49.
Finsters Schatten huschte über die Wände der Schlüsselkammer. Die letzten Kerzen brannten nieder. Finster war nun wieder der kultivierte und überlegene Mann, als den man ihn kannte. Er bewunderte die Schlüssel auf dem Kissen. Seine kurzfristige Angst, er könnte versagen, war verflogen. Die Schlüssel waren jetzt in seinem Besitz, und er würde bald nach Hause zurückkehren.
Seit dem Abend, an dem er die Schlüssel bekommen hatte, hatte er sich nie mehr die Zeit genommen, sie zu bewundern. Es interessierte ihn auch kaum, wie die Schlüssel aussahen. Wichtig war nur, welche Bedeutung sie hatten. Doch sein Ego und seine Eitelkeit zwangen ihn nun doch, sich an ihrem Anblick zu weiden. Und so stand er da und betrachtete die Schlüssel voller Ehrfurcht.
Jetzt stand ihm nichts und niemand mehr im Weg.
Draußen in der Galerie – in jenem Bereich, der der hinduistischen Göttin Kali gewidmet war – tickte versteckt in einer Ecke hinter den Bilderstapeln ein rot schimmernder Zeitzünder, der digital nach unten zählte. In dem Kellergewölbe waren insgesamt fünf solche Zeitzünder verteilt, die so eingestellt waren, dass sie im Abstand von dreißig Sekunden detonierten. Es waren kompakte Brandbomben mit verheerender Wirkung. Wurden sie aktiviert, schössen sie meterweit in die Höhe und versprühten eine klebrige, gelartige Substanz, die sich sofort entzündete, wenn sie mit Luft in Berührung kam.
Finster achtete weder auf den Lärm hinter der wuchtigen schwarzen Tür noch auf das Knistern, das er für das Geräusch züngelnder Flammen hielt. Stattdessen ging er um den Sockel herum und beugte sich vor, als würde er die Schlüssel zum ersten Mal eingehend betrachten. Finsters Lederschuhe knirschten auf dem Lehmboden, als er den Sockel mehrmals umkreiste. Ein lautes Zischen drang durch den Türspalt. Die Luft wurde blitzschnell aus dem kleinen Raum gesogen, um das Feuer anzufachen, das sich rasch im Kellergewölbe ausbreitete. Die letzten Kerzen in der Schlüsselkammer drohten durch den Mangel an Sauerstoff zu erlöschen. Nur wenige flackerten noch und beleuchteten die Trophäen. Das kostbare Metall spiegelte den Kerzenschein wider und erhellte Finsters verwundertes Gesicht.
Da stimmte etwas nicht...
In diesem Augenblick interessierte ihn nicht, was hinter der Tür geschah. Michael und Simon hätten es beinahe geschafft. Männer, die so stark motiviert waren, gaben niemals auf. Michaels Liebe zu seiner Frau war stärker als alles, was Finster jemals gesehen hatte. Aber warum hatte er dann einfach aufgegeben? Vielleicht...
Finster schaute genauer hin. Zögernd streckte er die Hand nach dem silbernen Schlüssel aus, obwohl er wusste, dass ihm jeder direkte Kontakt mit heiligen Objekten verboten war. Seine Finger näherten sich der Trophäe. Es war für ihn die einzige Möglichkeit, Gewissheit zu erlangen.
Als seine Hand auf den Schlüsseln lag, bekam er plötzlich Angst. Und dann geschah es. Seine unbändige Wut brach aus ihm hervor. Er schrie aus voller Kehle – nicht vor Schmerzen, sondern vor Wut, als er begriff, dass er hereingelegt worden war. Auf dem goldenen Schlüssel hatte er einen winzigen Stempel entdeckt. Er war schon ein wenig verblasst und abgeschliffen, aber noch gut zu erkennen: 585
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag.
Finster wirbelte herum und riss die Tür auf. Ein riesiger Feuerball schoss ihm entgegen. Die Flammen stiegen hoch; dann griffen die brennenden Tentakel von der Decke herab. Das ganze Kellergewölbe stand in Flammen. Als die Gemälde Feuer fingen, bildeten sich schwarze, ölige Rauchpilze. Die Metallskulpturen schmolzen in der Gluthitze. Die letzte Brandbombe explodierte. Das Napalm ähnliche Gel setzte alles in Brand, was es berührte. Es herrschte ein Höllenlärm.
Doch das ohrenbetäubende Tosen des Feuers war nichts im Vergleich zu dem unmenschlichen Brüllen, das aus Finsters Kehle stieg.