29.

Die rote Kugel glitt über den grünen Filz und kam wenige Zentimeter vor der Ecktasche zum Stehen. Sie lag dort eine Ewigkeit, ehe sie schließlich ins Ledernetz fiel. Elle verbarg ihre Freude über den Sieg. Es war das erste Mal, dass sie Poolbillard spielte, und sie glaubte, dass sie vielleicht ein Naturtalent war.

»Ich habe das Gefühl, du hast geflunkert«, sagte Finster mit gerunzelter Stirn. »Bist du sicher, dass du noch nie Poolbillard gespielt hast?« Er legte einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich.

»Ich schwöre, das war Anfängerglück.« Elle errötete. Sie lächelte und gab ihm schnell einen Kuss, ehe sie sich auf den nächsten Stoß vorbereitete. Sie beugte ihren langen Körper über den Tisch, zog den Queue zurück und schoss die Kugeln in sämtliche Richtungen.

»Amüsierst du dich gut?«, fragte Finster, als er sein Dinnerjacket über die Stuhllehne hängte.

»Es ist ein wunderschöner Abend«, versicherte sie ihm, und das stimmte.

Sie hatten Orangenente auf Wildreis mit Dampfgemüse gegessen. Der Wein war ein 45er Triano Rosé aus seinem eigenen Weinkeller. Das Dessert hatten sie in der Bibliothek zu sich genommen: Schokoladensoufflee und Cognac. Sie lachten über die Modelindustrie und darüber, dass man sich selbst verkaufen musste, um ein bisschen Erfolg zu haben. Charles stand ihnen den ganzen Abend zur Verfügung. Der Butler schien immer genau zu wissen, wann er die Gläser nachfüllen musste.

So also leben die oberen Zehntausend, dachte Elle.

Sie wusste nicht, ob ihre Unbesonnenheit vom Wein herrührte oder ob sie vor lauter Freude den Kopf verlor. Sie hatte sich in diesen Mann verknallt. Seine Augen hatten ihr Herz, ihren Verstand und ihre Seele erobert.

»Sag mal, Elle, magst du die Kunst?«

»Sie ist eine meiner größten Leidenschaften«, erwiderte Elle überrascht und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.

»Wirklich?«

»Ich habe zwei Jahre in Paris bei François Delacroix studiert. Pastell und Öl waren mein Leben.« Ihre Augen strahlten vor Stolz. »Auf diesem Weg bin ich an meinen Job als Model gekommen.«

»Erzähl mir mehr darüber.«

»Eines unserer Modelle ist ausgestiegen, und François bestand darauf, dass ich für seine Klasse posiere. Ich war unglaublich nervös und schüchtern, aber ich habe es getan. Eine der Skizzen fiel einem Fotografen ins Auge. Der Rest...« Sie dachte kurz nach. »Nun ja, es hat sich nicht so entwickelt, wie ich gehofft hatte«, fügte sie ein wenig bedauernd hinzu.

»Malst du noch?«, fragte Finster.

»Ich habe keine Zeit mehr.« Elle verstummte kurz. »Und mir fehlt das Geld.«

»Ich würde deine Arbeiten gerne sehen. Ich könnte eine Ausstellung arrangieren.«

Elle lachte. »Glaub mir, von meinem ehemaligen Talent ist nichts mehr vorhanden.«

»Dann müssen wir das ändern. Ich habe hier auf dem Grundstück ein Atelier. Vielleicht würde es dir gefallen, dich dort einzurichten.«

Elle traute ihren Ohren nicht. Ob sie sich hier auf dem Anwesen einrichten wollte? Das konnte für sie nur eines bedeuten: Dieser herrliche Abend würde Tage, Wochen, vielleicht Jahre fortdauern. Das Herz klopfte vor Freude in ihrer Brust.

Finster stellte ihre Queues an den Billardtisch und umfasste ihre Hände. »Möchtest du meine Sammlung sehen? Ich zeige sie nur denen, die einen Blick für Schönheit haben und sie wirklich zu schätzen wissen.«

»Es wäre mir eine Ehre.«

Finster nahm den fünfarmigen Kerzenleuchter und führte Elle durch die riesige Eingangshalle. Nachdem er die massive Tür geöffnet hatte, die in den Keller führte, stieg er mit dem Kerzenleuchter die Treppe hinunter.

»Es ist sehr dunkel hier«, sagte Elle und hoffte, dass er das Beben in ihrer Stimme nicht bemerkte.

»Bleib dicht hinter mir.«

Lange Schatten huschten über die Steinwände, ehe sie in der Dunkelheit verschwanden. Der Kerzenschein erhellte nur den Bereich in ihrer unmittelbaren Nähe. Als sie das Ende des Gangs erreichten, führte Finster sie zu einer einfachen Holzbank. Er fegte ein paar alte Werkzeuge von der Bank und hängte ein langes Seil, das dort lag, über die Lehne der Bank.

»Bitte«, sagte er und bot Elle einen Platz an. Dann reichte er ihr den Kerzenleuchter und verschwand in der Dunkelheit. Elle umklammerte den schweren silbernen Fuß des Leuchters und hoffte, dass er ihr nicht aus der verschwitzten Hand rutschte. Mit einem Mal überkam sie ein ungutes Gefühl.

Einen Augenblick später kam Finster zurück. Er stellte acht Bilder an die Bank und blickte Elle an. Sie schaute in seine faszinierenden, unergründlichen Augen – und stutzte, als sie mit einem Mal etwas darin entdeckte, das sie vorher nicht gesehen hatte. Sie wusste nicht, was es war, aber es ließ sie schaudern.

Doch der Gedanke verflog, als Finster sich vorbeugte und Elle lange und leidenschaftlich küsste. Sie vergaß alles um sich her und zog Finster an sich. Sie küssten sich voller Leidenschaft. Elles Blut geriet in Wallung.

Schließlich löste Finster sich von ihr. Während Elle nach Atem rang und vor Erregung bebte, arrangierte Finster die Gemälde so, dass sie beide von ihnen umringt waren. »Ich möchte deine ehrliche Meinung hören«, sagte er dann.

Elle hob den Kerzenleuchter und betrachtete die Bilder. Im ersten Moment glaubte sie, er mache einen Scherz. Das war sicher ein Missverständnis. Sie hielt den Kerzenleuchter höher, schaute sich nach Finster um und wich dann ängstlich zurück. Ringsum sah sie eine Ausstellung schwarzer Kunst, die ihre Vorstellungskraft bei Weitem übertraf. Auf den entsetzlichen Bildern schrien verzerrte Gesichter ihren Schmerz hinaus; alles Sanfte wurde von dem Gewicht des Todes erdrückt.

Elle ließ erschrocken den Blick schweifen, doch Finster war nirgendwo zu sehen.

»August?«, fragte sie ängstlich.

Dann sah sie, dass die fünf Kerzen allmählich abbrannten. Im flackernden, schwächer werdenden Licht schienen die gequälten Seelen aus den Leinwänden herauszuspringen und sich auf sie zu stürzen. Die Dunkelheit des Ortes hüllte sie ein und steigerte ihre Furcht und Verwirrung.

Die Ängste ihrer Kindheit kehrten zurück – Finsternis, enge Räume, Ungeheuer, die unter dem Bett lauerten.

»August? Bitte!«, wimmerte Elle und stand von der Bank auf. Zögernd trat sie einen Schritt vor, hob den Leuchter mit den Kerzen, die zu erlöschen drohten, hoch über ihren Kopf und ging in die Richtung, in der sie den Ausgang zu finden hoffte. Sie lief schneller, stolperte und fiel hin. Der Kerzenleuchter rutschte ihr aus der Hand. Bis auf eine erloschen alle Kerzen. Elle klammerte sich an die letzte Kerze, als würde sie ihr Herz in Händen halten, und tastete verzweifelt nach den anderen. Als sie zwei Stumpen fand, zündete sie sie an der brennenden Kerze an und steckte sie in die verzierten Silberarme des Kerzenleuchters.

Warum tat Finster ihr das an?

Elle hielt den Kerzenleuchter wieder hoch in ihrer zitternden Hand und versuchte verzweifelt, sich zu orientieren. Sie traute ihren Augen nicht. Überall, wohin das flackernde Licht auch fiel, standen die grässlichen Kunstwerke. Alle stellten die schlimmsten Gräueltaten der Menschheit dar, Terror, Schrecken und Grausamkeit. Wer sammelte etwas so Entsetzliches? Und warum ?

Elle war allein mit ihren Ängsten. Und plötzlich begriff sie, was sie in Finsters faszinierenden Augen noch gesehen hatte. Und dann brach die Erkenntnis über sie herein.

Sie wusste, wo sie war. Sie wusste, wer er war.

Es war zu viel für sie.

Ihr Verstand setzte aus.

Der dunkle Pfad Gottes
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