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Carol läuft mit ihren Einkäufen von der Bushaltestelle nach Hause. Jetzt, da sie ein festes Einkommen und jede Menge Hotelübernachtungen in Aussicht hat, fühlt sie sich berechtigt, ein wenig Geld zu verprassen: teure Nachtcremes, um ihre Haut vor der trockenen Luft in den Flugzeugkabinen zu schützen, zwei Paar wirklich gute, ordentliche Pumps, mit Fußbett, die groß genug sind, dass es nichts ausmacht, wenn ihre Füße bei Langstreckenflügen anschwellen. Ein fantastisches Make-up und Haarspray, der extra langen Halt verspricht. Bügelfreie Sommersachen für die Florida-Schicht, jetzt in der Endphase des Schlussverkaufs besonders billig. Warme Pelzstiefel für die New-York-Strecke, obwohl sie weiß, dass sie diese bei Barney’s wahrscheinlich billiger bekommen hätte.

Sie hat das seltsame Gefühl, als sei Weihnachten, obwohl das Fest längst vorüber ist. Ihr drängt sich der Eindruck auf, ihr Leben, das nun so lange stillstand, würde nun endlich wieder weitergehen. Sie hat den Auffrischungskurs absolviert, hat gelernt, einen Terroristen zu erkennen, sich erinnert, wie man bei einem Rentner, der in Ohnmacht gefallen ist, Mund-zu-Mund-Beatmung macht, und morgen wird sie ihre Wohnungstür abschließen und das Rumpeln der Räder ihres Reisetrolleys auf dem Pflaster hören. Dieses Geräusch hatte sie schon ganz vergessen: All die damit verbundenen Verheißungen.

Der Verkehr auf der Streatham High Road ist dermaßen dicht, dass sie ihr Handy fast nicht hört, das in der Tiefe ihrer Tasche läutet. Ich muss daran denken, mir jetzt, da ich es mir leisten kann, eine Roaming Karte zu besorgen, überlegt sie, während sie im Sicherheitsfach herumkramt. Vielleicht nächsten Monat. Sobald mein erster Gehaltsscheck eingegangen ist.

Das Handy bimmelt noch immer, als sie es endlich zu fassen kriegt, und der Klingelton dröhnt laut in die abendliche Luft. »Hallo?«

»Hallo, ich bin’s.«

»He, wie lustig. Deine Nummer ist auf meinem Display gar nicht erschienen.«

»Nein. Das ist der Grund, warum ich anrufe. Ich habe endlich ein neues Telefon.«

»Tatsächlich? Klasse! Gut gemacht.«

»Möchtest du die Nummer haben?«

»Ich bin gerade unterwegs«, antwortet sie, »und ich habe die Hände voll. Kannst du mir eine SMS schicken?«

»Klar. Du könntest sie aber natürlich auch der Anrufliste entnehmen.«

»Du weißt, wie ich mich mit Technologie anstelle«, sagt Carol.

»Okay.«

»Und, wie geht es so? Hattest du weitere Stromausfälle?«

»Gut. Bestens. Und nein, ich habe gerade einen Typen vom Dorf da, der das Ganze repariert.«

»Einen Typen aus dem Dorf, he? Single?«, fragt Carol.

»Ach, du. Hast immer nur das Eine im Kopf. Er ist ein Freund, okay?«

»Selbstverständlich.«

»Nein, ach, was soll’s? Wir haben eine wilde Affäre miteinander, und er möchte Babys von mir haben, okay?«

»Das klingt schon besser«, lacht Carol.

»Und, wie läuft es bei dir? Alles in Ordnung?«

Sie biegt in ihre Straße ein, ihre ehemals gemeinsame Straße. Sie achtet nicht auf ihre Umgebung, da sie von dieser unsichtbaren Seifenblase umgeben ist, die jeden einhüllt, der in ein Handy spricht. Sie ist sich vage bewusst, dass jemand hinter ihr um die Ecke gebogen ist, denkt jedoch nicht weiter darüber nach. Schließlich ist gerade Feierabendzeit. Millionen Menschen biegen in diesem Augenblick irgendwo in London in eine Straße ein.

»Alles bestens«, antwortet sie. »Ich war gerade einkaufen, für meine Reiseausstattung. Ich habe fast eine Million ausgegeben.«

»Cool! Und wann fängst du an?«

»Morgen. Ist das nicht aufregend? Ich fliege kurz nach Mittag nach Vancouver.«

»Fantastisch! Ach, Carol, ich freue mich so für dich! Wann kommst du wieder zurück?«

»Ich bin fast den ganzen Monat ständig auf Achse«, antwortet Carol. »Bis auf den komischen halben Tag Wartezeit beim Antritt einer neuen Schicht. Die haben ein unglaublich kompliziertes rotierendes Schichtsystem. Vor allem, wenn man neu ist und auf Probe arbeitet. Ich muss begeistert aussehen.«

»Also wie? Du fliegst einen Monat ständig nach Kanada hin und her?«

»Nein«, antwortet Carol. »Weltweit. Vier Aufenthalte in der Karibik, plus Los Angeles und Florida. Ich bin wieder im Jetset angekommen, das kann ich dir sagen, und ich werde keine Minute vergeuden.«

»Los Angeles? Das wirst du niemals überleben. Wie steht es mit den Zigaretten?«

»Ich bin dabei, das Rauchen aufzugeben«, erklärt Carol in dem entschiedenen Tonfall, den nur jene zustande bringen, die voller Optimismus sind, dass sie es tatsächlich schaffen. »Ich rauche nur, weil ich gelangweilt und traurig bin. Und ich werde jetzt nicht mehr gelangweilt und traurig sein.«

In der Branksome Avenue ist es dunkel und ruhig, geradezu still. In den großen Häusern, die etwas vom Gehsteig zurückgesetzt stehen, sind hinter den Vorhängen nur wenige Lichter zu sehen. Daran ist sie natürlich gewöhnt, aber sie wäre froh, nach all diesen Jahren hier fortziehen zu können. Sich ein nettes kleines Reihenhaus mit einem Schlafzimmer in einem freundlichen, modernen Wohngebiet zu suchen und ein nettes kleines Auto zu kaufen, mit dem sie bis vor die Haustür fahren könnte.

»Ich bin ziemlich zufrieden mit mir«, antwortet sie. »Ich werde diejenige sein, die da am Pool liegt, mit dem Cocktail in der Hand!«

»Ach, Carol. Du wirst uns arme Schlucker aber doch nicht vergessen, sobald du dich wieder ins Highlife gestürzt hast, oder?«

»Natürlich werde ich das, Darling. Das ist das letzte Mal, dass du etwas von mir hörst.«

»Haha.«

»Wie geht es meinem kleinen Engel? Benimmt sie sich?«

»Sie ist klasse. Wir werden am Sonntag eine Party geben. Eine Menge Kinder aus ihrer Schule kommen vorbei, um Kuchen zu essen und Verstecken zu spielen.«

»Oh, mein Gott, sie hat ja Geburtstag!«, ruft Carol aus. »Das habe ich ganz vergessen! Wie blöd von mir! Es tut mir so leid, Darling. Ich verspreche, ich werde ihr etwas aus den Staaten mitbringen und gleich, wenn ich angekommen bin, losschicken.«

»Ist nicht nötig. Sie wird dieses Jahr jede Menge Geschenke kriegen. Dafür habe ich gesorgt.«

»Ja, na schön«, antwortet Carol. »Ich bin ihre Tante, nicht wahr? Sie ist praktisch mein Patenkind. Ich möchte nicht, dass sie mich vergisst. Sieben Jahre alt wird sie, nicht wahr? Wer hätte das gedacht?«

»Na ja, wenn du willst … sie wird sich bestimmt freuen.«

»Natürlich wird sie das. Du darfst den Materialismus eines Kindes nie unterschätzen.«

»Oh, tut mir leid«, sagt Bridget. »Mark ruft mich. Ich muss los.«

»Mark heißt er also?«, zieht Carol sie auf.

»Halt die Klappe«, antwortet Bridget, aber sie klingt erfreut. Fröhlich. Weit glücklicher, als Carol sich erinnern kann, sie im Laufe der Jahre, die sie sich jetzt kennen, je gehört zu haben. »Wir sprechen uns bald wieder. Ruf mich an und lass mich wissen, wie es gelaufen ist, ja? Ich möchte es gern wissen.«

»Mach ich. Warte aber nicht neben dem Telefon. Ich werde mein Handy frühestens nächsten Monat auf Roaming umgestellt haben. Muss noch eine Weile jeden Penny zwei Mal umdrehen. Die Schulden abtragen, bevor ich neue anhäufe. Und ich werde praktisch überhaupt nicht zu zivilen Uhrzeiten zu Hause sein. Aber ich werde versuchen, dich anzurufen. Und du kannst mir immer eine Nachricht hinterlassen, dann rufe ich dich zurück, sobald ich kann. Und du schickst mir eine SMS mit deiner Nummer, nicht wahr?«

»Umgehend. Tschüs.«

»Tschüüüüs!«, ruft Carol. Klappt das Handy mit einem Klick zu. Steckt es wieder in ihre Handtasche. Biegt an der Hecke ein und geht die Stufen zur Haustür hinauf. Ihre Schlüssel sind in ihrer Handtasche wie immer ganz nach unten gerutscht. Sie bleibt stehen, kramt herum, während sie in ihrem tiefen Alt die Melodie von Happy Days summt. Ertastet den Schlüsselbund und zieht ihn heraus, während gerade das Handy fiept, um ihr anzuzeigen, dass sie eine SMS erhalten hat.

Bemerkt ein paar Augenblicke lang nicht, dass jemand hinter ihr steht.

Zuckt zusammen, fährt herum und fuchtelt mit dem Schlüsselbund.

»Hallo, Carol«, sagt er. »Warst du beim Einkaufen?«

Carol starrt ihn an, ist sprachlos.

»Willst du mir nicht eine Tasse Tee anbieten?«, fragt er.

Das Haus der verlorenen Kinder
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