28.
Drei Uhr nachts in zehntausend Metern Höhe. Die meisten schliefen. Einige hatten Kopfhörer aufgesetzt und schauten sich den Film Abbott und Costello treffen Frankenstein aus dem Jahr 1948 an. Simon, der oft unter Schlaflosigkeit litt, las in der Bibel, obwohl er sie auswendig kannte. Dennoch gewann er immer wieder neue Einblicke und lernte Dinge, von denen er hoffte, sie in seinem Leben anwenden zu können – falls er das Glück hatte, weiterzuleben.
Michael hatte es sich auf zwei Sitzen bequem gemacht und die Beine ausgestreckt. Auf seinem Schoß lag ein Schreibblock. Er machte eine detaillierte Skizze von Finsters Haus und zeichnete alles ein, woran er sich erinnern konnte.
»Sie haben nicht geglaubt, dass ich komme, nicht wahr?«, fragte er Simon.
Simon hob den Blick zu Michael. »Ich wusste, dass Sie kommen«, sagte er und schaute wieder in das Buch.
Michael gefiel es nicht, so schnell abgefertigt zu werden. »Geben Sie es zu. Sie hatten keine Ahnung.«
»Oh doch, hatte ich«, erwiderte Simon, der noch immer in die Bibel schaute.
»Ich wusste selbst nicht genau, ob ich komme, bis ich ins Flugzeug gestiegen bin.«
»Von dem Zeitpunkt an, als Sie erfuhren, in welche Lage Sie Ihre Frau gebracht haben, stand fest, dass Sie kommen würden«, sagte Simon. »Das liegt in Ihrem Charakter. Sie sind leicht zu durchschauen.«
»Sie kennen mich doch gar nicht.«
Simon wandte den Blick nicht von der Bibel ab. »Michael Edward St. Pierre, achtunddreißig Jahre alt. Waisenkind. Im Alter von zwei Jahren von Jane und Michael St. Pierre adoptiert, Konfessionsschule, Messdiener. Als Jugendlicher Schwierigkeiten wegen seiner Abneigung gegen das alltägliche Einerlei. Diebstähle von Schmuck und Kunst. Hochriskante Coups, vor allem wegen des Kicks, nicht wegen des Geldes. Haftstrafe in Sing-Sing. Ehefrau Mary, dreißig Jahre alt. Sie liebt Sie sehr, und sie ist krank ...«
»Es reicht!« Michael hasste es, eine Kurzfassung seines Lebens zu hören, die in eine Todesanzeige gepasst hätte. Er war in einem Vorort aufgewachsen – in Armonk, einer Kleinstadt, ungefähr eine Stunde von Manhattan entfernt. Seine Adoptiveltern hatten ihn in die katholische Holy Father High-School geschickt, wo Pater Dan den Schülern ihre täglichen Lektionen eintrichterte, als wären es Predigten. Michael war ein ziemlich braver Junge gewesen. Er hatte zwar ein paar Dummheiten gemacht, aber nichts, was auf seine problematische Zukunft hindeutete. Er wurde mehrmals beim Trinken und Rauchen erwischt. Und einmal hatte er einen Monat Hausarrest – vielleicht ein Vorgeschmack auf seine spätere Haftzeit weil er ein Paket Knallfrösche in Mrs. Colletes Briefschlitz geworfen hatte. Als er die Zündschnur anzündete und sie durch den Messingschlitz in der Eingangstür ins Haus warf, konnte er sich das Lachen kaum verkneifen. Er und seine Freunde waren davongerannt, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Die taube alte Dame hatte von den lauten Explosionen, die einem knatternden Maschinengewehrfeuer glichen, nichts gehört. Als Mrs. Collete die verbrannten Fetzen sah, glaubte sie, ihre Katze hätte die Zeitung wieder einmal zerrissen. Sie öffnete einfach die Tür und fegte die Papierfetzen hinaus. Michael wäre niemals erwischt worden, wäre sein Komplize nicht gewesen: Stevie Tausigenti, dieses Großmaul. Er erzählte Kenny Case von der Sache, und der wiederum erzählte es seiner Freundin, Jen Gillicio. Und Jen, das Klatschmaul, erzählte es ihrer Mutter. Die wiederum rief Mrs. St. Pierre an.
Michael akzeptierte seinen Hausarrest wie ein Mann – jedenfalls schien es so. Dass er immer wieder aus dem Fenster kletterte, um sich mit Freunden herumzutreiben, bemerkte seine Mutter nicht. Sie war stolz darauf, wie gelassen er seinen Hausarrest hinnahm.
Unglücklicherweise war es nicht seine Mutter, die Michael nach Sing-Sing schickte, und er wurde auch nicht deshalb dorthin geschickt, weil er Knallkörper angezündet hatte. Unnötig zu sagen, dass seine Zelle kein Fenster hatte, aus dem er fliehen konnte. Sing-Sing, das berühmte Gefängnis in den Bergen am Hudson River. Die dreieinhalb Jahre, die Michael dort verbrachte, waren die reinste Tortur. Es war für ihn die Hölle auf Erden, so lange von seiner jungen Braut getrennt zu sein.
Michael, der es für das Beste hielt, Simon zu ignorieren, um seine Niederlage nicht zugeben zu müssen, wandte sich wieder seiner Skizze zu. Schnell zeichnete er alle Details von Finsters riesigem Haus auf drei Blätter Papier. Auf das erste Blatt zeichnete er die Außenansicht einschließlich der Wachen, Fenster, Einfahrten und der Beleuchtung. Der Grundriss des Erdgeschosses war recht unproblematisch. Michael erinnerte sich nicht nur an den Eingangsbereich und die Bibliothek, sondern auch an jeden Raum, der auf dem Weg zum Keller von der Eingangshalle abzweigte.
Eine Skizze des Verlieses anzufertigen, wie Michael den Keller nannte, war schwieriger. Sie hatten den Weg in den Keller größtenteils im Dunkeln oder in trübem Licht zurückgelegt. Die Anspannung, die Michael gespürt hatte, als er dort unten gewesen war, hatte seine Wahrnehmung getrübt. Daher war er nicht sicher, ob er alle Details, die er brauchte, eingezeichnet hatte. Die Entfernung zu dem Raum, in dem die beiden Schlüssel lagen, konnte er nicht einschätzen. Es konnten hundert Schritte oder auch tausend gewesen sein.
Michael stellte die Füße auf den Boden, schob die Rückenlehne zurück und reichte Simon die drei fertigen Zeichnungen. »Woher wissen wir, dass die Schlüssel noch dort liegen? Könnte es nicht sein, dass er sie immer bei sich trägt?«
»Haben Sie ihm die Schlüssel gegeben? Haben Sie sie ihm in die Hand gedrückt?«
»Nein, ich habe sie auf den Sockel gelegt.«
»Wie hat er reagiert?« Simons Tonfall deutete darauf hin, dass er die Antwort bereits kannte.
»Ehrfürchtig«, erwiderte Michael nachdenklich, als die Erinnerung an den Moment lebendig wurde. »Aber auch ängstlich. Er wollte sie nicht einmal berühren.«
»Er kann sie nicht berühren«, sagte Simon.
»Warum nicht?«
»Er wurde aus dem Himmel verbannt. Ihm wurde verboten, mit allem, was heilig ist, in Kontakt zu kommen: Kirchen, gesegnete Gegenstände ... seine Macht ist vollkommen nutzlos gegen Gottes Werk. In Jesu eigenen Worten kann er nicht wissentlich heiligen Grund betreten. ›Auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.‹« Simon verstummte kurz. »Diese Schlüssel sind von Gott.«
Michael erwiderte nichts. Er erinnerte sich an Finsters Gesichtsausdruck, als der Milliardär die Schlüssel zum ersten Mal gesehen hatte.
»Dort also liegen sie?« Simon betrachtete eine der Skizzen und interessierte sich vor allem für den Keller.
»Dort habe ich sie hingelegt.« Michael dachte darüber nach und fragte dann: »Wer sind Sie, Simon? Sie wissen so viel über mich ...«
»Wer ich bin, das ist eine ziemlich langweilige Geschichte.«
»Ein siebenstündiger Flug kann nicht langweiliger sein. Ich riskiere Kopf und Kragen für Ihre Schlüssel. Also los. Langweilen Sie mich.«
Die Flugbegleiterin kam vorbei – eine Blondine mit endlos langen Beinen. Nicht nur ihr straffer Körper, sondern auch ihr Gesicht zeugten von ihrer Jugend. Sie war wahrscheinlich nicht älter als zwanzig. Michael grinste, als er sah, dass Simon ihren hübschen Po bewunderte, als sie den Gang hinunterging.
»Erinnern Sie sich, als Sie sechzehn waren und sich nichts sehnlicher gewünscht haben, als sich so eine Schönheit zu angeln?« Mit dieser Bemerkung hoffte Michael, Simon aus der Reserve zu locken, aber der erwiderte nichts. »Jetzt sagen Sie nicht, man hat Sie mit sechzehn in ein Kloster gesperrt.«
»Als ich sechzehn war, hat man mich ins Gefängnis gesperrt. Wegen Mordes.«