51.

Die Wälder in den bayerischen Bergen sind dunkel und still, und so wundert es nicht, dass hier manches alte deutsche Märchen spielt. Nur an sonnigen Tagen dringt das Sonnenlicht durch die dichten Baumkronen. Alte, von Moos bewachsene Waldwege führen zu stillen, idyllischen Dörfern.

Am südwestlichen Rand eines ausgedehnten Waldes, zwanzig Kilometer vom nächsten Ort entfernt, standen mehrere alte Gebäude. Ein Zaun aus Stein und Holz, von einem Gewirr aus Kletterpflanzen und Unkraut überwuchert und ungefähr achthundert Meter lang, umschloss die Ansiedlung. Die Stein- und Holzhütten waren uralt. In ihrer Mitte erhob sich ein vierstöckiges Gebäude aus Natursteinen, das einem Schloss ähnelte und mit den Baumkronen um die Vorherrschaft wetteiferte. Das Anwesen stand auf einem Felsen; man konnte nicht erkennen, wo die natürliche Umgebung endete und wo das Werk des Menschen begann. Legenden zufolge war der ganze Ort aus der Erde gewachsen. Kein Mensch war zu sehen. Man hätte meinen können, alle hätten ihr Bündel geschnürt und wären aus dieser Abgeschiedenheit in die Zivilisation zurückgekehrt.

Am Rand der verlassenen Ortschaft, versteckt in der abendlichen Dunkelheit des Waldes, stand eine kleine Schänke. Das morsche Dach aus Holzschindeln war dicht mit Moos bewachsen, aus dem Grasbüschel wuchsen. Ein Schild an dem gedrungenen Haus lud erschöpfte Wanderer zu einem Krug Bier ein.

Das Innere der Schänke war ebenso schlicht und rustikal wie das Äußere. Auf dem Schieferboden standen roh gezimmerte Tische und Bänke. Die alten Bleiglasfenster waren rissig, und an den Wänden hingen verräucherte Gemälde, die wilde Berglandschaften zeigten.

Michael saß allein an einem Holztisch und nippte an einem Bier. Sonst war hier niemand bis auf den Wirt, der Michael den Rücken zuwandte und Gläser spülte. Michael hatte verzweifelt versucht, Mary zu Hause in den Vereinigten Staaten zu erreichen, um ihr zu sagen, dass er auf dem Rückweg sei. Doch als er mit einer Krankenschwester auf der Intensivstation verbunden wurde, bekam er einen mächtigen Schreck. »Intensivstation. Was kann ich für Sie tun?«

Als Michael sich vorgestellt hatte, bekniete die Krankenschwester ihn, sofort zurückzukehren. Seine Frau habe nach ihm gerufen, sagte sie, und ihr bleibe nicht mehr viel Zeit. Vor fünfzehn Stunden war Mary ins Koma gefallen.

Michael hatte Mary sagen wollen, dass er alles in Ordnung gebracht habe. Stattdessen sagte er nun der Intensivschwester, dass er in vierundzwanzig Stunden zu Hause sei.

Eine Sache musste er noch erledigen.

Die Tür wurde aufgerissen. Ein starker Wind fegte durch die kleine Schänke, fachte das Feuer im Kamin an und wirbelte Staubwolken auf.

Und dann trat er ein. Schäumend vor Wut, durchbohrte er Michael mit Blicken, als er die Schänke durchquerte. Gegenüber von Michael setzte er sich an den Tisch. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Sein weißes Haar hatte er straff zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und seine Hände waren zu Fäusten geballt. Das Licht schien aus dem Raum gesogen und von Finsters Körper verschluckt zu werden, als wäre er eine Art schwarzes Loch. Eine schaurige, kalte Finsternis ging von ihm aus.

»Geben Sie mir meine Schlüssel«, sagte er.

Michael rührte sich nicht, doch das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte tatsächlich geglaubt, Finster würde nicht in den Brunnen hinuntersteigen, sodass er diesen ganzen Albtraum vergessen könne. Doch jetzt erkannte er, wie dumm er gewesen war. Er war ein Risiko eingegangen, dass er verloren hatte. Es war eine törichte Idee gewesen, und er hatte nichts weiter erreicht, als das Unvermeidliche hinauszuzögern.

Sie hatten Finsters Anwesen in aller Eile verlassen. Während der Fahrt hatte Simon dem stöhnenden Paul Busch, der auf der Rückbank lag, die Sterbesakramente erteilt. Am Stadtrand von Berlin waren sie in ein Krankenhaus gestürmt und hatten Paul zur Notaufnahme gebracht. Nachdem sie ihn in die Obhut der Ärzte gegeben hatten, stiegen Michael und Simon sofort wieder in den Wagen und fuhren mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Süden, obwohl sie wussten, dass sie ihrem Schicksal nicht entgehen konnten.

Und nun, als er Finster gegenübersaß, wusste Michael mit einem Mal nicht mehr, was er sagen sollte. Er umklammerte den Bierkrug, als wäre er ein Lebensretter.

Finsters Gesicht hatte sich hässlich rot gefärbt. Er streckte die Hände auf dem Tisch aus und starrte Michael an. Michael brach den Blickkontakt nicht ab. Er wusste, was der Mann ihm gegenüber in den Händen hielt. In jeder Hand hatte er einen Schlüssel, einen aus Gold und einen aus Silber.

Michael nickte. »Ah, es ist jemand in den Brunnen gestiegen.«

Finster funkelte ihn wütend an. Er schäumte vor Hass beinahe über und warf Michael die nutzlosen Fälschungen zu. »Ich will meine Schlüssel. Sofort!«

Michael rührte sich nicht.

Finster stürzte sich auf ihn, packte ihn an der Gurgel und hob ihn mühelos in die Luft. »Die Seele Ihrer Frau gehört mir. Ich reiße sie ihr aus dem Leib und werde sie bis in alle Ewigkeit quälen – jeden Tag, jede Stunde!« Er schüttelte Michael. »Geben Sie mir meine Schlüssel!«

Wie eine Puppe wurde Michael gegen die Wand geschleudert. Blutend und benommen brach er auf dem Boden zusammen. Er bekam kaum Luft und konnte sich nicht mehr bewegen. Er war sicher, dass er sich noch eine Rippe gebrochen hatte. In der Hoffnung, Hilfe vom Wirt zu bekommen, drehte Michael sich zur Theke um, doch der Mann schien die Kneipe verlassen zu haben, als es nach Ärger roch. Mit arroganter Miene schritt Finster durch den Raum. Es gab keinen Zweifel, dass er bekommen würde, was er haben wollte, und dass er dann sofort wieder verschwinden würde.

»Sie cleverer Scheißkerl.« Finster ergriff Michaels Bierkrug. »Man darf niemals sein Wort brechen. Hat Ihre Mutter Ihnen das nicht beigebracht? Nun müssen Sie die Konsequenzen tragen.« In einem Zug leerte Finster den Krug und wischte sich den Schaum vom Mund. »Ich habe Ihnen gegeben, was Sie wollten. Sie haben das Geld für die Behandlung bekommen. Es ist nicht meine Schuld, dass es nichts genutzt hat. Sie wissen, dass es nicht meine Schuld war. Eine solche Macht besitze ich nicht, auch wenn das in Märchenbüchern stehen mag. Niemand kann Leben schenken. Doch ein Leben beenden ...« Finster machte eine kurze, bedeutungsschwangere Pause. »Ich habe Ihnen geholfen, Michael, und Sie haben mich betrogen. Ich habe allen Bedingungen zugestimmt. Ich habe diesen verrückten Priester leben lassen und geschworen, dass Ihre Frau ewigen Frieden finden wird. Und Sie haben mich ein zweites Mal betrogen. Sie haben Ihr Wort gebrochen, Michael. Jetzt gehört Mary mir.«

Michael stand mühsam auf. Hass funkelte in seinen Augen.

»Bemühen Sie sich nicht.« Finster bedeutete Michael, auf dem Boden sitzen zu bleiben. »Sie sind am Ende.« Er drehte sein Handgelenk, worauf ein Tisch umkippte und quer durch die Schänke in Michaels Richtung schlitterte. »Sie hatten zwei Paar Schlüssel«, zischte Finster.

»Ehrlich gesagt hatte ich drei Paar«, sagte eine fröhliche Stimme hinter der Theke. »Aber für Ihre Intelligenz waren Sie nie berühmt, nicht wahr?«

Blitzschnell drehte Finster sich zu dem Wirt um, der sich über die Theke beugte. Der Mann trug mehrere Verbände, und ein Arm steckte in einer Schlinge. Die Wunden in seinem Gesicht würden heilen, doch die Narben würden für den Rest seines Lebens bleiben. Ohne zu zögern, packte Finster Simon bei den Haaren, knallte seinen Kopf auf die Theke, riss ihn hoch und schleuderte ihn in die Flaschenwand.

»Sie waren viel zu wütend, um klar denken zu können«, sagte Michael von der anderen Seite des Raumes.

»Ich will die echten Schlüssel! Sofort!«, kreischte Finster. Er stürmte auf Michael zu, riss ihn vom Boden hoch und zog ihn ganz nahe zu sich heran. »Nur einer von Ihnen kann sie haben. Darum wird nur einer von Ihnen von den Schlüsseln beschützt.«

Finster stieß Michael in eine Ecke, schloss die Augen und begann zu zittern. Er glich mehr einer Bestie als einem Menschen. Als seine Wut immer größer wurde, verlor er alle menschlichen Züge. Noch immer fegte der Wind durch die Gaststube. Die züngelnden Flammen im Kamin spiegelten sich wie zerbrochene Regenbogen auf den zerschmetterten Gläsern auf der Theke. Unheimliche Schatten tänzelten über die Decke.

Simon stand schwerfällig auf und versuchte, die Benommenheit abzuschütteln. Er presste seine unverletzte Schulter gegen die Theke und drückte mit aller Kraft dagegen. Ganz langsam bewegte die Theke sich. Es war nicht viel, nur ein paar Zentimeter, aber sie bewegte sich. Langsam rutschte sie über den Boden, als der Priester seinen Körper mit letzter Kraft dagegenstemmte.

Verwundert packte Finster Simon ein zweites Mal und hob ihn in die Luft. »Was soll das?«

»Haben Sie noch nie die Redewendung gehört: ›Hältst du mich einmal zum Narren, schäm dich‹«, hallte Michaels Stimme vom anderen Ende der Schänke herüber. »›Hältst du mich noch einmal zum Narren, sollte ich mich schämen.‹«

Finster ging nicht auf Michaels Bemerkung ein. Er schnürte Simon die Luft ab und spie wütend hervor: »Diesmal wird nichts mehr Sie retten, heiliger Mann. Keine Waffen, keine Messer. Kein Gott wird einschreiten und Sie vor dem Tod bewahren. Und wenn Sie sterben, gibt es keinen Ort, an den Sie gehen können. Es wird keinen Himmel geben und keinen ewigen Lohn für Ihr aufopferndes Leben, das Sie in den Dienst Gottes gestellt haben.« Er schleuderte Simon gegen die Wand. »Es wird nur mich geben.«

Michael kniete sich mühsam auf den Boden. »Ich würde sagen, ich habe Sie mindestens dreimal hereingelegt.«

Finster streckte eine Hand aus, worauf Michael in seinen Griff gesogen wurde wie ein Stück Eisen, das von einem Magneten angezogen wird. Michael zappelte hin und her, um sich aus dem Würgegriff zu befreien.

»Viermal«, sagte Simon, während Michael nach Luft schnappte.

»Ja, viermal hereingelegt«, pflichtete Michael ihm bei. Seine Stimme schwankte, als ihm die Sinne zu schwinden drohten. Blutüberströmt fuhr er mit knirschenden Zähnen fort: »Wir haben Sie in den Tanzclub gelockt, der früher eine Kirche war. Das war das erste Mal. Dann habe ich Sie mit den ersten beiden falschen Schlüsseln hereingelegt, die ich in Ihre Schlüsselkammer gelegt habe. Das war das zweite Mal.«

»Das zweite Paar Schlüssel im Brunnen«, fügte Simon hinzu.

»Das war das dritte Mal«, sagte Michael. »Und das vierte Mal...«

Finster hatte seine Grenze erreicht. Niemand spielte mit dem Tod, vor allem nicht mit dem heimtückischen Tod, den er personifizierte. Er hatte die Nase voll von Michaels und Simons Spielchen. Dies würde für die beiden Narren das letzte Spiel sein. »Ein viertes Mal gibt es nicht. Ich werde Ihre Seele an meine Füße ketten, damit Sie bis in alle Ewigkeit zuschauen können, wie ich Ihre Frau quäle.« Er schleuderte Michael gegen die hintere Wand, doch diesmal fiel er nicht zu Boden. Aus seiner Nase und aus einer Kopfwunde strömte Blut.

Finster streckte die linke Hand aus, worauf das Messer aus Michaels Gürtel fiel. Es flog durch den Raum in Finsters Richtung, drehte sich nur Zentimeter von ihm entfernt in der Luft und landete in seiner ausgestreckten Hand. Kurz bewunderte er die schimmernde Klinge und die perfekt geschliffene Schneide. Dann streckte er noch einmal die linke Hand aus. Michaels Hemd wurde aufgerissen, und die Knöpfe flogen in alle Richtungen. Seine Brust war jetzt nackt und ungeschützt.

Finster ging auf Michael zu und hielt ihm die Klinge vor die Augen. »Sie werden sich selbst das Leben nehmen.«

Michaels Lippen bebten. Er brachte kein Wort heraus.

»Ich kann es nicht«, knurrte Finster. »Ich kann Ihnen Ihren Willen nehmen, Sie in einen Zustand versetzen, auf den unweigerlich der Tod folgen muss. Ich kann Sie quälen, bis Sie mich anflehen, Sie sterben zu lassen. Aber den Tod selbst kann ich nicht herbeiführen. Sie scheinen dieses Geheimnis von Ihrem sterbenden Freund dort erfahren zu haben.« Finster zeigte mit dem Messer auf Simon. »Den Akt des Tötens kann ich nicht vollziehen. Darum werden Sie es für mich tun, und Sie werden mir die Schlüssel geben. Dann nehmen Sie dieses Messer und stoßen es sich ins Herz. Und wenn Sie nicht bereit sind, mir die Schlüssel zu geben, solange Sie leben, ist es für mich kein Problem, sie Ihnen nach dem Tod abzunehmen.«

In Michaels Augen flackerte Panik. Sein Körper war nicht in der Lage, auf die Befehle seines Verstandes zu reagieren. Es war ihm auch nicht möglich, auf Finsters Drohungen zu antworten, denn jetzt quälte ihn entsetzliche Angst – die Angst, Simon und Mary enttäuscht zu haben.

Und endlich gestand Michael sich ein, dass er auch Angst davor hatte, Gott enttäuscht zu haben.

Finster zog die Klinge über Michaels nackte Brust und drückte die Spitze auf sein Herz. Dann packte er Michaels linke Hand und zog sie mühelos zu sich heran. Wie von Geisterhand öffnete sich die Hand, obwohl Michael versuchte, es zu verhindern. Finster legte ihm das Messer in die Handfläche, worauf Michaels Finger sich um den Griff schlössen. An der Stelle, wo Finster die Spitze der Klinge auf Michaels Herz gedrückt hatte, rannen Blutstropfen über seine Brust. Finster trat zurück und ergötzte sich an Michaels Anblick, der kurz davorstand, Selbstmord zu begehen.

Michael kämpfte mit aller Kraft dagegen an. Sein Arm zitterte vor Anstrengung, und ihm brach der kalte Schweiß aus.

Doch es gelang ihm nicht, das Messer von seinem Körper wegzuziehen. Obwohl er seine Muskeln anspannte und es mit aller Gewalt versuchte, schaffte er es nicht, den Willen der Klinge zu brechen.

Und plötzlich wurde sein Arm wie von einer unsichtbaren Macht weggerissen, und die Hand, die das Messer hielt, prallte mit Wucht gegen die Wand. Wie durch ein Wunder hatte er die Kontrolle über seinen Arm zurückerlangt. Verwirrt rutschte er an der Wand herunter. Er wusste nicht, warum dies alles geschah ... bis er Finster anschaute. Dessen Blick war auf Michael gerichtet oder vielmehr auf die Brusttasche seines Hemdes. Er war abgelenkt und richtete seine Konzentration nicht mehr auf Michaels bevorstehenden Tod. Finster grinste. Aus Michaels Hemdtasche ragte Marys Kreuz, das an einer langen, goldenen Kette hing. Und neben dem Kreuz baumelten die beiden Schlüssel.

Finster griff nach der Kette.

Michael wurde kreidebleich. »Sie können sie nicht berühren.«

»Unsinn.« Finster lachte, beugte sich vor und zog die beiden Schlüssel an der langen Kette lässig aus der Tasche. Während sie noch in der Luft baumelten, überkam Finster augenblicklich die Übelkeit, die er nur allzu gut kannte. Als er die Schlüssel näher zu sich heranzog, begann sein Körper zu zucken. Ja, dies hier waren die echten Schlüssel! Trotz der Schmerzen, die seinen Körper quälten, erfüllte ihn ein Gefühl des Triumphs. »Jetzt gehören sie mir«, stieß er hervor.

Michael schaute auf seine Brust, wo Marys Kreuz gehangen hatte. Jetzt war es verschwunden. Michael hatte es nicht aus Ehrfurcht vor Gott getragen, sondern aus Achtung vor seiner Frau. Mary hatte darauf beharrt, dass er es trug, denn es sollte ihn beschützen und sicher nach Hause zurückbringen. Er hatte ihr bisher nicht geglaubt, aber nun tat er es.

»Ja, sie gehören Ihnen«, sagte er zu Finster.

Mit diesen Worten riss er Finster die Kette, an der Marys Kreuz und die beiden Schlüssel hingen, aus der Hand, zog sie ihm über den Kopf und legte sie ihm um den Hals. Finster versuchte zurückzuweichen, doch es war zu spät. Sein Verstand war durch die Nähe der echten Schlüssel vernebelt, sein Körper geschwächt.

Als die Kette um Finsters Hals hing und die Schlüssel auf seiner Brust lagen, brach ein grässlicher Schrei aus den tiefsten Tiefen seines Inneren aus ihm hervor. Unerträgliche Schmerzen quälten ihn. Er wirbelte durch den Raum, prallte von Wänden und Tischen ab und drehte sich wie ein Kreisel. Schließlich fiel er zu Boden, wo er sich hin und her wälzte. Feuer und Blut drangen aus seinem schwarzen Hemd, während die Schlüssel sich in sein Fleisch brannten.

Michael wich bis zur Wand zurück, um Finster nicht im Weg zu stehen. Simon beobachtete ungerührt das schreckliche Geschehen. Endlich sah er das, worauf er so lange sehnsüchtig gewartet hatte.

Plötzlich verharrte Finster. Starr und reglos lag er auf dem Boden. Er gab keinen Laut von sich. Von seiner verbrannten Brust stieg Rauch auf, und seine Augen rollten zurück, bis nur noch das Weiße darin zu sehen war. Tische und Stühle waren umgestürzt, und der Boden vor ihm wies Kratzspuren von Krallen auf.

Finster zuckte, wand sich.

Und starb.

Michael schaute zu Simon hinüber. Der Priester stand kurz davor, die Besinnung zu verlieren. Der hohe Blutverlust setzte ihm schrecklich zu.

Michael trat an Finster heran und blickte auf die Schlüssel, die sich in seine Brust gegraben hatten, und auf die Brandmale ringsum. Niemand würde ihm glauben, wenn er berichtete, was er gesehen hatte. Ein solches Erlebnis reichte für mehr als ein Leben. Er hatte nicht nur sein Ziel erreicht – er hatte auch das unvorstellbare Glück, dieses Abenteuer überlebt zu haben.

Als Michael sich über Finsters Körper beugte, stieg ihm der Gestank des verbrannten Fleisches in die Nase. Die Schlüssel waren glühend heiß. Michael schlang ein Tuch darum und versuchte, sie von Finsters Brust zu ziehen, doch es gelang ihm nicht. Sie hatten sich zu tief ins Fleisch gebrannt, bis ins Brustbein. Michael stemmte die Füße auf den Boden, packte die Schlüssel noch fester und zog mit aller Kraft.

Plötzlich riss Finster die Augen auf.

Michael erstarrte, als Finster aufsprang, herumwirbelte und wie verrückt an seiner Brust zerrte. Er zog und riss an seiner Haut. Verzweifelt versuchte er, sich den Klauen des Todes zu entwinden. Seine Haut schälte sich ab, als seine Finger sich ins Fleisch gruben, um die Schlüssel von seinem Körper zu reißen. Und dann geschah es. In einem letzten verzweifelten Versuch bekam er die Kette zu fassen und riss die Schlüssel ab. Sie flogen quer durch den Raum und rutschten unter einen Tisch.

Finster stürzte sich auf Michael, schlang beide Hände um dessen Kehle und drückte zu. Michael drohte zu ersticken. Das Einzige, woran er im Augenblick denken konnte, waren das verbrannte Fleisch, das er sah, und die Gestalt der Schlüssel, die sich in Finsters Brust eingebrannt hatten.

»Keine Tricks mehr.« Jetzt hatte Finsters Stimme einen unverkennbar teuflischen Klang. Von seinem verführerischen Tonfall war nichts mehr zu hören.

Michael rang keuchend nach Luft. Seine Lider zuckten, und langsam kroch die Dunkelheit in sein Blickfeld. Er mobilisierte seine letzten Energiereserven, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. »Nummer vier«, stieß er kaum hörbar hervor, hob die Arme und riss einen Wandteppich von der Wand. Auf dem Teppich war ein Ritter auf einem schwarzen Streitross zu sehen, der seine Lanze in das Herz eines riesigen, fauchenden Drachen stieß. Als der Wandteppich auf den Boden fiel, kam ein Altar zum Vorschein, der in einer Nische stand. Nur ein Kruzifix stand darauf. Es war ein schlichtes, offenbar jahrhundertealtes Kreuz aus Holz und Stein.

Finster riss die Augen auf.

Michael setzte sein Werk mit neuer Energie fort. »Diesmal ist niemand da, der Sie heraustragen kann oder der Sie seit langer Zeit erwartet.«

Finster rollte sich wie ein Embryo zusammen. Er konnte die Schmerzen, die ihn quälten, nicht mehr ertragen. Ein letzter Gedanke schoss ihm durch den Kopf, ehe er zu Asche verbrannte. Er war seinem Ziel so nahe gewesen, sich an dem zu rächen, der ihn verbannt hatte ...

Finster verfluchte sich selbst, die Gestalt eines Menschen angenommen zu haben und den menschlichen Lastern und Vergnügen verfallen zu sein. Er war menschlichen Schwächen zum Opfer gefallen und hatte sich der Wollust und Gier hingegeben, die so viele befiel. Einzig durch die Schwäche seines Körpers war er in diese Kirche gelockt worden. Sie hatte ihm die Sinne vernebelt, hatte ihn der Wahrheit gegenüber blind gemacht. Jetzt löste sich seine menschliche Gestalt auf, und sein Geist wurde nicht mehr durch das Fleisch geschützt. Der Schmerz schoss wie ein Inferno durch ihn hindurch. Seine Seele wurde von Licht überflutet. Es war, als wäre er gezwungen, in die Sonne zu schauen, ohne den Blick abwenden zu können. Finsters Körper löste sich auf. Rauch stieg empor. Kleine Flammen schössen aus dem Fleisch.

Die Hülle, die August Finster gewesen war, verbrannte.

Michael stand mühsam auf und half Simon auf die Beine. So gut sie konnten, stellten sie die Ordnung in der schlichten Kapelle wieder her, schoben die provisorische Theke hinaus und trugen die Kirchenbänke hinein, die in einem Hinterzimmer aufgestapelt waren. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Kirchenbänke wieder in Reih und Glied standen und die Gläubigen zum Gebet einluden. Mit großer Sorgfalt richteten sie den Altar mit dem Kelch und den Kerzen her, sodass alles für eine Messe vorbereitet war, die es hier nie mehr geben würde.

Simon hob den Wandteppich mit dem mutigen Ritter vom Boden auf und reichte Michael ein Ende. Sie trugen den Teppich durch die kleine Kirche zu den Resten von Finsters Körper. Simon legte sein Ende auf Finsters Füße. Als Michael sich bückte, um das andere Ende auf Finsters Kopf zu legen, schoss ein Arm empor und packte sein Handgelenk. Die Hand war schwarz und verkohlt und ähnelte eher einer Klaue als der Hand eines Menschen.

Die Augen, die man kaum noch als solche bezeichnen konnte, schimmerten blutrot, voller Hass und Rachsucht aus einem Gesicht, das es nicht mehr gab. Es hatte sich in ein dunkles Nichts verwandelt. So etwas Scheußliches hatte Michael nie zuvor gesehen. Es war wahrhaftig ein Monster, das dort vor ihm auf dem Boden lag, und nicht mehr die Fassade des Wesens, das die Welt als August Angelus Finster gekannt hatte.

Die Stimme drang nicht aus dem Mund, und sie drang auch nicht an Simons Ohr. Nur Michael hörte sie im Inneren seines Kopfes, und er wusste, dass die Stimme die Wahrheit sprach.

»Ich kann niemals sterben«, kam es aus allen Richtungen. »Ohne Dunkelheit kein Licht.« Michael schaute tief in die Augen der Kreatur, als diese fortfuhr: »Ich werde immer sein.«

Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, zog Michael Finsters Finger von seinem Handgelenk, durchquerte den Raum und hob die Schlüssel auf. Ehrfürchtig hielt er sie in der Hand und strich mit den Fingerspitzen über das Metall. Genau wie Marys Kreuz waren es schlichte Gegenstände, doch der Glaube und die Macht, die ihnen anhaftete, waren stärker als alles, was Michael sich hätte vorstellen können. Die Welt betrachtete diese Schlüssel als Symbole des Glaubens. Für Mary repräsentierten sie Hoffnung, für Michael die Liebe.

Michael nahm die Schlüssel von der Kette und ließ nur Marys Kreuz daran hängen. Er reichte Simon die Schlüssel und kauerte sich neben Finster auf den Boden. Er rührte sich nicht. Seine teuflischen Augen waren weit aufgerissen, und von dem verkohlten Leichnam stieg noch immer Rauch auf.

Vorsichtig hängte Michael die Kette um den Hals der Leiche und legte das Kreuz mitten auf die geschwärzte Brust.

Der dunkle Pfad Gottes
978-3-404-16532-2-01.xhtml
978-3-404-16532-2-02.html
978-3-404-16532-2-03.xhtml
978-3-404-16532-2-04.html
978-3-404-16532-2-05.html
978-3-404-16532-2-06.html
978-3-404-16532-2-07.html
978-3-404-16532-2-08.html
978-3-404-16532-2-09.html
978-3-404-16532-2-10.html
978-3-404-16532-2-11.html
978-3-404-16532-2-12.html
978-3-404-16532-2-13.html
978-3-404-16532-2-14.html
978-3-404-16532-2-15.html
978-3-404-16532-2-16.html
978-3-404-16532-2-17.html
978-3-404-16532-2-18.html
978-3-404-16532-2-19.html
978-3-404-16532-2-20.html
978-3-404-16532-2-21.html
978-3-404-16532-2-22.html
978-3-404-16532-2-23.html
978-3-404-16532-2-24.html
978-3-404-16532-2-25.html
978-3-404-16532-2-26.html
978-3-404-16532-2-27.html
978-3-404-16532-2-28.html
978-3-404-16532-2-29.html
978-3-404-16532-2-30.html
978-3-404-16532-2-31.html
978-3-404-16532-2-32.html
978-3-404-16532-2-33.html
978-3-404-16532-2-34.html
978-3-404-16532-2-35.html
978-3-404-16532-2-36.html
978-3-404-16532-2-37.html
978-3-404-16532-2-38.html
978-3-404-16532-2-39.html
978-3-404-16532-2-40.html
978-3-404-16532-2-41.html
978-3-404-16532-2-42.html
978-3-404-16532-2-43.html
978-3-404-16532-2-44.html
978-3-404-16532-2-45.html
978-3-404-16532-2-46.html
978-3-404-16532-2-47.html
978-3-404-16532-2-48.html
978-3-404-16532-2-49.html
978-3-404-16532-2-50.html
978-3-404-16532-2-51.html
978-3-404-16532-2-52.html
978-3-404-16532-2-53.html
978-3-404-16532-2-54.html
978-3-404-16532-2-55.html
978-3-404-16532-2-56.html
978-3-404-16532-2-57.html
978-3-404-16532-2-58.html
978-3-404-16532-2-59.html
978-3-404-16532-2-60.html
978-3-404-16532-2-61.html
978-3-404-16532-2-62.html
978-3-404-16532-2-63.html
978-3-404-16532-2-64.html
978-3-404-16532-2-65.html