5
Yasmin hat ihren Vater nicht vergessen. Manchmal kommt er zur Schlafenszeit, wenn sie spürt, dass der Schlaf sie gleich übermannt. Dann hört sie ihn auch sprechen, so, wie er früher gesprochen hat, so, wie er gewesen ist. Sie spürt seine Nähe, spürt, dass er die Decke um sie feststopft, um die Zugluft, die durch das Fenster über ihrem Bett eindringt, abzuhalten, spürt, dass seine Lippen flüchtig ihre Stirn, ihre Schläfe, den Haaransatz berühren, und hört ihn flüstern: »Gute Nacht, mein süßer Engel.« Und dann dreht sie sich halb im Schlaf auf die Seite und murmelt: »Gute Nacht, Daddy.« Und wenn sie noch wacher ist, dann zuckt sie zusammen und kreischt und schreit nach ihrer Mutter, weil er nicht da sein sollte; er sollte überhaupt nicht in ihrer Nähe sein. Wenn sie wach ist, dann erinnert sie sich nicht an den lieben Dad, den, der mit ihr gekuschelt, sie gebadet und sie mit zu den Schaukeln im Brockwell Park genommen hat. Das alles ist durch zusammengebissene Lippen und betonharte Fäuste ausgelöscht. Nur in ihren Träumen kommt er zurück: wärmt sie, beschützt sie und löst in ihr eine beunruhigende Verwirrung aus.
Jetzt, da sie in Carols großem weichem Bett schläft, hört sie die Stimme ihrer Mutter, nimmt sie aber mehr wie einen Traum als eine wirkliche Störung wahr. Erst kürzlich hat sie das mit den Träumen begriffen, obwohl sie häufig träumt. Und sie nimmt vage wahr, dass ihre Mutter hinter der Schlafzimmertür weint, aber sie weint in letzter Zeit so häufig, dass das Geräusch für Yasmin schon fast zum Alltag gehört. Sie dreht sich unter Carols Bettzeug von Brixton Market um und driftet wieder in den Schlaf.
In Carols Wohnküche – sie wohnt im ausgebauten Dachboden des Hauses, in den ehemaligen Unterkünften der Dienstboten, überall Dachschrägen und Einbauschränke – kauert Bridget auf dem Sofa und umklammert ein zusammengeknülltes Stück Küchenpapier. »So sollte es nicht laufen«, schluchzt sie. »So sollte es wirklich nicht laufen.«
»Natürlich nicht«, sagt Carol, die gerade den Kopf in den Kühlschrank steckt. »Ich glaube nicht, dass es einen einzigen Menschen in dieser Straße gibt, der sich als Kind sein künftiges Leben so vorgestellt hat. Ich jedenfalls nicht. Ich wollte reich sein, wie es im Fernsehen alle sind. Und verheiratet. Ein großes Haus in Esher haben. Mehrere Kinder. Mitglied im Fitnessclub sein …«
»Das kann ich mir bei dir gut vorstellen«, sagt Bridget.
»Können wir das nicht alle? Soll das nicht eigentlich bei allen Stewardessen der Fall sein, bevor sie in den Ruhestand gehen? Davon war ich immer überzeugt. Und meine Mum ebenfalls. Eindeutig. Das war, als ich angefangen habe, ein Beruf mit hervorragenden Aussichten. Bestem Zugang zur Welt der Vielflieger. Damals hat kein Mensch etwas von Renten und Hypotheken gesagt. Meine Rente sollte mir automatisch mit der Heiratsurkunde gesichert sein.«
»Aber du bist doch noch gar nicht im Rentenalter«, stellt Bridget fest.
»Meine Liebe«, entgegnet Carol, »wenn du vierzig bist und einen Trolley schiebst, könntest du genauso gut fünfundsechzig sein. Der Anblick von Krampfadern und einem Kakao am Abend passt nicht zum Image der meisten Fluglinien.«
Sie findet, wonach sie sucht, taucht auf und hält es hoch. »Da ist er ja!«, stellt sie fest. »Kakao für Erwachsene. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt Spinat kaufe. Der braucht immer so viel Platz, dass ich den Wein nicht finde, und ich esse ihn ja nie, bevor er schlecht wird.«
»Was soll ich bloß machen?«
»Mit Brokkoli ist es das Gleiche«, sagt Carol und macht sich mit dem Korkenzieher zu schaffen. »Ich kaufe ihn nur, damit mein Kühlschrank nach gebrauchten Handtüchern riecht.«
Sie bringt die Flasche und zwei Saftgläser – ihre Spüle mit der ausladenden Mischarmatur ist so klein, dass sie es schon lange aufgegeben hat, Weingläser mit zerbrechlichen Stielen zu kaufen – zum Sofa hinüber, schenkt ein und wartet, bis Bridget sich geschnäuzt und die Mascara-Spuren von den Wangen gewischt hat. »Hier, für dich.« Sie reicht ihr ein Glas. »Jacob’s Creek. Mutters kleiner Tröster.«
Bridget nimmt das Glas, trinkt einen großen Schluck und sagt: »Danke. Eigentlich sollte ja ich dir als Dankeschön Wein spendieren.«
»Ist schon gut, Darling«, entgegnet Carol. »Es ist ein Vergnügen, auf sie aufzupassen, das weißt du.«
»Ja, aber …« Wieder steigen Bridget Tränen in die Augen.
»Hör auf, Bridget«, sagt Carol streng. »Es hat doch keinen Sinn. Das Heulen ist reine Energieverschwendung. Es ändert kein Jota am Ausgang der Dinge.«
Bridget schnieft. »Tut mir leid. Ich bin müde.«
»Stimmt«, sagt Carol. Zwischen ihnen besteht eine stillschweigende Übereinkunft, dass sämtliche emotionalen Zusammenbrüche von Bridget – und Carol – als Müdigkeit abgetan und mit Weißwein geheilt werden.
»Was ist bloß mit mir passiert?«, fragt sie zum tausendsten Mal.
»Kieran ist passiert«, antwortet Carol. »Du weißt das, und ich weiß das. Der einzige Mensch, der das nicht zu wissen scheint, ist Kieran. Du warst so durchgestylt, als du hierher gekommen bist. Ich erinnere mich daran. Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe, ich würde mich nie mit dir anfreunden, weil du so … na ja, weil ganz offensichtlich war, dass du auf dem Weg nach ganz oben warst. Ich hätte nie gedacht, dass du hierbleiben würdest. Man hat dir angesehen, dass du eine jener jungen Frauen warst, die Karriere machen wollten.
Er hat das Leben aus dir rausgesaugt.«
»Das ist Jahre her, Carol.«
»Hm«, sagt sie. »Aber du hast jahrelang Angst gehabt. Männer wie Kieran verwirren einen unglaublich. All die Blumen und Entschuldigungen und Vorhaltungen: Du hast eine Ewigkeit nicht gewusst, was du davon zu halten hast, er hatte dich völlig umgekrempelt. Du kannst nicht erwarten, dass du mit so etwas über Nacht fertig wirst. Vor allem, wenn er noch in der Gegend ist und dir Ärger macht.«
»Aber ich sollte inzwischen drüber weg sein. Ich bin so dumm. Dermaßen dumm.«
»Ja«, sagt sie, »das stimmt. Du bist so dumm wie jede Frau, die sich auf einen solchen Typen einlässt. Du hättest es durchschauen müssen, auch wenn das sonst keiner tat. Ich habe selbst eine Ewigkeit gebraucht, bis mir klar wurde, dass er falsch ist, und ich war nicht diejenige, der er wie Dr. Jekyll und Mr Hyde mit zwei Gesichtern begegnet ist.«
»Ich hätte … ich begreife nicht, wie ich so dumm sein konnte. Habe ich mit Leuchtstift ›Opfer‹ auf meiner Stirn geschrieben stehen oder was?«
Sie trinken und denken nach.
»Weißt du«, sagt Carol, »viele Menschen in den Konzentrationslagern hatten den gleichen Eindruck. Als ob es irgendwie ihre Schuld wäre. Als hätten sie selbst etwas getan, was dazu geführt hat. Aber dadurch wird es nicht wahrer. Es bedeutet bloß, dass man, wenn einem immer wieder etwas über einen gesagt wird, das am Ende selbst glaubt. Es gibt böse Menschen, Bridget, so einfach ist das. Manche Menschen sind schlicht und einfach böse, und sie verbringen ihr Leben damit, böse Dinge zu tun. Du hast es mit einem von denen zu tun gehabt. Das ist alles.«
»Aber warum habe ich es nicht gemerkt?«
Carol schnaubt verächtlich. Zündet sich eine Zigarette an und inhaliert tief. »Na ja, sie würden nicht lange damit durchkommen, wenn sie durch eine Tätowierung gekennzeichnet wären, oder?«
Bridget seufzt. Carol wechselt das Thema.
»Also, erzähl mir davon«, sagt sie. »Mal abgesehen von der erstaunlichen Tatsache, dass Cornwall Tausende Kilometer entfernt ist. Was meinst du?«
Bridget seufzt, streckt sich. »Es war – ach, was soll’s? Ich kriege den Job ohnehin nicht …«
»Hm«, pflichtet Carol ihr bei. »Deshalb hat er dich wohl gefragt, wann du anfangen kannst. Erzähl mir davon. Wie ist das Haus?«
»Mensch, Carol, es war unglaublich. Unfassbar. Eines jener Anwesen, in die man gewöhnlich nur dann kommt, wenn man Eintritt bezahlt.«
»Groß?«
»Und wie! Riesig. Zwölf Schlafzimmer, und die Lounges sind so groß, dass deine und meine Wohnung locker hineinpassen würden. Mensch, die würden in eine der Sitzgruppen passen!«
»Da schau her«, sagt Carol. »Und dieses Haus haben sie übrig?«
Bridget nippt an ihrem Wein. Nimmt dieses Mal einen kontrollierteren Schluck, da ihr Anflug von Hysterie vorüber ist. »So viel ich weiß.«
»Wie groß müssen dann erst die anderen Häuser sein, wenn das übrig ist?«
»Ich bin mir nicht sicher. Ich habe das Gefühl, dass dieses eigentlich das größte ist. Der Chef wohnt etwa zehn Meilen entfernt, und die meisten Familienangehörigen leben in der Gegend. Alle in Laufnähe.«
»Das klingt ja geradezu nach Inzest.«
»Ein wenig schon, oder?«, fragt Bridget.
»Vor allem, wenn man ein Haus mit zwölf Schlafzimmern nur zehn Meilen entfernt hat.«
»Ich weiß nicht. Vielleicht gefällt ihnen die Aussicht dort, wo sie wohnen, besser. Oder vielleicht können sie es sich einfach nicht leisten, darin zu wohnen, wenn sie das Geld von Feriengästen brauchen. Selbst für kleine Cottages werden dort in der Hochsaison vierhundert Pfund die Woche bezahlt.«
»Ich wette, da spukt es oder so etwas«, stellt Carol fest.
»Sei nicht albern«, antwortet Bridget.
»Wäre doch möglich.« Carol reißt die Augen auf und tut so, als spiele sie auf einer Harfe. »Uuuuh!«, macht sie. »Uuuuuh!«
»Hör auf, Carol!« Bridget stellt erstaunt fest, dass sie es ernst meint. »Ich kann es jetzt gar nicht gebrauchen, entmutigt zu werden.«
»Geister und schaurige Gestalten und langbeinige Ungeheuer«, sagt Carol.
»Rede bloß nicht in Anwesenheit von Yasmin davon. Bitte.« Wie viele Eltern schiebt Bridget ihr Kind als Vorwand für ihre eigenen Gefühle vor. »Es wird sowieso schon schwierig genug werden, auch ohne dass du ihr Flausen in den Kopf setzt.«
Carol hält inne, aber jetzt lächelt sie. »Stimmt. Und du hast allen Ernstes vor, da hinzuziehen?«
»Ich weiß nicht. Wirklich nicht. Es wäre – Mensch, ich kann mir nicht einmal ausmalen, was es bedeuten würde, wenn ich den Job bekäme.«
Carol schenkt Wein nach. »So, wie ich es sehe, wäre es die Lösung für all deine Probleme«, sagt sie. »Kieran, deine Schulden. Dass Yasmin zu einer dieser kleinen Schlampen heranwächst, die draußen vor dem Schnapsladen herumhängen. Ein Neustart. Wie sieht deine Wohnung denn aus?«
»Fantastisch. Na ja, in jedem Fall wesentlich besser als die hier. Das oberste Geschoss eines Flügels.«
»Eines Flügels?«
»Ja. Das Haus hat Flügel. Die Wohnung hat zwei Schlafzimmer. Richtige, große. Und in Yasmins stehen zwei Betten.«
Sie bemerkt gar nicht, dass sie von den Zimmern spricht, als gehörten sie bereits ihr. Carol dagegen fällt es auf. »Und sie hat ein Wohnzimmer, das zwei Mal so groß ist wie meines. Es ist rundum getäfelt – Nut und Feder, unbehandeltes Holz wie in einem Blockhaus. Riecht nach Kiefer und Sauberkeit. Und die Küche erst! Mensch, Carol, in der Küche kann man essen!«
»Ich wüsste nicht, was daran so besonders sein soll.« Carol reckt den Kopf nach hinten in Richtung ihrer Küchenzeile, in der das Geschirrtuch an dem Tassenhaken über der Spüle hängt. »Das mache ich jeden Tag. Also, erzähl weiter: Was ist der Haken an der Sache?«
»Na ja … es liegt völlig abgeschieden.«
»Herrlich.«
»Es sind zwei Meilen bis ins Dorf.«
Die Alarmanlage eines Autos fängt draußen auf der Straße zu heulen an.
»Ich sehe schon«, stellt Carol trocken fest, »wie sehr du Streatham vermissen wirst.«
»Und das Dorf ist winzig.«
»Und welches ist die nächstgelegene Stadt?«
»Das ist Wadebridge.«
»Wadebridge ist hübsch. Da war ich oft mit meinen Großeltern. Nicht gerade berühmt für sein Nachtleben, aber es ist hübsch.«
Bridget stößt einen übertriebenen Seufzer aus und klopft sich auf den Hintern. »Ich habe meine Discojahre längst hinter mir.«
»Ach, ich bin mir sicher, dass du ein entzückendes Nähkränzchen finden wirst.«
»Klar«, antwortet Bridget. »Hältst du das etwa für spaßig?«
»Ich bin mir sicher, dass im Gemeindehaus Discoabende stattfinden. Vielleicht lernst du dort ja einen netten Bauern kennen.« Bridget lacht.
Unten wird ein Fenster hochgeschoben. »Schaltet endlich dieses verdammte Ding aus!«, brüllt eine Stimme über die menschenleere Straße. »Schaltet es ab, verdammt!«
Die Blicke der beiden Frauen treffen sich.
»Ich weiß gar nicht, wie du einen Wegzug überhaupt in Erwägung ziehen kannst.«
»Ich weiß.« Sie lacht wieder, obwohl ihr Tränen in die Augen steigen. »Der Glamour. Der Spaß. Das wilde Gesellschaftsleben. Übrigens. Kannst du mir bis Freitag einen Zehner vorschießen? Meine Stromkarte ist abgelaufen, und ich habe mein ganzes Bargeld für Benzin ausgegeben.«
Carol äfft Margaret Thatcher gekonnt nach. »Das Problem mit diesen Leuten«, sagt sie, »ist, dass sie keine Ahnung vom Umgang mit Geld haben. Baked Beans kosten beim Discounter nur 13 Pence. Du hättest dir einen Vorrat für den Winter anlegen sollen wie die Eichhörnchen.«
»Himmelherrgott«, entgegnet Bridget. »Als ob sich meine Probleme dadurch lösen ließen, dass ich mich von Bohnen ernähre.« Sie trinken wieder einen Schluck. »Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn ich den Job nicht kriege«, sagt sie.
»Ich weiß«, antwortet Carol. »Ich weiß.«