23.

Simon beobachtete die rothaarige Flugbegleiterin, die die Tür der Boeing 747 schloss. Er hatte sich damit abgefunden, dass er alleine fliegen musste. Simon legte seine Reisetasche in das Gepäckfach über den Sitzen und setzte sich auf seinen Fensterplatz. Der transatlantische Nachtflug war eines der wenigen Vergnügen, das er jetzt genießen konnte. Er würde sich hoch über den Wolken nicht nur am Sonnenuntergang, sondern auch am Sonnenaufgang erfreuen können. Der Flug würde ihm die Nacht verkürzen.

Die Dunkelheit machte Simon seit jeher Angst, doch er verbarg es, so gut er konnte. In den Nächten verschwanden die Ablenkungen des Tages, und Simon blieb allein mit seinen Gedanken, seinen Ängsten und dem Wissen zurück, was in der Welt draußen vor sich ging. Und dieses schreckliche Wissen konnte er nicht bekämpfen. Es war wie dieser Hustenreiz, der sich meldete, sobald man sich ins Bett legte. Man konnte sich noch so hartnäckig dagegen wehren, es war zwecklos.

Deshalb genoss Simon es so sehr, wenn die Nacht verkürzt wurde. Jeder Sonnenaufgang war für ihn wie eine Taufe und verdrängte die bösen Mächte der Finsternis. Es war kein Märchen, dass diese bösen Mächte nur nachts ihr Unwesen trieben. Das war eine Tatsache. Hinter der Bedeutung und Beziehung zwischen Licht und Tag und Dunkelheit und Nacht steckte mehr, als die meisten Menschen ahnten.

Als Simon jetzt aus dem Fenster schaute und auf den baldigen Sonnenuntergang wartete, begriff er, dass er die Welt buchstäblich verpasst hatte und wie ein Schiff in der Nacht nur kurz an ihr vorbeigefahren war. Niemals hatte er verweilt und die Schönheit der Welt genossen. Sein Leben bestand immer nur aus Pflichten und Aufopferung. Niemals hatte dieses Leben ihm Frau, Kinder und eine Familie zugestanden. Seit jenem furchtbaren Nachmittag in seiner Kindheit hatte er den Weg eingeschlagen, den er nun schon so lange beschritt – einen Weg, den er stets bereitwillig akzeptiert hatte.

Und dieser Weg hatte Simon nun in eine Situation geführt, in der er alles in Frage stellte. War es nur ein Leben der Rache, das er führte? Er kannte keine Liebe, keine Freundschaft. Niemals hatte er das Glück erlebt, eine Geliebte oder einen engen Freund zu haben – oder auch nur jemanden, mit dem er sich aussprechen konnte. Er führte das Leben eines Mönchs oder eines Soldaten. Ein Leben, das man alleine leben musste. Ein Leben, in dem er alleine sterben würde.

Und nun hatte Simon mit einem Mann wertvolle Informationen geteilt – einem Mann, dem er nicht vertrauen konnte. Es ging um unschätzbare Informationen über die wahre Bedeutung der Schlüssel. Michael St. Pierre hatte ein Chaos ausgelöst, das für sie alle schreckliche Konsequenzen haben könnte. Und doch war er, Simon, bereit gewesen, diesen Dieb um Hilfe zu bitten. Das war ein großer Fehler gewesen, und nun war Simon froh, dass der Mann nicht aufgetaucht war.

»Hallo.«

Simon hob den Blick.

Michael stand mit seiner Tasche in der Hand auf dem Gang.

Nachdem Michael sich im Krankenhaus von Mary verabschiedet hatte, war er am frühen Nachmittag rasch in seinem Geschäft vorbeigegangen. Dieses Risiko musste er eingehen. Er wusste noch nicht, wie er die Fußfessel entfernen konnte, doch sein Werkzeug würde er auf jeden Fall brauchen.

Michael nahm das Zangenset, die kleine Bohrmaschine, die Säge, ein paar Rollen Draht und die elektronischen Messgeräte mit, die er benutzte, um Sicherheitssysteme einzustellen.

Die elektronische Fußfessel war eine einfache Konstruktion. Das GPS arbeitete, wenn man außer Haus war, doch wenn jemand zu Hause war, lieferte es keine genauen Daten. Außerdem drang das Signal nur mit Mühe durch dicke Hausmauern. Deshalb sendete ein zweites System ein Signal an einen Transponder, der in Michaels Fall im Schrank lag. Die Stärke des Fußfessel-Signals gab den Standort in seiner Wohnung an, und diese Information wurde auf den Monitor der Polizeiwache übertragen. Die Stromquelle war eine kleine Batterie, deren Kabel durch die gesamte Fußfessel verlief. Der Strom wurde aktiviert, sobald die Fußfessel am Knöchel befestigt war. Wenn man sie entfernen wollte, musste man die Fußfessel durchsägen, wodurch man das Kabel unwiderruflich zerstört hätte.

Michael war nicht nur Spezialist für Sicherheitssysteme, sondern auch ein Meisterdieb, obwohl er sich trotz der jüngsten Ereignisse als »Dieb im Ruhestand« betrachtete. In seiner aktiven Zeit hatte er zahlreiche Alarmanlagen und Sicherheitssysteme überwunden. Es gab immer eine Möglichkeit.

Jetzt begann er, an zwei gegenüberliegenden Punkten der Fußfessel zwei nadelkopfgroße Löcher zu bohren, wobei er höllisch aufpasste, dass er nicht mit dem Bohrer ausrutschte und seinen Knöchel verletzte. Hawk beobachtete Michael, als dieser zwei selbst gebastelte elektrische Stifte in die Löcher steckte, die beide mit einem zehn Zentimeter langen Draht verbunden waren, wodurch ein zweiter Stromkreis geschaffen wurde – ein Überbrückungsstromkreis. Jetzt floss der Strom durch zwei Leitungen. Wenn eine nicht mehr funktionierte, übernahm die zweite die Aufgabe. Nachdem Michael die Fußfessel präpariert hatte, konnte er sie abnehmen. Dann rief er Hawk und befestigte die Fessel am Halsband des Hundes.

Nun saß er im Flugzeug neben Simon. Die Maschine war vor einer Stunde gestartet. Und Simon schien sich mehr für den Sonnenuntergang zu interessieren als dafür, dass es Michael gelungen war, trotz seines Hausarrests auszubrechen.

Der dunkle Pfad Gottes
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