32
Für gewöhnlich unternahm er die Reise zum Dia de los Muertos oder wenigstens zur Weihnacht, aber in diesem Jahr wurde es Februar, bis er sich erlauben konnte, aufzubrechen. Auch jetzt war im Grunde der falsche Moment, aber wie lange würde es dauern, bis ein Moment wieder richtig war? Es hatte Tage und noch mehr Nächte gegeben, an denen er überzeugt gewesen war, das weiße Haus mit den grünen Türen nicht wiederzusehen.
Statt des Pferdes hätte er einen Wagen nehmen können, Coronel Ferrante hatte ihm den seinen geradezu aufgedrängt. »Beim Satan, Mann, hin und her sind Sie eine Woche unterwegs, und ich brauche Sie ohne wundgerittenen Hintern zurück. Von dem zerschossenen Arm ganz zu schweigen.«
»Worum haben Sie Angst?«, hatte er gefragt. »Um meinen Arm oder um meine Schießfähigkeit?«
»Das ist ein und dasselbe, Alvarez. Ist euch Amarantfressern eigentlich klar, dass wir um euretwillen den Hals in diesem Kampf riskieren? Uns könnte es schließlich nur recht sein, wenn die Franzosen euren Amarant fressenden Zwerg-Präsidenten hopsgehen lassen und wieder Sitte und Ordnung einführen.«
»Ja, das könnte es, mein Coronel«, erwiderte Benito. »Aber es ist Ihnen nicht recht, weil Sie das nobelste Herz von ganz Mexiko besitzen und uns Amarantfresser nicht leiden sehen können.«
»Ganz richtig. Was ist, nehmen Sie nun meinen Wagen?«
»Nein, mein Coronel.«
»Sie gehören vors Kriegsgericht, Sie respektloser Hund.«
»Wenn wir für Kriegsgerichte wieder Zeit haben, einverstanden?« Benito hielt ihm die Hand hin, in die der Coronel einschlug, obgleich solche Geste im Regiment nicht üblich war. »Ich verspreche, ich bin schießfähig, pünktlich und ohne nennenswerte Wunden zurück.«
»Gehen Sie zum Teufel, Capitán.«
»Es heißt: Gehen Sie mit Gott.«
»Den lassen Sie mal schön aus dem Spiel.«
Cuatl, der Schimmel, meisterte den harten Weg nach Nordosten wie eh und je, obgleich er demnächst zwanzig Jahre auf dem Buckel hatte. Benito liebte die Tage im Sattel, weil sie ihm den Kopf klärten und weil er zu Pferd mit allen Sinnen spürte, dass er nach Querétaro kam. Er musste noch immer darüber lachen, wie er als Kind versucht hatte sich ein Grün in tausend Schattierungen vorzustellen und einen Vogelchor mit tausend Stimmen, und wie wütend er geworden war, weil es ihm nicht gelang. Das Grün von Querétaro, an der Stadt vorbei und auf dem Weg in Richtung Sierra Gorda, war so überbordend, dass nicht einmal ein Idiot auf die Idee gekommen wäre, seine Schattierungen zu zählen. Endlose Pinien- und Eichenwälder machten die Luft rein und harzig, und Vogelsang hallte auf, sobald die Stille zu groß wurde, sobald die Weite bis zu den Bergen am Horizont ihn zu erdrücken drohte. Es war gut, hierherzukommen, es war so heilsam, dass er immer erst auf dem Weg bemerkte, dass etwas in ihm krank gewesen war.
In Santiago de Querétaro hatte er diesmal nur Geschenke gekauft, um sofort weiterzureiten. Wenn er das nächste Mal kam, wenn Frieden war, würde er Miguel die Stadt zeigen. Es war eine schöne Stadt voll verwinkelter Gassen, bunter Plätze und bepflanzter Innenhöfe, sie besaß einen prachtvollen Aquädukt, und Miguel wollte das Grab der Johanna Ortiz, der Heldin von Mexiko, sehen. Während der Kämpfe um die Unabhängigkeit hatte diese erstaunliche Person ihr Leben riskiert, um eine Gruppe von Verschwörern zu retten, und war zur Galionsfigur geworden, die den Kämpfenden Mut verlieh. Eine wie sie, die uns ein bisschen Mut macht, könnten wir schon wieder brauchen, dachte Benito, und der Gedanke verdüsterte ihm die Freude. Würde jemals eine Zeit kommen, in der Mexiko keine Frauen und überhaupt niemanden mehr brauchte, der für es sein Leben riskierte?
Die trüben Gedanken verflogen, als er den Hang hinaufritt und in der tiefen, geschützten Senke das Dorf sah, Santa María de Cleofás. Es war ein Bauerndorf mit weitverstreuten Häusern, und das weiße Haus mit den grünen Türen war das erste, das in Sicht kam. Es lag zwischen Maisfeldern und Viehweiden, von einem Garten umgeben und zur Hälfte im Schatten eines Brotfruchtbaums. Jedes Mal, wenn er hier ankam und aus der Höhe auf das Haus hinuntersah, fragte er sich, wer ihm als Erstes entgegenlaufen würde, und jedes Mal wünschte er sich, es möge Miguel sein.
Der Junge würde ihm böse sein. Er hatte Carmen geschrieben und die Gründe für die Verschiebung der Reise erklärt, aber ob ein Brief in diesen Tagen ankam, war fraglich, und überhaupt, was nützte einem Neunjährigen Gerede von Gründen? Nein, verbesserte er sich, Miguel war schon zehn. Er hatte wieder ein Jahr mit ihm versäumt, und zu Ostern würde er ihm diesmal nicht erlauben können, mit der Postkutsche zu ihm in die Hauptstadt zu reisen. Er sprang vom Pferd und führte den Schimmel den Hang hinunter. Eine der grünen Türen öffnete sich, eine Frau mit einem Wäschekorb trat heraus, winkte und rief etwas zurück ins Haus. Gleich darauf kam der kleine Junge, gefolgt von drei weiteren Kindern, ins Freie gerannt. Trotz allem – es war gut, hierherzukommen. Alles fügte sich und bekam wieder Sinn.
Nachdem er die Kinder begrüßt und die unvermeidliche Predigt seiner Mutter hinter sich gebracht hatte, brach er mit Carmen zu einem Spaziergang über den Rancho auf. Wie immer erfüllte ihn der Zustand des Geländes mit tiefer Befriedigung. Xavier, sein Schwager, und die beiden Frauen legten all ihre Kraft in die Bestellung des Landes. Die Bodenreform hatte es Benito erlaubt, zu der Milpa, auf der sie angefangen hatten, Land dazuzukaufen, und Carmen, Xochitl und Xavier brachten es zum Gedeihen. Die Maisfelder waren frisch eingesät, gestützt von den hohen Stauden würden Bohnen sprießen, und das Vieh war fett und hatte glänzendes Fell. Es war ein Risiko gewesen, die genügsamen Ziegen gegen Rinder, die in der Haltung teurer waren, einzutauschen, aber es hatte sich ausgezahlt.
Carmen hakte sich bei ihm ein. »Du siehst ziemlich zerknirscht aus, Schöner. Hat deine Mutter dich arg ins Gebet genommen?«
»Das kann man wohl sagen.«
Sie strich ihm über den Arm. »Nimm’s dir nicht zu Herzen. Wenn du nicht da bist, lobt sie dich in den höchsten Tönen, bis keiner von uns es mehr hören kann.«
Benito lachte. »Nein, ich nehme mir nichts zu Herzen. Ich bin zerknirscht, weil Miguel mich gefragt hat, ob er Ostern wieder zu mir kommen darf, und weil es weh tut, ihn zu enttäuschen.«
Wieder streichelte sie seinen Arm, offenbar ohne den Verband zu spüren. »Es steht schlimm, ja?«
Er sah über die Koppel hinweg nach den nackten Gipfeln der Bergkette. Nie war dieses Land so schön wie im Abendlicht des gerade erwachenden Frühlings. »Ich weiß es nicht, Carmen«, sagte er. »Die Franzosen werden alles daransetzen, ihre Schlappe auszuwetzen und uns Puebla abzunehmen. In Frankreich sind in ein paar Monaten Wahlen – dafür will sich Louis Napoleon um jeden Preis einen mexikanischen Sieg an die Brust heften.«
»Aber was will er denn hier?«, fragte Carmen. »Auch wenn ich deine Zeitung nicht lese, halte ich mich nicht für eine dumme Frau, doch dieser Kaiser Napoleon ist mir ein Rätsel. Will er Mexiko statt zur spanischen jetzt zur französischen Kolonie machen?«
Benito schüttelte den Kopf. »Vielleicht weiß er das selbst nicht genau. In jedem Fall will er ein Mexiko, das militärisch wie wirtschaftlich an Frankreich gebunden ist. Darüber hinaus gefällt es ihm wohl einfach, die Geschicke der Welt auf seinem Spielbrett auszuwürfeln. Offiziell lässt er verkünden, die französische Armee sei gekommen, um das gemarterte Mexiko von der Anarchie der Liberalen und ihres Vollblutaffen zu befreien.«
»Er wird also, wenn er siegt, die Konservativen zurück an die Macht bringen. Werden sie uns unser Land wegnehmen, Benito, werden wir mit nichts dastehen?«
Einen Herzschlag lang schloss er sie in die Arme. »Nichts und niemand wird euch euer Land wegnehmen. Ich verspreche es dir – genügt dir das?« Sie nickte, und er ließ sie los. »Im Übrigen würde Napoleon kaum unseren Konservativen das Ruder überlassen, sondern eine Regierung nach seinem Gutdünken einsetzen. Einen europäischen Monarchen.«
»Er muss völlig verrückt sein.«
»Das sagen viele. Aber er ist ein Verrückter mit gewichtigen Trümpfen auf der Hand.«
»Wird er also Puebla bekommen?«
Benito lächelte. »Du wirst von mir nicht erwarten, dass ich dir militärische Geheimnisse anvertraue.«
»Ich erwarte von dir, dass du mir sagst, was du denkst.«
Er reichte ihr wieder den Arm, der in der steifen Haltung zu schmerzen begann, und führte sie weiter. »Ich denke, wir haben das Zeug, sie aufzuhalten. Unser gefährlichster Gegner ist ihre Contré-Guerilla, die niedermetzelt, was ihr unter die Finger kommt. Aber wir haben aus Fehlern gelernt. Wenn wir uns diesmal nicht den Schneid abkaufen lassen, sollten wir mit ihnen fertig werden.«
»Und wenn nicht?«
»Dann stehen sie zwei Wochen nach Puebla in Mexiko-Stadt.«
Statt einer Erwiderung schloss sie ihre Hand wie eine Zwinge um seinen Unterarm. Vor Schmerz fuhr er zusammen. Sie gab ihn frei, öffnete die Manschette und streifte die Ärmel von Hemd und Rock zurück. »Weshalb verschweigst du uns eigentlich, dass du verwundet bist?«
»Es ist fast verheilt«, murmelte er, »und es war nur …«
»Ein Streifschuss?«, herrschte sie ihn an. »Fang nicht an mich zu belügen, Benito. Vermutlich hast du es einem glänzenden Feldchirurgen zu verdanken, dass du den Arm nicht verloren hast.«
Einer glänzenden Feldchirurgin, verbesserte er in Gedanken, sagte aber nichts.
Carmen erlaubte ihm, die Ärmel wieder über den Verband zu ziehen. »Ich verstehe nicht, warum du das tust. Du bist Anwalt geworden, du hast für diese Zeitung geschrieben, weil du für Mexiko leben, nicht sterben wolltest. Meinst du nicht, dass Juárez Männer wie dich in den Redaktionen und Gerichtssälen braucht, nicht in Guerillagräben und auf Leichenhaufen?«
Er hatte sich vorgenommen, sich nicht zu rechtfertigen, falls sie ihm je diese Frage stellte. Aber der Gedanke, ihre Achtung zu verlieren, war ihm unerträglich, und es mochte auch um das gehen, was sie eines Tages Miguel erzählte. »Ich eigne mich nicht zum Volksredner«, sagte er, »und es war mir nie möglich, irgendwelche Sterbliche, die essen, trinken und furzen, als Erlöser meines Landes anzubeten. Aber ich glaube, dass Juárez gut für Mexiko ist, dass Juárez mehr Menschen hinter sich hat als einer der siebenunddreißig Präsidenten vor ihm und dass er uns in kleinen, mühsamen Schritten voranbringt. Versteh mich nicht falsch. Wir sollten Juárez wie jeden anderen stürzen, wann immer er uns nicht mehr passt. Einer fremden Macht aber dürfen wir nicht erlauben, uns unsere gewählte Regierung zu nehmen, wenn wir je mehr sein wollen als ein zerstrittenes Völkergemisch. Eine Nation, Carmen. Deshalb habe ich mich im Bürgerkrieg in Juárez’ Armee gemeldet, und deshalb kann ich jetzt nicht zurück.«
Sie schien kurz zu überlegen, dann blickte sie auf und strich ihm über die Wange. »Wenn du dich nicht zum Volksredner eignest, weiß ich nicht, wer sonst«, sagte sie. »Aber zu etwas anderem eignest du dich nicht. Zum Töten. Ich denke nur daran, was los war, als ich dich bat, mir beim Schlachten zu helfen. Von deinem Geschrei im Schlaf schweige ich, um deinen Stolz zu schonen.«
Er versuchte zu lachen, auch wenn etwas ihm die Kehle zuschnürte. »Man kann das lernen, Carmen.«
»Was, töten? Und dessen bist du sicher?«
»Man könnte auch zu der Ansicht gelangen, alle Kriege sollten von Männern geführt werden, die nicht töten können.«
Sie sah ihn an, nahm ihn bei den Rockaufschlägen und rüttelte ihn. »Du bist so wahnsinnig, wie du klug bist, und ich werde vor Angst um dich nicht schlafen, aber natürlich lasse ich dich ziehen wie jede brave mexikanische Frau. Würdest du in der regulären Truppe kämpfen, könnte ich wenigstens im Tross mitgehen, aber ihr Guerilleros kämpft ja einsam und sterbt allein.«
Er küsste die Luft über ihrem Scheitel. »Du bist nicht meine Frau, Carmen.«
»Nein«, sagte sie und schlang die Arme um ihn. »Ich wünschte, du hättest eine, die dir fürchterlich die Leviten lesen würde.«
»Das übernimmt meine Mutter – und zwei von der Sorte hält der stärkste Mann nicht aus. Hör mal, die Mutter sagt, ihr habt Angst, ihr könntet den Rancho nicht halten, wenn mir … wenn ich nicht wiederkomme und kein Geld mehr bringe.«
»Das ist Unsinn«, fuhr sie ihm scharf ins Wort. »Der Rancho trägt sich allein, mach dir darum nicht auch noch Sorgen.«
»Ich weiß«, sagte er. »Ihr kommt bestens allein zurecht. Aber Miguels wegen … Ihr werdet Geld für seine Ausbildung brauchen, und dann auch für Enrique, wenn er älter ist. Ich will nicht, dass es an diesem Geld irgendwann fehlt oder an Geld für die Versuche, die Xavier mit Kaffeepflanzen machen will, oder an irgendetwas.«
Carmen sah nicht mehr ihn an, sondern den Boden. »Du bist gekommen, um dieses Geld zu bringen, nicht wahr? Andernfalls hättest du deine Kompanie nicht verlassen, aber du wolltest, dass wir das Geld haben, ehe du dich erschießen oder von Contré-Guerilleros zu Tode peitschen lässt, und im Grunde sollen wir dir dafür auch noch dankbar sein.«
»Nein, sollt ihr nicht.« Er wandte sich ab, sah in die andere Richtung, wo über dem Haus das letzte Licht verlosch. »Ich wäre euch dankbar, wenn ihr das verdammte Geld nehmen würdet, damit ich es mir nicht um den Hals hängen oder seidene Hemden dafür kaufen muss. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr es für die Ausbildung meiner Patensöhne aufheben würdet, wie mein Pate es für Miguel und mich gewollt hätte. Und einen Teil für die Mädchen, falls sie ledig bleiben wollen, und etwas für die Graue am Berg.«
»Benito«, rief sie ihn leise. »Dreh dich wieder zu mir.« Als er sich nicht rührte, legte sie ihm die Hände auf die Schultern und lehnte sich gegen seinen Rücken. »Miguel sagt, er will auf die Universität wie du und dein Pate Vicente und Anwalt werden. Er kann das Geld gut brauchen, und du machst auch ohne seidene Hemden genug Frauenherzen verrückt. Tust du mir noch einen Gefallen?«
»Wenn ich kann.«
»Bitte gib das Geld Carlos, nicht mir.«
Sachte befreite er sich und drehte sich um. »Glaub mir, das wollte ich. Ich habe nur noch mehr Angst, Carlos zu kränken, als dich.«
»Carlos war nie ein Mann, der sich die Wahrheit schöngeredet hat. Und ich war nie eine Frau, die sich aufs Lügen verstand. Er hat mit der Kränkung all die Jahre gelebt, und ich wünsche mir nur, dass er weiß …«
Als sie abbrach, sah er, dass ihre Augen nass waren und dass sie die Lippen zusammenpresste. »Er weiß es, Hueltiuhtli«, sprach er sie an, wie er es sonst nur bei Xochitl tat, und schloss die Arme um sie. »Er weiß, dass du all die Jahre mit ihm glücklich warst, und er war auch glücklich, und das Kind, das ihr habt, ist das Glück auf zwei Beinen. Was ist denn die Wahrheit, Carmen? Dass du deinen Mann nicht liebst, sondern einen verdrehten Hallodri, dem die Fähigkeit zur Treue fehlt? Wenn das die Wahrheit sein soll, dann weiß ich auf der Welt kein Paar, das sich liebt.«
Eine Weile weinte sie an seiner Brust. Dann hob sie den Kopf, rieb sich die Augen und gab seiner Wange einen forschen Klaps. »So, mein Schöner, jetzt ab zu Carlos mit dir. Inzwischen kümmere ich mich darum, dass wir alle etwas zu essen bekommen. Barbacoa vom Lamm und in der Mole mehr Chili als Schokolade?«
Er lächelte, auch wenn es sich anfühlte, als täten ihm die Mundwinkel weh.
In den Jahren in Santa María de Cleofás hatte Carlos gute und schlechte Tage gehabt. Ein guter Tag war, wenn er auf seinen Krücken ins Freie humpeln und bei Verrichtungen helfen konnte. Er hatte sich beigebracht zu melken und Holz zu hacken, Maismehl zu mahlen und Unkraut zu jäten. Er wusste auch, sich in der Küche nützlich zu machen, und statt über Weiberarbeit zu klagen, hatte er jeden Tag, an dem er nicht nutzlos gewesen war, einen guten genannt. Ein schlechter Tag war, wenn er aus eigener Kraft nicht aus dem Bett kam, wenn die Frauen ihn auf seinen Stuhl auf die hintere Veranda setzten und sein Sohn pflichtschuldigst herbeitrottete, um gelangweilt mit ihm Karten zu spielen. Ein Blick auf den ausgezehrten Mann auf der Bettstatt verriet Benito, dass es in letzter Zeit für Carlos nur noch schlechte Tage gegeben hatte.
Er kniete sich vor das Bett, wie er vor seiner Mutter kniete, um ihren Segen zu empfangen. Als Carlos lächelte, wurde ihm wieder einmal bewusst, wie sehr er ihn liebte, mehr noch als seinen Schwager Xavier, der ein prächtiger Kerl war. Das Gespräch fiel ihnen beiden schwer. Irgendwann sagte Carlos: »Es tut mir leid, dass ich so fürchterlich krächze.«
»Mir tut leid, dass ich so fürchterlich stammle«, entfuhr es Benito. Sie lachten beide, obwohl Carlos sichtlich Schmerzen litt. Um die Leibesmitte trug er erneut einen Verband und bat Benito, ihn zu wechseln, damit seine Frau es nicht tun müsse. Seine Schussverletzung war nie ausgeheilt, sondern brach von Zeit zu Zeit wieder auf. Sie hatten angenommen, Carlos würde nicht lange überleben, aber Carmen hatte ihn gepflegt, bis er stark genug war, mit ihnen nach Querétaro zu reisen. Kurz nach ihrer Ankunft in Santa María de Cleofás hatte sie ihn geheiratet.
Die Wunde stank nach Eiter und Infektion, aber Carlos bestand darauf, dass Benito sie sofort wieder verschloss. Er gab ihm das Geld und bat ihn, es in vier Teile zu teilen. Einen für Miguel und Enrique, einen für Donata und Angela, einen für den Rancho und einen für die Graue am Berg. »Gehst du zu ihr, bevor du aufbrichst?«, fragte Carlos.
»Diesmal nicht«, erwiderte Benito. »Ich will die paar Stunden, die mir bleiben, mit euch verbringen.«
»Und von dem Geld willst du nichts für dich behalten?«
»Wenn ich es euch gebe, behalte ich es für mich«, sagte er.
Carlos legte ihm die Hand auf die Schulter. »Hast du noch Zeit? Kann ich dir etwas sagen?«
»Von mir aus kannst du mir den gesamten Boturini Codex aufsagen. So wichtig werde ich kaum sein, dass ich die Zeit dazu nicht habe.«
»Vermutlich glaubst du, ich müsse dich hassen«, sagte Carlos.
»Ja«, erwiderte Benito ehrlich. »Ich an deiner Stelle täte es.«
Carlos’ Lächeln geriet zur schmerzverzerrten Grimasse, und gleich darauf musste er husten. Benito goss ihm Sud vom weißen Eisenkraut, den seine Mutter gegen ihren Husten trank, in einen Becher, auch wenn sie beide wussten, dass gegen Carlos’ Husten kein Kraut mehr gewachsen war. »Ich liebe dich«, krächzte Carlos, sobald er zu Atem gekommen war. »Ich glaube, ich habe die Liebe und Bewunderung, die dein Bruder für dich hatte, von ihm geerbt.«
Benito, der so sehr daran gewöhnt war, sich vor ihnen allen zusammenzureißen, fühlte sich jäh von Furcht übermannt. Ehe Carlos weitersprechen konnte, presste er ihm die Hand auf den Mund. »Ja, das hast du«, fuhr er ihn an, »und das bleibt auf dir sitzen. Ich habe einen Bruder verloren, ich verliere nicht noch den zweiten. Nein, ich werde dir nicht erlauben, mir zu sagen, dass du es nicht mehr lange machst und dass ich nach deinem Tod deine Frau und deinen Sohn zu mir nehmen soll, weil Carmen ohnehin immer mich geliebt hat und weil Miguel mich und nicht dich zu seinem Helden macht. Das ist dummes Zeug. Wenn dein Sohn nicht weiß, was für einen Mordskerl er zum Vater hat, bekommt er Prügel von mir, bis er sein Hirn benutzt. Und deine Frau liebt dich so sehr, wie eine Frau ihren Mann nur lieben kann, egal, ob sie als Kind mit mir geübt hat, wie man küsst. Du hast die Pflicht, für die beiden zu leben, hörst du? Sie brauchen dich, nicht mich. Es heißt, Neid müsse man sich verdienen, Carlos, und wenn es einen Mann auf der Welt gibt, den ich beneide, dann dich.« Außer Atem ließ er den anderen los und erschrak, als er den rötlichen Handabdruck um Carlos’ Lippen sah. »Verzeih mir«, murmelte er und senkte den Kopf. »Ich habe mich vergessen.«
»Schon gut, kleiner Bruder«, murmelte Carlos und klopfte ihm die Schulter. »Ist schon gut. Ich habe mich auf dich gestürzt wie ein Kojote, weil ich dachte, bei dir muss ich endlich nicht mehr tapfer sein. Wir sollten gelegentlich daran denken, dass du das auch nicht kannst – immerzu tapfer sein.«
Benito blickte auf und grinste. »Wir sind gerade beide nicht sehr tapfer, Carlos.«
»Nein«, stimmte Carlos zu und erwiderte das Grinsen. »Gerade sind wir beide zwei ausgesprochene Waschweiber.«
Sie tauschten einen Blick, dann zog Benito die Handschuhe, die er regelmäßig mit Fett einrieb, aus dem Gurt und legte sie vor Carlos aufs Bett.
»Für Miguel?«
Benito nickte.
Von der vorderen Veranda rief Carmen sie zum Essen. Benito und Carlos ließen sich noch ein paar Augenblicke Zeit und versprachen einander zum einen, nicht zu sterben, und zum anderen, einander zu verzeihen, wenn sie das erste Versprechen nicht halten würden. Zuletzt bat Carlos ihn wie jedes Mal, seine Base nicht im Stich zu lassen, so unsäglich diese sich auch betrug. »Wo ist sie denn?«, fragte Benito, der froh gewesen war, dass ihm Inez bisher nicht über den Weg gelaufen war, dass sie sich nicht an seinen Arm gehängt und ihn angefleht hatte, sie mit in die Hauptstadt zu nehmen.
Mühsam zuckte Carlos mit einer Schulter. »Manchmal geht sie nach oben und spricht mit der Grauen am Berg, aber meistens nimmt sie den Eselskarren und fährt nach Santiago. Du weißt, sie hält das Leben hier nicht so gut aus.«
Nein, Inez war für das Leben auf dem Land nicht gemacht, aber vor allem hielt sie wohl die Liebe der beiden Paare nicht aus, die ihr vor Augen hielt, was sie nicht besaß. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er zu Carlos. »Ich habe Inez von Miguel geerbt, so wie du mich. Ich lasse sie nicht im Stich.« Tatsächlich hätte kein Mensch das arme Wrack von einer Frau im Stich gelassen, auch wenn Benito nicht wohl dabei war, dass sie sich bei der Grauen am Berg herumtrieb.
Xochitl kam und schimpfte sie aus, weil das Essen kalt wurde, Benito hob Carlos aus dem Bett und trug ihn vors Haus, wo der Rest der Familie sich um die Barbacoa scharte. Die Mutter saß im Korbstuhl und schaukelte vor sich hin, die Übrigen saßen auf dem Boden. Carlos hielt Carmen im Arm, Xavier hielt Xochitl im Arm, und um Benito drängten sich die Kinder, Miguel, Xochitls Zwillinge Enrique und Donata und Inez’ Tochter Angela. Sie saßen lange beieinander, tranken zu viel und zupften auf Xaviers Gitarre, weil es nichts Rechtes zu reden gab in solchen Nächten, weil jedes Wort zentnerschwer klang und jeder Witz gewollt und lahm.
Benito brach vor dem Morgengrauen auf, um sich den Abschied zu ersparen. Er hatte Carmen noch einmal eingeschärft, niemanden ins Haus aufzunehmen, niemandem zu trauen und zu politischen Fragen zu schweigen. Nicht nur die Franzosen ahndeten Widerstand mit der Peitsche oder dem Galgen, auch Juárez hatte ein Dekret erlassen, nach dem jeder Mexikaner, der mit den Franzosen kollaborierte, des Todes war. Am besten, man hielt sich für sich, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Damit war alles gesagt. Todmüde und mit bleischweren Gliedern führte er Cuatl den Hang hinauf. Einen Moment lang war der Wunsch übermächtig, sich umzudrehen und zurück in die Senke zu blicken, auf das blühende Tal und das Haus, in dem seine Familie lebte. Einen Moment lang war er versucht zu schreien: Ich kann das nicht. Ich bin zu schwach und habe Angst. Dann aber fasste er sich und stieg weiter. Als er den Kamm erreichte, ging die Sonne auf.
Der Saal lag im weichen, beinahe rosigen Licht der Öllampen, und die süße Musik tat ein Übriges, um eine märchenhafte Atmosphäre zu zaubern. Die Roben der Damen in den Logen liefen denen der Sängerinnen auf der Bühne den Rang ab. Valentin gelang es kaum, seine Füße still zu halten. Am liebsten wäre er unter einem Vorwand aus dem Teatro Communale geflohen. Ohnehin machte er sich nichts aus Opern und kam nur seiner Begleiterin zuliebe her. In diesen Junitagen aber, in denen stündlich mit bahnbrechenden Nachrichten gerechnet werden konnte, fiel ihm das Ausharren in weltfremden Traumsphären doppelt schwer.
Zudem missfiel ihm die Geschichte, die auf der Bühne, untermalt von schmelzenden Geigenklängen, dargeboten wurde. Es war Bellinis La Straniera – die Fremde, und schon der Titel erregte seinen Unwillen. Die Handlung war geradezu hanebüchen. Irgendein Dummkopf, der das Glück hatte, als Graf geboren zu sein, war mit einem standesgemäßen, wenngleich pummeligen Mädchen verlobt und warf alles hin, um einer verschleierten Fremden zu verfallen, deren Herkunft ein Geheimnis umgab. Für die namenlose Fremde stürzten die Akteure einander von Klippen, duellierten sich, und zu guter Letzt ergriff der dem Wahnsinn anheimgefallene Graf sein Schwert und entleibte sich. Tief atmete Valentin auf, als sich der Vorhang über der blutbefleckten Bühne senkte.
»War es nicht allerliebst?« Noch während sie frenetisch applaudierte, wandte seine Begleiterin ihm ihr niedliches Gesicht zu. »Wie er so alles dahingab, der ärmste Graf Arturo – für eine Fremde, die ihm nicht einmal ihre Abkunft verriet.«
»Und die zum Schluss einem anderen Mann gehörte«, fügte Valentin trocken hinzu, räusperte sich aber und bestätigte, dass die Aufführung grandios gewesen sei. Ein Mädchen wie Ildiko Szomory führte man nun einmal in die Oper, und der Lohn war den Aufwand wert. Die nussbraun gelockte Ildiko war nicht nur bezaubernd, sondern hatte einen Onkel im Generalstab. Ihr Bruder gehörte zu einer Delegation von Husaren-Offizieren, die in Triest an Übungsmanövern mit der Marine teilnahmen. Im Angesicht der Bedrohung, die von der nationalen italienischen Bewegung ausging, erschienen solche Maßnahmen notwendig.
Diese nationale Bewegung gehörte zu den Dingen, die sich Valentins Verständnis entzogen. Wäre er Venetier, Lombarde oder Piemontese gewesen, hätte er sich nichts anderes gewünscht, als unter den Fittichen des Hauses Habsburg zu leben – so wie das Kleine zum Großen strebte, wie es alle Geschöpfe zur Sonne zog. Überall auf der Welt gab es Völker, die nach der Herrschaft der Habsburger geradezu schrien. Polen wie Griechen boten Max ihre Königskrone an. Dass der Erzherzog zögerte, sie zu ergreifen, hatte triftige Gründe: Max war zum Kaiser, nicht zum König geboren. Der hochbegabte Mann brauchte mehr als eine Krone – eine gewaltige Aufgabe, ein Land ohne Frieden, Wohlstand und Kultur, dem er diese Segnungen schenken würde. Valentin hatte den Erzherzog bewundert, solange er denken konnte. Was er aber in seiner Nähe empfand, war mehr als Bewunderung. Es war Liebe. Der Wunsch, für ihn durchs Feuer zu gehen.
Ildiko, die an seinem Arm hinaus in den sternenfunkelnden Sommerabend trat, war noch immer mit der Oper beschäftigt. »Musst du so unromantisch sein, Vally?«, fragte sie und gab ihm einen zärtlichen Nasenstüber. »Ein fesches Mannsbild wie du – sag bloß, du würdest nicht mit fliegenden Fahnen einer fremden Dame folgen, an die du dein stählernes Herz verlierst?«
»Gewiss nicht«, erwiderte Valentin firm. Zwar überlegte er schon, in welches Etablissement er sie führen sollte, um den Rest des Abends zu genießen, aber zugleich klärte er die Fronten. Er war verlobt. Der kleine Flirt half der Langeweile ab, doch vor allem ging es ihm um die Einladungen auf Schloss Miramar, die er dank Ildikos Bruder erhielt. Das war es, was er wollte. In Maximilians Nähe sein, wenn die entscheidende Nachricht eintraf und alles Banale sein Ende fand. Mit fliegenden Fahnen folgte er nur seinem Erzherzog. Ohne ihn wäre mein Leben leer und belanglos, aber was versteht davon ein niedliches Püppchen, das in einem Märchenschloss geboren worden ist?
Valentin reckte sich zu voller Größe und hielt nach seinem Fahrer Ausschau. Der Platz unter den Linden war übersät von Menschen, die im Licht der Gaslaternen Zeit vertrödelten. Triest, Österreichs Seehafen, war durchaus keine Stadt ohne Reize, doch ihre verschlafene Langsamkeit zerrte an Valentins Nerven. Ihm konnte nichts schnell genug gehen, eine Eigenschaft, die seine Untergebenen fürchteten, seine Befehlshaber schätzten und die Frauen in seinen Armen liebten. Ildiko, die schwer und rundlich an ihm hing, bildete da keine Ausnahme. »Was ist dir denn, mein Goldiger?«, flötete sie mit gespitzten Lippen, als sie spürte, wie sein Körper sich spannte. »Weißt du, wie du mir manchmal vorkommst? Wie deine Novara, die, wenn nur der Wind tüchtig pfeift, sich in ihre Ankerketten legt, dass man fürchtet, sie zerreißen.«
Einen so treffenden Vergleich hätte er Ildiko nicht zugetraut. Die Novara war die Schraubenfregatte, auf die er versetzt worden war, das Lieblingsschiff seines Erzherzogs, das eine Weltumsegelung hinter sich hatte, nach Maximilians Wünschen umgebaut worden war und jetzt im Hafen auf ihren Einsatz wartete. Das ewige Warten! Wie lange harrten sie beide – er und sein Schiff – schon darauf, dass etwas geschah? Kein vorhersehbares Ereignis wie seine Beförderung zum Leutnant, sondern eine Sensation. Gewiss hätte er nicht all die Zerstreuungen, die Frauen, Pferde und Spieltische, die ihm im Grunde nichts bedeuteten, gebraucht, hätte das quälende Warten nur endlich ein Ende gefunden.
»Ich suche den Johann, Schatzerl«, warf er Ildiko hin. »Dort drüben beim Brunnen hätte er warten sollen. Kannst du mir vielleicht sagen, was der Kerl sich denkt?«
»Er wird sich erlaubt haben, einen anderen Platz zu suchen«, erwiderte die schöne Ungarin spöttisch. »Damit dein andalusisches Rassepferdchen ihm im Gedränge nicht durchgeht.«
Damit traf sie ins Schwarze. Der feurige Andalusier, den er sich geleistet hatte, war für die engen Straßen von Triest so wenig geeignet wie für den schläfrigen Johann, sondern verlangte nach einem Land mit unerschlossenen Weiten.
»Vally!«, rief Ildiko und reckte sich wie er in die Höhe, was nichts nützte, da sie selbst mit Hütchen eine kleine Person blieb. »Den Johann kann ich zwar nirgends entdecken, aber schau mal da – der Gabor!«
Im selben Augenblick hatte Valentin ihn ebenfalls entdeckt, und im nächsten entdeckte Ildikos Bruder, Oberst Gabor Szomory, auch ihn. Er lehnte an seinem eleganten Coupé, stieß sich ab und schritt wie aus der Sehne geschnellt durch die Menge. »Valentin!« Ohne seine Schwester zu beachten, packte er den Kameraden bei den Schultern. In seinem Gesicht glänzten rote Flecken. »Du musst sofort mit mir kommen. Auf Miramar gibt’s eine Feierstunde. Wie ich dich kenne, willst du da nicht fehlen!«
Valentins Herz begann mit ungeahnter Kraft zu pumpen. Das Warten hatte ein Ende.
»Ja, jetzt red doch, Gabor.« Ildiko versetzte ihrem Bruder einen Rippenstoß. »Was bei Maria und Josef ist denn los, dass du so schnaufst?«
»Was los ist?«, rief der Ungar, dass die Bummler stehen blieben und die Ohren spitzten. »Louis Napoleons Männer haben den Sieg davongetragen. Die französische Fahne weht über Mexiko-Stadt.«
»Louis Napoleon? Ja, habt ihr nicht vor kurzem noch die Zähne gefletscht, wenn der Name Napoleon auch nur geflüstert wurde?«
Für die Nichte eines Generalstabsoffiziers war sie bedauerlich schlecht informiert, aber darin waren alle Frauen gleich. »Das ist doch Jahre her, Ildi«, schalt ihr Bruder sie liebevoll. »Damals war Napoleon unser Kriegsgegner. Heute dagegen erweist sein Heer allen zivilisierten Völkern Europas einen heroischen Dienst.«
Valentin war froh, dass Gabor das Reden übernahm, denn in ihm war eine Stille, die er nicht zu durchbrechen wünschte. Eine heilige Stille. Ein neues Zeitalter brach an, und er war dort, wo es sein Morgenrot erlebte.
»Soso«, bemerkte Ildiko. »Und was, wenn’s gestattet ist, schert das uns? Mexiko – ist das nicht eins dieser riesenhaften Länder voll ekligem Getier und behaarter Wilder?«
»Was uns das schert, will sie wissen!«, rief Gabor und lachte, dass es über den Platz schallte. »Sag du es ihr, Vally, sag ihr, was uns das schert.«
Wie oft berührte Valentin der Überschwang des Ungarn peinlich, und gerade jetzt schien er der Würde des Augenblicks nicht angemessen. Seine eigene Stimme war schwer und enthielt von der heiligen Stille noch einen Rest. »Der Sieg der Franzosen bedeutet, dass Anarchie und Chaos für Mexiko zu Ende gehen«, sagte er. »Das glücklose Volk, das du so abschätzig Wilde nennst, ist von der Tyrannei einer infamen Regierung befreit und blickt einem neuen Morgen entgegen. Dieses reiche, fruchtbare Land wird zu einer Blüte gelangen, vor der die Welt den Atem anhält.«
»Muss ich verstehen, was du redest, Vally?«, fragte Ildiko.
»Nein«, erwiderte Valentin und stürmte in Richtung der Wagen los. »Es genügt, wenn du das eine begreifst: Der Sieg der Franzosen bedeutet, unser Erzherzog, Maximilian von Habsburg, wird Kaiser von Mexiko.«