10
Marthe hatte Kopfschmerzen, und sie hatte entsetzlich schlecht geschlafen. In den Nächten vor jenen Tagen schlief sie immer schlecht, doch obendrein war in dieser Nacht die Llorona um die Häuser der Siedlung gestrichen, zum ersten Mal seit Jettes Tod. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Marthe sich gegen den Glauben an die Weinende, die vor Schmerz um ihre Kinder den Mond anheulte, aus Leibeskräften gewehrt hatte. Aber die Jahre waren verstrichen, und das Geheul war geblieben, und Marthe hatte gegen so vieles zu kämpfen, dass ihr für diesen Kampf die Kraft fehlte.
Sie fragte sich nicht mehr, wer das unheimliche Geräusch verursachte, das sie aus dem Schlaf riss und mit rasendem Herzen wach hielt. Es zu hören, während zwei Häuser weiter ihr Vetter Fiete vor Kummer um sein Kind den Verstand verlor, verursachte ihr Gänsehaut. Neben ihr lag Peter und schlief. Wie meist hatte er bis spät in die Nacht über Arbeit gesessen und war, kaum dass er im Bett lag, eingeschlafen. Sein dichtes Haar auf dem Kissen war noch so haselnussbraun wie an dem Tag, an dem sie ihm zum ersten Mal begegnet war, nicht wie bei Christoph schon von verräterischem Grau durchzogen.
Der Wunsch, das Haar zu berühren, wurde übermächtig. Sie streckte die Hand aus, zog sie aber gleich darauf zurück. Es war entwürdigend, ihn zu berühren, da er es nie mehr tat, und zudem war das alles schon so lange her. Selbst wenn ihrer beider Haar noch braun war – sie würden kein Kind mehr bekommen.
Und das soll mir recht sein, dachte Marthe trotzig. Wir haben Katharina. Wenn eine andere dir hundert Kinder geschenkt hätte – ich habe dir eine Tochter geschenkt, wie du keine bessere findest. Bei diesem Gedanken fiel ihr wieder ein, dass morgen einer von jenen Tagen sein würde, in denen die Vergangenheit aufstand und ihr Recht forderte. In jedem Jahr kehrte der Tag wieder, so sicher wie Weihnachten, so unausweichlich wie der Tod. Sie drehte sich von Peter weg und lag wach, bis das Lärmen der Stadt einsetzte. Durch die Ritzen des Fensterladens kroch die Maisonne, und schwer wie Blei legte sich Hitze auf den Raum.
Marthe bat die Sanne, ihr einen mit Schokolade gemischten Kaffee zu brauen, der so stark war, dass der Löffel darin stand. Für gewöhnlich duldete sie in ihrer Küche keine mexikanischen Rezepte, aber dieses Gebräu schlug wie ein Hammer wach. Mit dem Kaffee im Blut und einem schmerzhaften Pochen an den Schläfen wartete sie, bis alle Bewohner aus dem Haus waren. Peter ging in seine Brauerei und Katharina zum Sprachunterricht bei einer schottischen Jungfer, den sie um jeden Preis hatte nehmen wollen. Die Lise begleitete sie, und die Sanne schickte Marthe zum Geflügelmarkt. Erst als in den Räumen Stille herrschte, wagte sie sich daran, das Päckchen zu packen. Die Gegenstände hatte sie das Jahr über im Schließfach ihres Sekretärs gesammelt, und den Brief hatte sie an den letzten Abenden aufgesetzt. Sie breitete alles auf einer Bahn Leinen aus, sah jedes Stück noch einmal an, schlug dann das Leinen zusammen und umwickelte es mit einem Strick.
Sie wollte das Päckchen eben verknoten, als es an der Tür klopfte. Erschrocken ließ sie den Strick fahren, und das Leinen faltete sich wieder auf. Marthe raffte alles zusammen, stopfte die unersetzlichen Dinge in den Besteckkasten, stülpte eine der Schutzhauben gegen Insekten darüber und eilte zur Tür. War Peter zurückgekommen, hatte er seinen Schlüssel vergessen? In all den Jahren hatten Alpträume ihr solche Szenen vorgegaukelt. Aber vor der Tür stand Traude, die Stirn gefurcht und die Hände in die Seiten gestemmt. »Ich dachte schon, du bist nicht daheim.«
»Da du es ansprichst, ich wollte gerade gehen«, erwiderte Marthe und wagte einen verrückten Herzschlag lang zu hoffen, die andere werde ihres Weges ziehen.
Traude aber dachte nicht daran. »Ich wollte etwas mit dir besprechen«, sagte sie und trat an Marthe vorbei ins Haus.
»Geht es um Geld?« Es musste ja um Geld gehen, denn keine der Verwandten, weder Traude noch Inga oder Dörte, wählte Marthe bei Herzensdingen als Vertraute. War sie ehrlich, so war das schon immer so gewesen. Selbst in der Heimat hatte sie nie zu den Mädchen gehört, die in Winkeln miteinander tuschelten. Marthe hatte keine Freundinnen. Sie hatte immer nur Vera gehabt.
»Nein, es geht nicht um Geld«, antwortete Traude. »Auch nicht um die Daguerreotypie, die du mir gestohlen hast. Ich komme in einer Familienangelegenheit, in der dein Einschreiten vonnöten ist.«
Marthe dachte an das Päckchen im Besteckkasten und erlitt einen Schweißausbruch. Wenn Traude sie aufhielt, was für Folgen würde das nach sich ziehen? »Kann das nicht warten?«, herrschte sie Traude an. »Ich habe eine Verabredung in der Stadt.«
»Eine Einladung ist ergangen«, sagte Traude, als hätte sie Marthe nicht gehört. »Und zwar zum Tanztee im hanseatischen Konsulat von Veracruz.«
»Das freut mich für dich«, behauptete Marthe hastig, obwohl ihr im Augenblick alle Tanztees und Konsulate gleichgültig waren.
»So, tut es das?«, kam es nadelspitz von Traude. »Dann dürfte deine Freude von kurzer Dauer sein. Die Einladung galt nämlich mitnichten meiner Tochter, wie man wohl annehmen dürfte, nachdem der Konsul samt seiner fragwürdigen Sippe in meinem Haus zu Gast war. Haben diese Leute, weil sie zu lange im Urwald lebten, die Manieren von Wilden angenommen, oder schickt es sich nicht länger, sich für Gastfreundschaft zu revanchieren? Ich frage mich ohnehin, wer die Kandidaten für Konsulatsposten auswählt. Prüft dabei niemand die Familie des Bewerbers und auch nicht, ob er das Feingefühl für einen solchen Posten aufbringt? Gehört es sich beispielsweise, einen Tanztee zu veranstalten, wenn befürchtet werden muss, dass demnächst Krieg ausbricht?«
»Der Krieg betrifft doch nicht uns«, erwiderte Marthe matt.
»Und wer sagt dir das? Haben wir nicht schon oft geglaubt, etwas, das dieses verwünschte Land anging, beträfe nicht uns? Von einem Konsul darf ich ja wohl mehr Voraussicht erwarten.« Zu Marthes Entsetzen ließ sie sich auf dem Polsterstuhl nieder und hatte sichtlich nicht vor, allzu bald von dort aufzustehen.
»Traude«, begann Marthe beschwörend, »ich begreife beim besten Willen nicht, warum du um jeden Preis auf diesen Tanztee willst, obwohl du ihn so unmöglich findest. Und mir ist auch nicht klar, ob denn nun eine Einladung ergangen ist oder nicht …«
»O ja, die Einladung ist ergangen«, schnitt ihr Traude den Faden ab. »Allerdings nicht an Fräulein Helene Hartmann, wie es sich gehört hätte.«
»Sondern? An wen?«
»An Fräulein Jette Christine Hartmann«, verkündete Traude und schnaufte.
Es löste einen seltsamen Schmerz aus, Jettes vollständigen Namen zu hören, da es doch jeder vermied, die Tote zu erwähnen. Der Name, einst mit Liebe gewählt, war nutzlos geworden, ein Überbleibsel, das mit der Toten verrotten und vergessen werden würde. Hannes Theodor Lutenburg – erinnerte sich außer ihr noch irgendwer daran, dass dieser Name zu einem Menschen gehört hatte? »Jette kann ja nicht gehen«, brachte sie mühsam hervor. »Von der Einladung hat sie nichts.«
»Ha«, kam es von Traude, als hätte sie auf diese Bemerkung gewartet. »Willst du damit sagen, die Einladung müsse mir für meine Tochter übergeben werden, der sie im Grunde gebührt?«
Auf diese Idee war Marthe in ihrer Sorge um das Päckchen nicht gekommen, aber ihr fiel auch nichts ein, was dagegen sprach. »Warum nicht?«, meinte sie deshalb nur.
»Warum nicht? Das werde ich dir sagen: weil Dörte die Einladung nicht herausrückt. Weil sie der Ansicht ist, wenn ihre eine Tochter nicht hingehen kann, schickt sie eben die zweite. Obwohl die Familie in Trauer ist! Und obwohl es mein Haus war, in dem der Konsul der Familie Hartmann überhaupt begegnet ist.«
Marthe zwang sich zu überlegen. Wenn sie in dieser leidigen Sache nicht bald ein Urteil sprach, würde sie Traude nie loswerden, der Bote würde den Treffpunkt verlassen, und ihr blieb keine Chance, ihn in dieser bodenlosen Stadt zu finden. »Nun ja«, begann sie, »dass Dörte die Einladung für Luise will, ist ihr ja nicht zu verdenken. Vermutlich hätten wir dasselbe getan.«
»Willst du mir erzählen, du stellst dich auf die Seite von Dörte? Einer Mutter, die kaum ihr Kind unter die Erde gebracht hat und schon wieder an Tanzkleider denkt?«
»Was soll sie denn sonst tun? Für die Kinder, die sie hat, muss sie doch weiter da sein.« Auch Marthe hatte nach Hannes’ Tod für Katharina da sein müssen. Es hatte ihr das Herz in der Brust zerrissen, aber es hatte ihr auch den Verstand bewahrt.
»Die Einladung gehört mir«, befand Traude mit dem ihr eigenen Talent, das, was ihr Gegenüber gesagt hatte, zu ignorieren. »So wie das Bild mir gehört, das du unterschlägst.«
»Ich unterschlage überhaupt nichts.« Marthes Geduld war am Ende. »Für das Bild habe ich bezahlt, damit kein Agiotista dir die Polizei auf den Hals hetzt. Willst du vielleicht in diesem Barbarenland im Schuldgefängnis sitzen?«
Traude sprang auf. »Wie kannst du es wagen …«
»Weshalb sollte ich nicht? Du hast dich mit deinem Ball übernommen, also habe ich den Daguerreotypisten ausbezahlt, und das Bild habe ich Dörte gegeben, damit sie ihre Jette noch ein wenig bei sich hat. Hinterher verlange ich es zurück. Ich bewahre es auf, bis es eines Tages das erste Kind bekommt, das in die Heimat zurückgeht. Es soll es mitnehmen und zeigen, dass wir in dieser Wildnis mit Anstand und wie Menschen lebten.«
»Ha«, rief Traude schon wieder, »das sagst du, weil du dir sicher bist, dass deine Katharina die Erste sein wird. Aber du irrst dich, meine Beste. Katharina ist an dieses Land wie an einen Mühlstein gefesselt. Sie kann es sich niemals von den Füßen schütteln.«
»Halt deinen dummen Mund!«
»Warum, weil du die Wahrheit nicht erträgst? In Wirklichkeit nämlich werden es meine Kinder sein, die in die Heimat zurückkehren, mein Stefan als Handelsherr und meine Helene mit dem Sohn des Konsuls. Ich erwarte, dass du Dörte aufforderst, mir die Einladung zu übergeben. Vor ihr wollte ich nichts davon erwähnen, aber du hast hoffentlich nicht schon wieder vergessen, dass diese Familie mir und meinen Kindern etwas schuldig ist.«
»Beim Himmel, Traude, was willst du? Uns erpressen?« Konnte sie das? Genügte das, was sie in der Hand hatte, um das gefährdete Gefüge zum Einsturz zu bringen? Ein eisiger Strom schoss Marthe den schweißnassen Rücken hinunter.
»Wenn es sein muss, auch das«, erwiderte Traude. »Du glaubst, du weißt, wie es ist, in der Fremde auf sich gestellt zu sein, aber du hast keine Ahnung, du hast immer deinen Bruder, deinen verdrehten Vetter und obendrein deinen Mann gehabt. Ich bin meinem Verlobten gefolgt, weil ich fand, eine Frau müsse dem Mann folgen, der ihr ein Heim bietet und sie versorgt. Aber mich hat niemand versorgt. Ich stand mit meinen Kindern allein, und mein Leben war Tod und Angst und Not. Das Einzige, was ich tun kann, ist, meinen Kindern den Weg zu ebnen. Meine Kinder sollen nicht unter dem, was diese Familie uns angetan hat, ihr Leben lang leiden.«
Traude schien der Ansicht, damit sei alles gesagt, denn sie zog sich ihr Schultertuch straff und ging zur Tür. »Lass mich wissen, was du unternommen hast«, warf sie ihr mit bedeutungsvollem Blick hin und verschwand.
Dem Schrecken zum Trotz atmete Marthe auf. Um diesen Schlamassel musste sie sich später kümmern, jetzt brauchte sie alle Konzentration, um das Päckchen rechtzeitig abzuliefern. Sie zerrte das Versteckte aus dem Besteckkasten, band es zusammen und machte sich sofort auf den Weg. Das alte Pony einzuspannen bereitete ihr keine Schwierigkeiten, und dem Pferdeknecht traute sie nicht. Sie würde im Leben keinem Pferdeknecht mehr trauen.
Über der Stadt lag wie üblich die schwere Hitze, in der Marthe selbst mit Hilfe eines Fächers kaum atmen konnte. So belebt die Gassen auf den ersten Blick erschienen, niemand wirkte hier emsig, niemand eilte oder ging beschwingt. Alles schleppte sich, schlich und schlurfte unter der Last der Schwüle. Der Malecon schwitzte zudem unter der Käseglocke der Essensgerüche, die über den Feuerstellen aus den Töpfen simmerten. Die gewohnte Übelkeit stieg Marthe in die Kehle. Manchmal half ihr der Blick aufs Meer, auch wenn er sich nie über den Horizont hinausschicken ließ, aber heute blieb auch dieser nutzlos.
Im Hafenbecken drängten sich bald doppelt so viele Schiffe wie gewöhnlich, und weiter draußen glaubte sie ebenfalls mehr Schiffe auszumachen. Es missfiel ihr. Es erinnerte sie an den Tag, an dem der Kuchenkrieg ausgebrochen war – den Tag, an dem der Indio Katharina angegriffen hatte. Weil du sie allein gelassen hast, begann es in ihrem Kopf zu rumoren.
Damals hatte sie sich geschworen, Katharina nie wieder allein zu lassen, aber wer solchen Schwüren traute, der hatte nie ein Kind gehabt, zumindest nicht in einer Stadt wie Veracruz, einem Schlangenbecken, in dem alles außer Rand und Band geriet. Man konnte kein junges Mädchen in einer Siedlung von vier Straßenzügen einsperren. Man konnte auch nicht ihre Tür verriegeln, es sei denn, man wollte sie sich zur Feindin machen, und das hätte Marthe nicht ertragen. Sie ließ Katharina ihre Freiheit, obgleich die Angst ihr die Luft abschnürte, und es blieb ihr nur zu beten, dass die Lise nicht noch einmal ihre Pflicht vernachlässigte.
Letzthin war Marthe dazu übergegangen, die Lise wie eine Freundin der Familie zu behandeln. Sie hatte ihr einen Teil ihrer Sorgen anvertraut und sich des Öfteren mit ihr beraten. Gewiss würde Lise doch jetzt, da sie praktisch eine Verwandte war, auf das ihr anvertraute Mädchen achten? Marthe schreckte aus ihren Gedanken, weil zwei Beamte der Hafenaufsicht sich ihr in den Weg stellten. Scharf musste sie das Pony zügeln. »Die Straße wird abgesperrt, Señora. Sie können hier nicht weiterfahren.«
»Ach, wieder einmal«, entfuhr es Marthe höhnisch. »Hören Sie, was Sie mit Ihrer Straße machen, schert mich nicht, ich muss zum Tabakskai, und genau dorthin werde ich fahren.«
»Ich denke, das werden Sie nicht.« Der ältere der Beamten verzog sein Affengesicht zu einem hässlichen Lächeln. »Das Verbot gilt für alle, auch für Taftpüppchen. Sie können froh sein, dass wir Ihren Wagen keiner Durchsuchung unterziehen. Wir sind nämlich beauftragt, nach nordamerikanischen Spionen zu suchen, die sich überall durch Ritzen schmuggeln.«
»Was erlauben Sie sich?« Marthe riss die Peitsche aus dem Halter und sprang auf.
Der Affengesichtige grinste weiter, trat aber immerhin einen Schritt zurück. »Erzählen Sie mir nicht, Sie täten so was nicht, weil Sie Röcke tragen. Ich traue keinem von euch Bleichgesichtern, egal, ob Mann oder Frau.«
Marthe verschränkte die Hände, um dem Flegel keine Lektion mit der Peitsche zu erteilen. Wenn die Hafenaufsicht sie gefangen setzte, war das Päckchen verloren, und das durfte nicht geschehen. Sie reckte sich auf Zehenspitzen, schirmte die Augen gegen die blendende Sonne und spähte über die Absperrung hinweg. Der Kerl, den sie seit mehr als zehn Jahren einzig unter dem Namen »Carlos« kannte, war nirgends zu entdecken, aber diese Indios sahen sich alle viel zu ähnlich, um sicher zu sein. Einer von ihnen, ein gedrungener Kerl, der wie sonst Carlos an der Kaimauer lehnte, wurde auf sie aufmerksam. Er blickte auf, zeigte mit beiden Händen auf sich und verzog fragend das Gesicht.
Carlos war ein kleiner vierschrötiger Mann, aber dieser hier schien noch kleiner und jünger zu sein. Instinktiv winkte Marthe ihm trotzdem, gebot ihm mit einer Geste, zu ihr zu kommen. Der Mann zögerte nicht. Er setzte seinen Sombrero auf und trottete auf sie zu.
Der affengesichtige Beamte ließ eine dreckige Bemerkung fallen, aber wenigstens wandten die beiden sich von Marthe ab und widmeten sich dem nächsten Gespann, das vor der Sperre wartete. Dieses gehörte einem Bauern, der Hühner in Käfigen auf seinem Karren gestapelt hatte und lauter als sein Federvieh schimpfte. Der Lärm verschaffte Marthe ein Mindestmaß an Deckung.
In der Tat war der Mann jünger als Carlos, und sein spitzes Gesicht hatte etwas von einer Ratte, fand Marthe. Er blieb vor der Absperrung stehen und stützte beide Arme auf den Balken. »Señora Chartmann?«, fragte er aus dem Schatten der Hutkrempe.
Marthe nickte. »Wo ist Carlos?«
Die Ratte wiegte den Kopf mit dem ausladenden Hut. »Carlos ist nicht mehr da. Krieg jetzt, Sie verstehen? Mexikos Männer müssen kämpfen, nicht Postillion spielen.«
Sie hätte ihm etwas an den Kopf werfen wollen, sie war dieses ganzen Volkes und seiner undurchdringlichen Tieraugen müde. Und des Geredes von Krieg war sie noch müder, weil es allmählich nichts mehr half, sich zu sagen, das alles ginge sie nichts an.
Bevor ihr einfiel, was sie hätte sagen können, streckte die Ratte eine klauenhafte Hand aus. »Carlos schickt mich«, sagte er. »Juan heiß ich. Ich bringe Päckchen nach Querétaro.«
Alles in ihr sträubte sich. Wie konnte sie das kostbare Päckchen diesem Kerl anvertrauen, der ihr aus tiefstem Herzen zuwider war? Aber andererseits, wie konnte sie es nicht tun? Unter Flüchen wendete der Geflügelbauer seinen Karren und trieb das Maultier zurück. Das Trappeln von Stiefeltritten löste das verebbende Gegacker ab. Marthe fuhr herum. Von den Aufsichtsbaracken eilte eine Einheit Uniformierter die Uferstraße hinunter. Befehle hallten, jemand schoss in die Luft, dass Passanten die Flucht ergriffen und Händler ihre Habe rafften. Auf gespenstische Weise war alles wie beim Ausbruch des Kuchenkriegs, nur Katharina war nicht hier, dem Himmel sei Dank.
»Was zum Teufel ist denn los?«, fuhr sie den Kollegen des Affengesichtigen an.
Der zuckte die Brauen, dass sein Käppi hüpfte. »Das wissen Sie nicht, Señora? Die Gringos haben uns den Krieg erklärt. Da drüben johlen sie jetzt: Holt euch Montezumas Paläste. Die verlausten Hunde. Sie wollen die Zufahrt in unsere Häfen blockieren. Das gesamte Gebiet wird bis auf weiteres abgesperrt.«
Nicht noch einmal! Hatte sie die Angst um ihr bisschen Sicherheit nicht oft genug durchgemacht? Und gerade jetzt, da Katharina in diesem gefährlichen Alter war, konnte sie nicht noch mehr Sorgen brauchen. »Ist das denn möglich?«, stammelte sie. »Können sie uns wirklich blockieren, droht uns Gefahr?« Sie hatte uns gesagt und hasste sich dafür.
Der Beamte entblößte quittegelbe Zähne. »Natürlich nicht. Die Soldaten der Gringos mögen in West Point geschult sein – aber unsere sind geschult im Straßenkampf! Wir werden ihnen zeigen, was eine Harke ist, doch bis dahin besser husch, husch ins Körbchen.« Er wies über die Uferstraße zurück nach der Stadt.
Marthe begriff, dass ihr keine Wahl blieb. Hastig knöpfte sie den Blusenkragen auf, zerrte das Päckchen heraus und reichte es der Ratte. »Hier, nehmen Sie. Bringen Sie es sicher an sein Ziel.«
Juan machte keine Anstalten, danach zu greifen, sondern hielt ihr noch immer die geöffnete Hand hin. Zähneknirschend gab Marthe ihm den Geldbeutel. »Zum Teufel, nehmen Sie das weg, bevor diese Kerle ein Auge darauf werfen.«
Seelenruhig schüttete die Ratte sich die Münzen in die Hand und zählte sie. Dann stopfte er sie in die Tasche und nahm endlich das Päckchen. »Wann Sie brauchen mich wieder?«, fragte er grinsend.
»Im nächsten Jahr wie immer an Sankt Urban.« Es widerstrebte ihr, das Datum auf katholische Weise zu nennen, aber so kam es wenigstens zu keinem Missverständnis. »Falls sich etwas ändert, geben Sie mir Nachricht.«
»Hm«, brummte Juan, schob sich das Päckchen unters Hemd und streckte wieder die Hand aus. »Kann jetzt schwer sein, Nachricht zu bringen. Ist Krieg, wissen Sie? Wenn Sie wollen sichergehen …«
»Nein!«, schrie sie ihn an. »Liefere verdammt noch mal das Päckchen aus, vorher bekommst du keinen Centavo mehr. Euer Krieg und euer verkommenes Land sind mir egal.«
Sie riss an den Zügeln, um den Wagen auf dem engen Raum zu wenden und im Galopp durch die kreischende Menge zu preschen. Sie wollte ja nicht, dass eine Nachricht kam, seit vierzehn Jahren fürchtete sie nichts mehr als das. Wie oft hatte sie sich gewünscht, die Angst mit Peter zu teilen, doch zugleich wusste sie, dass sie genau das um jeden Preis verhindern musste. Nie im Leben durfte Peter die Wahrheit erfahren, sie musste allein daran schleppen, bis sie darunter zerbrach.
Jetzt aber war es wieder für ein Jahr überstanden, mit jedem Hufschlag ließ sie es hinter sich. Sie hatte ihren Teil der Abmachung eingehalten. Mochte die Ratte das Päckchen überbringen und ihr damit noch einmal eine Spanne Frieden bescheren.