36

Das Tal ist pechschwarz. Sie kann das Haus nur dank der Scheinwerfer ausmachen.

Langsam fährt sie hinunter, parkt, holt die Taschenlampe aus dem Kofferraum und leuchtet sich damit den Weg zur Eingangstür, froh, dass sie daran gedacht hat, Ausrüstung für den Notfall ins Auto zu tun.

Menschenskind, was ist es hier unten dunkel. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Fantasie. Ich wünschte, ich würde mir nicht einbilden, dass hinter den Büschen in der Dunkelheit irgendjemand auf der Lauer liegt.

Sie hastet den Weg entlang, schließt die Tür auf, so schnell sie kann – Carol wollte, dass sie abschließt, wenn sie allein im Haus ist –, und tastet nach dem Lichtschalter neben der Tür. Nichts tut sich. Scheiße. Diese verdammten Leitungen. Gleich morgen werde ich Gordhavo anrufen und darauf bestehen, dass das repariert wird. Ich kann die meiste Zeit nicht einmal Staubsaugen, weil dadurch die Sicherung herausspringt. Wie gut, dass es hier keine Alarmanlage gibt, sonst hätte ich die Polizei zwei Mal pro Woche da, die mir mit dem Finger drohen würde, weil sie wieder zu einem Fehlalarm ausrücken musste.

Inzwischen ist sie fast immun gegen die Schrecken eines stockdunklen Hauses. Lässt – nur für alle Fälle – den Schein der Taschenlampe durch den Raum schweifen, während sie das Speisezimmer durchquert, und stellt fest, dass die Figurinen auf der Anrichte wieder umgedreht wurden und sie jetzt aus dem Spiegel anstarren. Ich muss mit Yasmin reden und ihr das unbedingt verbieten. Sie muss sich einen Stuhl herangezogen haben, um da hinaufreichen zu können, denn sonst ist es ihr zu hoch. Eines Tages werde ich noch herunterkommen und alle diese Figuren in Scherben auf den Stein-platten und dazwischen meine Tochter mit aufgeschlagenem Kopf vorfinden.

Sie geht zur Treppe. »Hallo?«

»Oh, mein Gott«, brüllt Carol herunter. »Da bist du ja endlich! Ich sitze seit zwei Stunden ganz allein hier fest und stehe Todesängste aus!«

Im Schein der Taschenlampe sieht sie älter aus, als sie ist. Ihre Gesichtsfalten, die bei Tageslicht nicht vorhanden zu sein scheinen, bilden ein Relief wie die Risse in einem Lavafeld. Ihre Augen sind die eines gejagten Kaninchens. Sie hat sich in die Sofadecke gewickelt.

»Tut mir leid! Tut mir leid! Warum hast du mich nicht angerufen? Ich wäre umgehend gekommen.«

»Mein verdammtes Handy hat hier keinen Empfang. Dieser beschissene Anbieter. Ich hätte genauso gut in einem Verlies sitzen können. Ich habe eine solche Angst ausgestanden! Was ist passiert? Was ist mit dem Licht passiert?«

»Es ist in Ordnung. Beruhige dich, Carol.«

Sie hört sie oben an der Treppe, während sie die Reihe von Sicherungen in dem Kasten überprüft. Acht der dreiundzwanzig sind herausgesprungen, darunter auch die Hauptsicherung. So viele hat sie noch nie zuvor auf einmal herausspringen sehen: Normalerweise sind es eine oder zwei. »Was hast du gerade gemacht, als der Strom ausfiel?«, ruft sie hinauf.

»Ich habe mir die Haare geföhnt. Ich habe den Föhn eingeschaltet und peng! Alles ist ausgegangen.«

»Ja, klar.«

Es wird also schlimmer. Normalerweise muss man den Föhn und den Elektroofen gleichzeitig eingeschaltet haben, um die Leitungen zu überlasten.

Sie drückt die Sicherungen hoch. Das Haus ist wunderbar lichtdurchflutet. »Wo ist Yasmin?«

»Ach, die hat das Ganze verschlafen. Die schläft ja wie ein Murmeltier. So was habe ich noch nie gesehen.«

»Na ja, wenn sie schon eingeschlafen war …«

Sie macht sich daran, die Treppe hinaufzugehen. Carols Haare sehen schlimm aus: glatt auf der einen Seite, wilde, krause Locken auf der anderen.

»Ich brauche einen Drink«, erklärt Carol.

»Ich auch.«

In der inzwischen wieder hell erleuchteten Küche, in der es stark nach Zigarettenrauch riecht, brennt überflüssigerweise eine Kerze auf dem Tisch neben der Flasche Wodka und einem Glas voller Eiswürfel. Sie ärgert sich ein wenig, dass Carol trotz der Tatsache, dass kein Strom da war, der die Kälte aufrechterhielt, den Gefrierschrank aufgemacht hat. Die Flüssigkeit in der Flasche ist in der Zeit, in der sie weg war, um gute fünf Zentimeter geschrumpft. Sie holt sich ein Glas und schenkt für beide ein. Dreht sich zu Carol um und sieht, dass sie unter ihrer Schminke so fahl ist, dass ihre Haut fast grün erscheint.

»Du meine Güte. Ich habe gar nicht gewusst, dass du so schwache Nerven hast.«

»Himmelherrgott!«, antwortet Carol. »Was für Nerven soll ich denn deiner Meinung nach haben? Das waren die schlimmsten zwei Stunden meines Lebens.«

»Das war doch nur ein Stromausfall, Carol.«

»Nein«, Carol schüttelt eine Zigarette aus der Packung und zündet sie an, »das war in Wahrheit mehr als das. Da war etwas …« Sie setzt sich abrupt hin, lässt sich auf den Stuhl plumpsen.

Bridget nimmt ihr gegenüber Platz. »Was?«

»Es war – mein Gott, es war unheimlich.«

»Was?«

»Na ja, ich war also gerade dabei, mir die Haare zu föhnen, als patsch, die Lichter ausgingen. Ich stehe da im Bad, mit nichts an außer einem Handtuch, und kann nichts sehen.

Deshalb taste ich mich zur Küche durch und finde mein Feuerzeug – zumindest wusste ich, wo das war –, und habe die Kerze im Wohnzimmer geholt. Schon ziemlich abgebrannt, wie ich bemerkt habe.«

»Hmmm. Ich habe dir ja erzählt, dass es ein Problem mit der Elektrizität gibt.«

»Ja, nun, wie auch immer, ich ziehe mir etwas an, und plötzlich ist es, als sei auf einmal der Teufel los.«

»Was meinst du damit?«

»Da hat jemand an die Haustür gehämmert, Bridget. Ich bin fast aus der Haut gefahren. Ich wusste ja nicht, ob du sie abgeschlossen hast oder nicht, aber es hat geklungen, als wollten sie unbedingt hereinkommen.«

Bridget spürt ein Prickeln hinter den Ohren. »Wer war das?«

»Ich weiß es nicht. Du weißt, an wen ich als Erstes gedacht habe. Natürlich weißt du das.«

Ja, selbstverständlich. Sie dachte, es sei Kieran. Wieder einmal. Dass er uns irgendwie ausfindig gemacht hat, obwohl wir uns so angestrengt haben. Und dass er das tun wollte, was er in den letzten fünf Jahren immer wieder gemacht hat. Sie sagt nichts. Ihr ist übel.

»Ehrlich, ich wusste nicht, was ich tun soll.«

»Nein … nein, das kann ich mir denken.«

»Deshalb dachte ich: Okay. Ich kann ja hingehen und nachsehen. Deshalb bin ich rübergegangen. Ins Haus. Und da ist dieses Hämmern, als ob zwei Fäuste ständig gegen etwas donnern, und es dröhnt durchs ganze Haus, und ich fühle mich wie – Gott, was soll ich bloß tun? Dieses Haus steht derart in der Pampa. Wo soll man da hin? Ich meine …«

Lass es. Lass es einfach. Ich möchte nicht daran denken.

»Ich bin in dieses Schlafzimmer mit dem Himmelbett gegangen. Ich habe mich zu Tode erschreckt, als ich sah, dass alle Vorhänge nach innen gezogen waren, und ich hatte die Kerze nicht mitgenommen, weil ich nicht wollte, dass derjenige weiß, dass jemand im Haus ist. Und ich habe mich hineingeschlichen und eine Ecke des Vorhangs zurückgezogen, und … da gibt es keine andere Tür, oder? Eine, die ich übersehen habe?«

Bridget schüttelt den Kopf. »Nein, nicht auf dieser Seite des Hauses, nein. Das ist die Einzige.«

»Tja, Bridget, irgendwas an diesem Haus ist sehr merkwürdig. Denn ich schwöre dir, ich habe sie klopfen und klopfen, mit den Fäusten auf irgendetwas einschlagen hören, aber als ich hinausgeschaut habe, war niemand da.«

Aber was ist mit uns? Was ist mit uns?

Ihre Hand zittert, als sie den Brief auf den Schreibtisch zurücklegt und aus dem Fenster in den Garten blickt, über den sich die Dämmerung senkt. Die Rabatten am Weg sind aus der Form, vertrocknet, struppig. Ich bin dreiundvierzig, und ich habe nie versucht, etwas anderes zu sein als eine gute Ehefrau, und jetzt … und jetzt …

… werde nicht nach Cornwall zurückkehren, wenn ich aus dem Dienst entlassen werde … Felicity, in Wahrheit war ich schon lange nicht mehr glücklich, und dieser Krieg, dieser Tod und die Zerstörung rings um mich herum haben mir die Augen geöffnet und mich erkennen lassen, dass das Leben zu verletzlich, zu kostbar ist …

Was ist mit uns? Was ist mit unseren Kindern? Was erwartest du von mir? Du brichst mir das Herz, zerstörst unsere Familie, und du willst, dass ich diejenige bin, die es ihnen beibringt? Bist du nicht Manns genug, für deine Taten gerade-zustehen?

Ich werde nicht weinen. Nein, das werde ich nicht. Er wird mich nicht kleinkriegen. Es ist noch nicht vorbei.

Ein Anflug von Traurigkeit durchflutet sie. Mein Mann. So sollte mein Leben eigentlich nicht verlaufen.

Sie kneift die Augen zusammen, und ihr Gesicht versteinert. Als sie die Augen wieder aufschlägt, liegt der Brief noch immer da. Zieht ihren Blick, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie nimmt ihn wieder zur Hand, überfliegt ihn noch einmal, um zu sehen, ob ein Hoffnungsschimmer bleibt. Sie überfliegt ihn, wie Krebspatienten ihre Krankenakten überfliegen, um ein Zeichen dafür zu finden, dass eine Verwechslung vorliegt.

Wir lieben einander nicht. Ich frage mich, ob wir uns je geliebt haben. Unser gemeinsames Leben war reine Schau, es ging doch immer nur darum, den Schein zu wahren … Die Zeit fern von Rospetroc hat mir die Möglichkeit geboten, nachzudenken und mein Leben so zu sehen, wie es wirklich ist, nicht durch die Linse des ehelichen Anstands betrachtet …

Was meint er damit? Was meint er bloß?

Du bist eine gute Ehefrau, Felicity, und du hast etwas Besseres verdient, aber …

Sie hat einen schlechten Geschmack im Mund. Blut, vermischt mit Zitronensaft. Sie schluckt. Ich bin eine gute Ehefrau. Eine gute Ehefrau. Aber ist es nicht genug, gut zu sein? Gut zu sein, ist scheinbar eine Qualität, die in dieser verkehrten Welt nach Bestrafung verlangt.

Nur durch sie habe ich zum ersten Mal in meinem Leben festgestellt, was es heißt, wirklich glücklich zu sein …

Glücklich? Glücklich? Was weißt du schon von Glück? Du glaubst, dass diese verkommene kleine … Hure … Glück bedeutet?

Natürlich werde ich meinen Verpflichtungen dir gegenüber und gegenüber Hughie und Tessa nachkommen, aber …

Hughie und Tessa? Wie kann er es wagen? Wie kann er es nur wagen, meine Kinder mit ihren Kosenamen anzusprechen, mit den Namen, die wir ihnen in der Zeit gaben, als er behauptete, mich zu lieben, als er mit Lilien und Perlen ins Krankenhaus kam, als er mir mit Tränen in den Augen dankte, ihn zum glücklichsten Mann auf Erden gemacht zu haben?

Du kannst sagen, was du willst, um ihnen meine Abwesenheit zu erklären, was auch immer dir deine Würde am besten bewahrt, aber ich werde nicht nach Rospetroc zurückkehren.

Mir meine Würde bewahrt? Wie denn? Ich bin dreiundvierzig und habe zwei Kinder, aber keinen Mann. Wenn du mir meine Würde bewahren willst, dann stirbst du in diesem Krieg, wie so viele Tausende anständiger junger Männer gefallen sind, anständige Männer, die nie jemandem etwas zuleide getan haben. Wenn du mir meine Würde bewahren wolltest, dann hättest du mich als Witwe zurückgelassen. Mich nicht auf diese Weise verlassen: keine Ehefrau, keine Witwe, nicht ehrbar unverheiratet mit irgendeinem dieser jungen Männer, die an der Somme gefallen sind, wie so viele Frauen meiner Generation. Du hast mir mein Leben gestohlen. Mir mein Leben gestohlen. Welche Alternativen bleiben mir denn noch? Die Frau in dem großen Haus, deren Mann davongelaufen ist mit einer …

Es tut mir leid, Felicity. Es war nie meine Absicht, dich unglücklich zu machen. Vielleicht haben wir beide deshalb im Laufe der Jahre so viel getrunken. Erst als ich in die weite Welt aufgebrochen bin und sie mit eigenen Augen gesehen habe, ist mir klar geworden, wie viel mehr das war, als normale Leute trinken. Wäre dieser verdammte Krieg nicht ausgebrochen, hätte er mich nicht in die Welt hinausgeführt, dann hätte ich vielleicht, ohne es zu wissen, dieses deprimierende Elend fortgeführt, in dem wir beide lebten …

Ach, aber du tust es trotzdem, oder? Es war nie deine Absicht, nie deine Absicht. Beruhige nur dein Gewissen, Patrick. Stell dich als Held deiner guten Absichten dar. Das Resultat ist das Gleiche.

Eines Tages wirst du erkennen, dass meine Entscheidung das Beste für uns ist, dass wir getrennt alle glücklicher werden und besser dran sind …

Sie zerknüllt den Brief, wirft ihn gegen das Fenster. Bemerkt, dass ein Auto die Einfahrt heruntergeholpert kommt. Ein kleiner Austin, vage vertraut.

Hughie. Hughie kommt nach Hause. Hughie wird wissen, was zu tun ist. Hughie wird mir helfen.

Sie läuft die Treppe hinunter, durch das Speisezimmer und auf den Weg hinaus. Kehrt wieder ins Haus zurück, um kurz einen prüfenden Blick in den Spiegel der Eingangshalle zu werfen. Er wird einen Gordhavo mitbringen; diesen grässlichen Jungen, von dem Tessa ständig so schwärmt, und dessen Mutter. Ist es besser oder schlechter, dass das Leute unseres Schlages sind? Wie auch immer: Es wird überall geklatscht und verurteilt. Ich darf sie an meinem Äußeren nicht erkennen lassen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich werde sie begrüßen und sie baldmöglichst wieder loswerden, und ich werde es ihm erzählen, und er wird wissen, was zu tun ist. Er ist erst vierzehn, aber er ist der klügste, der mutigste, der beste … er ist alles das, was sein Vater nicht ist. Seit über einem Jahr ist er jetzt der Mann im Haus, und er wird wissen, was zu tun ist. Er wird wütend sein. Aber er wird es verstehen. Ich werde ihn davon abhalten müssen, dass er nach London fährt und Daddy eine Tracht Prügel verpasst.

Sie betrachtet sich im Spiegel und ist über die Tatsache erstaunt, dass kaum zu sehen ist, welches Gefühlschaos in ihr herrscht. Ihre Augen sind aufgerissen, und ihre Haut ist blasser als sonst, aber ihre Frisur – sie hat das Gefühl, als habe sie sich die Haare büschelweise ausgerissen – sitzt ordentlich, ihr Make-up, das bisschen, das sie immer aufträgt, ist tadellos. Keiner wird es bemerken, denkt sie. Ich werde durch die Straßen von Wadebridge gehen, und keiner wird mich anschauen und eine Frau sehen, deren Leben durch einen einzigen, sorglosen Brief völlig aus den Fugen geraten ist.

Sie sehnt sich nach einem Drink.

Sie tritt auf den Weg hinaus. Es ist nicht Hughie. Es ist Dougie Saul, der Gemeindevorsteher. Und Lily Rickett, die sie noch mal ins Grab bringen wird und die jetzt um sich tritt und spuckt, während er sie am Schlafittchen mit sich zerrt. Felicity Blakemore spürt, wie Groll in ihr aufsteigt. Wann wird sie die je loswerden? Wie kommt es, dass dieses Mädchen ausgerechnet immer dann, wenn sie am wenigsten in der Lage ist, mit ihm fertig zu werden, irgendetwas anstellt? Dougie ist ganz rot im Gesicht vor Anstrengung, sie unter Kontrolle zu halten und ihren hässlichen Kartonkoffer in der anderen Hand zu tragen. Pearl O’Leary und Geoffrey Clark sind bereits von ihren Eltern abgeholt worden. Vera Muntz wird in einer Woche nach Kanada abreisen, und Ted Betts – der nette, gutwillige Ted Betts – ist ins Dorf gezogen und wird beim Lebensmittelhändler und seiner Frau wohnen und sich seinen Unterhalt selbst verdienen, indem er den Lieferburschen ersetzt, der in den Krieg gezogen ist, kaum dass er achtzehn wurde. Die Einzige, die noch übrig ist, ist Lily Rickett. Die grässliche, schmutzige Lily Rickett. Die möchte ihr natürlich keiner abnehmen.

Mrs Blakemore platziert ihre Füße in der dritten Position und legt die Handflächen zusammen, wobei die Zeigefinger zu den Steinplatten hinab gerichtet sind.

Ich werde ein Musterbeispiel der Selbstbeherrschung sein, denkt sie. Ich werde mir nichts anmerken lassen. Schließlich möchte ich nicht, dass das ganze Dorf über meine Lage Bescheid weiß.

Ich möchte am liebsten sterben. Ich wünschte, ich wäre tot. Wo bleibt Hughie bloß?

»Hab sie wieder auf der Launceston Road aufgegabelt«, japst Dougie.

»Lass mich los!«, zischt Lily. Ihre Haare sind inzwischen gewachsen, doch obwohl man sie in den Monaten, seit sie ihr wegen der Nissen abgeschnitten wurden, nicht mehr angerührt hat, sehen sie schlimmer aus als damals – sie stehen ihr wirr und wild in Büscheln vom Kopf ab. Sie hätte sich nicht zur Wehr setzen sollen, denkt sie. Immer setzt sie sich zur Wehr. Das ist das teuflischste Kind auf Erden. Wenn sie doch bloß stillgehalten hätte und uns die Sache hätte machen lassen. Es ist ja nicht so, als hätte sie diese Situation nicht selbst heraufbeschworen. Ihr Gesicht ist schon wieder schmutzig, Streifen von Tränen der Wut ziehen sich über ihre Wangen. Ich habe sie jetzt beinahe ein halbes Jahr hier und kann sie immer noch nicht dazu bringen, dass sie sich wäscht. »Lass los!«, brüllt sie.

Dougie Saul tut, was sie sagt, lässt sie so plötzlich los, dass sie überrascht auf den Boden fällt und sich die Knie aufschürft. Blut und Tränen und Schmutz – das ist schon an einem gewöhnlichen Tag genug, aber ausgerechnet heute … Heute kann ich es nicht ertragen. Heute möchte ich mich in mein Zimmer zurückziehen, mich unter der Decke verkriechen und schreien. Manchmal sieht man Fotos von Trauergesellschaften in anderen Teilen der Welt, von Eingeborenenfrauen, die keine Würde kennen und sich mit Steinen den Schädel malträtieren, sodass sich Staub und Blut mit ihren Tränen mischen. Und heute begreife ich, was sie dazu veranlasst. Heute möchte ich mir mit den Fingernägeln das Gesicht zerkratzen und Gott und das Leben und Patrick anschreien. Ich möchte, dass er sieht, was er angerichtet hat. Er kann nicht einfach fortgehen und sich nicht der Wahrheit stellen, was er angerichtet hat.

»Vielen Dank, Dougie«, sagt sie. »Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Scheint, sie will wirklich dahin, wo sie hinzukommen versucht«, stellt Dougie fest.

Geh. Geh einfach. Ich bin heute nicht in der Lage, Smalltalk zu machen.

»Portsmouth«, sagt Lily. »Ich möchte nach Hause, nach Portsmouth, verdammt.«

»Deine Ausdrucksweise, junge Dame«, sagt Dougie.

»Ach, verpiss dich doch«, schnauzt sie.

Dougie verzieht sein derbes Gesicht.

»Vielen Dank, Dougie«, wiederholt Felicity Blakemore. Sollte ich ihm ein Trinkgeld geben? Wartet er auf ein Trinkgeld? Nein. Gemeindevorstehern gibt man bestimmt kein Trinkgeld. Wäre er der Postbote oder irgendein Handwerker, dann vielleicht, aber … außerdem fällt es mir nicht im Traum ein, Trinkgelder dafür zu geben, dass man diese … diese Kreatur … in mein Haus zurückbringt. »Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

Sie wendet sich dem Kind zu. Nimmt all ihre Selbstbeherrschung zusammen. Wirft ihr das mütterliche, gutmütige Lächeln zu, das das Dorf von ihr erwartet. »Komm mit rein, Lily. Ich denke, du wirst etwas zu essen vertragen können.«

Lily hockt auf dem Weg und funkelt sie wütend an wie eine Göre, die aus dem Nichts durch eine Böe versehentlich herangeweht wurde.

Dougie stellt den Koffer ab. »Gern geschehen«, sagt er. »Man kann sie ja nicht aufs Geratewohl durch die Gegend wandern lassen. Man weiß ja nie, wem sie über den Weg laufen könnten.«

»Verpiss dich!«, zischt Lily. »Ich kann selbst auf mich aufpassen.«

»Lily, du bist erst neun Jahre alt«, stellt Felicity fest. Sie zwingt sich, ein helles, nachsichtiges Lachen irgendwo aus ihrem Inneren auszustoßen.

»Ach, verpiss dich!«, wiederholt das Kind.

Sie tritt einen Schritt vor. »Gib mir die Hand«, befiehlt sie ihr. Schnippt mit den Fingern, wie man es bei einem Hund macht.

Sie tauschen einen Blick. Wehe dir, wenn du jetzt ein Theater veranstaltest, droht sie ihr im Stillen. Wehe dir, wenn du mir heute noch irgendwie auf die Nerven gehst …

Lily rührt sich nicht.

Felicity Blakemore verliert die Geduld. Packt das Kind am Handgelenk und macht sich daran, es hochzuziehen. Lily hält kräftig dagegen. Stemmt die Absätze in den Boden.

Leistet Widerstand. Ihr schießt ein Gedanke durch den Kopf, eine Erinnerung an ihre eigene Kindheit: Ein Kälbchen, das im alten Schlachthaus hinter der Scheune das Blut roch, geriet in Panik und versuchte sich loszureißen. Die drei Knechte, die sich gemeinsam daraufwarfen, es überwältigten und dann, während es unentwegt schrie, durch die Tür zogen.

»Lass mich los! Lass mich los!«, kreischt Lily.

»Vielen Dank, Dougie«, ruft sie wieder. »Ich sehe Sie am Sonntag.«

Und dann sind nur noch sie zwei da, die miteinander kämpfen, während sie Lily den Weg entlangzerrt. Lily kickt um sich, verpasst ihr einen schmerzhaften Tritt gegen den Fußknöchel, als sie durch den Hauseingang kommen. »Au! Au!«

Sie knallt die Tür zu. Schleudert das Kind zu Boden und holt zu einem Tritt aus, der Lily am Oberschenkel trifft. Sie bückt sich, um sich den Knöchel zu reiben und schnauzt: »Das reicht jetzt! Endgültig!«

Ihr Knöchel tut weh, als sei er von einer Eisenstange getroffen worden. Tränen steigen ihr in die Augen. Ich werde es nicht tun. Ich werde nicht weinen. Er hat mich nicht zum Weinen bringen können, und dieses Kind wird es schon gar nicht … dieses widerliche Kind …

Lily hat sich auf den kalten Steinfliesen zusammengerollt und japst nach Luft.

»Geh auf dein Zimmer! Mach schon. Steh auf!«

Sie hebt den Kopf und bleckt die Zähne. »Nein! Das mache ich nicht! Ich bleibe nicht hier, verdammt!«

»Geh in dein Zimmer!«

»Verpiss dich!«

»Na, schön«, sagt sie. »Wenn du nicht auf dein Zimmer gehen willst – es gibt auch andere Orte.«

»Das wirst du nicht wagen«, entgegnet Lily.

»Glaub mir, junge Dame, es gibt nichts, was ich im Hinblick auf dich nicht wagen würde. Gehst du jetzt in dein Zimmer, oder muss ich dich wieder in den Schrank sperren?«

Lily richtet sich auf. Faucht sie wie eine Katze an: »Verpiss dich!«

Sie kann sich nicht zurückhalten. Geht zum Angriff über. Packt das Kind am Schlafittchen und schlägt ihm fest gegen den Kopf. Ich kann es nicht ertragen. Ich kann es einfach nicht ertragen. Du verdammte kleine … ich kann nicht …

»Du … machst … jetzt, … was … man … dir … sagt …«

»Au! Au! Hör auf!«

Sie bemerkt, dass sie nach Luft ringt. Lässt sie los und beobachtet, wie Lily die Arme um ihren Kopf schlingt.

»Ich … habe … dich … gewarnt …«

»Du Hexe! Du Hexe!«

»Geh jetzt die Treppe hinauf. Geh schon! Ich habe die Nase voll! Gestrichen voll! Du hattest deine Chance! Jetzt kannst du ein paar Stunden im Dunkeln haben. Das wird dir Manieren beibringen!«

Lily rappelt sich auf die Füße, stürzt in Richtung Tür. Felicity ist schnell. Sie knallt sie zu, als Lily sie aufreißen will. Lily lehnt – kauert sich dagegen. Ihr Gesichtsausdruck ist rebellisch, wütend, verächtlich. »Ich bleibe nicht hier«, sagt sie. »Ich bleibe nicht hier, verdammt.«

»Tja, wo in aller Welt willst du denn hin?«

»Irgendwohin«, antwortet Lily. »Ist mir egal. Irgendwohin.«

»Na ja«, sagt sie und verspürt unerklärlicherweise ein Gefühl des Triumphs, »du kannst aber nirgendwohin. Wir haben einander am Hals, ob es dir gefällt oder nicht.«

Lily bricht in Tränen aus.

»Ich will zu meiner Mum! Ich will zu meiner Mum!«

»Ach, sei doch still«, sagt Felicity Blakemore spöttisch. Zieht sie hoch und schüttelt sie. »Hör auf damit!«

»Ich sag es ihr! Ich werd’s ihr sagen, was du gemacht hast, und sie wird es dir schon heimzahlen!«

»Ach, sei vernünftig, Lily«, sagt Felicity. »Begreifst du denn nicht? Hast du es nicht bemerkt? Nicht ein einziges Mal. Sie hat dich nicht ein einziges Mal hier besucht. Alle anderen Kinder – oh, ja. Bei der ersten Gelegenheit sind ihre Eltern gekommen. Aber bei dir? Kapierst du es immer noch nicht?«

Da rutschen mir Wörter heraus, und ich kann sie nicht aufhalten, denkt sie. Die sind nicht für ihre Ohren bestimmt. Die sind für Patrick gedacht. Ich sollte aufhören, aber ich kann nicht. Ich kann nicht. Meine Gefühle … ich sollte sie nicht herauslassen … aber ich hasse dieses Kind. Ich hasse es. Der Kuckuck im Nest, der mir aufgezwungen wurde. Sie hat nichts als Unglück gebracht, seit sie hierher gekommen ist. Sie ist ein Fluch auf meinem Haus.

Wieder schüttelt sie das Mädchen, sieht, dass Lilys Kopf wie der einer Stoffpuppe nach vorn und hinten kippt, verspürt dabei eine krankhafte Genugtuung.

»Deine Mutter will dich nicht«, sagt sie und genießt es, diese Wörter auszusprechen. »Wenn sie dich haben wollte, dann wäre sie längst gekommen und hätte dich abgeholt.«

Das Haus der verlorenen Kinder
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