4.
Auf der Hauptwache des Byram Hills Police Departments. herrschte reger Betrieb. Das in den Zwanzigerjahren erbaute Polizeirevier hatte erlebt, wie die Bevölkerung der Stadt sich um ein Zwanzigfaches vergrößert hatte. Ursprünglich war das Revier mit fünf Beamten besetzt gewesen; im vergangenen Jahr waren es zum ersten Mal mehr als hundert gewesen. In alten Zeiten gab es die meisten Festnahmen wegen Trunkenheit und Unruhestiftung, vor allem an Zahltagen. Inzwischen waren Schwerverbrechen an der Tagesordnung.
Auch an diesem Morgen herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Verhaftete und Betrunkene wurden ins Revier geführt, erkennungsdienstlich erfasst und in die Zellen im Kellergeschoss gesperrt. Die jungen Streifenbeamten in ihren blauen Uniformen versammelten sich auf den ausgetretenen Marmorstufen vor dem Revier, tranken Kaffee und aßen Brötchen, ehe ihre Schicht begann.
Das Großraumbüro der Kriminalbeamten im ersten Stock war unzumutbar. Zehn Schreibtische standen in einem Raum, der nur für fünf Personen vorgesehen war. Paul Busch, in Jeans und zerknitterter Jacke, füllte Formulare aus. Auf seinem Schreibtisch türmten sich Akten. Pauls erste Cola des Tages war bereits halb leer. Er war froh, dass er nicht nach Kaffee und Donuts süchtig war, doch sein täglicher Konsum an Cola und Keksen machte ihn auch nicht gerade zu einem Vorbild an Gesundheitsbewusstsein.
Seit fünfzehn Jahren arbeitete er hier, die letzten fünf Jahre als Detective. Zu Anfang seiner Karriere war Paul voller Tatendrang gewesen, wie die meisten jungen Cops, und hatte sich zum Ziel gesetzt, die Kriminalität in der Stadt mit allen Mitteln zu bekämpfen. Doch mit der Zeit machten die unausweichlichen Misserfolge jeden Cop mürbe, und Paul war es nicht anders ergangen. Seine Anstrengungen schienen zu nichts zu führen; nach jeder Festnahme trat ein neuer Täter auf den Plan, der sich ein neues Opfer holte. Und die Hälfte aller Verbrecher kam straflos davon und trieb bald wieder sein Unwesen. Doch Paul hatte sich damit abgefunden. Sein Job war, Beweise zu sammeln und Verbrecher zu fassen. Was anschließend geschah, war Aufgabe der Justiz.
Neben Pauls Schreibtisch saß Johnny Prefi, eine Zigarette im Mundwinkel, die er aber nicht angezündet hatte. Sein schwarzes Haar hatte seit Wochen kein Wasser und kein Shampoo mehr gesehen.
»Johnny«, sagte Paul, »du bist ein verurteilter Brandstifter und auf Bewährung draußen. Man könnte es dir schon als Übertretung der Bewährungsauflagen ankreiden, wenn du dir eine Zigarette ansteckst.«
Johnny starrte Paul an, als wäre er der englischen Sprache nicht mächtig.
»Und ein Lagerhaus abzufackeln ist eine größere Sache, als ein Lagerfeuer am Meer anzuzünden.«
»He, Mann, es wurde niemand verletzt!«, erwiderte Johnny gereizt.
»Du begreifst offenbar nicht...«
»Angst vor Flammen?«, spottete Johnny, verzog das Gesicht zu einem boshaften Grinsen und schob die Zigarette mit der Unterlippe nach vorn. »Haben Sie mal Feuer?«
Paul ballte die Fäuste, doch sein Chef, Captain Robert Delia, meldete sich zu Wort, ehe Paul explodieren konnte. »Dennis Thal ist da, Paul. Er arbeitet ab sofort mit dir zusammen.«
Paul stand auf, um einen Mann Ende dreißig zu begrüßen. Er sah gut aus und hatte hellbraunes Haar, das bereits Geheimratsecken aufwies. Schicker Anzug, fester Händedruck. Der Mann schien ganz in Ordnung zu sein, doch seine Körpersprache drückte Arroganz aus.
»Freut mich«, sagte Paul.
»Mich ebenfalls.« Thals Stimme war leise.
»Nichts für ungut, Thal.« Paul drehte sich zu Delia um. »Ich habe keine Zeit, das Kindermädchen zu spielen, Captain.«
Captain Delia war einen halben Kopf kleiner als Paul, hatte aber keine Probleme, deutlich zu machen, wer hier der Boss war. »Hör zu, Paul. Thal ist schon seit neun Jahren dabei. Er kommt von der Landespolizei, weil wir Personalprobleme haben. Er soll unsere besten Leute unterstützen. Deshalb arbeitet er jetzt mit dir zusammen. Kapiert?«
Paul wusste, wann ein Streit sich lohnte und wann nicht. Er nickte.
»Neben seiner Arbeit als Ermittler kümmert Detective Thal sich in Zusammenarbeit mit den Gerichten um unser Bewährungsprogramm«, fuhr der Captain fort.
Paul musterte Thal und beschloss, die Diskussion mit seinem Chef, der offenbar das Kindermädchen für den Neuen spielte, zu verschieben. »Ich nehme an, der Captain hat Ihnen von unseren wundervollen Arbeitsbedingungen hier erzählt«, sagte er zu Thal. »Einige nennen es Wunderland, ich nenne es das Paradies. Alle, die bei uns auf Bewährung raus sind, sind zu hundert Prozent geläutert.«
Delia warf Paul einen finsteren Blick zu, legte Thal die Hand auf die Schulter und ging mit ihm davon. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihren Schreibtisch, bevor er Ihnen den Job völlig vermiest.«
»Man sieht sich, Detective Thal«, rief Paul.
Thal drehte sich um, stieß den Zeigefinger in die Luft und grinste ihn an. »Mit Sicherheit.«
Paul wandte sich ab. »Blödmann«, murmelte er vor sich hin.
Das Klassenzimmer an der Greenwich County Day, ausgestattet mit Lernspielzeug und Lerncomputern, war der Traum eines jeden Kindes. Vor zwei Monaten war Mary eingestellt worden, um die Stelle einer Lehrerin zu übernehmen, die nach dem Mutterschaftsurlaub nicht in den Dienst zurückgekehrt war. Inzwischen besaß sie nicht nur den Respekt ihrer Kollegen, sondern hatte auch die Liebe und Bewunderung der Schüler gewonnen.
Mary betreute die Vorschulklasse, denn die jüngsten Kinder hatte sie besonders ins Herz geschlossen. Die Greenwich County Day zahlte besser als Wilby, aber darum ging es nicht. Es war einfach so, dass die Fünfjährigen einen besonderen Reiz auf Mary ausübten.
Direktorin Liz Harvey, die ihr graues Haar zu einem Knoten frisiert hatte, betrat das Klassenzimmer und lächelte, als sie die ausgelassenen Kinder sah. Augenblicklich trat Stille ein.
»Hier, Mary, das ist für Sie gekommen«, sagte Liz und reichte Mary einen Umschlag. Mary zog das Schreiben heraus und überflog es. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.
»Alles in Ordnung?« Liz legte Mary eine Hand auf die Schulter.
»Ja.« Mary lächelte sie an; dann blickte sie wieder auf die Nachricht ihres Arztes.
»Ich hoffe, es sind gute Neuigkeiten«, sagte Liz. »Dieses Klassenzimmer scheint die Fruchtbarkeit zu steigern.« Die Direktorin dachte bereits darüber nach, woher sie eine neue Vertretung bekommen sollte. Mary wäre die fünfte Vorschullehrerin innerhalb von drei Jahren, die in Mutterschaftsurlaub ging. »Wenn Ihr Mann keine Zeit hat, könnte ich Sie zum Arzt fahren.«
»Nein, kein Problem. Und es macht Ihnen wirklich nichts aus, mich zu vertreten?«
»Aber nein.«
Michael stand hinter dem Verkaufsschalter des Safe & Sound, als Mary kurz darauf in den Laden kam.
»Du?«, sagte Michael erfreut und überrascht zugleich. »Was verschafft mir die Ehre ...« Als er Marys Gesicht sah, erlosch sein Lächeln schlagartig. »Was ist los? Müsstest du nicht in der Schule sein?«
Statt zu antworten, reichte Mary ihm den Umschlag.
Minuten später saß ein verzweifelter Michael hinter dem Steuer seines Wagens. Seine Gedanken überschlugen sich. Mary, die Hände im Schoß gefaltet, saß schweigend neben ihm.
»Wie konntest du mir das verheimlichen?«, fragte Michael vorwurfsvoll.
»Ich habe dir nichts verheimlicht. Ich wollte dich nur nicht beunruhigen.«
Michael umklammerte das Lenkrad noch fester. »Ich kann nicht glauben, dass diese Untersuchungen gemacht wurden, ohne dass du mir ein Wort davon gesagt hast.«
Mary strich ihm zärtlich über die Wange. Sie war überzeugt, dass alles wieder in Ordnung kommen würde. »Nicht mehr lange, und alles ist wieder gut.«
Kurz darauf, im Behandlungszimmer des Arztes, gab auch Dr. Rhineheart sich optimistisch. »Ich bin zuversichtlich«, sagte er und schlug einen väterlichen Ton an. »Wir haben eine hohe Erfolgsquote, und es sieht so aus, als wären bis jetzt nur die Eierstöcke befallen.«
Michael rieb Mary über den Rücken, um sie und vor allem sich selbst zu beruhigen. Dr. Rhineheart, ein Mann von fünfundvierzig Jahren mit grauen Schläfen, stand vor seinem Schreibtisch und beobachtete die beiden, die versuchten, sich gegenseitig Gelassenheit vorzuspielen. Doch Rhineheart wusste, wie es in ihnen aussah. Er hatte es schon zu oft erlebt.
»Was ist mit Kindern?«, fragte Mary leise.
Rhineheart atmete tief ein. Das war für ihn das Schlimmste an seinem Beruf. Situationen wie diese hatten ihm schon manche schlaflose Nacht bereitet. »Tut mir leid, aber Sie werden keine Kinder mehr haben können.«
Mary senkte den Kopf und gab sich Mühe, Blickkontakt zu Michael zu vermeiden. Hätte sie ihn angeschaut, hätten sie die Fassung verloren.
»Diese Behandlung ... wie viel kostet sie?«, fragte Michael.
»Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Die Krankenversicherung übernimmt die Kosten.«
»Wie viel ?« Michael hatte Angst vor der Antwort.
»Marys Krebserkrankung ist bereits fortgeschritten. Zweihundertfünfzigtausend Dollar oder mehr, je nachdem, welche Therapie wir verordnen. Aber wie ich bereits sagte, die Versicherung kommt für die Behandlung auf.« Rhineheart machte eine kurze Pause, um seine nächsten Worte zu unterstreichen. »Und ich versichere Ihnen, dass unsere Krebsabteilung die beste ist.«
Michael erstickte beinahe in diesem kleinen Raum. Nie hatte er sich hilfloser gefühlt als in diesem Augenblick. Er kam sich wie ein Henker vor, dem die Macht fehlt, das Leben eines Delinquenten zu retten, von dem er weiß, dass er unschuldig ist.
»Wir sind nicht versichert«, sagte er, als würde er ein Todesurteil sprechen.
Rhineheart drehte sich zu Mary um. »Was ist mit der Schule ? Dort müssten Sie doch hervorragend versichert sein.«
»Ich bin erst seit zwei Monaten dort. Es dauert neunzig Tage, bevor der Versicherungsschutz eintritt«, erwiderte Mary verzweifelt.
»Verstehe.« Rhineheart atmete langsam aus. Er würde helfen, wo er nur konnte, und seine Dienste anbieten, aber die Kosten für die Operation, den Krankenhausaufenthalt, die Chemotherapie würden die St. Pierres selbst tragen müssen. Auch ein Krankenhaus musste zusehen, dass es schwarze Zahlen schrieb, und durfte sein Budget nicht überschreiten, denn die Aktionäre wollten Gewinne sehen.
»Sprechen Sie doch mal mit Ihrer Bank, Michael«, sagte Rhineheart. »Ich bin Ihnen beim Ausfüllen der Formulare gerne behilflich.«
»Ihr Wort in Gottes Ohr, Doktor«, sagte Michael.