudieren, nicht uns aufplustern und Ihnen törichte Ratschläge geben. Können Sie mir trotzdem einen Gefallen tun?«
Josephine nickte.
»Bitte erlauben Sie niemandem mehr, Felice zu schlagen und einzusperren. Ich weiß, ich habe leicht reden, und wenn Sie mich gleich fragen, ob ich die Verantwortung trage, verkrieche ich mich unter dem Tisch. Ich fürchte aber, Sie haben dennoch keine Wahl. Vertrauen Sie Ihrem Kind, Josephine.«
Tränen stiegen ihr in die Augen und erschwerten das Sprechen. Hinter der Kerzenflamme verschwamm sein schönes Gesicht. »Es ist nicht Felice, der ich nicht vertraue«, brachte sie hervor. »Es ist dieses Land. Die Fremde, die wir nicht begreifen.«
»Wissen Sie, was ich gern täte, wenn kein Krieg wäre?«, sagte er, und seine Stimme klang zärtlich und traurig zugleich. »Ich nähme Sie mit auf eine Reise nach Querétaro, wo meine Familie wohnt. Ich hätte so gern, dass Sie die Orangenhaine sehen und die endlosen Agavenfelder, die Adler, die über der Stille moosbewachsener Ruinen kreisen, und die Gipfel, die sich wie Sagenstädte aus Meeren von Nebeln schälen. Ich hätte so gern, dass sie dieses Land einmal Mexiko nennen, nicht die Fremde, und dass es Sie lächeln macht, nicht beben. Felice ist die dritte Generation. Lassen Sie doch nicht die dritte Generation Angst vor Mexiko haben. Sie haben immer nur die gefiederte Schlange gesehen, die rasend vor Rachsucht auf Menschen niederfährt. Erlauben Sie Ihrer Tochter, den jungen Quetzalcoatl zu sehen, der seinen Geschöpfen Amarant und Pulque schenkt, damit sie prassen und tanzen.« Sie konnte den Blick nicht von seinen Augen lösen. Verlegen lachte er. »Bitte entschuldigen Sie. Der Wein ist schuld, der setzt in mir einen fürchterlichen Hang zu Geschwafel frei.«
Sie hätte ihm gern gesagt, dass sie das, was er Geschwafel nannte, wunderschön fand und dass sich noch nie ein Mann die Mühe gemacht hatte, so mit ihr zu sprechen. Stattdessen fragte sie: »Trinken Sie Pulque lieber als Wein?«
»Nein«, antwortete er.
»Warum nicht?«
»Das möchte ich nicht sagen.«
»Bitte sagen Sie’s.«
»Weil mein Vater jahrelang davon gelebt hat, aus den Agaven für den Pulque Würmer zu sammeln. Er bekam kein Geld dafür. Er bekam die Würmer. Ich mag nichts trinken und dabei an meinen Vater denken, der Würmer isst.«
»Es tut mir leid«, murmelte Josephine.
»Das braucht es nicht. Pulque ist eine Gottesgabe, vom Würmeressen stirbt man nicht, und irgendwann werden auch wir noch lernen, wie man Wein macht.« Geschmeidig erhob er sich und trat vor sie hin. »Kommen Sie. Wir suchen Ihnen einen Wagen, der Sie nach Hause zu Ihrer Tochter bringt.«
Draußen war die Nacht hereingebrochen, die jetzt im Herbst früh kam, und die belebte Einkaufsstraße hatte sich geleert. Sie lehnte sich an ihn, ließ sich von ihm führen. Die Wirkung des Weins schien sich im Freien zu verdoppeln, versetzte sie in einen Taumel, von dem sie nur eines wünschte – dass er nicht verstrich. Lass mich jetzt nicht allein. Wohin du gehst, nimm mich mit.
»Eines noch«, sagte er. »Warum erlauben Sie nicht Katharina, Ihnen zu helfen? Sie wissen, wie sehr Felice Katharina liebt.«
Es war seine Art, Katharina zu sagen, die den seligen Taumel zerschlug. Josephine blieb stehen. »Von Katharina will ich nicht sprechen«, entgegnete sie. »Sie hat die Familie verlassen, nicht einmal ihre kranke Mutter kümmert sie. Mit mir und meiner Tochter hat sie nichts mehr zu tun.«
Er blieb ebenfalls stehen und sah sie herausfordernd an. »Finden Sie nicht, Ihre Familie sei Katharina etwas schuldig? Die Wahrheit über ihre Herkunft? Vielleicht käme sie ja gern in Ihren Kreis zurück, wenn man sie wissen ließe, wer sie dort eigentlich ist.«
»Aber mein Vater hat ihr doch die Wahrheit gesagt!«, fuhr Josephine auf. »Sie ist seine Tochter so wie ich. Nach allem hat sie mir auch noch meinen Vater gestohlen.«
»Nein zu beidem«, sagte er ruhig. »Katharina hat Ihnen nicht Ihren Vater gestohlen. Und seine Tochter ist sie auch nicht.«
»Was wissen denn Sie?«, platzte sie heraus.
»Manches, das ich in Ihren Augen wohl nicht wissen sollte. Doch so irrwitzig es klingt, es betraf mich auch.«
»Warum? Weil Sie noch immer glauben, Sie könnten Katharina haben?« Es durfte nicht sein. Über die nächtliche Straße hallte ihr Hohn und traf sie, nicht ihn. Zum ersten Mal wünschte sie sich Katharina aus ihrem Leben fort. Sie würde mit Hermann sprechen, mit Torben und Friedrich, sie würde ihnen erzählen, dass Katharina mit einem katholischen Gardeoffizier die Ehre der Familie verletzte.
»Ich möchte, dass wir jetzt schlafen gehen, Josephine«, schnitt seine Stimme durch die Nacht. »Wir haben zu viel getrunken. Wir reden dummes Zeug.«
»Ich nicht!«, schrie sie und hielt sich an ihm fest. »Warum sagen Sie nicht Katharina die Wahrheit, wenn Sie sie so genau kennen?«
»Weil ich es versprochen habe. Weil es nicht mein Recht ist.«
In ihren Fingern fühlte sie den festen Stoff seines Rocks, und als sie losließ und ihm die Hände auf die Brust legte, spürte sie den Muskel und das Herz. Sie hatte von Männern nie etwas erfahren als Gleichgültigkeit und Gewalt. Sie wünschte sich mit all ihrer Kraft, diesen Mann in die Arme zu schließen und ihn auf die Lippen zu küssen, sie, Josephine, die ihr eigenes Kind nicht küsste. »Warum schert dich Katharina?«, flüsterte sie.
»Wie bitte?«
»Katharina – liebst du sie?«
Er lachte so leise, wie sie geflüstert hatte. »Ich glaube nicht, dass das etwas zur Sache tut. Und ich möchte jetzt gehen.«
»Nein!«, rief sie und tat es. Schlang ihm die Arme um den Hals, reckte sich und küsste ihn.
Er hatte sich so schnell befreit, dass sie nach Luft schnappte. »Nein, Jo«, sagte er. »Seien wir nicht dumm. Manche Nächte haben das an sich, dass man sich allein unter einem leeren Himmel fühlt und sicher ist, man müsse sich dem nächsten Menschen in die Arme werfen. Aber so etwas wird nur Männern, nicht Frauen leichtgemacht, und ich möchte nicht, dass Sie mich morgen hassen.«
»Ich hasse dich nicht.« Wieder schloss sie die Arme um ihn und grub die Hände in seine Schultern. »Vergiss Katharina. Sie braucht dich nicht und ist für dich nicht bestimmt. Ich dagegen bin ein gefallenes Mädchen, wen ich heirate, würde niemanden kümmern. Wenn es aber sein müsste, gäbe ich meine Familie für dich auf.«
Erneut befreite er sich mit einer Bewegung, die kaum Kraft zu kosten schien und doch jede Gegenwehr sinnlos machte. »Ich suche Ihnen jetzt einen Mietwagen.«
Sie packte seinen Arm, aber er entzog sich. »Du kannst doch nicht Katharina anhängen«, schrie sie. »Sie hat dich weggeworfen, begreifst du das nicht? Mit ihrem strahlenden Gardisten tanzt sie durchs Kaiserschloss – was, glaubst du, will sie da noch von dir?«
»Nichts«, erwiderte er kalt.
»Und du hechelst ihr hinterdrein, du, ein Mann, der sich aus eigener Kraft etwas aufgebaut hat und keinen Grund mehr hat, sich vor ihr kleinzumachen. Hast du keinen Stolz?«
Silbern klang sein Lachen durch die Nacht. »Jeder Mann hat Grund, sich vor einer Frau kleinzumachen, Josephine. Ich wünsche Ihnen einen Mann, der Ihnen das beweist.«
Er wollte einem Mietkutscher winken, der seinen Zweisitzer langsam durch die stille Straße lenkte, aber Josephine packte noch einmal seinen Arm. »Das alles ist doch ein halbes Leben her, wie kann es denn immer noch zählen? Du darfst dich nicht so erniedrigen, Ben. Du darfst keine Frau lieben, die dich nicht will!«
»Doch«, sagte er und befreite sich erneut. »Ich darf lieben, wen ich will, mein halbes oder mein ganzes Leben lang. Das ist mein Stolz, und kein Mensch kann es mir verbieten, weder Sie noch Ihr Hermann, nicht einmal Katharina-Lutenburg-bekommt-alles-was-sie-will.«
Es war eine Liebeserklärung. Grell wie die Sterne stand sie am schwarzen Himmel und verhöhnte sie.
»Gute Nacht, Josephine«, sagte er. »Lassen Sie mich bitte wissen, wenn ich mit Felice sprechen soll.« In drei Sätzen rannte er dem Wagen hinterher, sprang wie ein Straßenräuber aufs Trittbrett und hieß den Kutscher, anzuhalten. Der Wagen wendete, das müde Pferd trottete auf sie zu. Ben sprang ab und hob sie nach oben. Ich rede mit dem Hermann, war ihr letzter Gedanke, gleich wenn ich daheim bin, rede ich mit dem Hermann. Dann brach sie in den Polstern der Kutsche zusammen.