52

Bis er ankommt, hat sich schon eine Gruppe von Eltern vor dem Schultor versammelt: Das uralte Ritual, ein bisschen zu früh zu erscheinen, um noch ein wenig zu tratschen, bevor die Kinder herauskommen. Sie stampfen auf dem Pflaster auf, klopfen die Hände zusammen, kuscheln sich tiefer in ihre Anoraks und Mäntel und ziehen sich die Schals bis zum Mund hoch. Im Laufe des Tages hat der Wind gedreht, bläst jetzt direkt aus Sibirien, und die Luft schmerzt beim Einatmen in den Lungen: Er ist froh über seine Autoheizung, noch erfreuter über die Farbe vor seinen Scheiben, als er sie heranfahren und aus dem Auto steigen sieht, wie sie übertrieben fröstelt, während sie die Straße überquert und dabei in ihre Handschuhe schlüpft.

»Immerhin ist das Wetter schön«, stellt Penny Tremayne fest. Sie trägt einen kurzen Mantel aus kirschrotem Leder und dazu eine gestreifte Pudelmütze. Sehr städtisch, aber das ist ihr gestattet, schließlich ist sie Künstlerin.

Bridget wirft einen Blick zum Himmel hinauf. Es ist erst fünf vor vier, aber es fühlt sich an, als würde es schon bald Nacht. Dunkle Wolken hängen über ihnen, träge und schwer; das schwindende Licht des Nachmittags hat keine Chance, durch eine solch dicke Wolkendecke zu dringen.

»Heute Abend wird es bestimmt schneien«, stellt Justine Strang fest.

»Sieht ganz danach aus«, antwortet Bridget.

»Wir hatten seit einer Ewigkeit keinen Schnee mehr, der nicht gleich wieder weggetaut ist«, erzählt Penny. »Ich hoffe, dass er dieses Mal liegen bleibt. Wenn es um Schnee geht, bin ich wie ein Kind, ehrlich.«

»Ich auch.« Justine klopft sich mit ihren Lederhandschuhen gegen die Oberarme. »Ich kann es gar nicht erwarten, in den Schnee hinauszugehen. Dave behauptet immer, dass ich in diesem Punkt mehr Kind bin als unsere Kinder.«

»Yasmin hat noch gar nie richtigen Schnee gesehen«, erzählt Bridget. »Wir hatten einmal viel Schnee, als sie drei war, aber bis ich mit ihr im Brockwell Park angelangt bin, war er schon ganz matschig. Er ist insgesamt nur etwa drei Stunden liegen geblieben.«

»Ach, das arme kleine Ding«, sagt Justine. »Ich dachte, die Kinder wären hier unten in den Subtropen schon arm dran, aber ich vermute mal, dass es in den Großstädten noch schlechter ist. Dann sollten Sie jedenfalls das Beste draus machen.«

»Sie wird froh sein, den Tag schulfrei zu kriegen«, stellt Penny fest. »Wenn wir einen richtigen Schneesturm haben, ist es unmöglich, dass Sie mit diesem Auto den Hügel hinaufkommen.«

Chris Kirkland, in einem Tweedmantel mit falschem Pelzkragen, reibt sich die Hände, während sie von ihrem Geschäft herübereilt. »Ich habe gehört, dass Schnee im Anzug ist. Meine Schwester sagt, dass unten in Truro schon fünf Zentimeter liegen.«

»Erstaunlich«, stellt Penny fest. »Da stimmt die Wettervorhersage also ausnahmsweise einmal. Es hieß, dass es ein harter Winter wird, und das scheint sich zu bewahrheiten.«

»Na ja, ich vermute, selbst wenn man einfach nur wild drauflosrät, landet man nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit alle Jubeljahre mal einen Treffer«, sagt Justine. »Haben Sie sich genügend Lebensmittelvorräte angelegt, Bridget? Konserven und dergleichen?«

»Du liebe Zeit«, antwortet Bridget. »Wir sind doch nicht am Nordpol.«

»Na ja, aber Sie könnten sich wundern, wie abgeschnitten Sie da unten sein können. Es kann wirklich unmöglich sein, eine halbe Meile durch den Schnee zurückzulegen, und Ihr Gefrierschrank wird Ihnen auch nicht gerade viel nützen, wenn der Strom ausfällt. Die sind da unten ein paar Mal eingeschneit gewesen, und ein paar Wochen lang hat keiner sie zu Gesicht bekommen.«

»Ja, meine Liebe«, sagt Chris. »Und wann war das? Im Krieg und im Winter 63, nicht wahr?«

»Ja, gut. Aber es ist passiert, oder etwa nicht?«

Sie stampft mit den Füßen auf. »Ich wünschte, ich hätte daran gedacht, mir Socken anzuziehen. Man vergisst so was, nicht wahr? Das habe ich nie begriffen. Die Sache mit der Erderwärmung. Erst behaupten sie, dass wir bald in einer Wüste leben, und eine Minute später heißt es, dass die nächste Eiszeit bevorsteht.«

»Die müssen alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen«, stellt Penny fest, »um die Regierung auf Zack zu halten. Die können ja nicht zulassen, dass etwas so Ungelegenes wie ein Wetterereignis ihnen die schöne Theorie vermasselt. Und außerdem. Die können ja keine Unmenge unnützer Umweltschützer herumlaufen lassen. Man weiß ja nie, was denen als Nächstes einfällt. Aber im Ernst, Bridget. Auf Ihrem Hügel kommt es zu starken Schneeverwehungen. Es brauchen nur ein paar Zentimeter zu fallen, und Sie haben auf Ihrem Zufahrtsweg einen Meter liegen. Und da Ihre Stromleitungen noch immer über Land führen, könnte es leicht passieren, dass Sie keinen Strom mehr haben. Es ist am besten, darauf vorbereitet zu sein. Es kann gut sein, dass Sie da ein paar Tage abgeschnitten sind, bevor die mit dem Schneepflug bei Ihnen vorbeikommen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Schneepflüge es in Cornwall gibt. Ich habe einen kleinen Campingofen, wenn Sie den haben wollen. Der funktioniert mit Gas. Er wird Sie nicht warm halten, aber Sie wären zumindest in der Lage, sich eine Tasse Tee zu machen.«

Bridget lacht. »Nett von Ihnen. Danke. Das ist unglaublich nett, aber mal ehrlich: Wir haben offene Kamine. Ich kann Yasmin auf einem davon rösten, wenn die Lage zu verzweifelt wird.«

»Nur, wenn Sie genügend Johannisbeergelee haben, das Sie dazu essen können«, sagt Chris. »Wir haben noch welches im Laden.«

»Ich werde mir für alle Fälle welches besorgen.«

»Das würde ich an Ihrer Stelle auch tun. Die Zeit kann einem lang werden, wenn man da eingeschlossen ist, allein, mit keiner anderen Gesellschaft als dem Gei… dem Wind.«

»Ich sage Ihnen was«, scherzt Bridget, »wenn wir bis zum Wochenende nicht auftauchen, dann schicken Sie bitte eine Suchmannschaft los.«

Sie denkt: Warum habe ich, wenn ich so etwas sage, nur das Gefühl, als würde ich das Schicksal herausfordern? Diese Bensons waren eindeutig verrückt. Ganz eindeutig. Die haben die Sache einfach nicht objektiv betrachtet. Bridget, du darfst nicht hinnehmen, dass solche Leute dir etwas einreden. Rospetroc ist jetzt dein Zuhause, und du darfst nicht zulassen, dass solche Irren dich verscheuchen.

»Das mache ich«, antwortet Chris. »Drüben in Lanivet gibt es einen Mann, der ausgerechnet Huskies züchtet. Ich bin mir sicher, dass es ihm nichts ausmachen wird, uns welche zu leihen.«

»Wie viel Uhr ist es?«, fragt Penny. »Meine Füße fallen mir gleich ab.«

»Kurz nach vier«, antwortet eine Stimme.

Alle drehen sich um und lächeln. »Hallo, Mark«, sagt Chris. »Ich habe gar nicht gewusst, dass du Abholdienst hast. Wo ist denn Tina?«

»Beim Zahnarzt«, antwortet Mark, schaut zu Bridget hinüber, hält ihrem Blick stand. Sie spürt, dass sie rot anläuft und wünscht sich, er möge zur Seite sehen. Wünscht sich, er möge es nicht tun. »Wie geht es Yasmin, Bridget?«, fragt er. »Hat sie ihren Anfall überstanden?«

»Ja«, sagt sie. Er hat die Augen noch immer nicht von ihr gewendet. Sie senkt den Blick, kann die Intensität seiner forschenden Augen nicht länger ertragen. »Danke. Heute Morgen haben wir auf dem Weg hierher miteinander geredet. Ich denke, sie hat mir verziehen.«

»Gut«, antwortet Mark. »Das freut mich.«

Sie blickt wieder zu ihm auf. Er schaut gerade zum Schulhof hinüber, die Hände tief in den Taschen vergraben, und seine Miene wirkt enttäuscht. Nein, denkt sie, nein, Mark, es ist nicht etwa, dass … es ist nur, hier vor all den Leuten … ich kann nicht …

»Du warst mir eine echte Hilfe«, sagt sie freundlich. »Danke. Ich weiß nicht, was ich getan hätte.«

»Hat Yasmin Theater gemacht?«, fragt Chris. Sie schaut neugierig von einem zum anderen.

Bridget reißt sich am Riemen. »Ja«, antwortet sie. »Ich musste Mark anrufen, weil ich ein bisschen Zuspruch gebraucht habe.«

»Das kann er gut«, stellt Chris zutreffend fest.

»Ja«, pflichtet ihr Bridget bei. »Ja, das kann er.« Und blickt ihr direkt in die Augen.

Chris wendet sich ab, und ein schwaches Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Jetzt weiß es gleich das ganze Dorf, denkt Bridget. Oh, mein Gott.

»Das war nicht der Rede wert«, sagt Mark. »Jederzeit wieder.«

»Es muss manchmal schwer sein«, stellt Penny mitfühlend fest. »Jeder braucht doch hin und wieder mal jemanden, an den er sich wenden kann.«

Sie spürt, dass sie wieder errötet. Richtet den Blick auf das Schultor. »Vielleicht sollten wir eine Gruppe alleinerziehender Eltern gründen«, scherzt sie.

Alle lachen.

Kieran, der das aus sicherer Entfernung aus dem Auto heraus beobachtet, rutscht auf dem Sitz hin und her. Er verschränkt die Finger und lässt die Knöchel knacken.

Das Haus der verlorenen Kinder
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