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»Weiß deine Mutter, dass du hier bist?«
Sie hat ihn nicht kommen hören. Er ist auf Zehenspitzen zum Dachboden hinaufgeschlichen, und die Geräusche seiner vorsichtigen Bewegungen sind nicht bis zu ihr durchgedrungen, weil sie geschlafen hat. Sie ist so benommen vor Kälte, Langeweile und Hilflosigkeit, dass sie nach den Nächten im Schlafsaal, in denen sie kein Auge zutut, fast den ganzen Tag über schläft.
Lily hat alle drei Truhen ausgepackt, ihren Inhalt auf dem Dachboden verteilt, damit der Raum gegen die Zugluft abgedichtet ist und die Wärme des elektrischen Heizstrahlers auf den kleinen Bereich rund um die Chaiselongue konzentriert bleibt. Wie sie so in ihrem cremefarbenen Ballkleid aus Chiffon in der Wärme ausgestreckt daliegt, umgeben von ihren Lieblingssachen, sieht sie aus wie die Fee in einer herrenlosen Schmuckschatulle. Sie starrt ihn an, braucht einen Augenblick, bis sie registriert, dass er tatsächlich dasteht. Und dann zieht sie ihr Kleid herunter, versucht, sich zu bedecken.
»Was machst du da?«, fragt er.
»Nichts«, antwortet sie. »Ich habe geschlafen.«
»Du Diebin«, sagt er. »Mummy hat gesagt, dass sie dich einsperren musste, aber ich wette, sie hat nicht gewusst, dass du hier hereinkommst und auch noch Sachen klaust.«
»Ich klaue nicht«, entgegnet Lily.
»Und was hast du da an?«
Er gibt sich prahlerisch. Sie kennt das schon. Das macht er immer, wenn er sich mächtig fühlt.
»Nichts.«
»Das sieht für mich nicht nach nichts aus.«
Er tritt in den warmen Bereich vor. »Wollen wir doch mal sehen.«
»Nein«, antwortet sie. Und zieht das Kleid enger um sich.
»Du Diebin«, sagt er. »Wolltest dich verkleiden, oder was? Dachtest, du ziehst Großmamas Kleid an und verwandelst dich in eine Prinzessin?«
Oh, mein Gott. Bitte halte ihn mir vom Hals. Ich kann das nicht ertragen.
»Ich kann meine eigenen Kleider nicht mehr anziehen. Ich hab sie wochenlang angehabt. Die sind schmutzig.«
»Ich hätte ja gedacht, dass du daran gewöhnt bist«, stellt Hugh fest.
»Deine Mutter«, versucht sie an seine Vernunft zu appellieren, »deine Mutter hat – irgendetwas stimmt mit ihr nicht, Hugh. Du musst das doch auch bemerkt haben. Sie hat mich hier eingesperrt. Das ist nicht richtig.«
Jetzt steht er neben ihr. Er ist beinahe fünfzehn, stämmig gebaut, und sie wird es niemals mit ihm aufnehmen können.
»Ich muss dich irgendwie vom Stehlen abhalten«, erklärt er.
»Bitte, Hugh.«
»Na ja, wir …«, er tritt noch einen Schritt näher und beugt sich über sie, »… wir ziehen dir das zuerst einmal aus.«
Oh, mein Gott.
Und sie rollt sich zu einer Kugel zusammen, spannt die Muskeln an und schützt ihren Kopf mit den Händen. Das kann nicht sein. Das darf nicht passieren. Ich bin neun Jahre alt. Das kannst du mir nicht antun. Bitte, bitte, lass das, bitte …
Er berührt mich mit seinen großen Händen. Er hat sie zwischen meine Arme und meine Knie geschoben, und ich kann ihn nicht davon abhalten, weil er zu stark ist. Er streckt mich aus wie eine Kellerassel, zieht mich auf. Ich trete um mich. Trete ihn. Trete ihm ins Gesicht, damit er von mir ablässt …
»Autsch«, sagt Hugh. »Du kleines …«
Und jetzt ist er direkt auf ihr und nagelt sie fest. Kniet neben ihren Hüften und verdreht ihr die Arme. Lass das. Mein Gott. Hilf mir. Was habe ich getan? Was habe ich bloß getan? Er ist – o mein Gott, er ist abstoßend. Er ist widerlich. Ich muss – ich kann nicht – bitte, hilf mir. Jetzt hat er seine Knie zwischen meine Schenkel gezwängt, und er zieht das Kleid hoch. Das kann er doch nicht tun. Das kann er nicht machen. Er …
Sie schafft es, eine Hand freizubekommen. Schlägt ihm ins Gesicht. Er schlägt zurück. Packt sie an der Taille, hievt sie hoch und lässt sie auf den Boden fallen. Lily versucht, davonzukriechen, versucht, ihm zu entkommen, spürt, wie seine Hand das Kleid hinten packt und sie wieder zu sich zieht. Menschen wie uns können die alles antun, diese Leute. Ich lass mir das nicht – Gott, gib, dass er von mir ablässt!
»Komm schon, komm schon«, sagt er eindringlich mit belegter Stimme. »Du dreckige kleine …«
Ihre Hand, mit der sie in dem Versuch, irgendwo Halt zu finden, unter der Couch herumtastet, trifft auf etwas Hartes. Ergreift es. Sie weiß nicht, was das ist, nur dass es in ihre Hand passt und schwer ist und dass sie es mitnehmen kann, als er sie nach hinten zieht. Und jetzt liegt sie wieder auf dem Rücken, und sein Gesicht – sein Gesicht ist rot, und seine Pupillen sind wie Nadelstiche, und er ist in Gedanken ganz woanders, ganz mit sich selbst beschäftigt, und er überlegt gar nicht, sieht in ihr kein menschliches Wesen, ist nur wild entschlossen …
Lily schlägt zu. Spürt das Krachen, als ihre Waffe ihn am Kopf trifft. Sieht, als sie sie zurückzieht, dass es sich um einen angeschlagenen und zerkratzten Briefbeschwerer aus Glas handelt. Hört ein seltsames Geräusch aus seinem Mund kommen, eine Art Klagelaut wie der eines Tieres, ein zusammenhangloses Geräusch, ein Murmeln. Seine Hände lösen den Griff und fassen an seinen Kopf. Und er sackt zusammen. Nach vorn, auf sie und nagelt sie am Boden fest.