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Das leuchtende Grün in den Wäldern seiner Kindheit – die pralle Fruchtbarkeit Querétaros wie der wuchernde tropische Wildwuchs von Veracruz – fand seine dunkle Entsprechung in den bewaldeten Hängen von Michoacán. Dicht gedrängt an die Rücken der Berge stand der Pinienwald, als würde er das Tal vor den Vulkanfeldern, die sich dahinter erstreckten, abschirmen. Er duftete nach Harz und Moos, und sein Grün erschien noch aus der Nähe schwarz gegen das Weiß der ewigen Nebel, die die Gipfel umhüllten.
Es war ein stiller Wald, in dem man das Knuspern der Hirschmäuse in den Zweigen und das Flügelrauschen der Monarchfalter hören konnte, die jetzt, da der Frühling nahte, in Riesenschwärmen in ihre nördliche Heimat aufbrachen. Man musste dazu nur still sein, und Horden von Soldaten, selbst wenn sie sich verborgen hielten, waren nie still. Manchmal, für einen Atemzug, wünschte Benito, er hätte die Weite und Tausendfalt seines Landes auf leisen Sohlen kennenlernen dürfen, nicht in Nagelstiefeln, in Ehrfurcht schweigend, nicht mit dem Tod in der Hand.
Im Tal säumten Avocadobäume die Ufer eines schläfrigen Flusses, der in der Regenzeit schwellen und die Wiesen mit Wasser sättigen würde. Die nahe Stadt hieß Uruapan, Ort, an dem immer Früchte wachsen, und sie trug ihren Namen zu Recht. Benito hatte zwei seiner Männer ausgeschickt, um die nachgereiften Avocados vom Boden zu sammeln, während andere die Baumfallen prüften und mit zwei Coati-Bären zurückkehrten. Demzufolge hatten sie an diesem Abend endlich einmal ausreichend zu essen.
Die Männer waren genügsam und tapfer und nörgelten höchstens, um sich Luft zu verschaffen. Dass ihre Kameraden überall im Land Niederlagen einsteckten, dass ihre Einheiten in Michoacán, unter Nicholas Romero, die einzigen Juárista im Land waren, die noch Siege errangen, ließ sich jedoch nicht vor ihnen verbergen und zermürbte ihre Moral. Benito hatte bei Romero, der den Oberbefehl innehatte, obwohl er nie General einer Armee gewesen war, vorgesprochen und um ein Fass Pulque gebeten.
»Willst du die Kerle abfüllen, damit sie nicht mehr zielen können?«, hatte Romero gefragt.
»Nein. Ich will, dass sie ab und zu den Eindruck haben, wir wüssten, was sie wert sind«, hatte Benito erwidert.
Romero war ein massiger Kerl mit schwarzem Bart und riesenhaften Händen und spielte den Banditen, für den viele ihn hielten, mit Vergnügen. In Wahrheit war er vor allem ein genialer Stratege, ein wahrer Glücksfall, auf dem sämtliche Hoffnungen ruhten. Auf seine Order hin hatte Benito sich den Kämpfern wieder angeschlossen, und Romero hatte ihn mit den Worten begrüßt: »Ich mag keine Indios. Skunks mag schließlich auch keiner. Dich habe ich trotzdem angefordert, weil der Ferrante sagt, du hast so viel Grütze im Kopf, dass man deinen Gestank vergisst.«
»Vergessen Sie ihn besser nicht, Señor Comandante«, hatte Benito gesagt. »Wir Skunks können nachlegen.«
Den Pulque hatte er bekommen. Zusammen mit den Avocados und dem über niedrigstem Feuer gerösteten Fleisch ergab er geradezu ein Fest in der Bodensenke unter den Pinienzweigen. Das Vergnügen war den Männern zu gönnen. Zwei Tage lang hatten sie in Zitacuaro den Österreichern einen bewundernswerten Kampf geliefert und auf dem Rückzug sechs Planwagen und zwanzig Maultiere voll Material erbeutet. Sie hatten sich einen Ruf erworben – Romeros Teufel von Michoacán, die Guerilleros zum Zähneausbeißen. Sie hatten das bisschen Rausch und das verhaltene Gelächter durch die Nacht verdient.
»Trinken wir auf den Capitán!«, rief Guerrero, ein rothaariger Kreole mit der entzündeten Haut sehr junger Männer. »Anfangs ist’s mir übel aufgestoßen, unter einem wie dir zu dienen. Auf unserer Hacienda haben wir deinesgleichen zum Leeren der Mistkübel, aber inzwischen hab ich gelernt, was für ein famoser Kerl du bist. Ich würde meine Hand für dich ins Feuer legen, weißt du das? Ich würde dir meine Schwester zur Frau geben.«
»Hier leerst du deinen Mistkübel selbst«, erwiderte Benito. »Deshalb rate ich dir, mit dem Trinken aufzuhören, sonst nimmt das Leeren heute Nacht kein Ende. Und deine Schwester wird sich wundern, wenn nach dem Krieg zwölf Bräutigame vor der Tür stehen, so oft, wie du die versprochen hast.«
»Ach, die kann das bewältigen«, behauptete Guerrero unbekümmert. »Die hat einen Magen aus Eisen, so wie ich. Außerdem nimmst du sie ja gar nicht. Auch wenn du noch so verschwiegen tust und keinen Alkohol anrührst – es weiß trotzdem jeder, dass dein Herz der Medica Martina gehört.«
»In der Tat. Das weiß jeder«, brummte eine Stimme in Benitos Rücken. Er drehte sich um und sah Romero, der seine Massen unter den Zweigen hindurchzwängte. »Er hat mich sogar um eine Woche Urlaub gebeten, damit er seine Medica linda sehen kann, aber ich hab’s ihm abgeschlagen. Erst raus mit dem Österreicher aus unserem Land, hab ich gesagt. Den Lohn von euren Turteltäubchen könnt ihr euch hinterher abholen.«
»Ich habe ihn um Urlaub gebeten, weil die Medica heiratet«, stellte Benito gleichmütig richtig.
»Aber nicht dich, was?« Romero brach in viel zu lautes Gelächter aus. Wenn er das tat, konnten sie sicher sein, dass in dieser Nacht keine feindliche Bewegung zu befürchten war. Der Mann hörte das Gras wachsen. »Pobre Precioso! Wozu wolltest du den Urlaub denn haben? Um dein verwundetes Herz zu kühlen oder um die Holde vom Altar weg zu entführen?«
»Um den Trauzeugen des Bräutigams zu spielen«, antwortete Benito.
Sie lachten jetzt alle. Ein paar Stunden lang machten Alkohol und die Gelassenheit ihres Befehlshabers die Furcht in ihnen klein. Ehe sie schlafen gingen, würden sie auf den nahen Sieg anstoßen, auf die amerikanische Union, die ihnen zu Hilfe eilen würde, und auf das paradiesische Leben, das nach dem Krieg auf sie wartete.
»Pass auf, ich sag dir, was wir tun, Kakaogesicht«, rief Romero. »Der gekrönte Lackaffe soll noch mehr von seinen Österreichern geschickt haben, um mich zu schnappen. Kavallerie. Wir zwei suchen uns zehn Männer aus, schlagen uns zu den Pferden durch und reiten nach Zitacuaro, um uns den Haufen mal anzusehen. Wenn’s gut ausgeht, musst du leider hierbleiben und deinem Vaterland dienen bis zum Schluss. Wenn’s aber böse ausgeht und ich ins Gras beiße, dann lädst du deinem Prachtgaul meine Leiche auf und bringst sie meiner Laura in die Hauptstadt. Hinterher darfst du dafür auf der Hochzeit von deiner Medica tanzen.«
»Das scheint mir ein ausgesprochen idiotischer Plan«, bemerkte Benito, wohl wissend, dass sein Versuch sinnlos war. Das war die Gefahr, die in Romeros militärischem Genie lauerte, seine Lust zu spielen und den Gegner zu reizen. Über ihn kreisten Legenden, er könne an drei Orten zugleich sein, und er tat alles, um diese Legenden zu füttern.
»Was willst du damit sagen? Dass dein Befehlshaber ein Idiot ist?«
»Ja, Señor Comandante.«
»Und weißt du auch, was ich dafür mit dir machen könnte, du Sohn von einem Kojoten?«
»Sie könnten auf mich hören«, erwiderte Benito. »Aber leider werden Sie das nicht tun, also spare ich mir meinen Atem.«
Romero lachte. »Also morgen früh, Aufbruch vor Sonnenaufgang. Wir können ein bisschen Bewegung brauchen, wir wollen doch kein Fett ansetzen, was?«
Sie leerten alle Näpfe bis auf die blanken Böden, dann trennten sie sich geradezu zärtlich und verteilten sich auf ihre Schlafplätze. Benito schüttelte Insekten aus den Decken und gab eine dem schwankenden Guerrero, der sich das Versteck mit ihm teilte. Der Mann summte eine schwelgende Folge von Tönen vor sich hin. Er war so jung, wie Benito gewesen war auf den Trümmern von Veracruz.
»Wir werden siegen, nicht wahr?«, fragte Guerrero und rollte sich auf dem Boden in seine Decke ein.
»Vielleicht nicht gerade morgen«, antwortete Benito. »Aber ich denke, irgendwann schon.«
»Und die Gringos von der Union? Werden die auch bald siegen und uns zu Hilfe kommen?«
Benito überlegte eine Weile. »Ich glaube nicht«, sagte er dann. »Dass Lincolns Union siegt, gewiss. Auch, dass dann vieles für uns leichter wird, weil wir Waffen kaufen und Freiwillige anwerben können. Dass aber die Union Truppen über den Rio Grande schickt, kann ich mir nicht vorstellen, und ich weiß auch nicht, ob mir das gefallen würde. Letztendlich würden wir uns, um die eine Armee aus dem Land zu treiben, eine andere hereinholen und müssten diese dann auch wieder loswerden. Nein, Cabo, ich fürchte, wir haben unseren Kampf allein auszufechten, wenn wir in diesem Land je allein die Zügel führen wollen.«
Guerrero sagte so lange nichts, dass Benito schon hoffte, er sei eingeschlafen. »Hast recht«, murmelte er dann aber noch einmal. »Capitán – darf ich morgen mit nach Zitacuaro?«
»Ja, auch wenn ich nicht froh darüber bin. Bei solchen Einsätzen muss ich Familienväter als Erste schonen. Gute Nacht, Cabo.«
»Gute Nacht, Capitán. Wenn ich respektlos zu dir war, tut’s mir leid. Ich hab’s nicht anders gelernt.«
»Das macht ja nichts«, erwiderte Benito. »Ich habe einen Magen aus Eisen.«
Anderntags ritten sie aus der Dunkelheit der Nacht ins Wachsen des Frühlingstages, die erwachenden Düfte, Vogelschreie, das Falterrauschen und das Licht. Benito ritt mit Romero vorneweg, und die zehn ausgewählten Männer ritten hinterdrein. Die Talkette, die sie durchquerten, schlängelte sich zwischen bewaldeten Steilhängen und blauvioletten Gipfeln hindurch der Stadt Zitacuaro entgegen. Vor den schweigenden, menschenleeren Höhen hallte ihr Hufschlag. Erst nach zwei Stunden tauchten die ersten verstreuten Ranchos auf und verrieten, dass die Stadt nicht mehr weit war.
Romero ließ seinem Pferd die Zügel schießen und reckte die Glieder. Hätte Benito dasselbe getan, wäre sein Vollblut, das den Rausch der Geschwindigkeit liebte, dem Trupp davongaloppiert. Der Kommandant tippte ihm mit der Peitsche auf die Schulter. »Hör mal zu, Brauner. Wenn wir gleich nach Zitacuaro kommen, trennen wir uns. Du ziehst mit fünf Mann auf den östlichen Pass, und ich schleich mich mit dem Rest von Westen aus in Richtung Tal. Machen wir eine Wette draus? Wenn du die Rothosen zuerst zu sehen kriegst, darfst du auf deine Hochzeit. Wenn nicht, flüsterst du mir ein paar Kleinigkeiten aus deinem Leben ins Ohr. Nach Sonnenuntergang treffen wir uns hinter der Schneise und halten ein hübsches Biwak, einverstanden?« Mit der Peitsche wies er den Hang hinauf, wo der Verlauf des Waldsaums eine Art Delta bildete.
»Dass ich nicht einverstanden bin, spielt zweifellos keine Rolle.«
»Du sagst es«, stimmte Romero zu. »Ich will was tun, was ich noch nie getan habe, Brauner. Dir ein Kompliment machen. Was sagst du dazu?«
»Wenn Sie sonst keine Beschäftigung haben – nur zu.« Benito blickte weiter geradeaus, das Stück Ebene und den ruhigen Fluss entlang.
»Du hast Mut«, sagte Romero. »Die meisten glauben, Mut ist was für Selbstmörder. Ich auch. Daheim bin ich ein verdammter Habenichts wie alle verdammten Mexikaner, hänge an einer Frau, die mir Hörner aufsetzt, und füttere einen Haufen Kinder, von denen ich nicht weiß, welcher Kuckuck sie mir ins Nest gepflanzt hat. Warum soll ich mir also nicht für Juárez den Schädel einrennen? Wenigstens hab ich dann meinen Spaß gehabt. Du dagegen hast den Mut von einem, der überleben will.«
Zwischen den Ohren des Pferdes hindurch sah Benito auf die Nesselminze am Wegsaum, die bald magentarot blühen würde, und auf die mondgelben Seerosen über dem spiegelnden Wasser. »Ja, das will ich«, sagte er. »Und die, die da hinter uns reiten, wollen es auch. Hören Sie, Señor Comandante, warum lassen Sie uns nicht alle auf dem Pass im Osten überleben, und Sie begehen allein im Westen Selbstmord? So hat ein jeder, was er will.«
»Dich hätte mal einer an den Füßen aufhängen und in der Sonne trocknen lassen sollen, was? Weißt du, dass du mir Spaß machst? Weißt du, dass es sterbenslangweilig ist, wenn einen keiner mehr herausfordert?«
»Ich melde mich freiwillig«, sagte Benito. »Sie brauchen nicht die Österreicher dazu.«
Romero grinste aus seinen Massen von Barthaar. Da er an Benito nicht herankam, drosch er dessen Pferd auf die Schulter, das scheute und stieg. Benito zügelte die Stute, beugte sich auf ihren Hals und beruhigte sie.
»Bisschen sprunghaft, die Muchacha«, brummte Romero. »Aber ein Bild von einem Biest, ohne Frage. Wie war noch mal das komische Wort, bei dem du’s rufst.«
»Ichtaca.«
»Und so was findest du schön?«
Benito sah über den Wald in die Höhe, wo sich das Blauviolett des Gipfels aus dem Nebel schälte. »Ja, Señor Comandante«, sagte er. »Ich finde, es ist das schönste Wort auf der Welt.«
»Es ist also gar nicht die Medica Martina, nach der du dich verzehrst, sondern irgendein verkümmertes affenbraunes Rättchen aus deinem Zeltdorf in Querétaro?«
Es tat weh. Als schlüge einen jemand unentwegt auf dieselbe Stelle, an der man längst nichts mehr spürte – dann aber schlüge er eine Handbreit daneben, und man krümmte sich. »Sehr wohl, Señor Comandante«, erwiderte er. »Sie treffen den Nagel auf den Kopf.«
»Du bist ein komischer Vogel«, sagte Romero. »Wenn du die Wette verlierst, will ich, dass du mir erzählst, warum du dich nach dieser Itaka verschmachtest, wo du an jedem Finger drei sahneweiße Engel haben kannst.«
»Und ich will, dass Sie nicht tot sind, wenn ich die Wette verliere«, erwiderte Benito.
»Hast du mich so in dein Herz geschlossen, Brauner?«
»Nein. Sie sind gut für die Moral der Leute. Solange Sie siegen, gelingt es uns zumindest zeitweilig zu glauben, wir hätten die Spur einer Chance.«
Sie ritten bis an den Fuß des Hügels und dann hinauf, vornübergebeugt, um die Pferde zu entlasten. Ehe sie den Kamm erreichten und die Stadt in Sicht kam, fragte Romero mit gedämpfter Stimme: »Was glaubst du? Haben wir die Spur einer Chance?«
Benito ballte die Fäuste um die Zügel. »Ja«, sagte er. Es war das, was er glauben wollte.
Auf dem östlichen Pass, der Zitacuaro überragte, verbrachten die Männer einen ereignislosen Tag. Die Nachmittagssonne lag wie ein träges Tier auf den Dächern und Kuppeln der Stadt, und von den österreichischen Einheiten, die in die Gegend versetzt worden waren, war nichts zu sehen. Benito hatte nichts anderes erwartet. Romero hatte gewusst, dass die Österreicher auf der Westseite kampierten, sonst hätte er die andere Seite gewählt.
Erst in der Abendkühle, als sie den Rückweg antraten, bekam er die Männer zu Gesicht. Eine Einheit Kavalleristen, die von Westen her Patrouille ritt. Wohlgenährt, gut beritten und bewaffnet, in dunklen Uniformen, die wie frisch gebürstet wirkten. Dass sie das Gelände nicht kannten, war ihrem Zaudern anzumerken, doch ansonsten waren sie ihnen überlegen. Sie würden ihren Standpunkt verlegen müssen.
Geschützt von einem Vorsprung, sah Benito die Reiter, fünf Mannslängen unter sich. Ihr Capitán ritt einen hellen Goldfuchs und hatte Haare von derselben Farbe. Benito stockte. Auf einmal war er sicher, den Mann bereits gesehen zu haben, und gleich darauf fiel ihm ein, wo – auf dem Zócalo. An dem Tag vor bald einem Jahr, als der Habsburger in der Hauptstadt angekommen war. Benito hatte einen Einsatz überwacht, im Pulk versteckte Leute, die einen albernen Triumphbogen umstießen, und das Mädchen war ihm geradewegs vors Pferd gelaufen. Felice. Die aussah wie ihre Mutter, Josephine Hartmann, an deren rührenden Ernst Benito kaum denken konnte, ohne zu lächeln.
Sie sei mit ihrer Lehrerin hier, hatte das Mädchen gesagt. Sosehr sie bettelte, sie wolle noch bleiben, hatte er sie zu der Lehrerin zurückgebracht und dabei den Mann gesehen, der jetzt unter ihm entlangritt. Er hatte sich durch die Menge geschlagen, um seinen Kameraden zu folgen, dann aber hatte er sich umgedreht, nach einer Frau mit taillenlangem Haar. Felices Lehrerin. Katharina. Über alle Köpfe hinweg hatte sie sich nach ihm gereckt.
Sobald die Kavalleristen außer Hörweite waren, brachen die Männer auf und trafen am Waldsaum auf Romeros Trupp. Sie hatten sich keine Mühe gegeben, sich tiefer in die Deckung des Waldes hineinzuschlagen, sondern kampierten auf einer Lichtung, die zum Tal hin von nicht mehr als drei Reihen hoher Pinien geschützt war. Ein Feuer war bereits entfacht, obwohl die Sonne eben erst unterging und ein Späher gute Sicht gehabt hätte. Wenigstens die Pferde waren hinter dichtem Gebüsch versteckt.
Ein erbeuteter Hammel lag zum Rösten bereit, und dazu gab es Wein, den Romero über den Nadelteppich des Waldes strömen ließ. Er war blendender Laune. »Die Franzmänner werden Pulque saufen müssen!«, rief er. »Ihren Traubensaft saufen wir.« Benito habe die Wette verloren, trumpfte er auf, er nämlich sei den Maxen so nahe gewesen, dass er ihnen auf die Epauletten hätte spucken können. An solchen Husarenstücken hatte er sein Vergnügen. »Trink, mein armer Brauner«, sagte er zu Benito. »Zwei Einheiten Kavallerie und zwei Jäger haben sie nach hier oben geschickt, um mir den Bart zu zausen. Es ist einfach köstlich, wie diese Kerle debattieren und mit den Armen fuchteln, und alldieweil steht Romero keine fünf Schritt hinter ihnen und lacht sich eins.«
Er benahm sich wie ein Idiot, doch die Männer liebten ihn für seine Tollkühnheit. Benito wäre gern tiefer ins Dickicht vorgestoßen, aber er versuchte sich damit zu beruhigen, dass Romero das Gras wachsen hörte. »Heute Nacht musst du uns deine Geheimnisse flüstern«, johlte er. »Ich wette, unser junger Freund hier spitzt da auch gern die Ohren.« Er klatschte Guerrero auf den Rücken und goss ihm Wein ein, dass der Becher überlief. Der Junge errötete vor Stolz bis in die picklige Stirn.
Sie waren zu laut, und der Feind war zu nah. Als Benito zu dem Entschluss kam, sich nicht länger etwas schönzureden, sondern Romero zur Vernunft zu bringen, war es zu spät. Sie erkannten, dass die leisen Hufschläge unmöglich von den eigenen Pferden stammen konnten, als die Soldaten schon aus den Sätteln sprangen und mit Bajonetten die Zweige auseinanderhieben. Flüchtig sah Benito das Gesicht des blonden Mannes, das im Zwielicht milchweiß erschien.
Panik brach aus. Die Männer versuchten in alle Richtungen zu fliehen, standen einander im Weg, liefen den Gegnern in die Arme. Zu den Pferden, dachte Benito. Eine andere Chance gab es nicht. Die im Gelände geübten Tiere mochten in der Lage sein, sich in Richtung Gipfel aus dem Wald zu schlagen und zu entkommen. Grob stieß er zwei Männer auf das Gebüsch zu. Im nächsten Augenblick krachte ein Schuss durchs Gehölz. In seinem Rücken hörte Benito, wie der junge Guerrero schrie.
Er fuhr herum und sah im Licht des lodernden Feuers, dass der Junge sich die Schulter hielt. Daran würde er nicht sterben. Benito ergriff seinen unverletzten Arm und riss ihn mit sich. Als der Junge sich widersetzte, schlug er ihn.
Um Guerreros Braunen zu finden, blieb keine Zeit. Die Österreicher hatten das Versteck der Pferde entdeckt, und die ersten feuerten in ihre Richtung. Im Nu hallte der Wald von Schüssen wider. Benito hievte sich mit dem Jungen auf die Stute und schloss die Schenkel um ihren Leib. Das Tier vollführte einen Satz nach vorn, dann eine scharfe Wendung nach links, um einem Stamm auszuweichen. Benito verlagerte sein Gewicht und trieb sie weiter, während ihm Zweige ins Gesicht klatschten. Furcht packte ihn im Nacken, peitschte ihm ins Hirn, dass er sterben würde, wenn er nicht entkam. Ein Geschoss sauste an seinem Hals vorbei. Er duckte sich, drückte Guerrero nieder, sprach in einem Atemzug tausend Schwüre. Wenn ich am Leben bleibe, gehe ich zu dir, küsse dich und sage: Schick jeden anderen weg. Du bist mein.
Als die Stute sich vor dem Kamm aus dem Wald kämpfte, war das letzte Abendlicht verloschen. Benito sprang ab, führte das Tier mit Guerrero hinüber und auf der anderen Seite in eine Senke. Der Himmel mochte wissen, wie sie wieder ins Tal gelangen sollten, doch das war derzeit seine kleinste Sorge. Als er dem verletzten Guerrero vom Pferd helfen wollte, schrie dieser zornig auf und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Ehe er vor Wut erneut aufschreien konnte, hatte Benito ihm die Hand auf den Mund gepresst.
»Wenn du nicht freiwillig still bist, werde ich dich zwingen«, flüsterte er ihm zu. In den geweiteten Augen des Jungen sah er Furcht, Schmerz und Zorn durcheinandertoben. Er gab seinen Mund frei und half ihm, sich niederzusetzen. »Comandante Romero«, stieß Guerrero stimmlos heraus. »Ich habe ihn im Stich gelassen. Du hast mich zum Feigling gemacht! Er saß ganz vorn, er hat es unmöglich zu den Pferden geschafft.«
»Nein«, erwiderte Benito, »das hat er nicht. Aber wir sind Guerilleros, keine Admirale der Handelsmarine. Wenn die Lage aussichtslos ist, muss jeder sich selbst der Nächste sein und fliehen, oder wir haben bald keinen mehr, der kämpfen kann. Jetzt versuch dich auszuruhen. Ich sehe nach, ob die Österreicher abgezogen sind.«
Die Augen des Jungen schwammen. Flüchtig strich Benito ihm verschwitztes Haar aus der Stirn, dann gab er ihm die Zügel des Pferdes und ging.
Von Deckung zu Deckung kroch er bis an den Waldsaum. Stille, Kühle und Einsamkeit taten ihm gut, beruhigten seinen Herzschlag und die fliegenden Lungen. Gut zwei Stunden lang suchte er das Gelände ab, ehe er sicher war, dass die Männer abgezogen waren. Das mochte ihnen das Leben retten, für Romero aber war es das denkbar schlechteste Zeichen. Unverzüglich kehrte er zu Guerrero zurück. Der Junge war in Schlaf gefallen, sein Gesicht war nass von Tränen, und die Ränder um die Wunde fühlten sich heiß an. Sie mussten schnellstmöglich eine Klinge erhitzen und die Kugel entfernen, aber so nah am Lager des Gegners war das Risiko, dass Guerrero schrie, zu groß. Benito weckte ihn, half ihm wieder aufs Pferd und führte es nach der anderen Seite aus der Senke.
Der Abstieg war mühsam, und mehr als einmal wünschte Benito, das Vollblut ließe sich in ein Maultier verwandeln. Endlich aber erreichten sie einen Pfad, der geschützt genug erschien, um ins Tal der Avocadobäume zurückzureiten. Vor Morgengrauen erreichten sie ihr Lager, und wenige Stunden später trafen drei weitere Überlebende ein. Zwei waren ebenfalls zu Pferd geflohen, ein anderer hatte wie Romero sein Heil in der Krone eines Baums gesucht. In der Höhe hatte er ausharren können, bis die Österreicher mit ihren Gefangenen abgezogen waren. Romero allerdings hatte kein solches Glück gehabt. »Irgendein verdammter Vogel ist aufgeflattert. Einer von den Maxen hat geschossen – und statt dem Gefiederten fiel ihm Romero vor die Füße. Sie haben ihn zu dritt gebändigt und abgeführt«, beendete der Mann seinen Bericht. »Und was sollen wir jetzt tun? Haben wir genug Leute, um das Lager zu überfallen?«
Aller Blicke schienen sich auf Benito zu richten. Er schüttelte den Kopf. »Das wäre Selbstmord. Und außerdem nutzlos. Sie schaffen ihn nicht in ihr Lager.«
»Wohin dann?«
»In die Hauptstadt.« Benito zog der Stute den Sattelgurt wieder fest und ging zum Wasserkanister, um seine Flaschen aufzufüllen.
»Was machst du?«, fragte Guerrero.
»Ich reite hinterher. Wenn sie Romero vor ein Kriegsgericht stellen, hat er das Anrecht auf einen Verteidiger.«
Guerrero packte ihn am Arm. Jemand musste sich um seine Wunde kümmern. Er war kreidebleich, und seine Zähne klapperten. »Bekommst du ihn frei?«, fragte er.
»Nein«, erwiderte Benito. »Wir können nicht mehr tun, als zu erklären, dass Romero gegen Mexikos Gesetz nicht verstoßen hat.«
Das Unterfangen war gewagt. Seit langem musste er damit rechnen, dass sein Doppelleben aufflog, und zudem war möglich, dass er bei Zitacuaro gesehen worden war, wie er den schönen Blonden bemerkt hatte. Dennoch konnten sie Romero nicht ohne Verteidigung seinem Schicksal überlassen, als hätten sie bereits klein beigegeben.
Der Comandante war ins Martinica-Gefängnis verbracht worden, das vor politischen Gefangenen überquoll. Als sein Anwalt durfte Benito ihn in seiner Zelle besuchen. Er schien außer sich vor Freude, einen Menschen zu sehen, und konnte die Angst kaum verhehlen. Es war ein Leichtes zu behaupten, man wolle für Mexiko sterben, Behauptungen hatten mit Sterben nichts zu tun. Benito erklärte ihm, wie er seine Verteidigung aufbauen wollte. Er würde darlegen, dass Romero von seinem Standpunkt aus keine Straftat begangen, sondern im Auftrag der Regierung von Mexiko gehandelt habe und dass er dafür nicht verurteilt werden dürfe.
»Damit riskierst du deinen Hals, was, Brauner?«, fragte Romero.
»Ich denke nicht. Der Prozess zieht viel Öffentlichkeit auf sich, und Maximilian legt Wert darauf, als milder Landesvater aufzutreten, nicht als Despot. Anwälte wird man nicht so leicht los wie Guerilleros. Mir droht nicht mehr als eine Verwarnung.«
Romero grinste und zupfte ihn am Revers. »Das ist vielleicht spaßig, dich in so feinem Zwirn zu sehen. Nicht zu glauben, dass die euch an die Universitäten lassen.«
»Ich kann versuchen Ihnen einen anderen Anwalt zu besorgen«, sagte Benito. »Nur haben wir nicht mehr viel Zeit.«
»Wozu soll ich einen anderen verdammten Anwalt wollen? Ich wette, du bist der beste. Nur nützt mir das auch nichts mehr, was?«
»Ich fürchte, nein.« Seine Stimme klang gepresst.
»Mach dir nichts draus, Brauner. Nimm’s dir nicht zu Herzen«, brummte Romero. »Wichtig ist, dass Romero auf dieser Farce von einer Verhandlung noch einmal auf den Putz hauen kann. Dass wir denen vorführen: Auf euer Gericht von Maxen pfeifen wir, und mit dem Urteil wischen wir uns unsere prächtigen Hintern.« Sein Gelächter stockte und brach ab. »Sagst du denen, die sollen mich wie einen Soldaten erschießen, nicht hängen wie einen Dieb? Und bist du ein tapferer Junge und kommst zu meiner Hinrichtung?« Benito nickte, und Romero grinste. »Ihr werdet auch ohne mich fertig. Haltet aus, bis die Gringos kommen, dann habt ihr’s geschafft. Und auf der Hochzeit von der Medica tanzt du, verstanden? Ist dein Affenschnäuzchen aus Querétaro auch da? Sag mir noch einmal ihren Heidennamen.«
»Ichtaca.«
»Und was soll das heißen?«
»Geheimnis«, antwortete Benito, ehe der Wächter kam und ihm barsch befahl zu gehen.
Benito hatte einen so großen Prozess noch nie verloren. Dass es keine Chance auf einen Sieg gab, war ihm klar gewesen, denn Romeros Tod stand fest, ehe der Gerichtssaal die Türen öffnete. Er tat, was er sich vorgenommen hatte – dem Gericht darlegen, dass die Gefangenen keine Straftäter waren, sondern innerhalb eines für sie gültigen Rechts gehandelt hatten. »Es lebe das freie Mexiko«, rief Romero in den Saal und durch die geöffneten Fenster hinaus auf die Straße, wo Scharen von Menschen sich eingefunden hatten. Die vier Männer, die mit Romero ergriffen worden waren, erhielten lediglich kurze Haftstrafen und würden gegen französische Gefangene ausgetauscht werden. Romero aber wurde zum Tode verurteilt. Als zwei Wächter ihn gefesselt hinausführten, jubelten die Massen ihm zu.
Gegen das niederschmetternde Gefühl, versagt zu haben, konnte Benito sich nicht wehren. Auch die von fünftausend Menschen unterzeichnete Petition würde Romero nicht retten, nur einmal mehr dem Habsburger vor Augen führen, dass er in Mexiko keinen Platz hatte. Ihm blieb nichts zu tun, als sein Versprechen einzulösen und zu Romeros Hinrichtung zu gehen.
Romero wurde an einem diesigen Frühlingsmorgen auf der Plazuela de Mizcalco öffentlich erschossen. Die Garnison der Stadt war in Alarm versetzt, weil Gerüchte kreisten, die Menge würde versuchen ihren Helden zu befreien. Die Menge versuchte nichts dergleichen, aber sie johlte auch nicht, als Soldaten den Verurteilten vor die Wand führten, sondern stand schweigend still.
Bei jener anderen Hinrichtung, deren Bilder unweigerlich vor Benito aufstiegen, hatten die Versammelten gejohlt. Der Todeskandidat hatte ein zerlumptes Hemd getragen wie Romero, aber sein Gesicht war zerschlagen gewesen, ein Auge verschwollen, die Lippen aufgeplatzt, auf der Wange getrocknetes Blut. Mörder, hatten die Zuschauer geschrien. Hängt den Mörder auf! In Spanisch? In Nahuatl? In Deutsch? Benito hatte nichts begriffen und nur eines gewusst: Er hatte den Mann geliebt, und dass er stillhalten musste, derweil Beamte des Staates ihm das Leben nahmen, konnte unmöglich recht sein.
Romeros Gesicht war unversehrt. Er wirkte nur müde, zermürbt von Todesangst. Benito sah, wie das Erschießungskommando Aufstellung nahm, die Gewehre lud und zielte. Bis zum Schluss, bis die Schüsse krachten, konnte er sich nicht vorstellen, dass sie schießen würden, einem Wehrlosen in die geöffneten Augen. Romero gab einen heulenden Laut von sich und rutschte die Wand hinunter zu Boden. Blut strömte ihm aus Wunden in Brust und Schultern, aber er hielt sich auf den Knien, stürzte nicht zur Seite und hörte nicht auf, hoch und dünn zu heulen. »Verdammt, schießt den Mann tot!«, schrie Benito und sprang über die Absperrung.
Der Kommandant des Erschießungskommandos drehte sich um und verzog süffisant den Mund. »Möchten Sie uns vielleicht behilflich sein, Señor Abogado?«
Alles besser als zusehen, hämmerte es in Benitos Schädel. Alles besser als zusehen. Er zog die Perkussionspistole aus der Innentasche seines Rocks, lud sie, ohne sie anzuschauen, und ging zu Romero, der vor Schmerzen wimmerte und dem Blut aus dem Mund rann. »Señor Comandante«, sagte er leise. »Hier ist Benito Alvarez. Ihr Skunk. Ich bin gekommen, um Sie zu erschießen.«
Er legte dem Mann die Mündung in den Nacken, sah dabei nur in sein Gesicht und drückte ab. Danach ging er unverzüglich in seine Wohnung, zog sich um und ritt zur Kathedrale, wo Martina und Felix getraut wurden.