3.
Es ist still. Die Luft ist moderig und schal. Unvermittelt öffnet sich ein Gitter an der Decke, schwingt hin und her. Eine schwarz gekleidete Gestalt springt aus der Öffnung und landet geschmeidig wie ein Panther auf dem Fußboden eines altertümlichen Museums, dessen Gänge sich über Meilen hinzuziehen scheinen. Hohe Decken, Marmorböden und Säulen, soweit das Auge reicht. Ein Raum folgt auf den anderen. Gemälde, Skulpturen und antike Artefakte sind hier ausgestellt. Jede Epoche ist vertreten, von den Anfängen der Menschheit bis hin zu moderner Computerkunst. Es ist eine Zeitkapsel.
Bei Tageslicht wäre dieses Museum eine Art Tempel, in dem die kulturellen Leistungen des Menschen veranschaulicht wurden, doch das Tageslicht ist längst erloschen. Der schwache Schimmer, der durch die Fenster fällt, die in mittelalterlichem Stil gehalten sind, hat eine beinahe surreale Wirkung.
Der schwarz gekleidete Mann bewegt sich geschmeidig durch die Gänge, wobei das Messer in seiner Hand hin und her schwingt. Der geschnitzte Elfenbeingriff ist mit Leder umwickelt, und die Klinge wirft Lichtblitze in die Dunkelheit. Der Mann hält das Messer gepackt, als wäre es eine Art Talisman, der böse Geister vertreibt – oder neugierige Wachleute.
Der Mann schleicht durch einen großen Raum, in dem Rüstungen aus aller Welt und aus den verschiedensten Epochen gezeigt werden. Sämtliche Exponate sind in kriegerischer Pose ausgestellt, als würden die Seelen der Kämpfer sich noch darin befinden und als warteten sie noch immer auf den Befehl zum Angriff. Der Mann kommt an den Schaukästen der indianischen Anasazi-Kultur vorbei, in denen bleiche Knochen liegen, die aus Felsenwohnungen ausgegraben wurden. Kleine Schildchen informieren über den genauen Fundort eines Schienbeins oder Unterkieferknochens. An einer Wand stehen ägyptische Sarkophage. Mumien liegen in verschlossenen Glassärgen im Vakuum und warten auf ein Leben nach dem Tod, wie schon seit drei Jahrtausenden. Doch ihr goldener Schmuck – Geschenke, um die Götter milde zu stimmen – wurde niemals den Göttern übergeben.
Jedes Stück, ob Schmuck, Waffen oder Knochen, gehört zu einem Menschen, der seit langer Zeit tot ist, und verbreitet eine Aura, die gespenstisch die Säle und die langen, kalten Korridore durchdringt. Dies hier ist eine Feier des Todes, geschändeter Leben und gestörter Totenruhe. Dies hier sind Dinge, die niemals hätten angerührt werden dürfen, und doch wurden sie ausgegraben, geplündert und gestohlen, um die Gier nach Reichtum, Ruhm oder Eitelkeit zu befriedigen.
Und unwillkürlich stellt man sich die Frage, was zusammen mit diesen Schätzen ausgegraben und in dieses Museum gebracht wurde ...
Der Eindringling beachtet die Reichtümer nicht. Er eilt eine große Treppe hinauf, durchquert eine Galerie und gelangt in einen runden Raum. In der Mitte steht eine große Glasvitrine. Ein Lichtstrahl scheint auf den Gegenstand, der im Innern der Vitrine ruht. Der Mann bewegt sich vorsichtig näher heran, umkreist die Vitrine beinahe ehrfürchtig, wobei er das Messer durch die Finger gleiten lässt. Dann schlägt er oberhalb der Vitrine mit der Hand durch die Luft, als wollte er den Widerstand testen. Als er zurücktritt, kann man einen Blick ins Innere des Glaskastens werfen: Auf mitternachtsblauem Samt liegen Brillanten von unschätzbarem Wert, für die Kriege geführt, Reiche zerstört und ewige Liebe versprochen wurden. Es ist der Schatz eines längst versunkenen Königreichs.
Der Mann nähert sich der Vitrine und verdeckt sie mit dem Körper. Regungslos steht er da, atmet kaum hörbar und wartet. Sekunden vergehen, werden zu Minuten. Kein Lüftchen regt sich. Stille erfüllt den Raum. Dann tritt der Mann zurück.
Die Vitrine ist leer.
Scheinbar mühelos klettert der Mann ein dünnes Nylonseil hinauf, zwängt sich durch das Gitter in den Luftschacht und kriecht durch das enge Blechrohr. Das schwache Licht, das durch die Gitter fällt, verleiht ihm einen unheimlichen Schimmer. Schon die Gänge unten waren lang, doch diese Luftschächte sind schier endlos. Der Mann tröstet sich mit dem Gedanken, dass der schwierigste Teil hinter ihm liegt. Er kann ein wenig aufatmen, denn die Beute ist nun in seinem Rucksack verstaut.
Plötzlich hört er ein Geräusch hinter sich. Noch ist es fern, doch es kommt näher. Im Schacht ist es so eng, dass der Mann sich nicht umdrehen kann, um zu sehen, was hinter ihm ist. Deshalb kriecht er weiter, bewegt sich nun schneller als zuvor. Vermutlich wird das Geräusch, das ihn erschreckt hat, durch das Ausdehnen und Zusammenziehen des Metalls verursacht, das durch Temperaturschwankungen entsteht. Kein Grund zur Sorge.
Der Mann beruhigt sich. Nicht mehr lange, und er ist in Sicherheit.
Dann hört er das Geräusch erneut. Diesmal ist es lauter und näher, und es ist nicht das Knacken von Blech. Es ist ein Geräusch, das man in keinem Luftschacht, in keinem leeren Museum erwarten würde. Es ist kein menschlicher Laut, sondern das boshafte Knurren eines Tieres. Und es kommt näher.
Dem Mann schlägt das Herz bis zum Hals. Schweiß bricht ihm aus. Immer schneller kriecht er durch den Schacht, doch das Geräusch nähert sich unerbittlich und klingt nun wie ein fernes Gewitter. Was immer hinter dem Mann her ist – es muss riesig sein.
Jetzt spürt er, wie sein Verfolger den Schacht in Schwingungen versetzt. Das Blech stöhnt und ächzt und verbiegt sich. Die schiere Masse der Kreatur muss gewaltig sein.
Der Mann hatte für sämtliche Zwischenfälle Vorkehrungen getroffen – Wachen, Alarmanlagen, das Licht – und für jeden vorhersehbaren Zwischenfall vorgebeugt. Sein Zeitplan war sekundengenau. Sogar für den Fall kleinerer Pannen hatte er Ausweichpläne erstellt.
Das Grollen wird lauter, bedrohlicher. Jetzt ist sie nicht mehr weit, die Kreatur. Wer oder was immer sie ist, sie bewegt sich nun schneller und atmet schwer. Das Metall vibriert unter der Last des Gewichts. Der Lärm wird ohrenbetäubend. Das ganze Gebäude scheint zu beben.
Für Michael ist es ein aussichtsloser Wettlauf inmitten des höllischen Getöses, doch er gibt nicht auf. Als er über ein weiteres Gitter kriecht, fällt Licht auf sein Gesicht. Sein Blick ist konzentriert. Schweiß rinnt ihm über die Stirn, während er durch den Schacht flieht. Ein Beobachter würde seine Flucht vielleicht komisch finden, doch es ist nichts Komisches daran, dem Tod ins Auge zu blicken. Das, was sich zusammen mit Michael in dem Luftschacht aufhält, dürfte gar nicht hier sein. Es dürfte nirgendwo sein. Es dürfte gar nicht existieren.
Michael gerät in Panik. Seine Muskeln schmerzen, als seine verschwitzten Hände über die glatte Oberfläche rutschen. Der Schmerz kriecht ihm in die Knochen. Vom lauten Gebrüll der sich nähernden Bestie drohen ihm die Trommelfelle zu platzen. Das Getöse lässt sein Inneres vibrieren.
Dann, unvermittelt, tritt absolute Stille ein.
Michael verharrt. Lauscht. Nichts ist zu hören. Tausend Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Er fragt sich, ob sein Verfolger auf den richtigen Augenblick für den tödlichen Angriff wartet.
Wieder lauscht er angestrengt. Der Höllenlärm war unerträglich gewesen, doch die plötzliche Stille ist fast noch schrecklicher. Was ist geschehen? Lauert die Bestie irgendwo, um urplötzlich zuzuschlagen?
Michael bekommt Platzangst. Vielleicht hat die Kreatur seine Spur oder die Orientierung verloren. Ein einziger Atemzug könnte ihn verraten. Was ist dieses Wesen? Wo ist es? Wie kann er sich in diesem engen Schacht verteidigen, falls überhaupt ?
Michael löst sich aus seiner Erstarrung und kriecht eilig weiter. Nie hätte er geglaubt, sich so schnell bewegen zu können. Verzweifelt lenkt er seine ganze Kraft auf die Flucht, auf sein Überleben. Lieber an Erschöpfung sterben als in den Klauen seines unheimlichen Verfolgers. Michael achtet nicht auf seine blutigen Hände und auch nicht auf die Schrammen und blauen Flecken auf seinen Beinen. Er würde ein ganzes Jahr lang Schmerzen in Kauf nehmen, wenn er aus diesem Schacht, aus diesem Gebäude fliehen könnte ...
Dann setzt das Geräusch mit voller Lautstärke wieder ein.
Das Dröhnen lässt den Schacht erbeben. Knurrend und hämmernd schiebt die Masse des sich nähernden Körpers eine stinkende Woge feuchtheißer Luft vor sich her, die an Michael vorbeirauscht. Michael schaudert, als er die Bestie so plötzlich riechen kann. Es ist ein widerlicher Gestank nach verwesendem Fleisch, von dem Michael würgen muss.
Unvermittelt sieht er fünfzig Meter vor sich das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Er fasst neuen Mut: Es ist der Ausgang des Schachts. Noch einmal mobilisiert Michael alle Kräfte und schleppt sich auf das Licht zu.
Noch fünfundzwanzig Meter. Die Rettung ist zum Greifen nahe. Als würde die Bestie es spüren, verstummt ihr höllisches Knurren. Es wird drückend still. Die Geräusche, der Gestank – alles verschwindet. Zwanzig Meter von der Freiheit entfernt, verharrt Michael. Die Bestie ist verschwunden.
Es ist das Licht, schießt es Michael durch den Kopf. Die Bestie muss sich vom Licht abgewandt haben und zurück in ihre Schattenwelt geflohen sein. Das ist die einzige Erklärung. Doch ehe Michael einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen kann, verdunkelt sich das Licht vor ihm. Michaels Herzschlag setzt aus, als er begreift, dass es nicht nur eine Bestie ist. Vor ihm sind zwei glühende Raubtieraugen. Die wild funkelnden Augen einer teuflischen Kreatur.
Und dann hört er hinter sich erneut das Knurren seines Verfolgers und riecht dessen stinkenden Atem. Michael erstarrt. Er kann sich nicht umdrehen, sodass er nicht sehen kann, was hinter ihm ist, und vor ihm ist das andere Monster. Er sitzt in der Falle. Sekunden dehnen sich zu Minuten. Er ist wie benommen. Seine Angreifer warten. Sie sind unsichtbar, aber sie sind da. Ihr Atem geht schwer, als könnten sie es kaum erwarten, den Mann anzugreifen. Von dem fürchterlichen Gestank dreht sich Michael der Magen um.
Dann verstummt das Atmen. Könnte es sein, dass die Kreaturen ihre Absichten geändert und sich zurückgezogen haben? Doch der Geruch des Todes ist noch allgegenwärtig in der Dunkelheit. Das Warten wird Michael unerträglich.
Und dann ergreift das, was ihn verfolgt, blitzschnell seinen Fuß und zerrt ihn zurück in die Finsternis des Schachts. Michael ist vor Schock wie gelähmt. Ein Schrei bleibt ihm in der Kehle stecken. Den Bruchteil einer Sekunde später wird er in rasender Geschwindigkeit – schneller, als es einem Menschen möglich wäre – zurück in den Schacht und in die Düsternis gezogen.
Mary saß kerzengerade im Bett und rang nach Atem. Sie schaute sich nach Michael um, doch er war nicht da. Ihre schlimmsten Ängste schienen in der Dunkelheit zu lauern. Selbst CJ, die Katze, war verängstigt und zischte Mary an wie eine Fremde.
Mary stieg aus dem Bett und eilte aus dem Schlafzimmer, ohne sich einen Morgenmantel überzuziehen. Das Wohnzimmer war leer. Sie rannte in die Küche, wo ein angeknabbertes Sandwich auf dem Tisch lag, doch nirgends war eine Spur von Michael zu sehen. Ihr Blick fiel auf die geschlossene Tür des Arbeitszimmers. Durch die Ritze unter der Tür drang Licht. Mary stieß die Tür auf.
Michael saß am Schreibtisch und beschäftigte sich mit Papieren. Hawk lag zu seinen Füßen und schlief.
Mary warf sich erleichtert in seine Arme und ließ den Tränen freien Lauf.
Es war nur ein Traum gewesen.
»Versprichst du mir etwas, Michael ?«, fragte sie.
Michael drückte sie an sich. »Alles.« »Dass du es nie wieder tust. Dass das alles Vergangenheit ist.«
Michael blickte ihr in die Augen und gelobte: »Ich schwöre es.«