39.

Zwei Uhr nachts. Es regnete noch immer. Die Lobby des Hotels war menschenleer. Torre Ericson war aus Schweden nach Berlin gekommen, um in den Sommerferien hier zu arbeiten. Torre hatte noch nie Europa bereist, wollte diesen Wunsch aber verwirklichen, bevor er im nächsten Jahr einundzwanzig wurde. Berlin schien ihm ein guter Ausgangspunkt zu sein. Außerdem war das Hotel Friedenberg der einzige Arbeitgeber, der ihm einen Job mit zwei freien Tagen hintereinander anbot. Natürlich musste Torre sich zuerst an die ruhigen Schichten gewöhnen, aber das fand er nicht weiter schlimm. Hier herrschte wirklich eine unglaubliche Ruhe, wenn nicht gerade jemand anrief und einen Snack bestellte. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens passierte im Hotel Friedenberg absolut nichts.

Daher war er ein wenig überrascht, als der pudelnasse Mann in die Lobby stolperte. Der Fremde hustete, drehte sich um und versuchte, sich zu orientieren. Torre war der Meinung, dass der Mann in seinem Zustand einen Kaffee brauchte und eine Zelle, um seinen Rausch auszuschlafen. Sorgen machte er sich nicht, denn er war über eins achtzig groß und hatte dank regelmäßigem Klettern und Rugby- Spielen einen durchtrainierten Körper. Er hatte schon manchen Betrunkenen hinausgeworfen; der hier würde nicht der Letzte sein. Doch in diesem Job war immer Höflichkeit angesagt. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte er in perfektem Deutsch.

Der Betrunkene, der seine Frage nicht verstanden zu haben schien, taumelte auf die Rezeption zu.

Torre versuchte es auf Englisch: »Das regnet vielleicht, was?«

Der Betrunkene antwortete wieder nicht. Er beugte sich in seinen nassen Klamotten über die Theke und nässte die Zeitungen für die Gäste und das Gästebuch. »John Smith«, lallte er.

»Tut mir leid, aber die Gäste schlafen«, erwiderte Torre ein wenig verärgert.

»Smith erwartet mich.«

Klar, dachte Torre. Er wusste, wann ihm jemand Unsinn erzählte. »Vielleicht möchten Sie eine Nachricht hinterlassen. Wir könnten Mr. Smith dann bitten, Sie morgen früh anzurufen, und ...«

Torre verstummte, als der Betrunkene blitzschnell eine Waffe zog und ihm die Mündung auf die Stirn drückte.

»Zeigen Sie mit das Gästebuch«, verlangte der vermeintlich Betrunkene mit klarer, deutlicher Stimme.

Doch so schnell wollte der junge Schwede sich nicht geschlagen geben. Der Mann würde bestimmt nicht abdrücken; er käme nicht weit. Außerdem war Torre noch schneller als der Fremde.

Der Betrunkene, der gar nicht betrunken war, zuckte nicht mit der Wimper, als Torre ihm die Waffe aus der Hand riss.

»Du richtest eine Waffe auf mich, du Arsch?« Nach der erfolgreichen Aktion strömte das Adrenalin durch die Adern des jungen Portiers. »Du hast Glück, dass ich dich nicht sofort abknalle.« Er richtete die Pistole auf die Brust des Fremden.

»Ganz schön fix«, sagte der Mann grinsend.

»Wenn man sich mit den Besten einlässt...«

Weiter kam Torre nicht. Er stürzte rücklings zu Boden, als ein Teil seines Schädels zerbarst und sein Blut gegen die Wand hinter ihm spritzte. Er hatte nicht gesehen, dass der Mann eine zweite Waffe gezogen und abgedrückt hatte.

Dennis Thal sprang über die Rezeption, fuhr mit dem Finger die Gästeliste entlang und verharrte bei »Judas Ischariot«.

Wie einfallslos, dachte er.

Um Viertel nach zwei in der Nacht waren Michael und Paul auf der Couch beziehungsweise auf dem Boden eingeschlafen. Nachdem sie beide große Mengen Alkohol in sich hineingeschüttet hatten, waren sie nicht mehr in der Lage, die zwei Schritte bis zum Bett zu gehen.

Bei Simon war es anders. Er hatte in Erwartung unvermeidlicher Probleme schon viele Nächte auf der Lauer gelegen, und das war heute Nacht nicht anders. Der Priester ging unruhig auf und ab. In der letzten Stunde hatte er immer wieder seine Waffen überprüft. Sie waren geladen und schussbereit. Michael hatte seinen Plan erklärt. Es war ein solider Plan und durchaus realisierbar, wenn sie alle drei zusammenarbeiteten. Simon hatte die Logistik ausgearbeitet und den Plan mehrmals überdacht und verändert, um für jede mögliche Situation gewappnet zu sein. Sie durften keinen Fehler machen. Eine zweite Chance gab es nicht.

Thal trat aus dem Aufzug auf den Gang. Er war menschenleer. An allen Türklinken der Hotelzimmer hingen »Bitte nicht stören«–Schilder und die Frühstücksbestellung. Mehrere leere Essenswagen standen an der Wand und warteten darauf, vom Kellner abgeholt zu werden.

Zimmer 1283. Den Gang hinunter und dann auf der linken Seite. Thal überprüfte beide Waffen. Der Junge hatte nicht einmal bemerkt, dass die Pistole noch gesichert war. Was für ein Dummkopf! Wenn er nicht den Supermann gespielt hätte, würde er noch leben. Warum mussten die Leute immer den Helden spielen?

Thal steckte die Glock in den Holster und lief mit der Magnum in der linken Hand weiter. Drei Leute waren in dem Raum: St. Pierre, Paul und irgendein Priester. Thal hatte es nicht überprüft, doch die Information kam von seinem Auftraggeber. »Nehmen Sie sich vor dem Priester in Acht«, hatte man ihm gesagt. Thal fand das lustig.

Zimmer 1283. Thal stand vor der Tür und konzentrierte sich. Er atmete flach, und seine Schultern waren entspannt. Dann hob er einen Fuß, um die Tür einzutreten.

Simon lag schweigend auf dem Bett. Er spürte noch immer die Nachwirkungen des Alkohols. Er musste sich ausruhen, aber mit offenen Augen. Nur zwei Kerzen brannten noch. Ihr Licht warf flackernde Streifen in die Dunkelheit. Simon wusste, dass er nach dieser Sache keine Kraft mehr haben würde. Er konnte sich nicht mehr selbst belügen. Schon jetzt war er vollkommen ausgebrannt. All die Jahre hatte er eine Mauer um sich errichtet und niemals Freundschaften gesucht. Er konnte sich keine Freunde leisten. Einen kurzen Augenblick hatte er heute Abend erkannt, dass es eines Tages vielleicht anders sein würde. Er könnte ein Leben führen, in dem er nicht immer allein war. Er könnte Freunde haben und vielleicht sogar eine Frau finden, mit denen er das Leben teilen konnte, anstatt das einsame, zölibatäre Leben eines Priesters zu führen. All die Jahre des Kummers und der Rache für seine Mutter – vielleicht ebbte der Schmerz allmählich ab. Vielleicht konnte er sich sogar mit seinem Schicksal aussöhnen.

Er richtete sich abrupt auf. Irgendetwas hatte ihn aufgeschreckt. Er schaute auf die beiden schlafenden Männer. Sie rührten sich nicht. Simon sprang vom Bett, ergriff seine Pistole vom Nachttisch und richtete sie auf die Tür. Sein Herz klopfte laut. Die Stille war unerträglich. Hatte er sich das nur eingebildet? Wenn er jetzt unter Verfolgungswahn litt, war ein Scheitern vorprogrammiert. Er wusste, dass er sich und seine Intuition niemals in Frage stellen durfte. Er war ein Einzelkämpfer, doch jetzt hatte er zwei Komplizen – zwei Betrunkene, die ihren Rausch ausschliefen.

Dann hörte er es wieder. Ein leises, kaum vernehmbares Geräusch. Jemand schlich den Gang entlang. Simon erstarrte. Er hob die Waffe, richtete sie in Kopfhöhe auf die Tür, die er vor Stunden, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, mit Kreuzen behangen hatte.

Doch diese heiligen Objekte halfen nicht im Geringsten.

Thal hatte beide Waffen gezogen. Er vertraute darauf, dass er nur drei Schüsse abgeben musste. Er rechnete nicht damit, Aufsehen zu erregen, denn seine Waffen waren mit Schalldämpfern versehen, und hier war kein Mensch. In einer knappen Minute würde er wieder verschwunden sein. Er würde die Maschine um sechs Uhr bekommen und bei Einbruch der Nacht wieder in den Vereinigten Staaten sein. Sein Auftraggeber hatte ihm versprochen, er könne sich mit einem so hohen Honorar zur Ruhe setzen, dass er den Rest seines Lebens in Saus und Braus leben könne, wenn er die Welt von den drei Männern auf der anderen Seite der Tür befreite.

Thal nahm Schwung und trat mit voller Wucht gegen die Türklinke, worauf die Tür ins Zimmer stürzte. Thal warf sich hinterher, beide Waffen im Anschlag.

Der dunkle Pfad Gottes
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