52
»Ich bin Protestant. Wie kann ich Pate eines katholischen Kindes werden?«, hatte Stefan protestiert.
»Kratzt dich das wirklich?«, hatte Felix zurückgefragt. »Ich bin so wenig katholisch wie du, und wenn du Martina fragst, erzählt sie dir womöglich, sie würde zu Quetzalcoatl beten. Wir sind in Mexiko – und im Krieg obendrein. Kein Mensch fragt dich nach deinem Bekenntnis, so wie kein Mensch sich darüber aufregt, dass wir den kleinen Burschen erst Monate nach der Geburt taufen lassen.«
»Aber ich bin unfähig!«, hatte er ausgerufen. »Warum suchst du dir keinen Paten für deinen Sohn, der dazu taugt?«
Felix hatte zu grinsen aufgehört. »Du bist der einzige Verwandte, der mit mir verkehrt«, sagte er. »Mir hätte es gefallen, dich als Paten für meinen Sohn zu haben, aber wenn du das nicht möchtest, weil du Angst hast, Tante Traude stehe kochlöffelschwingend aus dem Grab auf, dann sag’s mir, und die Sache ist erledigt. Nur hör auf, dir Ausreden auszudenken.«
Es war keine Ausrede gewesen. Hätte er selbst einen Sohn gehabt, so wäre ein Schwächling wie er der Letzte gewesen, dem er die Patenschaft übertragen hätte. Als er jedoch begriff, dass es Felix ernst war, hatte ihn Freude gepackt. Er hatte keinen Sohn und würde auch keinen mehr bekommen. Aber er hatte einen Patensohn – Tomás Stefan Benito Hartmann, braun und glutäugig wie ein winziger Aztekenprinz, ein Kind der dritten Generation. Dass ein solches Geschöpf zur Welt kam, mitten im Krieg, bejubelt und geliebt, war ein Wunder. Es machte etwas im Leben heil.
Die Taufe fand an einem glutheißen Junimorgen in einer Kapelle hinter dem Palais statt, und der Täufling war kein zerbrechliches Neugeborenes, sondern ein vor Gesundheit strotzender Prachtkerl, der die Zeremonie hindurch aus vollen Lungen brüllte. Hinterher gab es eine Feier im Palais, nur einen kleinen Umtrunk, denn es herrschte immerhin Krieg. Martina, Felix und ihre Freunde mussten vorsichtig sein, auch wenn zunehmend Chaos in der Stadt herrschte und die Regierung nicht mehr in der Lage schien, Verdächtige zu überprüfen.
Stefan hatte vorgehabt, nach der Messe nach Hause zu gehen. Als sie ins Freie traten, schwärzte sich der leuchtende Himmel, platzte auf und ergoss sich über die festlich gekleideten Gäste. Die wenigen Schritte zum Palais wollten sie zu Fuß gehen, und Martina hakte sich bei ihm ein und zog ihn mit. »Du kommst mit, oder ich lasse die Feier platzen«, drohte sie. »Und dann erzähle ich Tomás die nächsten zwanzig Jahre lang, wer schuld daran ist.«
Martina hatte zweifellos ihre Schwächen, aber sie gab Menschen wie keine andere das Gefühl, erwünscht zu sein. Kein Wunder, dass Felice in ihrem Haus aufblühte. Das junge Mädchen im zartblauen Kleid war kaum wiederzuerkennen. Hermann hatte wie von Sinnen gewütet, als Josephine ihrer Tochter den Auszug gestattet hatte. Noch immer schwor er, als gesetzlicher Vormund werde er die Rückgabe des Mädchens einklagen, sobald Geld dazu da sei, sobald wieder Ordnung herrsche und die Behörden am Schicksal eines bedrohten deutschen Mädchens Interesse zeigten. »Ihre Herkunft ist schon ein Schandfleck«, hatte er sich empört. »Soll der bedauernswerte Wurm noch tiefer in den Abgrund stürzen?«
Stefan sah Felice zwischen Claudius von Schweinitz und seiner Frau durch den Regen laufen und hörte sie lachen. Vielleicht zum ersten Mal seit ihrer Geburt erschien sie ihm nicht bedauernswert.
Martina drückte seinen Arm. »Woran denkst du, Schwiegervetter?«, rief sie durch das Geprassel des Regens. »Nicht an Dämonen, die dich verfolgen, ich bitte dich! Tu mir die Liebe, denk ausnahmsweise einmal an ein schönes Mädchen.«
»Das tue ich!«, erwiderte Stefan ehrlich.
»Nicht an sie, hoffe ich!«
Nein, dachte Stefan, nicht an Kathi, deren Name selbst hier zum verbotenen Wort geworden ist. Er konnte es Martina nicht verdenken, er war selbst so entsetzt, als hätte er Kathi nie gekannt. Dennoch tat es ihm weh. »Ich denke an Felice«, sagte er. »Danke, dass sie bei euch sein darf. Man sieht ihr an, dass ihr großartig für sie sorgt.«
»Sie sorgt für sich selbst«, erwiderte Martina. »Eine so feine, süße Tochter will ich zu meinem wilden Buben auch haben – am besten gleich fünf davon!«
Felix drehte sich um und zog eine Grimasse, und hinter ihnen perlte Gelächter auf.
Im Windfang des Palais, wo sich alle schüttelten wie nasse Hunde, wagte er zu fragen: »Señor Alvarez kommt wohl nicht?«
Martina zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nur: Wenn er nicht kommt, dann war es beim besten Willen nicht möglich.«
Büfett und Bar waren im kleinen Saal aufgebaut, den Felix inzwischen fast vollständig ausgemalt hatte. Zum Bild des Quetzalcoatl, der sich dem Maul der Schlange entwand, und der Josefa Ortiz, die Männer an ihren Zöpfen in die Höhe zog, hatte sich eine der weißgekleideten Malinche gesellt, die an der einen Hand eine Reihe dunkelhäutiger Mexica-Kinder hielt und mit der anderen Cortez und seine Mannen vom Schiff herunterwinkte. Über das letzte Bild schleppte sich ein Maultiergespann, unter dessen Hufen Paläste in Stücke brachen. Den Gestalten, die sich auf dem Karren drängten, fehlten noch die Köpfe. Lediglich zwei von ihnen hatten Gesichter – sie gehörten Felix und Martina.
Der Raum war zu klein für die Scharen der Feiernden, aber vielleicht war das an diesem Tag gerade recht. Der Regen toste gegen die Scheiben, die Menschen standen dicht gedrängt, und das Gemurmel ihrer Gespräche umhüllte sie wie Rauchschwaden.
Stefan stand allein an der Tür, als Benito Alvarez kam. Er stürmte die Treppe hinauf, tadellos gekleidet und dennoch so, wie nach einem Galopp aus dem Sattel gesprungen, das schwarze Haar nass vom Regen, unter dem Arm ein Steckenpferd. Aufatmend zog Stefan sich zwischen Menschengruppen zurück. Was hatte er erwartet? Dass der Mann am Stock ging? Martina stürzte auf ihn zu, und eine Traube folgte. Benito Alvarez lachte, bedachte nach links und rechts Gäste mit Grüßen und bahnte sich seinen Weg zu Micaela von Schweinitz, die den schlafenden Tomás in den Armen hielt. Tief beugte er sich über das Gesicht des Kindes und hielt inne.
Um ihn herum verstummten die Gespräche. Irgendwann bemerkte die Baronin mit einem Schmunzeln: »Wie es aussieht, nimmt mein Enkel mir den Wind aus den Segeln. Die am heißesten ersehnten Gäste wünschen mir nicht einmal guten Tag.«
Benito Alvarez hob den Kopf und sandte ihr ein verlegenes Lächeln, als wäre sie ein junges Mädchen und er ein linkischer Verehrer. »Das ist nicht nett von Ihnen«, sagte er. »Wie soll ein armer Mann sich zwischen so viel Zauber entscheiden?«
Sie lachte, nahm das Kind auf einen Arm und versetzte seiner Wange einen Klaps. »Sie sind kein armer Mann, sondern ein schlimmer. Wir haben Sie furchtbar vermisst. Wie steht es um das freie Mexiko?«
»Das zu verkünden überlasse ich lieber Ihrer Tochter. Sie erwürgt mich sonst.«
Martina war Felix auf die Schultern gestiegen und winkte mit einem rot-weiß-grünen Tuch. »He, Muchacho«, rief Felix hinüber zu Benito. »Wir haben unserem Stammhalter deinen Namen gegeben, auch wenn du’s ans Taufbecken nicht geschafft hast. Durften wir?«
»Wieso meinen?«, rief Benito zurück. »Gebt ihm den Namen von Mexikos Präsidenten! Und jetzt lass deiner Frau das Wort.«
»Unser Präsident Benito Juárez«, rief Martina über die Köpfe hinweg, »ist in Chihuahua einmarschiert! Es lebe die freie Republik Mexiko!«
Musik setzte ein. Im Jubel klangen alle Stimmen wie eine. Der kleine Tomás erwachte, hob an zu brüllen, und einer der Gäste johlte: »Dios mio, Felix – dein Sohn ist ein Kaisertreuer!«
»Was für ein Unsinn.« Benito nahm der Baronin das Kind ab und begann mit ihm zu tanzen. »Er versucht Chihuahua auszusprechen, sonst nichts.«
Er ist wie immer, dachte Stefan, auch wenn das nicht ganz stimmte. Er sah schlecht aus. Mager und hohlwangig, an den Schläfen im Schwarz ein verräterisches Schimmern. Dennoch sprühend vor Wärme und Sinnlichkeit. Wie machte ein Mensch das, sich vom Leben so sehr berühren und so wenig brechen zu lassen? Der Saal tanzte, schwenkte Fahnen, flirtete, rieb in der Enge Schultern und Hüften. Irgendwann ertrug Stefan das Gefühl, ausgesperrt zu sein, nicht länger und floh auf den Dachgarten. Es hatte zu regnen aufgehört. Rotviolett zog der Abend herauf, und die Luft schmeckte wie Wasser mit Eis und Spritzern von Limonensaft.
Er blickte über die Stadt. Von oben, ummauert von Bergen und bewacht von den mahnenden Vulkanen, wirkte sie immer friedlich. Dennoch glaubte er ihr Brodeln zu spüren. Würden die Franzosen wirklich abziehen? Würde Juárez bis hierher vorstoßen? Stefan wusste es nicht, und noch weniger wusste er, was all das zur Folge hätte. Er lebte hier, er unterrichtete Jungen, die hier leben würden – warum gelang es ihm nicht, sich als Teil der Stadt zu fühlen? Ich war immer einer, der außen vor stand. Am Rand des Festes. Ein freundlicher Zuschauer, der niemanden stört.
»Guten Abend«, sagte Benito Alvarez.
Stefan drehte sich um.
»Martina war der Meinung, Sie wären vor mir geflüchtet. Also komme ich Ihnen hinterher.«
»So ist es nicht«, sagte Stefan hastig. Dann verbesserte er sich. »Doch, es ist so. Ich bin froh zu sehen, dass es Ihnen gutgeht. Aber um ehrlich zu sein – ich kann nicht in Ihrer Nähe stehen, ohne mich zu schämen.«
»Das kann nicht sehr angenehm für Sie sein«, bemerkte Benito Alvarez. »Für mich allerdings auch nicht.«
»Es ist so schwer, Sie zu ertragen«, brach es unversehens aus Stefan heraus. »Sie sind bald vierzig, oder? Sie haben eine öffentliche Auspeitschung hinter sich, eine herbe Verletzung der Würde. Einen gewöhnlichen Sterblichen würde das niederstrecken, aber Sie sind ja aus Eisen, nicht wahr? Kaum ist das Blut getrocknet, reiten Sie schon wieder in Ihren Krieg, gewinnen in irgendwelchen Wüsten, von denen ich noch nie gehört habe, Schlachten, überbringen Triumphnachrichten, sprengen Brücken, und zwischendurch tauchen Sie frisch rasiert und strahlend wie Gottes Geschenk an die Frauen auf Martinas Partys auf. Wie soll ein Mann davon nicht beschämt sein? Neben Ihnen komme ich mir vor wie ein mieser kolonialistischer Landräuber. Und Sie sind der edle Aztekenkönig Moctezuma, blendend schön und tapfer entschlossen, für sein Land zu sterben.« Er schlug sich die Hand vor den Mund. Es nützte nichts. Die Worte bekam er nicht in seine Kehle zurückgedrängt.
»Aztekenkönige waren auch Landräuber.« Benito Alvarez ging zum Tisch und zog einen Stuhl zurück. »Darf ich mich setzen?«
»Das ist nicht mein Haus.«
Er schob den Stuhl wieder vor den Tisch und wandte sich zum Gehen.
»Bitte bleiben Sie«, rief Stefan. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist – es ist dieses ständige Leben im Ausnahmezustand, das in meiner Familie herrscht. Als wären wir alle gespannte Sehnen, von denen abwechselnd eine reißt.«
»Das kenne ich«, erwiderte Benito Alvarez, ging zum Tisch zurück und setzte sich. »Bei der kämpfenden Truppe gibt man den Sehnen idiotischerweise noch geladene Waffen.«
Ihre Blicke trafen sich. Zögerlich setzte Stefan sich ebenfalls. »Es tut mir leid.«
»Ach, es nützt doch nichts, dass einem ständig alles leidtut. Irgendwen muss man auch einmal ungestraft beleidigen dürfen, sonst stirbt man ja an Verstopfung.«
»Señor Alvarez …«
»Das letzte Mal hatten Sie mir Ihren Vornamen angeboten.«
»Aber ich kann Sie nicht beim Vornamen nennen!«, rief er schon wieder zu heftig und zu laut. »Sie sind mir zu überlebensgroß dazu.«
Ins Schweigen sandte die Stadt ihre Nachtgeräusche, das Zirpen, Sirren und Säuseln, das Locken und Verführen. »Nein, ich bin nicht aus Eisen«, sagte Benito Alvarez. »Ich bin müde. Von Michoacán bis hierher bin ich durch brennende Dörfer geritten, von denen ich nicht weiß, ob die Gegner oder wir sie in Brand gesetzt haben. Ich habe Angst um meine Familie in Querétaro, ich habe Angst, dass keine der beiden Seiten am Ende noch Kraft haben wird, um das Land wieder aufzubauen, und ich liebe eine Frau, die mich nicht will. Wenn es hilft, kann ich Ihnen auch noch von meinen Rückenschmerzen erzählen. Oder von meinem Magenleiden, über das meine Einheit sich bestens amüsiert.«
»Und wie machen Sie das?«, konnte Stefan sich nicht hindern zu fragen. »Hier hereinzuspazieren, als würden Sie das Leben um den kleinen Finger wickeln?«
»Ich habe ja Zeit«, antwortete er. »Während ich als einsamer Recke durch Kakteenwüsten reite, trainiere ich mein Grinsen. Irgendwann sitzt es fest.«
»Aber bei Ihnen wirkt es so echt!«
»Es ist echt. Sobald mir einer von diesen wundervollen Menschen entgegenprescht und mich mit seiner Liebenswürdigkeit überhäuft, ist alles Training für die Katz. Jedes Mal, wenn Martina mir die Pistole auf die Brust setzt und mich zwingt, durch halb Mexiko zu ihren Partys zu reiten, denke ich: Heilige Mutter von Guadelupe, erlöse mich von der Tyrannei dieser Partys. Und jedes Mal hinterher denke ich: Heilige Mutter, hab Dank für solchen Segen. Dann frage ich mich, wie die Leute durchhalten, die keine Martina samt ihren Partys haben.«
Stefan musste lachen. »Sie haben recht. Das Gewimmel in diesem komischen Haus wärmt von innen. Was ich vorhin gesagt habe, tut mir leid, Benito. Es tut mir von Herzen leid.«
Ein Lächeln flog über das dunkle Gesicht. »Das genügt mir nicht. Ich will, dass Sie mir helfen.«
»Wie soll denn ich Ihnen helfen können?«
»Katharina«, erwiderte Benito, diesmal ohne zu lächeln. »Ich muss heute Nacht zurück und meine Einheit in Marsch setzen. Wir werden der regulären Armee zugeführt, und ich weiß nicht, ob ich noch einmal wiederkommen kann, ehe der Krieg zu Ende ist. Sie müssen mir schreiben, wie es Katharina geht. Geben Sie den Brief Martina, sie findet einen Weg, ihn zu bestellen. Und schreiben Sie Katharina. Lassen Sie sie wissen, dass Sie zur Stelle sind, wenn sie Hilfe braucht, dass sie im Notfall bei ihrer Familie in Sicherheit ist und dass sie Ihnen fehlt.«
Erst jetzt wurde Stefan bewusst, was sein Gegenüber vorhin gesagt hatte: Ich liebe eine Frau, die mich nicht will. »Sie sind verrückt!«, rief er. »Sie können doch nicht nach allem, was sie Ihnen angetan hat, noch immer Katharina lieben!«
»In der Tat!«, rief jemand, ehe Benito zu einer Antwort kam. Die beiden Männer fuhren herum und fanden sich Martina gegenüber, die mit einer Flasche in der Hand und Felix im Gefolge auf das Dach stürmte. »Verrückt ist überhaupt kein Ausdruck! Benutzt du deinen hübschen Kopf eigentlich manchmal zum Denken? Ich bin kein empfindsames Mädchen, aber selbst ich habe mir die Augen ausgeweint, als ich begreifen musste, wozu meine liebste Freundin fähig ist. Sie stand in schönstem Gleichmut neben ihrem Kaiserjünger und sah zu, wie dessen Folterknecht dir die Haut vom Rücken schälte. Hast du das vergessen, mein Bester? Bist du, sobald ich dich zusammengeflickt hatte, wieder losgerannt und hast ihr die Füße geküsst?«
Benito sprang auf. Sein ganzer Körper schien vor Zorn zu beben, und seinen Augen musste Stefan ausweichen. »Nicht ich bin verrückt, sondern ihr«, sagte er mit einer Stimme wie Stahl. »Hat einer von euch auch nur die geringste Ahnung von Katharina? Ich dachte, ihr seid ihre Freunde – und ihr seid allen Ernstes in der Lage, so von ihr zu denken?«
»Ja, was denn sonst, Muchacho?« Felix spreizte hilflos die Arme.
Benito schoss herum, als wollte er auf ihn losgehen. »Vielleicht hättet ihr mich fragen sollen, wenn ihr es nicht besser wisst. Ich war überzeugt, ihr kennt Katharina. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, dass ihr Erklärungen braucht.«
»Bist du so reizend, sie uns trotzdem zu geben?«
»Katharina hat mir das Leben gerettet«, sagte Benito. »Ich habe mich wie ein Idiot benommen und wäre um ein Haar dafür gehängt worden – und drei Mann durch meine Schuld gleich mit. Was ich Katharina eingebrockt habe, möchte ich lieber nicht wissen, vermutlich etwas, das länger brennt als hundert Peitschenhiebe. Sie hat Gruber dazu bewegt, das Urteil zu mildern. Und dafür ächtet ihr sie? Dafür lasst ihr sie völlig allein auf einem Pulverfass sitzen, das über Nacht in die Luft gehen kann? Braucht einer, der euch zu Freunden hat, eigentlich noch Feinde?«
Martina rannte mit der Flasche auf ihn zu und wollte sie ihm an die Lippen halten, er aber stieß sie beiseite. »Bleib mir vom Leib mit deinen Zaubertränken. Vielleicht wäre es ja ab und an von Nutzen, einen klaren Kopf zu bewahren.«
Es war das erste Mal, dass Stefan sah, wie dieser Mann die Beherrschung verlor, und am liebsten hätte er ihm Beifall geklatscht.
»Jetzt ist es genug, ja?«, sagte Martina. »Du hast uns den Marsch geblasen, und jetzt beruhigst du dich wieder, und wir überlegen, was wir tun können, bien?«
»Bien«, erwiderte Benito leise und senkte den Kopf.
Martina bot ihm noch einmal die Flasche an. Als er abwehrte, trank sie selbst und reichte sie an Felix weiter. »Wo wohnt denn Katharina jetzt?«, fragte sie. »Noch in Chapultepec? Willst du, dass wir da hinfahren?«
Benito schüttelte den Kopf. »Das würde ihre Lage womöglich verschlimmern. Schreibt ihr Briefe. Vielleicht könnte dein Vater sie einmal besuchen, wenn es möglich ist, und mit ihrer Familie sollte auch jemand sprechen. Gebt nicht auf, selbst wenn sie nicht antwortet. Lasst sie wissen, dass Gruber nicht der einzige Mensch ist, den sie auf der Welt besitzt.«
»Ich kann noch immer nicht fassen, dass sie dich besitzt«, sagte Martina. »Das ist doch alles hundert Jahre und tausend schöne Frauen lang her.«
»Mich braucht sie nicht«, entgegnete Benito. »Aber ihre Freunde braucht sie.«
»Sag’s mir trotzdem«, befahl sie. »Ich verspreche dir, wir schreiben Briefe ohne Ende, mein Vater kampiert in Kathis Garten, wenn du willst, aber du musst mir sagen, wie das möglich ist, wie ein Mann, der Herzen wie Streichbeine bricht, fünfzehn Jahre lang ein Mädchen lieben kann, das er zum letzten Mal geküsst hat, als er noch feucht hinter den Ohren war.«
»Ich muss dir gar nichts sagen«, widersetzte er sich. »Hör auf, mich zu erpressen, Martina. Um Katharina wirst du dich kümmern, weil du ihre Freundin bist.«
Sie seufzte tief auf. »Dann sagst du’s mir eben, weil du mein Freund bist. Und weil ich sterbe, wenn ich’s nicht erfahre! Also heraus mit der Sprache – warum?«
»Herrgott, weil es schön war, feucht hinter den Ohren zu sein. Weil sie mir das beigebracht hat: dass wir so verdorben und zynisch und unverwundbar, wie wir uns geben, gar nicht sind. Dass man die Welt sehr lieben muss, ehe man sich anmaßt, sie zu ändern. Dass mein blöder Stolz nichts zum Liebhaben ist, dass man, statt die Zähne zu fletschen, auch lachen kann, wenn man sich wie ein Idiot benimmt, und dass mein Schlangengott kleinlich ist, wenn er sich an uns rächt. Weil sie den größten Mund hat, den ich je bei einer Frau gesehen habe, und weil sie zwei Hälften hat wie der dreizehnte Himmel, wie das Götterpaar Ometeotl und wie mein verrücktes Land Mexiko. Weil sie vor Neugier birst und beim Reden sprudelt wie der Popocatepetl, weil die Weite in ihrem Kopf in keine kaiserliche Hutschachtel passt und weil jeder Mann gepeitscht gehört, der beim Wein die Geheimnisse einer anbetungswürdigen Frau ausschwatzt.«
Felix und Stefan tauschten einen Blick. Benito wandte sich ab, der Brüstung und der nächtlichen Stadt zu. Martina ging zu ihm und legte den Arm um seine Mitte. »Du hast ja gar keinen Wein getrunken«, sagte sie. »Weißt du was, mein Süßer? Und wenn du hundertmal aus dem finstersten Busch von Querétaro stammst, du gehörst in einen europäischen Ritterroman. Sobald meine Freundin Katharina zur Vernunft gekommen ist, muss ich sie fragen, was sie den Männern einflößt. Was ist mit dir, Stefan? Willst du nicht auch noch ein Hohelied der Liebe auf sie singen?«
Ja, ich will auch, dachte Stefan. Einmal nicht neidisch und bewundernd dabeistehen, sondern mir selbst ein Herz fassen. Er nahm Felix die Weinflasche ab und trank. »Nein«, sagte er. »Ich singe kein Lied auf Kathi. Ich wollte sie heiraten, weil sie mir näher steht als meine eigene Schwester – und weil ich endlich dazugehören wollte. So sein wie andere. Und ein Kind haben. Aber dazu hatte ich kein Recht. Sie und Kathi haben einander gutgetan, Benito – so sehr, dass man es heute noch spürt. Das ist die Art von Liebe, die jeder Mensch verdient, und ich hätte Kathi so nie lieben können. Ich gehöre auch in einen Ritterroman, denn ich liebe auch mein Leben lang denselben Menschen. Nur wird mir dafür niemand Beifall spenden. Ich kann keine Frauen lieben, nur Männer. Der Mann, der es mir gezeigt hat, mein Lehrer August Messerschmidt, hat sich deswegen getötet, und ich habe meinen Liebsten, George Temperley, übers Meer geschickt. Dennoch wollte ich es einmal aussprechen. Auch wenn euch jetzt vor mir graut und ihr nicht wollt, dass ich Tomás’ Pate bleibe.«
Sie würden ihn aus dem Haus jagen. Wie sich der schöne, vor Männlichkeit strotzende Aztekensohn vor ihm ekeln würde, konnte er sich lebhaft vorstellen, und doch fühlte sich jedes Wort, das er gesagt hatte, richtig an. In der Stille hörte er sein Herz schlagen und war zum ersten Mal zufrieden mit sich.
»Es lebe die freie Republik Mexiko«, sagte Martina. »Wie es aussieht, passt keiner von uns so richtig in eine kaiserliche Hutschachtel.«
Felix ließ seine Hand auf Stefans Schulter plumpsen. »Junge, Junge. Ein Zuckerschlecken kann das nicht gewesen sein, schon gar nicht bei Tante Traude.«
»Ich hätte es machen sollen wie du«, murmelte Stefan. »Die Familie verlassen. Um das, was ich wollte, kämpfen. Aber ich habe den Mut dazu nicht aufgebracht.«
»Den Mann, der mehr Mut aufbringt, müssen Sie mir erst einmal zeigen«, sagte Benito. »Wenn wir nicht so dringend Leute bräuchten, die für Mexiko am Leben bleiben, würde ich Sie bitten, sich meiner Einheit anzuschließen. Was ist mit dir los, Martina? Wäre es nicht an der Zeit, uns irgendein Gift aus deinem Alkoholschrank aufzudrängen?«
»Den Wein habe ich leer getrunken«, murmelte Stefan entschuldigend.
»Das hätte ich an Ihrer Stelle auch«, sagte Benito und ging mit Martina nach drinnen, um Champagner und Gläser zu holen. Sie tranken auf die Liebe, auf Tomás und auf Mexiko. »Was ist, Benito«, fragte Felix, »gewinnen wir den Krieg?«
»Nicht heute«, sagte Benito. »Und morgen auch nicht. Noch sind die Franzosen nicht außer Land, und Maximilian hat den Tiger Marquez zurückgeholt. Aber ja. Wenn wir durchhalten, gewinnen wir wohl den Krieg. Bis dahin bleibt halbwegs vernünftig und gebt acht auf Katharina.«
»Trinkst du noch eins?«
Benito schüttelte den Kopf. »Ich muss gehen. Bitte sendet mir Nachricht.«
»In welches Regiment kommst du?«, fragte Martina.
»Porfirio Diaz«, erwiderte er. »Ich wäre dir dankbar, wenn du nicht die ganze Welt davon in Kenntnis setzen könntest.«
»Nur die halbe.« Sie tauchte einen Finger in Champagner und zeichnete ihm ein Kreuz auf die Stirn. »Mögen die Götter dich behüten und dich uns wiederbringen, damit du dem Kaiserjünger den Hals durchschneiden kannst.«
»Mit der Machete, ja?« Er küsste sie auf den Kopf. »Und gegen wen kämpfe ich dann um Katharina? Gegen einen toten Gott?«
Sie umarmten einander alle. Stefan bestand darauf, mit hinunter zu den Stallungen zu gehen, wo Benito sein prächtiges Pferd hatte. »Ich verspreche, ich lasse Ihnen wegen Kathi Nachricht zukommen«, sagte er.
»Danke. Versuchen Sie auch Ihre Familie vorzubereiten. Es mag klug sein, für eine Weile die Stadt zu verlassen. Die Menschen sind erregt, sie sehen nicht hin, bevor sie zuschlagen.«
»Es ist unglaublich, dass Sie sich um meine Familie sorgen. Ein anderer würde ihr das Schlimmste an den Hals wünschen.«
»Finden Sie nicht, Sie haben mich jetzt auf genug Sockel gestellt?«, fragte Benito müde, während er den Sattelgurt festzog. »Können Sie mir nicht zur Abwechslung einmal sagen, ich sei ein netter Kerl?«
»Sie sind ein verdammt netter Kerl«, sagte Stefan.
»Sie auch. Es wird jetzt ein Kabel gelegt zwischen Europa und uns. Damit dauern Nachrichten nur noch ein paar Tage.« Er setzte einen Fuß in den Steigbügel und saß auf. »Wenn Sie Herrn Temperley schreiben, müssen Sie ihn von mir grüßen.«