38

Anfang Mai gaben Martina und Felix ihre Verlobung bekannt. Die Hochzeit wollten sie aufschieben, bis in Mexiko Frieden herrschte, die fremde Macht abgezogen und die gewählte Regierung in ihre Rechte wiedereingesetzt war. Denn das Unglaubliche schien sich zu bewahrheiten: In Europa, dem Kontinent, den Katharinas Familie die Heimat und Martina den Mond nannte, war ein österreichischer Prinz zum Kaiser von Mexiko erklärt worden. Die Regierung Juárez hielt nach wie vor ihr Quartier im Norden, und ihre Truppen steckten eine Niederlage nach der anderen ein. Angeblich war der sogenannte Kaiser bereits auf dem Weg nach Mexiko und seine Landung in Veracruz nur eine Frage der Zeit.

Katharina beschloss, auf das Verlobungsfest zu gehen, weil sie es Martina und Felix nicht abschlagen konnte. In diesen Monaten, in denen sie sich fühlte, als würde sie wurzellos durch eine Welt taumeln, zu der sie nicht gehörte, waren die beiden ihr einziger Halt. In ihr aber nagte Angst. Sie war nicht sicher, wovor sie sich mehr fürchtete – davor, den Menschen zu begegnen, die sie ihre Familie genannt hatte, oder vor Benito Alvarez. Die Familie hatte ihr zahllose, von Christoph verfasste Briefe ins Deutsche Haus gesandt. Jeder verstehe ihren Zorn, hieß es darin, dennoch bitte man sie um Vergebung, denn schließlich habe man nichts als das Beste gewollt. Katharina aber verspürte keinen Zorn. Wie kann ich zornig sein, wenn ich nicht weiß, was geschehen ist? Wie kann ich vergeben, wenn niemand mir sagt, was es zu vergeben gibt?

Sie antwortete höflich auf die Briefe und bat um mehr Zeit. Einmal versuchte ihre Mutter – Marthe, verbesserte sie sich –, sie vor dem Klassenraum abzufangen. Katharina erwiderte ihren Gruß, wandte sich dann aber rasch einer Schülerin zu und ging mit dieser davon. »Bitte komm nach Hause«, rief ihr die Frau, die ihr Leben lang ihre Mutter gewesen war, hinterher. »Ich vermisse dich so.«

Ich vermisse dich auch, dachte Katharina. Sie hatte dieser Frau in den Armen gelegen und geglaubt, sie sei in ihrem Leib gewachsen. Die Lücke, die in ihr Leben gerissen worden war, klaffte so gewaltig, dass sie sie zu verschlingen drohte. Ich vermisse euch alle, aber nicht, weil ich nicht mehr bei euch lebe, sondern weil es euch in Wahrheit nie gegeben hat.

Ein einziges Mal kam ein Brief ihres Vaters. Peters. Er war keine zehn Zeilen lang.

»Meine kleine Taube. Dass Du mich hasst, verüble ich Dir nicht. Ich will nur, dass Du noch weißt, was ich Dir einmal gesagt habe. Ich bin ein maulfauler Hanseate und tue mich mit diesen Dingen schwer. Aber ich habe Dich immer geliebt. Egal, was ich getan habe, egal, was wir alle getan haben, Du warst vom ersten Tag an das Schönste für mich. Das Glück meines Lebens, und Du bist es noch. Dein Vater, der ich in meinen Augen bin und bleibe.«

Ich wünschte, du würdest es mir sagen, dachte Katharina. Das, was ihr getan habt. Ich wünschte, einer von euch hätte den Mut dazu.

Nein, sie konnte nicht zornig auf ihre einstige Familie sein. Wenn sie an sie dachte, fühlte sie sich traurig und leer. Zornig hingegen war sie auf Benito Alvarez.

Es war der Zorn, den sie sich nie gestattet hatte. Nicht als sechzehnjähriges Mädchen, das gegen die Tür des Raums, in den man sie gesperrt hatte, tobte und verzweifelt nach ihm schrie. Nicht als Achtzehnjährige, verschleppt in eine fremde Stadt und noch immer nicht in der Lage zu begreifen, was man ihr angetan hatte. Nicht als alte Jungfer, deren Magen sich zum Knoten ballte, wenn ihre Schülerinnen über Liebesbriefe kicherten. Nicht ein einziges Mal war in ihr die Frage laut geworden: Verdammt noch mal, warum hast du nie nach mir gesucht? Ich habe in dir meinen Retter gesehen – verdammt noch mal, warum warst du so feig?

Irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, Benito müsse tot sein. Und tot hätte er bleiben sollen! Dass er in all den Jahren nicht mehr als ein paar Meilen von ihr entfernt gelebt hatte, für die Zeitung schrieb, die sie las, und sich mit ihrer Freundin vergnügte, war ein Verrat, der wie Fieber in ihr wütete. Hatte Martina je ihren Namen erwähnt, wusste er, dass sie in ihrem Haus wohnte, amüsierte er sich über die süße Kinderliebe, von der sie geglaubt hatten, sie währe ewig, die jetzt aber vergessen und begraben war?

Ich sollte dasselbe tun. Mich amüsieren. Vergessen und begraben. Dafür, dass sie die Seligkeit, die sie ein einziges Jahr lang in seinen Armen gehabt hatte, nicht ersetzen oder verlachen konnte, hätte sie ihn beschimpfen, verletzen, ins Gesicht schlagen wollen. Dazu aber hätte sie ihn vor sich haben müssen, und das war undenkbar.

Auf die Feier ging sie, weil Martina und Felix wichtiger waren. Die beiden bemühten sich so sehr um sie und hatten diesen Liebesdienst von ihr verdient. Zudem mischte sich in ihre Angst verstohlen eine Spur Hoffnung. Wenn die Familie sie ebenso vermisste, wie sie es tat – würden sie dann vielleicht die Gelegenheit nutzen und endlich Licht in dieses Dunkel bringen?

Die Angst wie die Hoffnung hätte sie sich sparen können. Von der Familie erschien nur Stefan. Die Übrigen hatten geschlossen befunden, dass Felix nach allem, was er ihnen angetan hatte, für sie gestorben sei. »Der gute Stefan ist heimlich gekommen«, flüsterte Martina ihr zu, die ein Ensemble in Rot, Weiß und Grün trug und jedes Mal, wenn die ausgelassene Gesellschaft auf sie anstieß, ausrief: »Lang lebe das freie, demokratische Mexiko!«

»Wie meinst du das?«

»Wenn euer Hermann ihn erwischt, wird er aus der heiligen Familie ausgeschlossen«, wisperte Martina verschwörerisch. »Bemerkenswert, dass die Hartmanns, das Herz des Deutschen Hauses, wieder einmal keine anderen Sorgen haben, was?«

»Lass dir davon nicht deinen Tag verderben«, bat Katharina.

»Ich?« Martina lachte und küsste sie auf den Kopf. »Bestimmt nicht. Und du sei nett zu deinem Stefan. Er mag nicht eben vor Mut strotzen, aber immerhin hat er sich um deinetwillen hergewagt.«

Sie sah Stefan des Öfteren im Deutschen Haus, wo sie einander wie entfernte Bekannte grüßten. Jetzt näherte er sich ihr Schritt um Schritt wie ein verschüchtertes Kind. Katharina wusste, dass sie ungerecht war, aber sein Zaudern ging ihr entsetzlich auf die Nerven. Irgendwann stand er mit zwei Gläsern eines Mischgetränks mit Pomeranzen neben ihr. »Ich will dich nicht stören, Kathi.«

»Dann tu’s nicht.«

»Ich bin gekommen, weil ich dich sehen wollte«, murmelte er auf die Gläser hinunter.

»Aber den Mut, deiner Mutter zu sagen: Ich gehe, weil ich Kathi sehen und Felix gratulieren will, hast du nicht aufgebracht, richtig?«

Er schluckte und gab ihr eins der Gläser, um sich mit der freien Hand die Stirn zu reiben. Dann sagte er: »Hätte ich auch nur ein bisschen Mut in den Knochen, wäre mein Leben anders verlaufen.«

Vielleicht bin ich es nicht wert, dass ein Mann für mich Mut aufbringt, dachte Katharina. Das Pomeranzengetränk war das bitterste, was sie je getrunken hatte. War ich wirklich einmal so töricht, mir einzubilden, ein Mann würde auf einem Schimmel quer durch Mexiko reiten, um mich wiederzufinden?

»Ich will nicht noch dich durch meine Feigheit verlieren«, sagte Stefan. »Und vor allem will ich nicht, dass du durch meine Feigheit noch mehr leiden musst. Ich weiß nicht, was ich tun soll, Kathi.«

Sie wandte sich ihm zu. »Und wer, glaubst du, weiß es sonst?«

Die Musik war so süß wie die Pomeranzen bitter. Eine Habanera, so langsam gespielt, dass nur tanzen konnte, wer völlig verliebt und ineinander versunken war. Abrupt unterbrach sie ein Gejohle, weil ein Bote mit einem Geschenk eintraf. »O mein Gott.« Stefan lachte verkrampft. »Stell dir vor, deine Mutter wäre hier.«

»Meine Mutter? Das Dienstmädchen?«, fragte Katharina spitz, aber auch sie sah gebannt auf das Geschenk, um das Felix, Martina und die Gäste sich scharten. Es war ein zierlicher Käfig aus weißem Schmiedeeisen, umflochten mit roten und grünen Bändern. Drinnen saßen zwei wunderschöne weiße Tauben. In Katharinas Ohren klang es, als würde Martina wie die Vögel gurren, als sie und Felix sie aus dem Käfig holten und verzückt in den Händen hielten. Die Tiere schienen keine Scheu zu kennen, sondern ließen sich von Gast zu Gast reichen, ehe sie durch den Raum davonflogen.

»Sind sie nicht wundervoll!« Strahlend rannte Martina auf sie zu. Sie war eine schöne Frau, fand Katharina. Glück machte sie schön. Glück und das Wissen, von einem Mann geliebt zu werden, der es dafür mit der Welt aufnahm. »Es sind Brieftauben – eine Seltenheit in Weiß. Einerlei, wohin es uns verschlägt, sie finden immer ihren Weg zurück. Stell dir vor, bevor du stirbst, kannst du einen letzten Gruß aufschreiben und die Taube zu deinem Liebsten senden.«

Stefan lächelte. »Keine allzu vergnüglichen Gedanken, die du an deinem Verlobungstag hegst.«

»Ay Dios mio, du hast recht. Ich musste nur an Benito denken, der uns die Tauben geschickt hat, weil er nicht hier sein kann. Ich wünschte, zumindest heute Nacht müsste keiner meiner Freunde da draußen im Schlamm krauchen und seinen Hals dafür riskieren, dass dieses Land sein und werden darf, was es will.«

»Das glaube ich dir.« Das Lächeln rutschte Stefan vom Gesicht. »Wer weiß, vielleicht ist es nicht das Schlechteste, wenn Maximilian von Habsburg kommt. Es heißt, er soll ein liberaler Mann sein und Mexiko eine Verfassung geben wollen.«

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, fuhr Martina auf. »Mexiko besitzt eine Verfassung. Was immer dieser Habsburg ihm geben will, kann er wieder mit nach Hause nehmen, und seine französischen Freunde, die auf offener Straße in Volksmengen schießen, gleich mit.«

Felix trat zu ihr und legte den Arm um ihre patriotisch bekleidete Taille. »Ihr Armen, verdirbt meine Holde euch den Abend mit Politik?« Zu Martina sagte er: »Komm tanzen, Medica linda, lass die Gäste sich amüsieren.«

»Nur einen Augenblick«, rief Stefan, als Martina herumschwang. »Señor Alvarez – kommt er in nächster Zeit noch einmal hierher?«

Martinas Augen wurden schmal. »Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat? Erst erzählst du mir, dieser Max von Habsburg ist der neue Heilsbringer, und jetzt stellst du mir solche Fragen?«

Hastig schüttelte Stefan den Kopf. »Meine Frage hatte mit Politik nichts zu tun. Ich wollte dich nur bitten, ob …«

»Ob was?«

»Ob du ihm, wenn du ihn triffst, vielleicht ausrichten könntest, dass ich ihn gern sprechen würde.« Er atmete ein und aus, als hätte er einen Lauf hinter sich.

Martina sandte ihm einen zweifelnden Blick, dann nickte sie, hakte sich bei Felix ein und folgte ihm auf die Tanzfläche. Katharina sah ihnen nach, bis ihre umschlungenen Körper vor ihren Augen verschwammen. Eine der Tauben flatterte über ihre Köpfe hinweg.

»Warum?«, fragte sie. »Warum hast du das zu Martina gesagt?«

»Kathi«, begann Stefan.

Sie schoss zu ihm herum. »Nein, fang nicht wieder an, dir die Stirn zu reiben und dich zu benehmen wie ein Dreikäsehoch, der Angst hat, dass die Mutter ihm die Hosen strammzieht. Gib mir einfach eine klare Antwort. Warum hast du Martina gesagt, dass du Benito Alvarez sprechen willst?«

»Ich will ihn um Entschuldigung bitten«, sagte Stefan.

»Wofür?«

»Bitte frag mich nicht. Ich habe dir vorhin gesagt, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß es immer noch nicht. Aber eines weiß ich: Wenn du es noch willst, Kathi, dann hätte ich gern, dass auch wir unsere Verlobung bekanntgeben. Ich hätte dir das früher sagen sollen, ich habe dir wohl das Gefühl gegeben, nicht zu dir zu stehen. Aber so war es nicht. Ich habe nur nicht gewusst …«

»Wie du es deiner Mutter beibringen sollst?«, fragte sie beißend, »oder ob du nicht doch lieber die Finger von einer Frau lassen solltest, von der du nicht einmal weißt, wer sie ist?«

»Das habe ich nicht gemeint«, erwiderte er traurig. »Aber falls es das ist, was dich bedrückt – Christoph hat auch mit mir gesprochen.«

»Erzähl mir doch nichts!«, schrie sie, so dass Köpfe sich drehten. »Mit dir brauchte doch Christoph nicht zu sprechen, du hast all die Jahre Bescheid gewusst.«

»Nein«, sagte Stefan. »Ich habe geglaubt, ich wüsste Bescheid. Deshalb habe ich mich in Dinge gemischt, die mich nichts angingen, und ich wünschte, ich könnte das rückgängig machen. Aber das kann ich nicht. Ich kann dir jetzt nicht mehr anbieten als einen ziemlich unzureichenden Ehemann. Deinen Freund Stefan, der nie sonderlich viel zustande bringen wird, der aber keinen größeren Wunsch hat, als dich ein wenig glücklich zu sehen. Was die Familie betrifft, so ist alles in Ordnung. Deine Eltern, Hermann, Fiete, sie alle heißen unsere Heirat gut. Hermann hat mit meiner Mutter geredet und ihr klargemacht, dass sie im Unrecht ist.«

»Na wunderbar. Dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen – Familienoberhaupt Hermann hat dir die Steine aus dem Weg geräumt.« Ihre Stimme klang immer beißender, je heftiger sie gegen ihre Tränen ankämpfte. »Ich bin müde«, erklärte sie. »Ich weiß für heute nichts mehr zu sagen.«

Stefan nickte. »Darf ich noch etwas sagen?«

»Wenn es nicht lange dauert.«

»Du magst mich und die anderen nicht brauchen, Kathi – aber ich weiß jemanden, der dich braucht.«

Sie erkannte die Worte. Mit einem Schlag wusste sie, von wem er sprach. »Wo ist sie?«

»Unten. Sie wartet mit Jo am Eingang zur Alameda.« Katharina konnte nicht fassen, was er ihr wieder einmal unter Gedruckse erklärte. Nach eingehender Beratung hatten Stefan und Jo beschlossen, Felice diesen heimlichen Besuch zu gestatten, weil das Mädchen sie erpresste. »Sie hat zum Schluss sogar das Essen verweigert. Wie du damals. Nur ein bisschen konsequenter.«

»Daran ist nichts zum Lachen«, verwies ihn Katharina und war schon auf dem Weg. Damit das Mädchen nicht verhungerte, hatten sie ihm erlaubt, sie zu sehen, allerdings ohne dass es dabei Martinas Haus betrat oder Felix traf. Sind wir völlig verrückt, fragte sie sich im Rennen, macht es Menschen im Kopf krank, wenn sie ihre Heimat verlassen, und werden sie nie mehr gesund? Aber Martinas Vater war nicht im Kopf krank, er stand fröhlich oben im Saal und tropfte den Saft mexikanischer Früchte in seinen süddeutschen Wein. Als sie hinaus in die Nacht trat, dachte sie nichts mehr. Sie sah nur noch das Mädchen, das im Schatten des Marmorportals wartete, sich von der Hand seiner Mutter losriss und quer über die Straße in ihre Arme stürmte.

»Kathi, Kathi! Ich habe dich so schrecklich vermisst.«

»Ich dich auch«, sagte Katharina und wünschte sich, so laut und hemmungslos zu weinen wie Felice. Sie stand allein in der Welt. Sie hatte ihren dreißigsten Geburtstag hinter sich, hatte kein Kind, und das einzige Mal, dass ihr in den Armen eines Mannes die Sinne vergangen waren, lag ihr halbes Leben zurück. Aber sie hatte Felice. Sie hatte dieses Kind wie ihr eigenes geliebt und würde niemandem erlauben, es ihr zu nehmen. Felice und sie hatten ein Recht aufeinander.

»Ich laufe ihnen weg«, sagte Felice, die aufgehört hatte zu weinen. »Ich will bei dir sein. Meinst du, Martina von Schweinitz lässt auch mich bei sich wohnen?«

»Martina täte das ganz sicher«, erwiderte Katharina. »Aber es ist keine Lösung, Felice. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.«

»Bitte überleg dir gar nichts«, drang Jos Stimme aus dem Dunkel. »Stefan hat mir versprochen, dass er mir hilft, Felice wieder nach Hause zu bringen.«

»Dass er dir hilft?« Katharina war fassungslos. »Was soll das heißen, Jo? Dass er sie von mir wegreißt und zurück in die Burg schleift? Habt ihr denn alle den Verstand verloren, sogar du?«

»Davon verstehst du nichts«, erwiderte Jo mit seltsam körperloser Stimme. »Du magst entschieden haben, dass du den Schutz der Familie nicht nötig hast. Aber meine Tochter und ich haben ihn nötig, denn jeder Mensch sehnt sich danach, von etwas Teil zu sein. Was immer du tust, du wirst nie ungeliebt und ganz allein sein, doch Felice und ich besitzen nicht deine Gaben. Wir sind dort, wo wir stehen, am besten aufgehoben, und ich bin dankbar, dass die Familie uns schützt.«

Katharina wollte Jo widersprechen – und zugleich glaubte sie das Gefühl, das Jo beschrieb, wiederzuerkennen. Im Augenblick ging es nur um Felice, die sich an ihr festkrallte und die auch sie nicht loslassen wollte. Noch dringlicher aber war der Wunsch, das Mädchen nicht zu zerreißen. »Geh mit deiner Mutter nach Hause, Felice«, sagte sie sanft. »Wenn du versprichst, dass du nicht mit mir fortläufst, erlaubt sie dir sicher, wieder zur Schule zu kommen.«

»Darüber befinde nicht ich«, sagte Jo.

»Wer dann?« Katharina packte der Zorn. »Der Hermann vielleicht? Weil er selbst kein Kind hat, überlässt du ihm deines?«

»Ich habe sie dir überlassen«, erwiderte Josephine. »Aber da du dich entschieden hast, dich von der Familie zu trennen, habe ich keine Wahl. Deine Entscheidung gilt nur für dich, Kathi. Du kannst sie nicht Stefan und Felice aufzwingen, das wäre nicht gerecht.«

»Ah, ich verstehe.« Viel zu laut hallte Katharinas Stimme in die Nacht. »Wenn Stefan und Felice sich also für mich entscheiden, werden sie aus der Familie verstoßen – ist das so?«

»Nicht ganz«, sagte Josephine. »Für Felice entscheide ich.«

»Kathi!«, rief Stefan hilflos.

Katharina fuhr herum und sah ihn im Portal des Palais stehen, im schwachen Lichtschein, der aus der Halle drang. »Wie es aussieht, musst du deine Entscheidung treffen«, warf sie ihm hin. »Dass ihr Felice von mir fernhaltet, erscheint mir grausam, aber Felice ist kein kleines Kind mehr. Sie wird erwachsen, und das eine verspreche ich dir.« Sie nahm das Gesicht des Mädchens in die Hände und sah ihm fest in die Augen. »Ich liebe dich, Feli. Und ich bin kein Mann, ich vergesse das nicht nach einem halben Jahr. Auch wenn sie dich bis nach Baja California bringen – ich werde nach dir suchen, und ich werde dich finden.«

»Kathi«, kam es noch einmal von Stefan, diesmal den Tränen nahe. »Auch das ist nicht so, wie du denkst!«

»Es ist mir gleichgültig«, entgegnete Katharina, erneut von Müdigkeit gepackt. »Felice und ich sind uns einig, und was du tust, musst du selbst wissen. Gehst du mit Jo, oder bleibst du bei mir?«

»Kannst du nicht mitkommen, Kathi? Alle warten doch darauf.«

»Ich warte auch. Darauf, dass jemand mir die Wahrheit sagt.«

»Aber Christoph hat dir doch die Wahrheit gesagt!«

»Das hat er nicht. Zumindest hat seine Wahrheit mehr Löcher als Balken. Jetzt entscheide dich, Stefan. Wenn wir heute noch unsere Verlobung bekanntgeben wollen, sollten wir es tun, ehe dort drinnen niemand mehr stehen kann. Und wenn nicht, würde ich mich gern schlafen legen.«

Sie küsste Felice auf die Wange und sandte sie mit einem sachten Stoß auf den Weg. Felice zögerte, doch als Katharina ihr zunickte, ging sie hinüber zu ihrer Mutter. Der Müdigkeit zum Trotz schlug Katharina das Herz bis in die Kehle, während sie zusah, wie Stefan sich die Stirn rieb und mehrmals den Mund öffnete, um dann doch nichts zu sagen. Schließlich ließ er den Kopf hängen und trottete mit schleppenden Schritten Josephine entgegen. Katharina blieb stehen und blickte den drei Gestalten nach, bis sie in der Dunkelheit verschwanden. Dann drehte sie sich um und ging zurück ins Haus, zu benommen, um etwas anderes als Erschöpfung zu fühlen.