44.
Fünfundzwanzig Meter von dem riesigen schwarzen Eingangstor zu Finsters Anwesen entfernt kauerten Simon und Michael im Wald. Seit zwei Stunden lagen sie auf der Lauer. Sie waren im Nachteil, denn sie wussten nicht genau, mit wie vielen Gegnern sie es aufnehmen mussten, um zum Haus zu gelangen. Sie schätzten die Anzahl der Wachen auf ungefähr ein Dutzend Mann. Diese Zahl würde sich mit den Informationen decken, die Michael bei seinem ersten Besuch im Haus gesammelt hatte. Aber mit zwölf Mann wären nur die strategisch wichtigsten Punkte besetzt, die jemand sichern würde, dem lediglich begrenzte Ressourcen zur Verfügung standen. Diesem Profil aber entsprach Finster nicht.
War es möglich, dass die Schlüssel nicht mehr im Keller lagen? Wenn das Haus nur von einer kleinen Truppe bewacht wurde, hatten sie die Antwort auf ihre Frage. Aber wenn die Schlüssel im Haus lagen, würden sie bestimmt einer ganzen Armee gegenüberstehen. Das Problem war, das Haus zu erreichen, ehe man sie entdeckte. Es war so, als wollten sie die Fahne erobern. Bei diesem Spiel kam es darauf an, in die Nähe der Beute zu kommen, ohne geschnappt zu werden.
»Uns läuft die Zeit davon«, flüsterte Simon, dessen Headset über ein Kabel mit seinem Handy verbunden war.
»Nur Geduld«, erwiderte Paul über sein Handy. Seine Stimme war leise und fern. Ab und zu brach die Verbindung ab, denn diese ländliche Gegend war nur spärlich mit Funktürmen ausgestattet. »Er wird schon kommen.«
Simon war sich da nicht so sicher, denn es war schon zu viel Zeit verstrichen. Doch er gab sich niemals geschlagen.
Es war halb eins in der Nacht, und die Schlange vor dem Club wurde immer länger. Die rotbraune Samtkordel hielt Hunderte von Namenlosen zurück, während die Leute von Rang und Ansehen – vor allem mit viel Geld in den Taschen – begrüßt und hineingeführt wurden. Es herrschte eine Hektik, die Paul an New Yorks Blütezeit erinnerte: Studio 54, Tunnel, Palladium...
Doch damals war die Musik besser gewesen. Andererseits, überlegte Paul, hält jede Generation ihre Musik für die beste. Aber die Leute waren nicht so versnobt, und es kostete nicht zwei Wochenlöhne, um sich zu amüsieren.
Paul stand in der Nähe der Tür. Er hatte sich den Türstehern als New Yorker Cop ausgewiesen, der mit Interpol zusammenarbeitete, um einen Flüchtigen zu schnappen. Die Polizei würde keine Razzia durchführen. Sie würden weder nach verbotenen Drogen suchen noch Minderjährige kontrollieren oder Gäste, die sich auffällig benahmen. Paul würde den Mann beobachten und diskret zur Tat schreiten, wenn der Zeitpunkt günstig war.
Nachdem Paul den Türstehern versichert hatte, dass es keinen Ärger geben würde, kooperierten sie bereitwillig. Und fünfhundert Euro taten ein Übriges.
Paul freute sich nicht darauf, den Club zu betreten. Er hatte nicht viel übrig für die Techno-Szene, die hämmernde Musik, die unverständlichen Texte und das Herumgehopse. Für ihn gab es nichts außer Springsteen.
Finster musste den Club betreten, ohne Verdacht zu schöpfen und ohne zu wissen, wer Paul wirklich war. Nur dann hatten Michael und Simon überhaupt eine Chance, ihre Operation erfolgreich abzuschließen.
»Busch?«, sagte Simon.
»Ja.«
»Warum hat man Sie Peaches genannt?«
»Das macht Sie verrückt, was ?« Paul lehnte sich gegen den Türrahmen.
»Die Warterei macht mich verrückt. Nun rücken Sie schon mit der Sprache raus.«
»Okay. Eine Freundin von mir liebte ein Album der Allman Brothers, Eat a Peach, und nannte mich immer ihren ›New Yorker Peach‹.«
»Die Geschichte der Allman Brothers?«, flüsterte Michael Simon zu. Er lag im Gras und schaute durch das Nachtsichtgerät aufs Tor. Simon nickte. Michael schüttelte den Kopf. »Es ist der Kosename seiner Frau für einen bestimmten Körperteil von ihm.«
Simon lachte verhalten.
Paul war schrecklich wütend. Obwohl Michael nicht mit den beiden vernetzt war, hörte er Pauls Wutanfall durch Simons Headset: »Was hat er da gesagt?«
»He, entspannen Sie sich«, sagte Simon lachend.
»Entspannen? Ich glaub, ich ...«
Abrupt setzte Stille ein.
»Busch?«, fragte Simon.
Keine Reaktion.
»Paul, sind Sie da?« Simon klopfte aufs Headset. »Können Sie mich hören?«
Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, bis er endlich wieder Pauls Stimme hörte. »Es geht los.«
Die Limousine hielt. Audrey, Zoe und Joy stiegen aus. Die jungen Frauen waren ausgesprochen sexy. Wie bunte Fahnen wehten ihre prächtigen Haarmähnen – feuerrot, pechschwarz und strohblond – in der Sommerbrise. Aller Augen wandten sich ihnen zu. Begleitet von lauten Aaah- und Oooh-Rufen, die normalerweise Hollywoodstars vorbehalten blieben, stieg nun auch Finster aus. Wie einst das Rote Meer teilte sich die Menge vor dem Quartett, als es über den roten Teppich schritt. Flüsternde Stimmen, Jubelrufe und Pfiffe vermischten sich, als die vor der Samtkordel wartende Menge die Hälse reckte, um den Milliardär und die drei jungen Frauen zu bewundern.
Paul verließ seinen Beobachtungsposten an der Tür, betrat leise den Club und stellte sich in eine Ecke. Von dort aus behielt er den Eingang im Auge. Der Türsteher entfernte die Samtkordel und begrüßte den berühmten Gast und dessen Begleiterinnen. Das Quartett trat durch die Tür und steuerte auf die Tanzfläche zu. Ein Kraftfeld schien sie zu umhüllen, denn die anderen Gäste wichen wie von selbst zur Seite. Finster besaß ein unglaubliches Charisma. Es war, als gehörte ihm der Club, die Menschen, die ganze Welt.
Paul lehnte sich ans Ende der Theke und bestellte sich einen Whiskey mit Eis. Er fühlte sich vollkommen fehl am Platze. In seiner schlichten Khakihose und dem Jeanshemd fiele er in der modisch gekleideten Menge sofort auf. Paul ließ den Blick schweifen. Nie zuvor hatte er so viele gepiercte Körperteile gesehen. Ohren, Nasen, Lippen und Augenbrauen, Brustwarzen, Wangen, sogar Kinne. Seine Gedanken wanderten in tiefere Regionen, wo ihm noch andere Orte einfielen, die sich für ein Piercing anboten.
Und dann erst die Tattoos ... Paul hatte in seiner Polizeilaufbahn mit zahlreichen Menschen zu tun gehabt, deren Körper tätowiert gewesen waren. Oft waren die Tattoos künstlerisch nicht allzu anspruchsvoll, und die Motive wiederholten sich: die Mutter, die Liebste oder irgendwelche Fantasiegebilde. Doch diese Leute hier konnten es sich leisten, sich eine Mona Lisa auf ihren Körpern verewigen zu lassen.
Paul klappte sein Handy auf, steckte sich das Headset ins Ohr und drückte auf Wahlwiederholung. Die Verbindung wurde aufgebaut.
Paul nippte von seinem Drink und sagte mit deutlicher Stimme: »Es geht los.«
Er wartete gar nicht erst auf Simons Antwort, sondern klappte das Handy zu und steckte es in die Tasche, lehnte sich mit dem Rücken an die Theke und hob den Kopf. Die Decke war zehn Meter hoch; er betrachtete die dicken, zweihundert Jahre alten Balken. Rauch vernebelte die Luft. Die Musik dröhnte, der Alkohol floss in Strömen, und ganz offen wurden Drogen konsumiert.
Paul blieb an der Theke stehen, weil er hier genau zwischen Finster und dem einzigen Ausgang stand. Die Gäste standen dicht an dicht. Es waren bestimmt fünfhundert Personen, und draußen warteten mindestens doppelt so viele. Nicht auszudenken, wenn hier ein Feuer ausbrach oder wenn es zu einer Massenpanik kam. Bei diesem Gedanken bekam Paul es mit der Angst zu tun. Ja, es gab tatsächlich nur einen einzigen Ausgang. Das hatte immerhin den Vorteil, dass Finster den Club nicht unbemerkt verlassen konnte.
Die Operation lief an, und Paul schöpfte Hoffnung. Simon und Michael hatten die ersten Hindernisse sicher schon überwunden. Es war ein Risiko gewesen, denn Finster hätte heute Nacht auch in einen anderen Club gehen können.
Aber Finster war da. Und Paul würde dafür sorgen, dass er das Rapture nicht verließ.
AI Graham hatte bei der Nationalgarde gedient und sollte auch bei der Operation Desert Storm eingesetzt werden, doch er landete erst am 28. Februar 1991, dem letzten Tag des Einsatzes; deshalb wurde er nicht mehr in Kampfhandlungen verwickelt. Tatsächlich hatte AI noch nie in einer Kampfsituation geschossen. Er hatte unter dem Befehl von Colonel T. C. Roberts gedient, einem knallharten Marine, der einen Skorpion allein durch seinen Blick in die Flucht schlagen konnte. Der Colonel hatte AI vor vier Wochen angerufen und ihm das verlockende Angebot dieser »gemütlichen« Anstellung bei bester Bezahlung gemacht. Und wenn er Glück hatte, könnte AI jetzt einmal zur Abwechslung mit seiner Waffe auf ein lebendes Ziel schießen.
AI hielt mit Javeed Waquim fünfundzwanzig Meter vom Tor entfernt auf der Zufahrt Wache. Sie sollten das Tor bewachen, doch ihrer Ansicht nach war es sicher, und so waren die beiden Männer nicht besonders wachsam. Und noch nie hatte jemand ihren Arbeitgeber, den Milliardär August Finster, auf irgendeine Weise angegriffen. Wer wäre auch so dumm, es mit den Wachen auf dem Anwesen aufzunehmen? Außerdem mussten dazu erst einmal die Sicherheitsanlagen überwunden werden, und das war so gut wie unmöglich. Der Colonel hatte sie heute informiert, dass dies ihr letzter Abend sei und dass sie für ihre hervorragenden Dienste einen Bonus von fünftausend Dollar erhalten würden. Obendrein hatte der Colonel ihnen einen Job als »Friedenshüter« irgendeines afrikanischen Militärdiktators angeboten, der mit einem Aufstand rechnete. AI und Javeed sollten sechs Monate Bezahlung im Voraus erhalten.
Doch dieses Geld bekamen sie nie. Beide waren tot, ehe ihre Körper, von Kugeln durchschlagen, auf den Boden prallten.
Michael hatte die Laserlichtschranken ausgetrickst und rasch eine Umleitung gelegt. Nun kletterte er mit Simon über die fünf Meter hohe Mauer; dann zogen sie die Leichen abseits der Einfahrt in den Wald. Simon riss AI das Headset vom Kopf und wischte das Blut ab. Dann nahm er das Funkgerät vom Gürtel des Toten und legte es neben seinen Rucksack auf die Erde. Simon griff hinein und zog ein kleines schwarzes Kästchen von der Größe eines Taschenbuchs mit einem Lautsprecher und mehreren Leuchtdiodenanzeigen heraus. Es war viele Jahre her, dass er einen Störsender benutzt hatte, aber dieses Gerät war nicht besonders kompliziert. Er setzte sich Als Headset auf den Kopf und drückte auf eine Taste. Die leisen statischen Geräusche verstummten, als das Funkgerät zu senden begann. Simon schaltete das kleine schwarze Kästchen ein und zog die Antenne heraus. Dann drückte er noch einmal auf die Taste. Das schwarze Kästchen startete mit dem Suchmodus. Nach drei Sekunden leuchtete ein grünes LED-Lämpchen auf, und auf dem Display wurde die Funkfrequenz angezeigt. Simon hängte das Gerät an seinen Gürtel.
Die Wälder auf Finsters Anwesen waren dicht und dunkel. Simon trug ein Nachtsichtgerät auf dem linken Auge und bewegte sich langsam vorwärts, während sein Blick ununterbrochen vor und zurück wanderte. Michael hielt sich direkt hinter ihm und bemühte sich, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Je näher sie dem Haus kamen, desto heftiger verkrampfte sich sein Magen. Beide waren mit Heckler & Koch- Maschinenpistolen bewaffnet. Simon hatte sie modifiziert und mit Schalldämpfern versehen. Mit diesen Waffen konnte man einen Einzelschuss abgeben, aber auch vierzehn Schuss pro Sekunde, wenn man den Abzug voll durchdrückte.
Der Priester hatte an diesem Nachmittag und am frühen Abend viel Zeit damit verbracht, Michael den Gebrauch der verschiedenen Waffen zu erklären. Er hatte ihm gezeigt, wie man verhinderte, das Maschinengewehr beim Schießen zu verreißen, wie man die Waffe stabilisieren konnte und wie man das Ziel ins Visier nahm. Die 9mm-Pistolen, die beide Männer bei sich trugen, hatten jeweils siebzehn Schuss im Magazin und zusätzlich eine Patrone in der Kammer. Simon vergeudete keine Zeit damit, Michael den Gebrauch der israelischen Scharfschützengewehre zu erklären. Man brauchte Talent und musste jahrelang trainieren, bis man ein guter Scharfschütze wurde.
Das Funkgerät knatterte in Simons Ohr. »Checkpoint.«
»Alpha«, sagte eine tiefe Stimme.
»Bravo«, sagte die nächste Stimme.
Charlie, Delta, Edward, Francis ... jede Stimme war anders, und alle antworteten in heiserem Ton. Nach einer kurzen Pause ging es weiter: Luke, Mark, Nathan, Oskar, Quint, Richard...
Eine andere Stimme forderte: »Kevin? Paul ? Meldet euch.«
Sofort drückte Simon zweimal kurz auf den Störsender an seinem Gürtel, worauf ein statisches Signal auf der Frequenz gesendet wurde.
»Meldet euch.«
Simon drückte noch einmal auf den Störsender, diesmal mit Unterbrechungen, während er sagte: »Wir haben Empfangsprobleme.«
»Verstanden. Haltet eure Position. Ich schicke sofort jemanden.«
Simon antwortete nur, indem er den Störsender aktivierte. Er zog Michael am Arm und lief mit ihm auf die Straße zu. Die Männer hörten, wie in einiger Entfernung ein Motorrad gestartet wurde, dann das Knattern des Motors. »Es sind achtzehn und einer, der die ganze Operation leitet«, sagte Simon, als er neben der Straße in Stellung ging. Er zog das Scharfschützengewehr mit dem leistungsfähigen Nachtsichtgerät heraus.
»Neunzehn Wachen«, wiederholte Michael. »Wie sollen wir an neunzehn Wachen vorbeikommen?«
Simon schraubte den Schalldämpfer auf den Lauf, ohne etwas zu erwidern.
Das Motorrad näherte sich ihnen. Simon lag flach im Gras. Er klappte den Kolben aus, dann das Zweibein, um die Waffe abzustützen. Der Scheinwerfer des sich nähernden Motorrads durchdrang die Finsternis des Waldes. Simon schob das Magazin mit zwanzig Schuss ins Gewehr und richtete es auf die Straßenmitte.
Das Knattern des Motorrads wurde nun mit jeder Sekunde lauter. Simon konzentrierte sich auf die Straße. Der Scheinwerfer der Maschine beleuchtete bereits die Einfahrt vor ihm. Der Fahrer hatte sie nun fast erreicht. Simon zuckte mit den Schultern, bewegte die Finger und schüttelte kurz den Kopf. Er schaute wieder durch das Okular des Nachtsichtgeräts. Der Motorradfahrer war noch etwa fünfzig Meter entfernt. Simon atmete tief ein, hielt den Atem an und betätigte den Abzug.
Der Schuss war so leise, als wäre er aus einer Spielzeugpistole abgefeuert worden. Die Kugel traf den Söldner genau in die Stirn, worauf er rücklings vom Motorrad gerissen wurde. Er stürzte zu Boden und überschlug sich mehrmals. Das Motorrad fuhr weiter, geriet ins Taumeln und raste in den Wald. Kaum einen Meter von Simon und Michael entfernt blieb der Söldner liegen. Sein Körper war übler zugerichtet als seine Kleidung.
Simon verschwendete keine Zeit. Er schwang das Gewehr über die Schulter und packte den Leichnam an den Füßen. Mit Michaels Hilfe zerrte er den Toten in den Wald.
Die Luft war voller Rauch. Der Gestank würde tagelang in Pauls Kleidung hängen. Er hasste diese Szene. Die laute Musik ohne verständliche Texte wirkte auf ihn wie das Hämmern in einer Schmiede. Die zuckenden Lichtblitze hinterließen schwarze Punkte auf seiner Netzhaut. War es wirklich so anders gewesen, als er jünger war? Jedenfalls hatte er den Generationskonflikt noch nie so stark empfunden wie jetzt in diesem Club, einer sonderbaren Mischung aus deutschem Brauhaus und Studio 54.
Es war bereits eine Stunde vergangen, und der silberhaarige Milliardär, der die Energie eines Jugendlichen besaß, rockte noch immer mit den drei Schönen der Nacht auf der Tanzfläche. Kein Drink zwischendurch, keine Pause. Der Mann schien irgendetwas genommen zu haben, denn niemand hielt so lange durch und bewegte sich mit solcher Intensität. Auch die drei jungen Frauen zeigten keine Anzeichen von Erschöpfung. Alle sahen so frisch aus wie bei ihrer Ankunft.
Paul überlegte, ob er Michael anrufen und nach der aktuellen Lage fragen sollte, doch er hatte Angst, dass das Klingeln des Handys ihn nur ablenken würde. Seine einzige Aufgabe bestand heute Abend darin, sicherzustellen, dass Finster den Club nicht verließ. Und Finster machte nicht den Eindruck, dass er vorhatte, das Rapture zu verlassen: Er und die jungen Frauen tanzten noch immer inmitten der Menge. Die weiblichen Gäste waren fasziniert von dem weißhaarigen Mann und vergaßen ihre Freunde, von denen jedoch keiner auf Finster eifersüchtig zu sein schien oder gar Anstalten machte, auf ihn loszugehen. Die Nachteulen in diesem Club, ob Frauen oder Männer, schienen Finster beinahe zu vergöttern. Es schien, als würde der Milliardär seine unglaubliche Energie aus der Bewunderung, dem Neid, der Begierde und der Faszination schöpfen, die er auf andere ausübte.
Als die Musik wilder wurde, zog es sämtliche Gäste zu Finster hin, als wäre er ein Magnet. Paul verfolgte erstaunt das sonderbare Verhalten der Leute. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber eines wusste er: Das war genau das, wonach Finster sich sehnte. Es war eine Macht, die er einsetzen konnte, wo und wann es ihm gefiel. Finster hätte ebenso gut ein Sektenführer schlimmster Sorte sein können, der mit seinem Charisma Tausende von Anhängern um sich scharte. Vielleicht war er ein so erfolgreicher Geschäftsmann, weil auch seine Geschäftspartner von ihm fasziniert waren, ihn bewunderten und ihm vorbehaltlos vertrauten. Sein Charme war wie ein Hinterhalt, der seine Gegner anlockte und dann vernichtete.
Die Musik erreichte einen neuen Höhepunkt. Die Gäste starrten Finster vom Rand der Tanzfläche und von den Emporen an und tanzten um ihn herum, als wäre er ein Stammesoberhaupt. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, und Finster genoss es.
Nur Audrey machte eine Ausnahme, denn sie schaute zur Bar. Finster bemerkte es, folgte ihrem Blick und verlangsamte seine Bewegungen.
Und dann sah er Paul, der in der Menge sofort ins Auge fiel.
Der Zauber zerbrach von einem Augenblick auf den anderen. Die Verbindung wurde zerrissen, und alle kehrten in ihre eigene Welt zurück. Finster wandte sich Audrey zu. Sie zitterte, als würde sie dem Tod ins Auge blicken. Vor Entsetzen brach ihr der Schweiß aus.
Er war ausgetrickst worden, eingelullt in ein falsches Gefühl von Sicherheit. Ohne dass der Fremde ihm vorgestellt wurde, wusste Finster, dass es Paul Busch war, der Cop aus den USA.
Und wenn Busch noch lebte, lebten auch Michael und der verfluchte Priester noch.
Thal hatte versagt. Aber darum würde Finster sich später kümmern. Er musste zu seinen Schlüsseln.
Audrey zuckte zusammen, als bereitete sie sich innerlich auf einen Schlag vor und erwartete ihren Tod. Zoe und Joy, die nichts von Audreys Entsetzen mitbekamen, tanzten weiter, berührten Finster mit den Händen und versuchten, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Fluchend schubste er sie weg und bewegte sich zum Ausgang. Seine Augen blitzten vor Wut. Der geringste Funke hätte genügt, ihn zur Explosion zu bringen. Er würde jeden zusammenschlagen, der sich ihm in den Weg stellte. Er musste hier raus und nach Hause zurück – koste es, was es wolle.
In Paul stieg Panik auf, als er erkannte, dass Finster ihn durchschaut hatte. Wie erstarrt stand er an der Theke und beobachtete, wie seine vermeintliche Beute sich durch die Menge kämpfte. Die dröhnende Musik schien sich schlagartig in tödliche Stille zu verwandeln, während Paul beobachtete, wie sein Plan vor seinen Augen wie ein Kartenhaus zusammenstürzte. Wenn Finster diesen Club verließ, konnten Michael und Simon ihren Einsatz nicht zu Ende führen.
Sie kamen südlich vom Herrenhaus im englischen Garten heraus, dessen Rand von Scheinwerfern beleuchtet wurde. Bei seinem ersten Besuch war Michael gar nicht aufgefallen, wie groß das Haus tatsächlich war. Es war gigantisch und streckte sich wie ein Ungetüm auf dem Grundstück aus. Die verzerrten Schatten der sorgfältig geschnittenen Hecken wurden auf die Steinfassade geworfen. Plötzlich begriff Michael, welchen Reiz so ein Ort auf ein Wesen wie Finster ausübte. Es war nicht nur Ausdruck seiner Macht, sondern auch eine Herausforderung für diejenigen, die dumm genug waren, hier eindringen zu wollen.
Simon klappte das v-förmige Zweibein des Scharfschützengewehrs heraus und stellte es auf eine im Schatten liegende Steinmauer. Hier schien niemand zu sein. Der Priester schaltete den Störsender ein und unterbrach alle Funksignale zwischen den verbliebenen achtzehn Söldnern. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Unsicherheit der Männer in Panik umschlug.
Simon schwenkte das Gewehr hin und her und beobachtete durch das Zielfernrohr die Fassade des Hauses, die Fenster und Türen. Dann fasste er den ersten und zweiten Stock ins Auge. Plötzlich sah er auf dem blauen Schieferdach Bewegungen. Es waren drei Mann. Versteckt hinter dem Schmuckfries und der niedrigen Brüstung. Scharfschützen. Sie klopften sich auf die Ohren und flüsterten miteinander. Vermutlich beunruhigte sie der plötzliche Kommunikationsausfall.
Simon nahm den Scharfschützen ins Visier, der am weitesten entfernt war. Der Mann war so dumm, eine weiße Malermütze zu tragen, deren Schirm nach hinten zeigte. Als die Mütze davonflog, hätte man meinen können, eine Brise hätte sie erfasst. Doch es war eine Kugel gewesen, die den Kopf des Mannes durchschlagen hatte.
Simon nahm nun den mittleren Scharfschützen ins Visier, der sich umgedreht hatte, um zu erkunden, was für ein Geräusch er gerade gehört hatte. Der Scharfschütze stellte soeben den Tod seines Kameraden fest, als auch er getroffen wurde. Bei dem dritten Mann lief es nicht so glatt, denn der war jetzt gewarnt, kauerte hinter der Brüstung und schwenkte das Gewehr auf der Suche nach einem Ziel hin und her.
In diesem Augenblick versammelten sich die anderen Wachen vor dem Haus. Orientierungslos liefen sie umher, während sie auf ihre Headsets schlugen und flüsternd miteinander sprachen. Als der Scharfschütze die Männer unten sah, beugte er sich über die Brüstung, um sie zu warnen, doch er kam nicht mehr dazu. Simon drückte auf den Abzug. Der Mann schwankte, stürzte mit dem Gewehr in der Hand über die Brüstung und überschlug sich mehrmals in der Luft. Die Wachen unten wichen schockiert und fluchend zurück, als der Leichnam vor ihren Füßen auf die Erde prallte.
Simon verlor keine Zeit. Heillose Verwirrung machte sich breit, als die Wachen vor Simons Kugeln Deckung suchten. Mehrere Männer stürzten getroffen zu Boden. Doch einige der Söldner bewahrten einen kühlen Kopf. Anhand des Mündungsfeuers, das aus Simons Gewehrlauf schoss, lokalisierten sie seinen Standort. Sie gingen hinter Autos und Mauern in Deckung und erwiderten das Feuer.
Michael kauerte hinter der Mauer, als die Kugeln über seinen Kopf hinwegzischten, Mauersteine zerschmetterten und in Bäume einschlugen. Jetzt verstand er die Angst der Soldaten, die erstarrten, sich nicht mehr bewegen und das Feuer nicht erwidern konnten. Auch wenn ein Soldat eine solide Grundausbildung erhalten hatte, konnte niemand einschätzen, welchen Mut er bewies, wenn er unter Beschuss geriet.
Michael spähte zur Seite. Simon war nicht zurückgewichen und setzte seinen Angriff fort. Der Priester war auf brutale Weise effizient wie ein Werfer bei einem perfekten Baseballspiel. Mit tödlicher Präzision gab er einen Schuss nach dem anderen ab und lud blitzschnell ein neues Magazin in die Waffe, sobald er das alte leergeschossen hatte.
Ein roter Leuchtpunkt fesselte Michaels Aufmerksamkeit. Er bewegte sich hin und her wie eine umherirrende Fliege. Der Punkt landete auf Simons Rücken und kroch hoch zu seinem Nacken ...
Simon wusste nichts von der tödlichen Markierung und setzte seinen Angriff unbeirrt fort. Michaels Angst war wie weggeblasen. Er riss seine Heckler & Koch hoch und feuerte. Während er die Waffe in der Dunkelheit hin und her schwenkte, um den unsichtbaren Jäger auszuschalten, zersplitterte das Holz der Bäume unter dem Beschuss. Michael schoss das ganze Magazin auf den unsichtbaren Angreifer ab und schob dann ein neues in die Waffe. Seine Nasenschleimhäute brannten vom stechenden Geruch des Schießpulvers. Der rote Punkt war verschwunden. Der Rauch verzog sich. Simon war keinen Millimeter zurückgewichen. Sein Auge klebte noch immer am Zielfernrohr, und er gab einen Schuss nach dem anderen ab. Acht Leichen lagen auf dem Rasen. »Vermutlich sind es noch mehr«, flüsterte der Priester, ohne den Blick zu heben.
Michael starrte in den Wald. Er hatte die Dunkelheit immer geliebt, weil sie ihn einhüllte und beschützte. Doch jetzt beschützte sie andere und verbarg sie, während sie auf der Lauer lagen, um ihn und Simon zu töten.
Zögernd überprüfte Michael seine Waffe und kroch dann auf dem Bauch auf die Bäume zu.
»Merken Sie sich, wie viele Sie getötet haben«, hörte er Simon sagen, während er sich tiefer hinein in die Dunkelheit bewegte. Die Lichter des Herrenhauses waren hinter den Bäumen verschwunden. Als Michael sich vorsichtig umschaute, hielt er die Waffe so, wie Simon es ihm gezeigt hatte. Er umklammerte sie so fest, dass seine Knöchel sich weiß färbten. Im Geiste hatte er eine Linie von dem Priester zur Quelle des roten Lichtpunkts gezogen. »Einen«, murmelte Michael, als er mit der Stiefelspitze gegen sein erstes Opfer stieß.
Er beugte sich über die Leiche und wusste nicht, wonach er suchte, als der Baum zu seiner Rechten von Kugeln getroffen wurde und herumfliegende Holzsplitter Michaels Wange aufschlitzten. Ein Stück weiter links ging er hinter einer dicken Eiche in Deckung und feuerte in die Richtung, in der er seinen Angreifer vermutete. Dieser reagierte mit einer wütenden Gewehrattacke auf seine Salve. Plötzlich brannte Michaels Arm, nachdem eine Kugel ihn gestreift hatte. Er war zu unerfahren. Dies hier war nicht sein vertrautes Terrain. Er kannte sich mit Alarmanlagen und Elektronik aus, nicht mit Schusswechseln. Er war ein Dieb. Dies hier war nicht sein Element.
Michael presste sich mit dem Rücken gegen den Baum und hoffte, dass der dicke Stamm ihm Schutz bot. Simon hatte ihm beigebracht, auf Blechdosen zu schießen, doch diese Ziele hier bewegten sich und waren unsichtbar. Und sie schössen zurück.
Michael hob den Blick und schwang das Gewehr über die Schulter. Einen Augenblick lauschte er, ob sich etwas bewegte. Als er nichts hörte, streckte er sich und begann zu klettern.
Simon spürte ein sonderbares Gefühl des Trostes wie seit Jahren nicht. Auch wenn es merkwürdig schien – dies hier war sein Terrain. Normalerweise hätte er Gewissensbisse haben müssen, aber so war es nicht. Er kämpfte gegen Männer, die etwas Böses beschützten. Es waren Söldner der schlimmsten Sorte, deren Loyalität nur dem galt, der das meiste Geld bot. Nein, er hatte keine Gewissensbisse, wenn er diese Killer ausschaltete.
Es war fünfzehn Jahre her, seit Simon in der italienischen Armee gedient hatte, aber es kam ihm so vor, als wäre es gestern gewesen. Nur dreimal in seinem Leben war er unter so heftigen Beschuss geraten, doch es verlieh ihm Energie: Unter Druck blühte er auf. Doch er hatte Mühe, den Schmerz in seiner rechten Schulter zu unterdrücken. Es war ein glatter Durchschuss. Die Hitze des Geschosses hatte die Eintrittswunde teilweise ausgebrannt, aber die Austrittswunde blutete stark. Simon spürte, wie sein Blut sein Hemd durchtränkte.
Die Schüsse waren verstummt. Es herrschte Stille ringsum. Simons Taktik, die Wachen herauszulocken, hatte funktioniert. Er hatte einen Großteil von ihnen ausgeschaltet, aber die restlichen Männer waren jetzt alarmiert und jagten ihn. Diese letzten Gegner auszuschalten würde am schwierigsten sein. Es war immer der letzte Gegner, der die größte Herausforderung darstellte.
Colonel T. C. Roberts, ein großer, kräftiger Mann, trat aus dem Haus. Er schaute sich um und entdeckte die Leichen. Er wusste nicht, wie viele seiner Männer tot waren und wie viele noch lebten, denn der Funkkontakt war abgebrochen.
Obwohl Roberts nicht mehr bei den Marines diente, führte er seinen Dienstgrad weiter, da er ihm Autorität und Respekt bei seinen Männern verschaffte. Allerdings stand ihm dieser Dienstgrad gar nicht mehr zu; er war ihm vor dem Kriegsgericht aberkannt worden. Er hatte seine Untergebenen äußerst brutal behandelt; das war bei seinen Vorgesetzten nicht gut angekommen – vor allem, da Roberts auch Strafen bis hin zum Tod für angemessen gehalten hatte. Das hatte ihm eine langjährige Gefängnisstrafe eingebracht.
Doch es war einfach gewesen, aus dem Militärgefängnis zu fliehen, und noch einfacher, Glücksritter zu finden. Roberts hatte während seines Kommandos beim Unternehmen Desert Storm viele Männer kennen gelernt, die der kurze Kampf nicht zufrieden gestellt hatte. Es waren nicht immer die talentiertesten Soldaten, aber sie waren motiviert. Motiviert durch eine Gier, die nichts mit Geld zu tun hatte. Es war die Gier nach Blut, die sie motivierte.
Roberts kratzte über die Narbe auf seiner Nase. Sie zog sich vom linken Auge über den Nasenrücken bis zur rechten Wange und bereitete ihm Probleme, seitdem er vor zwei Jahren mit einem betrunkenen Herumtreiber aneinandergeraten war. Natürlich hatte der Bursche seitdem nirgendwo mehr Kratzspuren hinterlassen, doch Roberts verfluchte ihn jeden Tag, weil der Mistkerl ihn entstellt hatte.
Niemand würde in Finsters Haus einbrechen! Dieses Versprechen hatte er dem Milliardär gegeben, und er würde es auch halten. Roberts überlegte, ob er Finster auf dem Handy anrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er musste die Lage wieder unter Kontrolle bekommen, den Schaden begrenzen und den Angriff zu Ende führen. Später hätte er genug Zeit, um Bericht zu erstatten.
Er schaltete den Hausalarm ein, stellte sich in die Wagenauffahrt und schaute auf das hell erleuchtete Grundstück. Hinter dem beleuchteten Bereich sah er allerdings nichts, und er verfluchte die Dummheit seiner Männer. Sie hätten ebenso gut leuchtende Zielscheiben und Augenbinden tragen können.
Roberts zog den Colt und schoss hintereinander die Scheinwerfer aus. Jeder Schuss traf. Sie zerplatzten in einem Funkenregen und verglühten. Das gesamte Anwesen wurde in Dunkelheit getaucht. Damit hatte er die Bedingungen auf beiden Seiten angeglichen. Jetzt wurde es Zeit, den Spieß umzudrehen.