28

Bridget hat das Gefühl, als habe sie ihren Körper verlassen. Sie sieht sich selbst auf dem Hocker schwanken und den Vorhang, wie er ihr vom Arm zu rutschen beginnt. Wie lustig, denkt sie ganz gelassen und beobachtet sich selbst. Meine Ohren sind kalt. Als habe jemand sie mit Eis abgerieben.

Und dann ein Brausen, und sie ist wieder zurück in ihrem Körper. Und aus der Kälte ist Hitze und dann wieder Kälte geworden, und schließlich ist ihr plötzlich siedend heiß. Sie kann durch das Fenster spüren, wie kalt die Winternacht ist. Schluckt. Blinzelt, um klar zu sehen, hofft, dass das, was sie da sieht, ein Trugbild ist.

Das Licht ist noch immer an, im Fenster im ersten Obergeschoss, genau in dem Zimmer gegenüber demjenigen, in dem sie steht, im blauen Zimmer. Es schimmert warm und golden – Tom Gordhavo besteht darauf, der Atmosphäre wegen gelb gefärbte Glühbirnen zu nehmen – zwischen den zugezogenen Vorhängen hindurch.

Ich habe die Türen zugeschlossen. Ich habe abgeschlossen, und trotzdem ist jemand im Haus.

Die Kraft weicht aus ihren Oberschenkeln, und ihre Knie geben nach. Sie muss sich am Fensterriegel festhalten, um nicht auf den Boden zu fallen. Schwankt wie ein Seemann auf stürmischer See, lehnt sich mit der Schulter gegen die Fensterscheibe.

Das Licht ist noch immer an.

Was mache ich nur?

Sie starrt hinaus und spürt das Kribbeln ihrer Haare auf den Schultern. Jetzt ist ihr wieder kalt.

Bewegt sich da etwas? Oder bin ich das? Es sieht so aus, als schwinge das Licht von einer Seite zur anderen, als gehe jemand damit auf und ab. Oder vielleicht bin ich das. Vielleicht ist es das Pochen meines Pulses, das meinen Blick verzerrt.

Das könnte alles Mögliche sein, Bridget. Das könnte eine Zeitschaltuhr sein. Du hast noch nie um diese Uhrzeit aus diesem Fenster geschaut. Vielleicht geht es jeden Abend an, und du hast es nur noch nie bemerkt.

Nein, aber … ich habe heute in diesem Zimmer gründlich sauber gemacht. Ich hätte es gesehen. Hätte ich es wirklich bemerkt?

Da ist einer im Haus. Jemand ist mit uns im Haus.

Was mache ich nur?

Die Polizei rufen.

Komm schon. Was ist, wenn es sich lediglich um eine Zeitschaltuhr handelt? Du wirst dir den Ruf zulegen, blinden Alarm zu schlagen, und wenn du sie dann brauchst … wirklich dringend brauchst … geh und schau selber nach. Geh ganz leise und horche, und wenn du irgendetwas hörst, komm zurück, verbarrikadiere die Tür und ruf Hilfe.

Aber, was ist, wenn er genau das beabsichtigt? Was ist, wenn er auf mich wartet, wenn er das Licht angeschaltet hat, damit es mich da hinüberlockt, von Yasmin weg, wenn er wartet, und wenn ich dann komme …

Jetzt kann er dich wahrscheinlich sehen. In dem hell erleuchteten Fenster.

Sie steigt vom Hocker. Kauert sich unter die Fensterbank. Bemüht sich, den Atem anzuhalten.

Okay. Okay. Überlege.

Vielleicht sollte ich es einfach ignorieren. Davon ausgehen, dass es nichts ist. Mich in der Wohnung einschließen, ins Bett gehen, und morgen …

Voll bekleidet.

Als ob ich schlafen könnte!

Ich muss rübergehen und nachsehen.

Wie ein dummes Mädchen im Film. Das allein durch ein dunkles Haus auf das Geräusch im Keller zugeht.

Was sonst? Soll ich etwa warten, bis er kommt?

Als sie aus dem hellen Schlafzimmer in den Korridor tritt, ist es, als würde sie in Pech getaucht. Der Drang ist stark, kehrtzumachen und loszurennen. Sie würde gern die Hand ausstrecken und den Schalter anknipsen, neben dem sie, wie sie merkt, steht.

Ja. Lass ihn wissen, dass du kommst.

Ich sollte etwas mitnehmen. Eine Waffe. Selbst die dummen Gänse im Film bewaffnen sich, bevor sie in die Dunkelheit gehen. Ein Schürhaken oder so etwas. Das Bügeleisen. Eine Statue oder eine Vase. Etwas Schweres. Alles, was mir einfällt, ist unten. Nichts hier oben.

Yasmin ist hier. Ganz allein in ihrem Zimmer. Ich sollte sie einschließen. Damit sie sicher ist, falls mir etwas zustoßen sollte.

Wenn ich sie einschließe, schließe ich mich aus, und dann habe ich keine Chance. Ich muss mich irgendwo in Sicherheit bringen können.

Wieder blickt sie nach vorn. In die Dunkelheit. Hat Mühe zu schlucken. Ihr Mund ist ganz trocken. Sie kann kein Licht am Ende des Korridors sehen; das Zwischenzimmer mit den zwei Türen in der Mitte des Hauses unterbricht ihn.

Sechs Zimmer. Sechs leere Räume zwischen mir und dem Licht.

In Gedanken geht sie durch jedes dieser Zimmer, sieht sich selbst, wie sie sich in der Dunkelheit vorantastet, versucht sich zu erinnern, was sich in jedem befindet, was sie beim Saubermachen verstellt, abgestaubt und nachgeprüft hat. Auf den Nachttischchen. Den Frisiertischen. Den Fensterbänken. In einem Haus wie diesem müsste es doch Tischlampen aus Alabaster, Kerzenhalter aus Messing und Schürhaken geben. Nur, dass Tom Gordhavo alles, was entwendet werden könnte, mitgenommen und den Rest festgenagelt hat. Rospetroc wirkt vornehm, aber das ist ebenso eine Illusion wie bei einem Landhaushotel. Bei der Dekoration wurde an die langfingrige Kundschaft und eine Gesellschaft gedacht, die gerne überall herumkritzelt. Da ist nichts. In diesen großen leeren Räumen.

Mit Ausnahme …

Er könnte da sein.

Dass er die Lampe im blauen Zimmer angeschaltet hat, bedeutet ja noch lange nicht, dass er dort bleiben wollte. Er könnte überall sein. In der Dunkelheit lauern. Mich von hinten überfallen.

Sie erstarrt. Spürt, dass sich Schweiß auf ihrem Schädel bildet.

Geh zurück. Geh zurück und schließ dich ein. Ruf um Hilfe. Sie werden es verstehen. Du bist jetzt ganz allein. Lieber einmal zu früh als zu spät, werden sie sagen.

Ihr fallen die gleichgültigen Blicke der Polizisten von Streatham ein. Als sie Nacht für Nacht zu einem Haus gerufen wurden, in dem die Bedrohung längst nicht mehr bestand. Das allmähliche Abrutschen auf der Prioritätenliste von fünf Minuten, auf zehn, dann auf zwanzig. Und der Blick. Aufmerksamkeitssüchtige. Zeitverschwenderin.

Ich kann es mir nicht leisten, die Polizei zu rufen. Nur wenn ich weiß, dass da wirklich jemand ist. Ich darf nicht als die Hysterische von Meneglos gelten, die aus der Großstadt hierher gezogen ist und wegen ein bisschen Stille und Land-ruhe gleich in Panik gerät. Wenn ich Aufmerksamkeit errege, dann muss ich erklären …

Sie geht weiter. Schiebt sich mit dem Rücken an der Wand entlang und arbeitet sich vor. Lauscht. Fühlt, dass das Haus nach ihr lauscht.

Ach, Yasmin, ich habe Angst. Es tut mir so leid, mein Baby. So leid.

Leichte Gewebeverletzung. Ein so harmloser Ausdruck für so große Schmerzen. Schlaflose Nächte, weil die Schwellung so stark war, dass ich keine Position finden konnte, bei der es nicht wehtat. Wie ich da neben ihm liege, ihn atmen höre und mir wünsche, er wäre tot. Ich fahre mir mit der Zunge im Mund herum und untersuche das Loch, die frische Zahnlücke. Nicht weinen, auf keinen Fall weinen, weil Salz auf den Wunden nur noch mehr wehtut. Und weil er Tränen als Vorwurf betrachtet und Vorwürfe ihn wütend machen.

Schau mich nicht so an. Verdammt, schau mich nicht so an. Ich hab gesagt, dass es mir leid tut, oder etwa nicht? Was verlangst du denn von mir? Was erwartest du?

Sie kommt an der offen stehenden Tür zum grünen Zimmer an. Im Raum dahinter ist nichts zu sehen. Sie bemerkt, dass sie zittert.

Warum? Warum bin ich so ängstlich? Ich habe überlebt. Ich habe Kieran überlebt. Und ich werde weiter überleben. Er kriegt mich nicht. Es ist nur irgendeine Besonderheit mit der Elektrik, eine Zeitschaltuhr, oder es hat etwas mit den dummen Leitungen zu tun.

Bridget nimmt ihren ganzen Mut zusammen, springt auf die dunkle Höhle zu. Packt den Türgriff und zieht die Tür ins Schloss. So. Wenn er jetzt hinter mir herkommt, dann höre ich ihn.

Die Tür zum rosa Zimmer ist geschlossen. Sie tastet nach der Klinke, vergewissert sich, dass der Riegel eingehakt ist, geht weiter.

Das mittlere Zimmer. Ich muss es durchqueren. Hier gibt es mögliche Verstecke, Stellen, hinter die ich nicht sehen kann.

Wie sie im Schlafzimmer auf dem Boden liegt und ihn anfleht, endlich aufzuhören. Die Art und Weise, wie die Zeit sich verlangsamte und nur noch dahinkroch, während ich sah, wie er mit dem Fuß ausholte, und ich mich zusammenrollte, um mein Gesicht zu schützen.

Sie ist noch so klein. Sie hat schon genug erlebt. Sie braucht mich.

Plötzlich fällt es ihr ein: In der Ecke, da hat sie ihn gesehen. Einen Griff, versteckt zwischen dem Schrank und der Wand. Der sah wie der Griff einer Axt aus. Keine Ahnung, warum sie da ist. Wahrscheinlich steckt sie da schon seit Jahrzehnten.

Jedenfalls besser als nichts.

Sie geht so schnell wie möglich, ohne Geräusche zu machen, durchs Zimmer, schiebt die Hand in die Spalte. Tastet zwischen den Staubknäueln, bis ihre Hand das beruhigend warme Holz umfasst.

Es klappert, als sie es herauszieht, sie fährt herum und blickt in den Raum.

Keiner da.

Ihre Bewaffnung kann sie nicht beruhigen. Wenn man sich bewaffnet, wird die Gefahr konkreter. Die Anspannung löst bei ihr Übelkeit aus. Sie muss mehrere Male schlucken, als sie in den Korridor hinaustritt, die Tür zu ihrer Linken schließt, dann die zu ihrer Rechten und weiter auf das Licht zusteuert.

Kann ich ihn hören? Ist er da?

Sie bleibt vor dem Türsturz stehen. Spitzt die Ohren, ob irgendetwas sich bewegt, hört nichts, bis auf das Pochen ihres eigenen Pulses.

Ich muss gehen. Ich muss da hinein.

Bridget tritt einen Schritt vor.

Das Zimmer ist leer. Die Lampe liegt umgekippt vor dem Nachttischchen auf dem Boden. Sie schaukelt hin und her, als habe eine Brise sie erfasst.

Das Haus der verlorenen Kinder
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-1.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-2.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-3.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-4.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-5.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-6.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-7.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-8.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-9.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-10.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-11.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-12.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-13.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-14.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-15.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-16.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-17.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-18.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-19.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-20.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-21.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-22.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-23.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-24.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-25.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-26.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-27.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-28.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-29.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-30.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-31.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-32.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-33.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-34.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-35.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-36.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-37.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-38.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-39.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-40.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-41.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-42.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-43.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-44.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-45.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-46.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-47.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-48.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-49.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-50.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-51.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-52.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-53.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-54.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-55.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-56.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-57.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-58.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-59.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-60.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-61.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-62.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-63.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-64.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-65.xhtml