24

»Hallo?«, ruft sie.

»Ein gutes neues Jahr! Himmel, was ist das bei dir für ein Krach?«

»Die feiern eine Party. Die Feriengäste.«

»Dürfen die das denn?«

»Weiß der Himmel. Bis ich gemerkt habe, was sie vorhaben, war es ein wenig zu spät, um etwas dagegen zu unternehmen.«

Ungeheuer. Das sind Ungeheuer. Die könnten nicht ungeheuerlicher sein, wenn aus ihren Köpfen Hörner sprössen.

»Wo ist Yasmin?«

»In meinem Bett«, brüllt Bridget. »Aber sie schläft komischerweise noch nicht.«

Und die Musik! Die meisten dieser Leute – zum größten Teil Männer – sind in den Vierzigern. Was machen die bloß bei diesen ohrenbetäubenden Doom-bada-doom-badadoom-bada-doom-Klubrhythmen, wo sie doch inzwischen das Alter erreicht haben, in dem man normalerweise eine Melodie hören möchte?

»Himmel«, sagt Carol, »das ist ja schlimmer als bei diesen Mistkerlen unten.«

»So weit ich weiß, sind das da unten diese Mistkerle. Es ist ja nicht so, als hätten wir sie je zu Gesicht bekommen, oder?«

»Na ja«, antwortet Carol, »sie sind heute Abend jedenfalls nicht zu Hause …«

Draußen unter dem Wohnzimmerfenster übergibt sich jemand, hemmungslos und ausgiebig. Fantastisch! Ich weiß ja, dass ich diejenige sein werde, die das morgen früh mit dem Gartenschlauch von der Mauer wird abspritzen müssen. Ach, ihr Schweine! Ihr ekelhaften Schweine! Es war schon schwierig genug, Yasmins Aufmerksamkeit von euren Swingerpartys abzulenken und von der Tatsache, dass die Hälfte eurer blonden Tussis keinen Slip unter ihrem Minirock trägt. Jetzt muss ich ihr auch noch erklären, warum ihr nicht ins Klo kotzen könnt wie normale Leute.

»Na ja … wenn sie noch wach ist, kann ich ihr ja auch ein gutes neues Jahr wünschen, oder?«

»Natürlich«, sagt Bridget, »bleib dran.«

Sie geht durch den Korridor und schiebt die Schlafzimmertür auf. Yasmin kniet auf dem Bett und schaut aus dem Fenster. Ihre Augen sind trotz ihrer Müdigkeit fasziniert aufgerissen. Ich werde morgen mit ihr einen fantastischen Tag erleben. Einfach fantastisch. Wutanfälle und eimerweise Putzmittel. Gutes neues Jahr, Michael Terry, du pompöser, aufgeblasener Wichser.

Sie streckt ihr das Telefon hin. »Tante Carol.«

Yasmin springt über das Bett und hält sich das Telefon ans Ohr. »Tante Carol!«, sagt sie. »Da draußen auf dem Weg machen zwei das Tier mit den zwei Rücken.«

Das Tier mit den zwei Rücken? Wo hat sie das nur her? Und woher weiß sie, worum es geht? Du meine Güte! Ich bin zum Glück gerade noch rechtzeitig mit ihr aus London weggezogen.

Yasmin setzt sich aufs Bett und zieht die Decke um sich. »Ja«, sagt sie. »Danke.«

Bridget überlegt, ob sie sich eine Tasse Tee machen soll. Es spricht ja nichts dagegen. Es ist ja nicht so, als ob das Koffein sie heute Nacht irgendwie vom Schlafen abhalten würde. Die Küche bebt buchstäblich. Sie haben die Bässe an diesen verdammten Lautsprechern so aufgedreht, dass die Deckenlampe über ihrem Kopf hin und her schwingt. Alte Schlager. Lieder, die sie seit Jahren nicht mehr gehört hat. Lieder, von denen sie gehofft hatte, sie nie wieder zu hören. Eine Frauenstimme kreischt reichlich falsch: RAYd on tahm, ruh-ruhruh RAYd on tahm …

Sie wirft einen Blick auf die Uhr am Herd. Fast Mitternacht. Machen die wenigstens beim Jahreswechsel Pause, um sich das Glockengeläut anzuhören?

Gott, lieber nicht. Bei diesen Leuten führen die Neujahrs-küsse wahrscheinlich zu einer widerlichen Orgie. Gestern musste ich ein Kondom aus dem Papierkorb in der Bibliothek entsorgen. Ekelhaft. Bestien. Kaum haben sie ein bisschen Geld, entwickeln sie sich sie zu Monstern.

Vielleicht könnte ich es doch mal mit diesem Baldriantee versuchen. Der wird vielleicht stark genug sein. Nein. Das wird er nicht. Ich schmore in der Hölle. Die werden die ganze Nacht so durchmachen. Du lieber Himmel. Sie hätten mich wenigstens vorwarnen können. Damit ich meine Tochter irgendwo anders hätte unterbringen können. Aber das machen die natürlich nicht, ist ja klar. Hätten sie mich vorgewarnt, dann hätte ich Tom Gordhavo veranlassen können, das zu unterbinden. Ist ja logisch.

Irgendwo zersplittert Glas.

Tja, ihre Kaution werden die in jedem Fall nicht zurückbekommen.

Sie kehrt ins Schlafzimmer zurück.

»Okay«, sagt Yasmin. »Das mache ich. Gute Nacht, Tante Carol. Schlaf gut. Und ein gutes neues Jahr.«

Bridget nimmt das Telefon.

»Na ja, sie klingt jedenfalls, als würde sie sich amüsieren«, stellt Carol fest.

»Ich wünschte, das Gleiche könnte man auch von ihrer Mutter sagen. Kannst du dir vorstellen, was für ein Tag mich morgen erwartet?«

Carol lacht. »Gutes neues Jahr«, sagt sie.

»Und, was machst du so?«

»Ach, nichts Besonderes«, antwortet Carol. »Ich sitze hier mit einer Flasche Muskateller, schmelze Kerzen und mache Wachsgießen. Versuche, mir ein bisschen Glück zu sichern.«

»Das könnten wir auch gebrauchen.«

»Das kann ich mir denken.«

»Und, was wünschst du dir?«

»Einen Job«, antwortet sie entschieden. »In diesem Jahr werde ich auf Teufel komm raus einen Job finden. Und ein neues Leben anfangen. Jetzt, wo ihr weg seid, unterhalte ich mich tagelang mit keiner Menschenseele. Ich schwöre, ich könnte verschwinden, und keiner würde es bemerken.«

»Ich würde es bemerken, Carol«, sagt Bridget.

»Erst nach einer Weile, wenn wir ehrlich sind.«

Es entsteht eine kurze, verlegene Pause. Bridget ist jetzt, in ihrem neuen Leben, beschäftigt und nicht mehr so abhängig von Carol. Es würde tatsächlich eine Weile dauern, das stimmt. Sie hat sie genau genommen seit Weihnachten nicht mehr angerufen.

»Jedenfalls«, fährt Carol fort, »brennen hier die Kerzen noch. Gibt es etwas, was ich für dich wünschen soll?«

»Ja.«

Sie duckt sich instinktiv, als draußen etwas auf den Gar-tenweg knallt.

»Ja«, antwortet sie. »Belege diese verdammten Leute mit einem Fluch.«

»Gesagt, getan«, erklärt Carol. »Ein gutes neues Jahr, Honey. Ich wünsche dir ein richtig gutes Jahr.«

»Ich dir auch. Danke für deinen Anruf.«

Carol legt auf. Bridget nimmt ihren Tee mit ans Bett. Kuschelt mit ihrer Tochter und streicht ihr über die lockigen Haare.

»Die Leute sind komisch«, stellt Yasmin fest.

»Das sind sie eindeutig, Baby«, sagt sie.

»Warum macht man überhaupt solchen Krach?«

»Weißt du, was ich glaube? Es geht wohl darum, das, was sie sagen, zu übertönen. Denn wenn jemand hören könnte, was sie sagen, würden die merken, dass sie absolut dumm sind.«

Yasmin kichert. Du wirst bald nicht mehr kichern, denkt Bridget. Das erkenne ich an deinen Augen. In einer Stunde – weniger – wirst du die Wände hochgehen. Du wirst dir deine armen kleinen Augen ausweinen, weil sie dich einfach nicht schlafen lassen.

Eine kurze Pause, dann setzt die Musik wieder ein. Verdammter Keith Flint. Wie gern würde ich ihm einen Firestarter geben, verdammt.

Jemand dreht die Lautstärke noch weiter auf.

Die Lichter gehen aus.

Das Haus der verlorenen Kinder
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-1.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-2.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-3.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-4.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-5.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-6.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-7.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-8.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-9.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-10.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-11.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-12.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-13.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-14.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-15.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-16.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-17.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-18.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-19.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-20.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-21.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-22.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-23.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-24.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-25.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-26.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-27.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-28.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-29.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-30.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-31.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-32.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-33.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-34.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-35.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-36.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-37.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-38.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-39.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-40.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-41.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-42.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-43.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-44.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-45.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-46.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-47.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-48.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-49.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-50.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-51.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-52.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-53.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-54.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-55.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-56.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-57.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-58.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-59.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-60.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-61.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-62.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-63.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-64.xhtml
Mackesy_Das_Haus_der_verlorenen_Kinder-65.xhtml