34.

Die Morgensonne schien durch das offene Fenster auf die schneeweißen Decken und auf Paul Buschs geschlossene Augen. Er war wach, zog es aber vor, sich erst einmal zu rekeln, ehe er aufstand, und den Geruch der frischen Meeresluft zu genießen.

Er hatte das Haus entworfen und so gestaltet, dass die Lage auf bestmögliche Weise genutzt wurde. Sein Bett stand direkt am Fenster. Wenn er die Augen öffnete, sah er das Meer, das ihn fesselte, seit er ein Kind gewesen war.

Sein Vater Hank war ein Fischer vom alten Schlag gewesen. Paul hatte in seine Fußstapfen treten und Maat, Matrose oder Seekadett werden sollen – was immer Dad wollte. Hank war ein großer, starker Mann gewesen, mit kräftigen Händen, langem, strohblondem Haar und Vollbart, und seine Haut war gegerbt wie Leder.

Paul liebte seinen Vater und fürchtete sich vor den Wochen, wenn Hank auf See war. Zwölfjährige Kinder sollten sich keine Sorgen machen, aber Paul tat es dennoch. Er kannte die Gefahren, die auf dem Meer lauerten, das niemals gezähmt oder gebändigt werden konnte. Jedes Mal, wenn sein Vater zurückkehrte, klammerte Paul sich an ihn und genoss die Wärme und Sicherheit in seinen Armen.

Sein Vater hatte ihm alle Tricks und Fertigkeiten des Fischfangs beigebracht. Er hoffte, dass sein Sohn später einmal in seine Fußstapfen treten und das Boot, die Byram Blonde, übernehmen würde. Paul hatte nie den Mut, seinem Vater zu sagen, dass die Fischerei nicht seine Sache war. Er wusste, dass dieses Geständnis seinem alten Herrn das Herz gebrochen hätte. Doch weil er nur auf See Zeit mit seinem Vater verbringen konnte, nahm er den stinkenden Fisch und die betrunkenen Matrosen in Kauf. Hauptsache, er und sein Vater waren zusammen.

Es war an einem Tag Ende April. Die letzte Winterkälte war draußen auf dem Meer noch immer zu spüren. Es sollte eine viertägige Schiffstour werden. Fünf Personen waren an Bord: Paul und Hank; Sean Reardon, ein zwanzigjähriger Maschinist und echter Draufgänger; Johnny G., ein kräftiger Jamaikaner, der noch größer war als Hank und eine tiefe, melodiöse Stimme besaß. Und schließlich war da Rico Libertore, der damit angab, Mafioso zu sein. Er war ein kleiner Kerl, knapp eins fünfundsechzig, und hatte schwarzes, glatt zurückgekämmtes Haar. Rico hatte ein großes Maul und war schnell mit den Fäusten dabei. Niemand legte sich mit ihm an, ohne unfreiwillig einen halben Liter Blut zu spenden.

Sie fuhren aus dem Long Island Sound, umrundeten Block Island und steuerten auf den mittelatlantischen Schelf zu, um dort Kabeljau zu fischen. Paul war zwölf Jahre alt und durfte zum ersten Mal an Bord schlafen. Diese Reise symbolisierte für ihn so etwas wie die Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. Nach dieser Reise würde er ein Mann sein.

Sie warfen ihre Netze aus und ließen sich zum Essen nieder. Es gab Bohnen und Würstchen, dazu Dosenbier; nur Paul trank Cola. Die Männer behandelten den Jungen wie einen von ihnen. Sie machten schlüpfrige Witze, und ihre derben Flüche hätten einen Gefängniswärter in Verlegenheit gebracht.

Um neun Uhr wurde das Licht gelöscht. Um vier Uhr mussten sie aufstehen. Die Temperatur war stark gesunken und lag jetzt nur noch bei eiskalten drei Grad. Auf See kroch die Kälte durch die Haut in die Knochen, egal, wie viele Decken man hatte. Paul wurde es nicht warm in seiner Koje. Die Männer schnarchten um die Wette. Als Paul aus seiner Koje kroch, rührte sich keiner von ihnen. Jeder hatte mindestens ein Sixpack geleert, und nun schliefen sie ihren Rausch aus.

Paul wusste, wie man den Heizofen anmachte. Er pumpte das Benzin hinein und zündete ein Streichholz an, doch durch die Kabine wehte eine starke Brise. Die Flamme erlosch, ehe Paul das Streichholz in den Ofen halten konnte.

Er pumpte noch einmal, zündete das nächste Streichholz an und hielt schützend eine Hand vor die Flamme. Diesmal würde sie nicht ausgehen. Er hielt das Streichholz in den Ofen...

... und die Hölle brach los. Ein Feuerball schoss heraus und hüllte den Heizofen ein. Flammen rasten über den Boden. Paul schrie voller Panik. Es war ein entsetzlicher Schrei. Die ganze Kabine war von orangerotem Feuerschein erfüllt, und die Hitze war mörderisch.

Rico sprang aus seiner Koje, rannte durch die Kombüse und ergriff den Feuerlöscher. Verzweifelt versuchte er, die Düse auf den Heizofen zu richten, doch der Feuerlöscher funktionierte nicht. Das Feuer raste über den Boden und erfasste Ricos rechtes Bein.

Paul lehnte sich gegen die Wand und sank zu Boden. Von überall waren Schreie zu hören. Er schaute sich hektisch um und begriff nicht, dass die Schreie aus seiner eigenen Kehle kamen. Die Flammen umringten ihn wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe, die sich auf ihn stürzen wollten. Immer enger zog sich der Kreis.

Rico wälzte sich über den Boden, um die Flammen an seinem Bein zu ersticken. Das Feuer kroch bereits die Wände hinauf. Paul war vor Schreck wie gelähmt. Er wusste nicht, wohin. Er schrie und schrie ...

Dann packte ihn jemand und trug ihn hinaus in die Nachtluft. Sein Vater nahm den brennenden Heizofen in beide Hände, rannte aufs Deck und warf ihn ins Meer. Als der Ofen auf dem Wasser aufschlug, brannte er noch immer.

Paul starrte auf den tödlichen Feuerschein, während der Ofen in der schwarzen Tiefe des Meeres versank. Durch das Fenster der Kabine sah er, wie Johnny G. mit einer Decke auf die Flammen schlug und versuchte, das Feuer zu löschen. Sein Vater rannte zurück in die Kabine, um dem weinenden Rico zu helfen. Bis zu dieser Nacht hatte Paul noch nie gesehen, dass ein erwachsener Mann so hemmungslos weinte. Er konnte den Blick in Ricos schmerzverzerrtes Gesicht nicht mehr ertragen und brach schluchzend zusammen, vom schlechten Gewissen geplagt. Es war seine Schuld, dass Rico so schwer verletzt war.

Johnny G. trat aufs Deck, wickelte Paul in eine Decke und trug ihn zurück in die Kombüse, während er mit seiner tiefen Stimme beruhigend auf ihn einredete. Die Flammen waren gelöscht, aber der verkohlte Boden und die Wände glimmten noch. Sean schüttete eimerweise Meerwasser aufs Deck und fegte mit dem Besen die Trümmer weg. Der widerliche Gestank von feuchtem, verbranntem Holz hing in der Luft. Paul beobachtete, wie sein Vater Ricos Wunden verband. Dann kam er zu ihm und schloss ihn wortlos in die Arme...

Bis zum heutigen Tag erinnerte Paul sich am lebhaftesten an die Hände seines Vaters. Sie waren voller Brandblasen, doch er schien es gar nicht zu bemerken. Er saß nur da, drückte seinen Sohn an sich und wiegte ihn bis zum Morgengrauen in den Armen.

Als die Sonne aufging, machte die Byram Blonde am Kai fest. Johnny G., Rico und Sean warteten an Bord, als sein Vater seinen Sohn nach Hause brachte. Während der ganzen Fahrt sprachen sie kein einziges Wort. Paul stand noch unter Schock. Unter dem schützenden Arm seines Vaters geborgen, starrte er in den Morgennebel, bis sie zu Hause ankamen.

Sein Vater trug ihn nach oben und steckte ihn ins Bett. Als er das Zimmer verließ, sagte Paul leise: »Es tut mir leid, Dad.« Und seine Tränen rollten aufs Kissen.

Sein Vater erwiderte: »Es war ein Unfall.« Sein Tonfall bewies, dass er es tatsächlich zu glauben schien. »Gestern Nacht dachte ich, ich würde dich verlieren. Damit hätte ich nicht leben können. Das Meer ist ein unversöhnlicher Ort. Jedes Mal, wenn du hinausfährst, weißt du nicht, ob du zurückkehrst. Aber jedes Mal, wenn du zurückkehrst, musst du Gott nicht nur für deine sichere Heimkehr danken, sondern auch für das, was er dir gegeben hat. Und wenn du wieder festen Boden unter den Füßen hast, musst du daran denken, dass du morgen vielleicht nicht mehr so viel Glück hast. Aber heute hast du dem Tod wieder ein Schnippchen geschlagen. Und so lernst du das Leben noch viel mehr zu schätzen.«

Sein Vater beugte sich hinunter und küsste ihn auf die Stirn. »Wir haben es heute Nacht geschafft, und das allein zählt. Ich liebe dich, mein Sohn. Daran wird sich niemals etwas ändern.«

Am nächsten Morgen fuhr er wieder auf See.

Ein starker Sturm kam auf, mit dem niemand gerechnet hatte. Zehn Meter hohe Wellen wühlten das Meer auf. Pauls Vater kehrte von dieser Fahrt nicht mehr zurück. Die Behörden erklärten, dass die Byram Blonde auf See verschollen sei. Für Johnny G., Sean, Rico und Pauls Vater wurde ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Die Leichen wurden nie gefunden.

Jetzt stand Paul wie jeden Morgen am Fenster seines Schlafzimmers und schaute auf die Wellen, die gegen das Ufer schlugen. Bis zum heutigen Tag suchte er am Strand nach Trümmern der Byram Blonde.

Robbie und Chrissie kamen fröhlich schreiend ins Zimmer. Sie sprangen aufs Bett und von dort in die Arme ihres Vaters. »Daddy, warum kannst du nicht hierbleiben?«, fragte Robbie.

»Sobald ich zurück bin, verbringen wir eine ganze Woche miteinander. Keine Arbeit, kein Telefon, kein Besuch.« Paul konnte die Tage, die er von seinen Kindern getrennt war, an einer Hand abzählen. Er hatte sich vor langer Zeit ein Versprechen gegeben, dass er seine Kinder niemals so oft alleine lassen würde, wie sein Vater es bei ihm getan hatte. Er würde Zeit mit ihnen verbringen, um Erinnerungen zu schaffen. Und jetzt brach er dieses Versprechen. Doch der Kummer, den Paul in den Augen seiner Tochter sah, als er sich verabschiedete, verblasste neben seinem eigenen Abschiedsschmerz.

Als er das Gepäck ins Auto lud, reichte Jeannie ihm seinen Reisepass. »Ich dachte, wir füllen diese Seiten gemeinsam aus«, sagte sie und schwenkte das kleine blaue Dokument.

»Dazu haben wir später noch viel Zeit«, erwiderte Paul und wich ihrem Blick aus.

Jeannie legte ihre Hände auf seine Schultern. »Hör zu, Paul. Du suchst Michael, und dann kommt ihr beide sofort nach Hause, verstanden?«

Sie umarmten sich.

»Und beeil dich«, fügte Jeannie hinzu. Sie hatte jedes Mal Angst, wenn Paul das Haus verließ. Sie war die Frau eines Polizisten und geriet schon in Panik, wenn nur das Telefon klingelte. Insgeheim fürchtete sie sich immer davor, eines Tages die Tür zu öffnen und von zwei Kollegen Pauls begrüßt zu werden, die mit ihren Dienstmützen in den Händen und gesenkten Köpfen vor ihr standen.

Der dunkle Pfad Gottes
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