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Ihr Leben hatte sich von Grund auf gewandelt, seit Valentin es betreten hatte. Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, die schimmernde Haut des Dekolletés, das Kleid aus weinroter Seide und das goldene Halsband, schien von der unbedarften Lehrerin Kathi Lutenburg nichts mehr übrig zu sein. Als hätte der ungewohnte Schnürleib ihr die Vergangenheit abgepresst wie ungewolltes Fleisch. Die Frau, die ihr entgegensah, war eine andere. Eine Frau, die geliebt wurde. Sie musste Valentin hindern, weiter so viel Geld für sie auszugeben, aber bisher hatte sie es nur halbherzig versucht. Insgeheim war sie süchtig nach Valentins Aufmerksamkeit, nach seiner Art, sie zu behandeln, als wäre sie die Herrscherin seiner Welt. Ich und sein Kaiser. Dass ihm an ihr und ihrem Glück so viel lag, tat unendlich wohl.
Nur deshalb – weil er sie glücklich sehen wollte – hatte er zugestimmt, sie auf Martinas Fest zu begleiten. Obwohl er bis vor Tagen mit seiner Einheit in Michoacán gekämpft hatte. Obwohl er Martina als Feindin betrachtete und dank deren Mangel an Takt inzwischen wusste, dass seine Abneigung erwidert wurde.
Katharina hatte sich deswegen mit Martina gestritten. Dass die beiden einander schnitten, ließ sich schweren Herzens ertragen, doch dass Valentin in dem Haus, in dem sie lebte, gekränkt wurde, durfte sie nicht dulden. Wieder einmal hatte sie beschlossen, aus dem Palais auszuziehen, und hatte es Martina ins Gesicht geschleudert. »Ich kann dich nicht anbinden«, sagte Martina, die vor dem Käfig stand und ihre Tauben fütterte. »Aber tu mir einen Gefallen – wenn du wieder bei Verstand bist, komm zurück. Mach’s nicht wie Inez.«
Inez war eine verwahrloste Indio-Frau, die Martina aufgenommen hatte. »Was hat Inez gemacht?«, fragte Katharina.
»Sie ist als junges Mädchen mit einem vermögenden Kerl durchgebrannt, hat im Rausch mit ihm gelebt und ihm ein Kind geboren. Als der Rausch zu Ende war, fing er an ihr die Zähne auszuschlagen. Sie war zu stolz, zu ihrer Familie zurückzukehren, also hat sie durchgehalten, bis er sie auf die Straße warf und sie samt des Kindes verhungert wäre. Ich habe Angst um dich, Kathi. Kannst du nicht diese Höhle weiter als dein Zuhause betrachten, obwohl du mich gerade in der Luft zerreißen möchtest?«
Katharinas Zorn hätte noch mächtiger sein sollen, weil sie Valentin mit einem Kerl verglich, der Frauen die Zähne ausschlug, aber Martinas Wärme entwaffnete sie. Als die Freundin die Arme um sie legte, wehrte sie sich nicht. »Und bevor du mit deinem Valentin in den Liebeshimmel von Chapultepec ziehst – wirst du meine Brautjungfer? Wir können nicht mehr warten, Felix und ich. Mir wächst ein Kind im Bauch, Kathi.«
Fassungslos hatte sie die Freundin angestarrt. Nun, da sie es wusste, bemerkte sie die Veränderungen. Martinas knabenhafter Leib wirkte rundlicher, das Gesicht weicher und der Blick der Augen verschleiert, als würde sie träumen. Katharina wollte ihren Glückwunsch aussprechen, doch keine Silbe kam ihr über die Lippen. War sie nicht fähig, sich für Martina und Felix zu freuen? Ein Zerrbild von sich selbst stieg vor ihr auf – die von Neid zerfressene kinderlose Jungfer, die anderen ihr Glück verleidete. Helfen konnte sie sich nicht. Die Vorstellung von dem Wunder, das sich an Martina vollzog, während es ihr versagt blieb, schmerzte sie tief.
Hatte sie sich je ein solches Wunder gewünscht? Sie wünschte es sich jetzt. Derweil sie auf Martinas Bauch starrte, stellte sie sich einen kleinen Jungen vor, dem Valentins herrliches Haar in die Stirn hing. Ein kleines Mädchen, wie Felice eines gewesen war, mit Valentins schillerndem Blick.
Natürlich hatte Valentin sich zunächst entrüstet geweigert, an den Hochzeitsfeiern teilzunehmen. Dann aber waren die Kämpfe von Michoacán gekommen, die Wochen, die sie fern und ohne Nachricht von ihm verbracht hatte, und die Angst um sein Leben, an die sie nie wieder denken wollte. Als er zurückkam und begriff, dass sie vor Furcht halb von Sinnen war, versprach er, mit ihr auf die Hochzeit zu gehen. Zwar nicht zum Traugottesdienst, aber immerhin auf den Ball, den Martina und Felix im großen Saal des Palais für mehr als hundert Gäste gaben.
Mit einem Seufzen schob sie eine Haarsträhne in die Spange zurück. Für die Aufsteckfrisur, die Valentin liebte, war ihr Haar zu schwer – wie die schlüpfrigen Aale ihrer Kindheit versuchte es ständig sich aus den Knoten zu lösen. Na komm, du wirst ihm schon schön genug sein, gab sie sich einen Ruck, blies die Kerzen aus und wandte sich vom Spiegel fort. Durch die Tür drangen Musik und das Gewirr von Gelächter und Stimmen.
Als sie zum ersten Mal mit Valentin einen Ball besucht hatte, wäre sie am liebsten davongelaufen. Wie sollte sie in dieser Welt der rauschenden Kleider, des verschwenderischen Lichtes der Kronleuchter und des Klingens von Kristall bestehen? Sie war sich alt vorgekommen, beladen mit einem Leben, das ihr die Leichtigkeit der übrigen Gäste versagte. Nach den ersten Gläsern Champagner jedoch, nach dem ersten Walzer in Valentins Armen und der Liebeserklärung, die er in ihr Ohr raunte, hatte sie entdeckt, dass die fremde Welt ihr gefiel – sich um sich selber drehen, bis alles eins war. Den Kopf in den Nacken legen und tanzen, bis die Welt verschwamm.
Sie zog die Tür auf und wäre beinahe gegen ihn geprallt. In seiner Galauniform stand er vor ihr, das schöne Haar zu streng geglättet und mit einem Duft, als hätte er sich selbst als kleiner Junge nie schmutzig gemacht. »Valentin!«
Er zog sie an sich. Im Dunkel des Gangs presste er ihr die Lippen auf den Hals. Küsste sie, dass die Festgäste die Spuren sehen würden. Es kümmerte sie nicht. Sie war stolz darauf. Auf seine Weise war Valentin, der kaisertreue Offizier, nicht weniger unkonventionell als Felix. Seine Liebe zu ihr verbarg er vor niemandem, nicht einmal vor seinem Kaiser. Sie küsste ihn wieder. »Danke, dass du mit mir dorthin gehst.« Die Musik, eine flinke Quadrille, schien nach ihnen zu rufen. Martinas helles Lachen hallte durch den Raum.
Ein wenig knurrend lachte er auf. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie es mir widerstrebt. Gerade heute, wo ich liebend gern etwas anderes mit dir gefeiert hätte.«
»Was?«, rief sie. »Sag’s mir. Wir feiern es.«
»Hier? Auf dieser Hochburg liberaler Zersetzung? Unter Subjekten, die sich nicht scheuen würden, meinem Kaiser Schlangengift zu verabreichen, wenn sie Gelegenheit dazu erhielten?«
Sie legte ihm die Hand auf die Wange und spürte fiebrige Hitze. »Das ist nicht wahr«, versuchte sie ihn zu beruhigen. »Zum einen ist es mir neu, dass du liberal als Schimpfwort benutzt. Und zum anderen mögen die Leute hier zwar deine Meinung nicht teilen, aber zu Attentätern macht sie das noch lange nicht.«
»Und dessen bist du dir sicher?«
Sie sah in seine Augen, die schmal geworden waren, und schüttelte sich gegen die Beklommenheit. »Weshalb sollte ich mir nicht sicher sein? Und jetzt lass uns damit aufhören, ja? Ich will mit dir tanzen, Liebster, ich will wissen, was du zu feiern hast.«
Nur anfangs widerstrebend, ließ er sich von ihr in Richtung Treppe führen. Am Absatz blieb er stehen. »Diese Musik, die sie hier spielen, klingt immer nach Blut und Lust – selbst europäische Tänze. Ich kann sie nicht hören, ohne an dich zu denken, und heute bist du noch schöner als sonst. Du bist so schön, dass es verboten gehört, weil deine Schönheit Männern das Rückgrat bricht.«
»Was ist denn mit dir los?« Katharina zog seinen Kopf zu sich und küsste ihn. »Ich will doch dir nicht das Rückgrat brechen – und andere Männer gibt es für mich nicht.«
»Das schwörst du mir, nicht wahr? Ich wüsste nicht, was ich andernfalls täte.«
Er sagte dergleichen nicht zum ersten Mal. Es hatte sie verwundert, und es hatte ihr geschmeichelt, aber heute machte es ihr Angst. »Liebster, was hast du? Ich dachte, du wüsstest, dass es neben dem, was du für mich bist, nichts anderes geben kann.«
Aufstöhnend lehnte er seine Stirn an ihre Schulter. »Verzeih mir, mein Leben. Du hast recht. Ich bin einfach erschöpft von diesem ewigen Kampf, von den Steinen und Knüppeln, die man uns in den Weg wirft. Und wenn ich dann diese Versammlung von Kaiserfeinden sehe, verliere ich die Beherrschung. Aber ich gelobe, ich will das alles heute Nacht vergessen und mit meiner Zauberin tanzen, dass dem Haufen vor Neid die Galle übergeht. Schließlich haben wir es uns verdient. Der Teufel Romero ist endlich zur Strecke gebracht. Sein indianischer Winkeladvokat hat ihn nicht heraushauen können, und heute früh haben wir mit der Ratte ein Ende gemacht. Der Advokat mordet selbst bei der Guerilla, ich bin sicher, ich habe ihm in Michoacán gegenübergestanden. Ich weiß, diese Indios sehen alle gleich aus, aber der ist einen Kopf größer als der Rest und auch sonst unverkennbar.«
Sie küsste ihn und zog ihn die Treppe hinunter. »Hast du nicht gelobt, das alles eine Nacht lang zu vergessen?« Zu feiern, dass ein Mensch getötet worden war, widerstrebte ihr, aber dennoch rief sie ihm ermunternd zu: »Gehen wir, trinken wir ein Glas auf euren Sieg.«
Vielleicht trugen der festlich geschmückte Saal und die formvollendete Begrüßung durch Martinas Vater etwas zu Valentins Beruhigung bei. Der Champagner tat es auf jeden Fall. Sie leerten ein Glas und ließen sich eiligst ein zweites bringen. Allmählich spürte Katharina, wie der Aufruhr in ihnen beiden nachließ. Als Valentin ihr den Arm bot, um sie in den Walzer zu führen, war ihr Schritt beinahe leicht. Von der Süße der Musik ließ sich alles Verstörende übertönen. Sie gab sich hin, schloss halb die Augen, spürte Valentins Arm, der sie stützte, und die bewundernden Blicke, die wohltaten.
Es war ein wundervolles Fest, alles floss in Strömen, und das Tanzorchester aus einer Bar in der Vorstadt galt unter der Hand als das schmissigste der Stadt. Martina war wie immer überschwenglich und unwiderstehlich, aber vielleicht ein wenig stiller, vielleicht erschöpft vom Glück. Katharina und Valentin tanzten, bis ihre Beine eine Pause forderten, tranken Champagner und tanzten weiter. »Ich bin dir verfallen«, raunte er ihr zu, als er sie nach einer vollen Umdrehung wieder zu sich zog. »Du hast mich verzaubert, ich weiß nicht mehr, wie ich ohne dich gelebt habe.«
Katharina hätte ihm gern zur Antwort gegeben, dass sie ein Kind von ihm wollte. Den einen Schritt will ich mit dir gehen, den ich noch nie gegangen bin. Dich und mich zusammenschmieden, dass uns kein Krieg und keine zweifelhafte Herkunft auseinanderreißen können und dass von unserer Liebe etwas bleibt.
Und dann war der tröstliche Taumel mit einem Schlag zu Ende. Gerade führte Valentin sie einmal mehr von der Tanzfläche, um zu trinken und sich zu erholen, als er wie in Bann geschlagen stehen blieb. »Der da«, stieß er aus und wies mit dem Kopf nach vorn. »Das ist der Mann.«
»Was für ein Mann denn, Liebster?« Der Saal wimmelte vor Männern, die im Takt der neu einsetzenden Musik ihre Damen herumwirbelten.
»Der Advokat von Romero«, erwiderte Valentin mit starrer, fremder Stimme. »Der, der mir in Michoacán mit der Machete gegenüberstand.«
Im ersten Augenblick hörte Katharina nur Machete, verspürte einen Anflug von Übelkeit und musste ihre Hand auf Valentins Herz legen. Dann aber sah sie ihn. Am Rand der Tanzfläche, im Gespräch mit einer buntgemischten Schar von Gästen. Eine junge Frau legte ihm die Hand auf die Schulter. Er hob eine Braue und sagte etwas. Die Frau warf den Kopf zurück und lachte schallend.
»Was ist denn mit dir? Siehst du den Kerl?«
Erschrocken wandte sie sich zu Valentin um. Der wies erneut mit einem Kopfnicken in die nämliche Richtung. Wie von selbst drehte Katharina sich wieder dorthin um.
Die junge Frau reckte sich auf Zehenspitzen und strich dem Mann eine schwarze Strähne in die Ordnung zurück. Die umstehenden Männer lachten, doch im nächsten Moment trat Martina zu der Gruppe und zog den Mann zu sich. Erregte Worte flogen zwischen ihnen, dann verließen sie gemeinsam den Saal.
»Hast du ihn gesehen? Und willst du mir immer noch erzählen, deine Freundin Martina unterhalte hier kein Guerillanest?«
Katharina war so benommen, dass es ihr schwerfiel, den Sinn seiner Frage zu erfassen. Die Musik schien auf einmal so laut, sie hätte sich die Hände auf die Ohren pressen wollen. »Das ist nur ein Mann, den Martina einmal behandelt hat«, stotterte sie. »Sie ist eben Ärztin. Sie sucht sich nicht aus, wer als Patient zu ihr kommt.«
»Ärztin!« Valentin schnaubte verächtlich. »Was für ein Wort ist das überhaupt? Da, wo ich herkomme, sind Ärzte Männer, und bislang war ich der Ansicht, das Zentrum der Medizin liege in den Städten Europas, nicht im mexikanischen Busch!«
Köpfe drehten sich nach ihnen. Ein Kellner mit einem Tablett blieb stehen, um zu lauschen. »Bitte«, entfuhr es Katharina.
»Bitte was?«
»Lass uns tanzen!«, sagte sie schnell und drehte sich in ihrem schwingenden Kleid um ihre Achse. Sie sah ihn zögern – das Gesicht noch zornig verzogen, doch der Fuß schon wippend –, da trat Martina auf das Podium, das an der Kopfseite errichtet worden war, und brachte mit einer Handbewegung die Musik zum Schweigen. In einer Hand hielt sie den Käfig mit den beiden Tauben. »Liebe Freunde!«, rief sie glockenhell in den Saal. »Dass ich fortan kein wildes Mädchen mehr sein darf, sondern die brave Gattin spielen muss, mag ja ein zweifelhafter Grund zur Freude sein – aber hier habt ihr noch einen: General Lee hat sich bei Appomattox ergeben. Drüben ist der Krieg zu Ende – Lincolns Union hat gesiegt!« Damit öffnete sie den Käfig und ließ die Tauben über die Köpfe der Gäste hinweg in die Freiheit flattern. Eine Geste, wie sie eindeutiger nicht sein konnte: Jetzt, da die Union ihren eigenen Kampf gewonnen hatte, mochte sie Truppen entsenden, um Mexiko zu befreien.
Zu befreien wovon? Tut nicht Kaiser Maximilian alles, was ein Herrscher für ein Land nur tun kann, gründet er nicht Schulen, baut er nicht Straßen und Schienenwege, liebt er dieses Volk nicht, als wäre es sein eigenes?
Der Jubel, der im Saal losbrach, war unbeschreiblich. Das Mobiliar schien zu wackeln, Menschen rannten und sprangen einander entgegen und stürzten einander in die Arme. Korken knallten. Das Orchester begann wieder zu spielen, obwohl in dem Lärm kein Mensch etwas hörte. Auch das unter der Hand gewisperte Es lebe das freie Mexiko blieb eine Ahnung, für die niemand belangt werden konnte. Den Sieg der Union zu feiern war schließlich nicht verboten.
Valentins Gesicht war weiß vor Zorn. »Wir gehen!«, schrie er Katharina an und umfasste ihren Arm, dass ihr ein Schmerzlaut entfuhr. Sie wollte etwas sagen, sich befreien, stehen bleiben, er aber zwang sie in Richtung Tür.
Eine Stimme erhob sich über das Gewirr. »Einen Augenblick, bitte.«
Katharina fuhr herum, so weit es Valentins Griff erlaubte.
»Es tut mir leid, Sie zu stören.«
Nein, begehrte alles in Katharina auf, es tut dir überhaupt nicht leid. Ich will, dass du gehst. Jetzt sofort. Dass du den Kopf zur Seite drehst und mich nicht mehr ansiehst, dass du gehst und nicht wiederkommst.
»Lassen Sie Ihre Finger von der Dame!«, herrschte Valentin ihn an und legte die Hand auf den Knauf seines Säbels.
»Selbstverständlich.« Der Mann hob die Hände. Er hatte sie nicht angerührt. »Ich habe nur jemandem versprochen, für ihn den Kurier zu spielen und Katharina auf ein Wort nach draußen zu bitten.«
»Und wer soll dieser Jemand sein?« Valentin schien außer sich. Der strahlende Offizier mit den vollendeten Manieren war nicht wiederzuerkennen. Erneut griff er nach Katharinas Arm. Nahezu lautlos trat Benito dazwischen und hinderte ihn. Lass Valentin mit mir tun, was er will, wollte sie ihn anschreien, lass ihn mir weh tun, dich geht es nichts an. »Weshalb sprechen Sie überhaupt Deutsch?«, fragte Valentin weiter, das zuvor weiße Gesicht gerötet, die Adern am Hals geschwollen. »Und was zum Teufel fällt Ihnen ein, meine Begleiterin beim Vornamen zu nennen?«
Die Männer standen jetzt Brust an Brust, die Gesichter so dicht voreinander, dass einer des anderen Atem spüren musste. Erst jetzt bemerkte Katharina, dass Jubel und Gespräche um sie verstummt waren und sich ein Ring aus Schaulustigen gebildet hatte. Valentin sah aus, als bliese er seinen Brustkorb auf. Seine Hand hielt den Säbelknauf umklammert. Wenn sie nicht wollte, dass hier Schlimmeres geschah als ein Skandal, musste sie eingreifen. Sie sprang hinzu und stieß Benito vor die Brust. Ohne zu zögern wich er zwei Schritte zurück. Katharina schob sich zwischen sie und strich Valentin über den Arm. »Lass mich doch nachsehen, wer mich sprechen will«, sagte sie so gelassen wie möglich. »Es wird ja nicht lange dauern. Dieser Mann war ein Pferdeknecht meines Vaters, ich nehme an, er bringt mir Nachricht von meiner Familie.«
Sie hatte Valentin nur das Nötigste über ihre Familie erzählt. Dass sie aus Hamburg stammten, dass sie sich im Streit von ihnen getrennt hatte. Zu ihrer Erleichterung hatte er nach mehr nie gefragt.
»Dann gehe ich mit dir«, knurrte Valentin. »Nicht er. Du brauchst keinen Pferdeknecht zur Begleitung.«
Katharina, die in Benitos Augen gesehen hatte, senkte hastig den Kopf.
»Gehen Sie durch den linken Flügel und den Rosengarten, dann durch das kleine Tor, das zur Alameda hinausführt«, sagte Benito zu Valentin. »Es geht mich nichts an, aber vielleicht bleiben Sie am Tor stehen? Diesen Leuten werden die Fenster eingeschlagen, weil man sie mit Franzosen und Österreichern in einen Topf wirft. Ich denke, sie würden nicht allzu gern mit einem Uniformierten der Kaisergarde gesehen werden.«
»Und weshalb sprechen diese sogenannten Leute nicht beim Hausherrn vor wie zivilisierte Menschen?«
Ein halbes Lächeln flog über Benitos Gesicht und verschwand. »Sie haben Angst«, sagte er und zuckte mit einer Schulter. »An Ihrer Stelle würde ich sie nicht mit allzu strengen Maßstäben messen.«
»Habe ich Sie nach Ihrer Meinung gefragt?«
»Ich bin schlecht erzogen«, erwiderte Benito. »Ich spreche ungefragt.«
»Hört auf!«, schrie Katharina. »Ich gehe alleine, habt ihr verstanden? Ich brauche keinen von euch dazu.«
Sie drehte sich um und lief los. Was die beiden einander taten, wollte sie nicht sehen. In ihrem Rücken ertönte leiser Applaus. Katharina rannte den ganzen Weg durch den Gang des Palais und den Garten, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr Kleidsaum durch die feuchte Frühlingserde schleifte. Die drei standen dort, wo sie schon einmal gestanden hatten. Im Schatten des Marmorportals. Stefan und Josephine, die Felice festhielt. Halb verborgen hinter ihnen machte sie eine weitere Gestalt aus.
»Kathi!«, rief Felice, wollte sich losreißen, wurde aber von ihrer Mutter zurückgehalten. Als sie sich wehrte, nahm Stefan sie beim Arm. »Beruhige dich doch. Kathi kommt ja zu uns.«
Katharina, zitternd vor Zorn und vor Sehnsucht, blieb stehen. »Lass sie los!«, rief sie. »Zumindest du, Stefan. Schämt ihr euch eigentlich manchmal?« Gewiss meinte sie nicht nur Stefan und Jo, die ein Mädchen gegen seinen Willen festhielten, sondern ebenso die beiden Männer im Saal.
»Das sagt die Richtige!« Josephine stieß Felice auf Stefan zu und trat vor. »Meinst du nicht, das solltest du dich fragen und nicht uns? Wir wollten trotz allem sehen, ob es dir gutgeht. Wir können dich nicht so einfach aus unserem Leben streichen, wie du es offenbar mit Menschen kannst.«
Nein, ich kann es nicht. Ich wünschte, ich könnte es. »Was willst du damit sagen?«, fragte sie und hoffte, die Antwort bliebe aus.
»Tante Traude ist gestorben«, sagte Josephine. »Wir haben seit Wochen versucht dich zu erreichen, aber unsere Briefe wirfst du offenbar ungelesen weg. Deine Mutter war hier. Du warst nicht zu sprechen für sie. Im Deutschen Haus hast du deine Stellung aufgegeben, und wenn Stefan herkommt, weiß niemand, wo du steckst. Helenes Schiff ist vor drei Tagen in See gestochen. Zurück in die Heimat. Die Mädchen hätten dir gern Lebewohl gesagt, aber selbst die Kinder hast du ja aus deinem Leben gestrichen.«
Zu viel prasselte auf Katharina ein, um etwas davon zu erfassen. Tante Traude tot? Helene auf dem Weg in die Heimat? Auf einmal kam es ihr vor, als würde das gesamte Gebäude ihrer Kindheit vor ihr zusammenstürzen. Das Bild tauchte vor ihr auf, die vergilbte Daguerreotypie. Von den jungen Leuten auf dem Bild sind nur noch wir drei hier – Stefan, Jo und ich.
»Weißt du, wie oft Traude nach dir verlangt hat, wie dringend sie dich sprechen wollte, bevor sie nicht mehr sprechen konnte?« Josephine schrie jetzt. Hatte sie in ihrem Leben je gehört, wie Josephine jemanden anschrie? »Und Stefan? Wir alle nahmen an, du hättest Stefan lieb genug, ihn zu heiraten, und jetzt kondolierst du ihm nicht einmal zum Tode seiner Mutter? Wofür hat er das verdient? Dafür, dass er um deinetwillen nicht seine Familie im Stich ließ? Wir haben nichts anderes als diese Familie, Kathi. Wir sind Fremde. In dem Land, in dem wir leben, durften wir nie ankommen, und in dem, das wir unseres nennen, kennt uns kein Mensch. Wir haben nur einander. Keine wundervollen, zärtlichen Freunde, die für uns durchs Feuer gehen, und keine schneidigen Gardeoffiziere, die uns vergessen machen, was wir einmal waren. Nein, Kathi, sieh nicht drein, als hättest du keine Ahnung, was ich rede. Wir wissen es längst, du gibst dir ja nicht viel Mühe, es zu verbergen. Nur deinen armen Eltern und den Männern, denen haben wir nichts davon gesagt.« Jo schrie nicht länger. Sie weinte. »Starr mich nur an«, presste sie unter Tränen heraus. »Du stiehlst mir alle Menschen, die mir etwas bedeuten, sogar mein Kind, sogar meinen Vater, und trotzdem kann ich nicht aufhören dich zu lieben. Mein Vater hat mich mein Leben lang betrogen – und doch war ich sogar noch stolz, dich nicht nur zur Base, sondern zur Schwester zu haben. Wie albern! Wozu solltest du mich schon brauchen, wenn du Martina von Schweinitz hast? Wozu solltest du Stefan brauchen, du hast ja deinen Gardeoffizier. Ob deine Eltern leben oder sterben, kümmert dich nicht – bestimmt wird Baron von Schweinitz dich adoptieren. Brauchst du mein Kind noch, Kathi? Hast du nicht vielleicht bald ein besseres zur Hand?«
Katharina stand erstarrt da. Sie war sicher, sich nicht rühren und auch kein Wort sprechen zu können, so dringlich sie es gewollt hätte. Hinter Jo, die laut weiterweinte, und Stefan, der ihr nicht half, sondern Felice festhielt, trat die vierte Gestalt aus dem Dunkel. Eine kleine, rundliche Gestalt, die eine altmodische Haube trug und einen Holzkasten in den Händen hielt. Katharina hätte auf sie zugehen müssen, um sie zu erkennen. Stattdessen kam die Gestalt auf sie zu, und nach wenigen Schritten sah sie, dass es Tante Dörte war.
Ein Erlebnis aus ihrer Jugend kehrte in scharfer Deutlichkeit zurück, eine Szene in Tante Dörtes Küchengarten. Menschen, die einen großen Schmerz erfahren, werden ungerecht, hatte die Tante gesagt und ihr den Rücken gestreichelt. Wenn der Schmerz zu groß wird, schlagen sie blindlings um sich und sehen nicht, wen sie treffen. Sie bemerkte, dass auch die Tante geweint hatte. Auf halbem Weg blieb sie stehen, hob die Arme und hielt ihr den Holzkasten hin. »Ich habe in diese Familie geheiratet«, sagte sie. »Ihre Beschlüsse habe ich hingenommen, um nicht alleinzustehen, und jetzt bin ich zu alt, mich zu wehren. Jetzt muss ich auch hinnehmen, dass dort oben mein kleiner Sohn Hochzeit feiert und ich ihn nicht umarmen darf. Wirst du Felix dies von mir geben, Kathi? Ich habe kein Geld, ihm ein Geschenk zu kaufen. Es ist sein erster Malkasten.«
Katharina wollte zu ihr laufen, doch der Bann, der ihr die Glieder lähmte, hielt an. »Ja, ja, ja!«, versuchte sie zu rufen, vernahm das Krächzen aus ihrer Kehle und fürchtete, Tante Dörte werde nichts hören. »Komm doch bitte mit mir«, krächzte sie weiter, jetzt endgültig unhörbar.
Unschlüssig blieb die alte Frau auf der Straße stehen und reckte die Arme mit dem Kasten.
»Hast du mit ihr auch kein Mitleid?«, schrie Jo. »Was hat dir denn Tante Dörte getan?«
Ich halte es nicht länger aus, dachte Katharina. Ich breche hier im Garten zusammen, und was geschieht dann mit mir? Was geschieht mit uns allen? Im nächsten Augenblick durchmaß ein Mann mit schier lautlosen Schritten das kurze Stück Garten. »Es ist jetzt genug«, sagte Benito zu Josephine und ging an Katharina vorbei zu Tante Dörte. Sie hätte rasend vor Wut sein sollen, weil er ihr gefolgt war, doch stattdessen war sie so erleichtert, dass die Starre sich löste und sie an allen Gliedern zu schlottern begann. Benito sprach leise mit Dörte und nahm ihr Felix’ Malkasten ab. Stefan hatte wohl vor Schrecken Felice losgelassen, die mit einem Aufschrei losrannte und sich an Benitos Arm krallte. »Ist das wahr, was meine Mutter sagt?«, rief sie zu Katharina hinüber. »Hast du mich nicht mehr lieb?«
»Natürlich ist das nicht wahr«, sagte Benito, klemmte den Kasten unter einen Arm und legte den anderen um Felice. »Sie müssen bald zusammenkommen und diese Dinge miteinander bereinigen. Aber nicht mehr heute. Wir sind aus zerbrechlichem Material gemacht, wir können so viel nicht aushalten.« Sacht und bestimmt führte er das Mädchen, das sich in seinen Arm schmiegte, zu seiner Mutter zurück. Dörte schloss sich ihnen an.
»Dich braucht sie doch auch nicht mehr, Ben!«, schrie Jo und packte ihn mit beiden Händen an den Frackaufschlägen. »Dich wirft sie genauso weg wie uns.«
Er befreite sich. »Ich glaube, Sie brauchen einander alle«, sagte er mit einem Lächeln in der Stimme. »Aber das ist nicht meine Sache – und das, was mich betrifft, nicht Ihre. Ich wünsche Ihnen gute Nacht. Herr Hartmann, soll ich Ihnen einen Wagen holen?«
»Ich heiße Stefan«, sagte Stefan.
Katharina sah ihn nur von hinten, bildete sich aber ein zu hören, wie Benito grinste. »Das weiß ich. Holen wir einen Wagen? Es steht zu befürchten, dass diese Stadt keine ruhige Nacht vor sich hat.«
Er ging mit Stefan die Straße hinunter bis zu der Plaza an der Schmalseite der Alameda, wo die Mietkutscher warteten. Reglos, wortlos, entkräftet blieben die Frauen in der Dunkelheit stehen, bis die Männer mit dem Wagen wiederkamen. Benito sprang vom Trittbrett und half Dörte, Josephine und Felice hinein. »Wann sehe ich Sie wieder?«, rief das Mädchen.
»Sicher bald.« Benito lachte. »Wir laufen uns doch ständig über den Weg, als wäre die Stadt ein Dorf.«
Als der Wagen anfuhr, blieben sie beide einen Herzschlag lang stehen. Dann kam er zu ihr und stellte den Malkasten ab. Im letzten Moment, dachte sie, während ihre Beine nachgaben. Er fing sie und hielt sie. Durch ihren Körper bahnte sich eine gewaltige Woge, die sich in Schluchzen entlud und Jahre auslöschte. »Traude ist tot«, sagte sie weinend, wie sie »Luise ist tot« weinend gesagt hatte, legte ihren Kopf an seine Brust und klammerte sich an ihm fest, »Traude ist tot, und ich bin schuld.« Das Weinen steigerte sich, wie um nie mehr aufzuhören. Jeder Atemzug, um den sie rang, erstickte in einem neuen Ansturm der Fluten. Von Grund auf durchgerüttelt fühlte sie sich, als die Wellen endlich abebbten und das Atmen dazwischen gestatteten. Die letzten Schluchzer klangen wie das Fiepen eines Welpen. Dort, wo ihre Wange auf Benitos Brust lag, war sein Hemd durchnässt. »Traude ist tot«, wiederholte sie noch einmal leise. »Traude ist tot, und ich bin schuld.«
Er hob ihr mit leichter Hand das Kinn. Licht aus den Fenstern des Palais fiel auf sein Gesicht. Der Nachtduft der immerblühenden Teerosen, der Mandel- und Orangenbäume erfüllte die Luft, und die Erde dampfte. Benito verzog einen Mundwinkel. »Katharina Lutenburg bekommt alles, was sie will? Aber nicht den Tod, Ichtaca, der bedient sich selbst. Außerdem hast du den gewiss nicht gewollt.«
»Aber ich habe …« Sie unterbrach sich. »Du darfst das nicht.«
»Was?«
»Das zu mir sagen. Das Wort.« Sie presste die Lippen aufeinander, ehe sie wieder weinen musste.
»Ist gut«, erwiderte er und ließ ihr Kinn los. »Du musst vor mir keine Angst haben. Das ist albern, Katharina. Wir haben einander gekannt, ich war ein Knecht deines Vaters, und es spricht nichts dagegen, dass wir einander guten Abend wünschen.«
»Das mit dem Knecht habe ich nur gesagt, weil …«
»Es spielt keine Rolle, warum du es gesagt hast. Zerbrich dir nicht um alles, was du tust, den Kopf – am Ende ist von dir nichts mehr übrig, und das wäre trauriger als ab und an ein falsches Wort.«
Sie musste sich gegen ihn lehnen, weil ihre Beine noch immer schwankten und weil seine Stimme und seine Wärme so tröstlich waren. Als stünde noch einmal die Welt um sie in Flammen, als hielte er sie noch einmal fest und nähme ihr die Angst, der letzte lebende Mensch zu sein. Es kostete Kraft, sich aufzurichten und in die Worte Härte zu legen. »Warum bist du mir gefolgt?«, fragte sie.
»Darf ich das nicht? Ich dachte, es sei zwischen uns üblich, wenn einer sich Wachs in die Ohren stopft und den anderen nicht anhören will.« Als er den Ausdruck in ihrem Gesicht sah, hörte er sofort mit dem Geplänkel auf. »Entschuldige. Ich bin dir gar nicht gefolgt. Martina hat mich gebeten, nach dir zu sehen, weil wir das Geschrei bis nach oben hören konnten.«
»Und … und Valentin?«
»So heißt er? Valentin. Er ist gegangen. Er war der Meinung, jemand von uns habe seinen Kaiser beleidigt.«
»Es ist nicht sein Kaiser!«, fiel Katharina ihm ins Wort. »Es ist unser aller Kaiser, der Kaiser von Mexiko!«
»Wenn du das möchtest«, sagte Benito, »streite ich mich hier und jetzt mit dir um diesen Kaiser. Was nicht heißt, dass ich nicht sinnvollere Dinge wüsste, die wir tun könnten.«
Jähe Furcht ergriff sie. Ohne nachzudenken packte sie ihn. »Du darfst ihn nicht töten«, rief sie. »Wenn das wahr ist, was er glaubt, wenn du heimlich, aus Hinterhalten gegen die Truppen des Kaisers kämpfst, dann darfst du ihn nicht töten. Ich verrate dich nicht, ich will nicht, dass noch mehr Menschen durch meine Schuld sterben, aber wenn du Valentin mit deiner Machete …« Der Blick seiner Augen traf sie, und ihre Stimme erstarb.
»Mit meiner Machete?« Er hob eine Braue. »Ist das dein Ernst?«
»Valentin hat dich gesehen. In Michoacán.«
»Ja, ich ihn auch, und das wird keinem von uns gut bekommen. Aber Macheten benutzt man zum Maisschneiden, Katharina. Dass jemand in Notwehr damit tötet, ist schon möglich, doch bei der Nahkampfbewaffnung sind selbst wir Wilden inzwischen umgestiegen.«
»Hör auf!«, schrie sie. »Du darfst Valentin nichts tun, du hast mir einmal gesagt, du kannst nicht töten!«
Abrupt ließ er sie los, wandte sich ab und senkte den Kopf. »Ich habe es gelernt«, sagte er. »Erst heute Morgen habe ich einen Mann erschossen. Aber keine Sorge, es war mein eigener Mann.«
Aus den Fenstern des Ballsaals drangen die Klänge der Habanera, die nicht flirtete, sondern mit ihrer Leidenschaft verschlang. »Benito«, rief sie ihn zurück. Sein Name schien zu der Musik zu gehören und nicht aus ihrem Mund zu stammen. Er wandte den Kopf. Was hatte Valentin gesagt? Diese Indios sehen alle gleich aus, aber der ist unverkennbar. Seine Traurigkeit war unverkennbar. Es war die stillste und zärtlichste Traurigkeit der Welt. Einen Augenblick lang war sie versucht, ihn zu fragen, wer der Mann war, den er am Morgen erschossen hatte, doch es gab Wichtigeres. »Du musst es mir schwören«, sagte sie. »Dass du Valentin nicht tötest, was immer geschieht. Schwör es mir!«
Er überlegte eine Weile und sah sie unverwandt an.
»Schwöre!«
»Und was nützt dir das? Ich bin doch einer von denen, die lichtscheu aus dem Hinterhalt kämpfen. Wer sagt dir, dass mein Schwur mehr als einen Peso Mordgeld wert ist?«
Angst kroch ihr den Rücken hinauf. Er hatte recht. Woher wollte sie wissen, was aus diesem Mann geworden war? Ein Attentäter? Ein bezahltes Mordwerkzeug? »Mach, dass ich dir glauben kann«, rief sie verzweifelt. »Schwöre bei irgendetwas, das dir heilig ist!«
Er sah sie noch immer an. Zweimal hob und senkte sich sein Kehlkopf, als würde er an einem Klumpen schlucken. Dann hob er die Hand und legte ihr beide Schwurfinger an den Hals, auf die Schlagader, dorthin, wo ihr Leben pochte. »Ich schwöre«, sagte er. »Was immer geschieht, ich rühre deinen Valentin nicht an.«
Einen Pulsschlag lang ließ er die Finger dort ruhen, dann zog er sie fort. Ungläubig sah sie zu ihm auf, und ihre Blicke trafen sich. Ihr Herz raste. Im nächsten Augenblick lagen ihre Arme um seinen Hals und seine schlangen sich um ihre Schultern. Mit weit offenen Augen näherten sie einander die Gesichter, führten ihre Lippen zueinander, wie man eine Wunde verschließt. Sie küsste ihn, und er küsste sie. Als hätte ihnen sonst auf der Welt nichts gefehlt.
Im Kuss fehlte ja nichts. So viel Erinnerung erwachte, und so viel Neues keimte auf, alles wuchs zusammen und wurde wieder heil. Seine Hände streichelten ihren Rücken, ihre Hände streichelten seinen Nacken, und ihre Leiber, dort, wo sie sich berührten, bebten. Ihre Lippen beharrten aufeinander, fest genug, um das Gewicht zweier Welten daran aufzuhängen. Die Wärme, die ihr in Wellen durch die Glieder rollte, löschte aus, dass sie seit Monaten fror.
Ihre Finger gruben sich unter seinen Hemdkragen, lockerten die Bindung des Plastrons, spürten feinen Flaum auf bloßer Haut. Sie wollte tiefer tasten, gieriger zufassen, da vernahm sie hinter sich ein raschelndes Geräusch. Er hörte es auch und hob wie ein witterndes Tier den Kopf. Die Schutzhülle um sie zerbrach. Sie sah wieder klar und erkannte, was sie getan hatte, dass sie den falschen Mann in den Armen hielt, statt nach dem richtigen, nach dem, der sie liebte und brauchte, zu suchen.
Vor Entsetzen wollte sie schreien, riss die Hand in die Höhe und holte aus. Das war es, was Frauen taten, wenn ein Mann sie gegen ihren Willen küsste, es war die einzige Lösung. Sie schrien auf und ohrfeigten ihn, und damit war das, was nicht sein durfte, ausradiert. Benito hielt völlig still, nicht ein Lid zuckte. Als ihre Hand seine Wange traf, war dem Schlag die Kraft entwichen wie Luft aus einem Ballon. Bleischwer sank ihr Arm hinunter. Er verzog keine Miene, und seine Augen hatten nicht aufgehört sie anzusehen. Seltsam, dass sie angenommen hatte, sie wären schwarz. Wären sie schwarz gewesen, so hätten sie blicklos sein müssen, es hätte nicht zu erkennen sein dürfen, was jäh darin aufblitzte. Schmerz. Als hätte ihr Schlag sein Gesicht mit ganzer Wucht getroffen. »Möchtest du es noch einmal versuchen?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf.
»Dann bitte ich um Verzeihung«, sagte er. »Kann ich noch etwas für dich tun?«
Wiederum, unter größter Anstrengung, schüttelte sie den Kopf.
Er deutete eine Verbeugung an, nahm den Malkasten vom Boden und ging den Pfad zwischen den goldenen Teerosen entlang zurück zum Haus. Sie sah seinem Rücken nach, den schwarzen Frackschultern, dem erhobenen Kopf, und ein Wort lag ihr auf der Zunge, doch ehe es entwischte, schloss sie die Lippen. Der Geschmack nach den seinen war noch auf der wund geliebten Haut. Zwischen den Bäumen schien eine Gestalt zu verschwinden, doch das kümmerte sie nicht. Ihre Finger wanderten zu der Stelle an ihrem Hals, an der ihr Leben klopfte. Dann riss sie sich los, rannte aus dem Garten hinaus und die Straße hinunter. Sie musste einen Wagen auftreiben. Sie musste Valentin finden.